Mach nicht Geschlechter, mach Charaktere! (Nora Bendzko)

[Neuauflage fürs Nornennetz]

(Grafik: Wikimedialimages von pixabay.com)

Ursprünglich ist dieser Artikel am 26.08.2016 auf dem ehemaligen Blog »schreibkasten« von Norne Holly Miles erschienen. Inzwischen ist sie über blog.frau-schreibseele.de aktiv. Bis auf ein paar kosmetische Änderungen, wie Rechtschreibfehler, Löschung von Wiederholungen und ähnlichem ist dieser Artikel genauso auf ihrem Blog veröffentlicht worden.

Gestatten, Nora Bendzko – ich habe die Ehre, heute für das Nornennetz zu philosophieren. Ich zähle zur fraulichen Seite des Universums, wie man an meinem Namen vielleicht erahnt. Da ich eine Autorin bin, die nie Abwechslung genug bekommen kann, habe ich nicht nur Protagonistinnen, sondern erzähle auch aus Männersicht. Ganz so, wie es viele andere Schreiberlinge tun.
Tatsächlich bin ich aber auch der Riege begegnet, für die der Sprung in den Kopf des „anderen“ Geschlechts ein großes Thema ist. Stichwort:

Gender-Marketing.

Wie schreibe ich Mann und Frau in einem Männer- bzw. Frauenbuch und umgekehrt? Solche und ähnliche Fragen sind in der Literaturwelt nicht selten, insbesondere bei romantischen und erotischen Titeln. Erotik aus Frauensicht, aber vom Autor geschrieben? Gay Romance von der Autorin? Und vergessen wir nicht geschlechterexklusiven Kategorien wie den Begriff der „Frauenliteratur“.
Ist das schon für manche ein Streitfeld, so ist ein noch größeres: Wie mache ich Geschlecht?

Diesbezüglich hat sich mir eine Diskussion in einem Schreibforum eingeprägt. Dort wollte ein Autor erstmals ein Buch für Frauen schreiben und fragte, inwiefern sich Frauen- von Männersprache unterscheidet. Was zeigte, wie sehr Lesern und Autoren eine binäre Vorstellung der Geschlechter einprogrammiert ist. Nicht theoriebasierte Annahmen wie „Frauen reden mehr“ und „Männer sind einfacher gestrickt“ wurden schnell während der Diskussion in den Raum geworfen.
Entsprechend einfach scheint die Frage zu beantworten: Wie mache ich Geschlecht? Ganz klar, ich orientiere mich am klassischen Rollenbild … oder?
Meine Antwort dazu ist: Jein. So simpel ist das nicht.

Im Folgenden werde ich erläutern, warum diese Rollenbilder eine fiese Schreibfalle sein können, und inwiefern die Geschlechterfrage von dem ablenken kann, was zur Standardarbeit von Profiautoren gehören sollte: Charaktere schaffen!

Kurze Einführung: Zu Gender, Sex und Gender-Marketing

Ich werde mich in diesem Artikel, wann immer ich „Geschlecht“ schreibe, auf die literaturwissenschaftliche Bedeutung von „Gender“ nach Judith Butler beziehen. Diese teilt „Geschlecht“ wie folgt ein:

Gender = Geschlechtsidentität (mental & sozial)
Sex = angeborene Geschlechterorgane (körperlich)

Trotz einem großen Zuwachs an LGBTQ+-Literatur und dessen steigender Nachfrage herrscht in der deutschen Literaturlandschaft das Bild des „klassischen“ Frauenkörpers mit „klassischer“ Frauenidentität vor (auf Männer übertragbar). „Klassisch“ beziehe ich auf die mentalen und körperlichen Geschlechtszuschreibungen, wie sie im 18. Jahrhundert mit dem Vater-Mutter-Kind-Modell eingeführt wurden.
Zuschreibungen, die für das sogenannte Gender-Marketing von großer Relevanz sind. Denn dieses geht von eklatanten Bedürfnisunterschieden zwischen den Geschlechtern aus, wie sie von den Erwartungen der Gesellschaft geschaffen werden. Produkte dieses Marketings sehen wir täglich ums uns: Die Trennung von Jungen- und Mädchenspielzeug in Blau und Rosa, Bikini-Models in der Axe-Werbung, oder das neue Grillbuch für „echte Männer“. So viele dieser Produkte erfolgreich verkauft werden, so viele erhalten auch Kritik.

Zwei Beispiele aus dem künstlerischen Betrieb, die beide Extreme darstellen: Gender-Marketing, das funktioniert hat, und Gender-Marketing, das in die Hose ging.

Beispiel 1: Revolutionary Girl Utena

Revolutionary Girl Utena
(Quelle: Offizielles Preview-Bild von Hanabe-Entertainment)

Unschwer zu erraten, an wen sich dieses DVD-Cover richtet, oder? Die Akzente sind mit den pinken Farben, den schönen Mädchen, dem Ballkleid und dem Schloss eindeutig gesetzt. Wer sich mit Animés auskennt, wird die langgliedrigen Figuren dem „Shoujo“-Genre zuordnen können, den Animés für Mädchen und junge Frauen.
Gerne hätte ich ein Buch vorgestellt, aber „Revolutionary Girl Utena“ (jap. „Shoujo Kakumei Utena“) ist so ein exzeptionelles Beispiel, dass ich es einfach nicht vorenthalten kann. Tatsächlich handelt es sich um einen Animé für heranwachsende Frauen.
Mit den pinken Haaren der Protagonistin, den Rosen, gut aussehenden Prinzen und unzähligen Märchenmetaphern ist „Revolutionary Girl Utena“ fast beleidigend klischeebeladen. Und doch ist die Serie nicht als Trash-Titel berühmt geworden. Tatsächlich ist diese Märchenwelt, wie sie pinker und heiler nicht sein könnte, eine Fassade, unter der Themen wie Missbrauch, Inzest, Vergewaltigung, Homosexualität, patriarchalische Gewalt und Todessehnsucht brodeln. So subtil und surreal verarbeitet, dass jüngere Zuschauerinnen nicht davon geschockt werden, sondern sich nur an den mädchenhaften Elementen erfreuen. Und rückblickend, als Erwachsene, eine tiefe Botschaft für sich entdecken können. Die Serie zeigt insbesondere Empathie für japanische Frauen, die durch ihre Geschlechterrolle unterdrückt werden, und wie man aus dieser Rolle ausbrechen kann, ohne die eigene Weiblichkeit einzubüßen.
Regisseur Kunihiko Ikuhara – ja, ein Mann – hat sein Zielpublikum eindeutig verstanden. Entsprechend erfolgreich war „Revolutionary Girl Utena“.

Beispiel 2: Die inneren Werte von Tanjas BH

Die inneren Werte von Tanjas BH
(Quelle: Offizielle Facebook-Seite vom Oetinger Verlag)

Das Bild zeigt ein Werbeplakat des Jugendromans „Die inneren Werte von Tanjas BH“, das auch als Poster dem Buch beilag. Die Autorin Jutta Wilke veröffentlichte es unter dem Pseudonym „Alex Haas“ im renommierten Oetinger Verlag. Wie bei „Revolutionary Girl Utena“ wurden hier Teenager und junge Erwachsene als Zielgruppe angepeilt, diesmal Jungen.
Kaum wurde das Werbeplakat online und in Schulen ausgestellt, wurde Oetinger mit einem gewaltigen Shitstorm konfrontiert. Der Grund? Das Plakat wurde von Mädchen und Eltern als sexistisch empfunden. Die Kontraste auf dem Plakat sind eindeutig: Wo der Junge ein „Superhirn“ besitzt, hat das Mädchen einen „Hohlraum“, und so weiter.
Laut Oetinger hat man versucht, auf ironische Art eine „authentische“ Weltsicht des pubertären Hauptcharakters wiederzugeben, für den Mädchen noch eine fremde Welt sind. Nur wurde eine Sache nicht beachtet: Das Plakat ist nicht nur geschlechter-exkludierend, sondern auch geschlechter-bewertend. Eine solche Werbung ohne Kontext in einem geschlechterübergreifenden Raum aufzuhängen – der Schule – kann nur auf Empörung stoßen. Der Verlag verteidigte die Werbeaktion mit Argumenten wie „so denken junge Männer eben“. Darüber kann man streiten. Worüber man nicht streiten kann, ist die Tatsache, dass die Werbeaktion nach hinten losging.

Was bedeutet das für mich als Autor*in?

Wie man an diesen Beispielen sieht, kann Gender-Marketing sehr unterschiedlich ankommen. Nehmen wir an, du als Autor*in begibst dich auf dieses Gebiet. Ich denke, du wünschst dir, dass dein Buch gut ankommt und nicht wegen einer politischen Unkorrektheit verrissen wird, die du nicht angestrebt hast? In diesem Fall hätte ich ein paar Tipps für dich!

Bewerte das Geschlecht nicht über

Wenn wir Schreibende etwas Neues ausprobieren, tendieren wir in der Regel dazu, zu übertreiben. Ich erinnere mich an meine Babyschritte in Sachen Erotik – grauenvoll ist noch untertrieben! Entsprechend ist es nicht verwunderlich, dass wir blockiert sind, wenn wir zum ersten Mal in einer ungewohnten Geschlechterperspektive schreiben.
Das absolute No-Go: die reine Klischee-Reproduktion. Insbesondere, wenn es nicht nur einzige Figur, sondern die ganze Geschlechtergruppe im gesamten Buch betrifft. Wir würden ja auch nicht haarklein jedes Klischee in eine Liebesgeschichte, einen Krimi oder Science-Fiction packen. Sicher, es sind genug nostalgische Akzente für den Vielleser gesetzt, aber dann braucht der doch ein bisschen mehr, damit die Geschichte nicht platt auf ihn wirkt.
Und da mischen Charaktere besonders mit, fern vom reinen Klischee – Geschlecht eingeschlossen.
Einige werden sich hier denken: „Aber es ist doch witzig, wenn mit Klischees gespielt wird.“ Ja, und ob! Um mit Klischees spielen zu können, muss man aber enormes Wissen über sie verfügen, sowie die Fähigkeit, sie humorvoll gegeneinander auszuspielen. Humor kann auch nur durch Kontraste stattfinden. Wo Klischee normalisiert wird, um eine ganze Gruppe zu definieren, wird ein lustiger Aha-Effekt beim Publikum ausbleiben. Ist dieses gelangweilt oder empört, nützt es nichts zu wettern, dass der eigene Witz nicht verstanden wurde – dann war man vielleicht einfach nicht witzig.

Ein Geschlecht ist nicht alle Geschlechter

Möchte man jenseits des Klischees schlau werden, kommt man um eines nicht herum: Recherche. Was bedeutet, nicht nur eine/n einzige/n Repräsentant/in einer Geschlechtergruppe zu fragen und zu glauben, so ticken alle Geschlechtsgenoss*innen.
Ich erinnere mich an eine Diskussion in einem Schreibforum, wo eine erotische Szene besprochen wurde. Dort verwöhnte die Frau die Brustwarzen des Mannes, worauf einige Autorinnen meinten: „Das solltest du streichen, mein Mann sagt immer, Männer mögen das überhaupt nicht!“ Und gleichzeitig tat sich ein anderes Lager auf: „Was, Blödsinn, mein Mann liebt das!“
An solchen und anderen Erfahrungen sieht man, dass allein schon Details der Sexualität sehr individuell sind. Entsprechend individuell sollte die Geschlechterdarstellung deiner Charaktere im Gesamten ausfallen. So machst du sie wesentlich realistischer.

Show, don’t tell!

Die Binsenweisheit aller Autor*innen gilt auch für Geschlecht. Schon Judith Butler stellte in „Gender Trouble“ fest, dass Geschlecht vornehmlich performativ ist. Soll heißen: Wir zeigen unsere Geschlechteridentität mit unserem Verhalten. So kann ein Mann „weiblich“ die Hüften schwingen oder ein Tomboy „männlich“ auf uns wirken, obwohl biologisch als Frau geboren. Das lässt sich eins zu eins auf Geschichten übertragen.
Mehr als einmal sind mir im Lektorat Phrasen untergekommen wie: „Er war die Definition von Männlichkeit.“ Was ein erstaunlich nichtssagender Satz ist. Wie gesagt, ist Geschlecht individuell, entsprechend auch die Vorstellung von Geschlechteridealen. Für den einen mag die „Definition von Männlichkeit“ ein braungebrannter, leidenschaftlicher Bodybuilder sein, für jemand anderen ein distanzierter Gothic mit langen Haaren und feinem Gesicht. Manche machen gar ihr Ideal nur an inneren Werten fest und finden keine Antwort auf die Frage, was äußerlich ihr Typ sei.
Also: definiere! Aus den individuellen Augen deiner Protagonist*innen, nicht mit der allgemeingültigen Stimme der Erzählinstanz. Und noch viel wichtiger als das Aussehen: Wie zeigt sich das Geschlecht deiner Charaktere in ihrem Verhalten? Damit meine ich nicht, dass gewisse Handlungen von der Erzählerstimme als „weiblich“ oder „männlich“ bewertet werden sollen. Schreib wertfrei. Dein Publikum kann das Verhalten deiner Charaktere sehr gut mit eigenen Vorstellungen abgleichen.

Gender-Marketing heißt nicht „Kampf der Geschlechter“

Das betrifft nicht nur die Binarität von Männern und Frauen, sondern auch Binaritäten wie Queer und Hetero, Gay versus Frauen, et cetera. Öfter kommen mir als Lektorin Texte unter, in denen verschiedene Geschlechter auftreten und sich ein Geschlecht als das „stärkere“ auftut (was längst nicht immer Männer sind), während andere Geschlechtertypen dem untergeordnet und denunziert werden. Es gibt auch Bücher, die explizit vom „Kampf der Geschlechter“ leben, wie humoristische Belletristik, in deren Zentrum die Gegensätze von Männern und Frauen stehen. Problematisch ist hier nicht, dass Differenz und Klischee Lacher hervorrufen, sondern wenn zwischen den Zeilen pauschalisierende Bewertungen stattfinden. Ein Beispiel dafür wäre frauenexkludierende Gay Romance, die Frauen nur als „die Anderen“ und Antagonistinnen auftreten lässt, aber nicht als „normale“ Charaktere.
Hier ist das Stichwort: Respekt. Für alle Seiten.
Das bedeutet nicht, dass alle Charaktere in einem Buch absolut korrekt geschrieben sein müssen. Im Gegenteil, ein sexistisches Aas kann ganz schön Wind in einen Plot bringen. Es sollte nur berücksichtigt werden, dass von Erzählerstimme oder Botschaft eine bestimmte Geschlechtergruppe nicht pauschal niedergemacht wird. Zumal diese Geschlechtergruppe Teil der eigenen Leserschaft sein kann.

Nicht an Schemata festhalten – Geschlecht ist veränderlich!

So, wie sich die Ideale der jeweiligen Geschlechterkörper durch die Jahrhunderte immer gewandelt haben, haben sich auch die Vorstellungen davon geändert, wie Mann und Frau sich zu verhalten haben – und tun es immer noch!
Früher waren Drachenkämpferinnen holde Maiden, die Babydrachen mit ihrer Lieblichkeit bezähmten. Heute köpft die erwachsene Alice den Drachen im Wunderland. Einst becircten sanftmütige Gentlemen mit adeligem Gemüt die Damenwelt. Nun sind die Bad Boys, bösen Rocker und Männer mit gebrochenen Herzen auf dem Vormarsch. Im 21. Jahrhundert gibt es von den traditionellsten bis zu den liberalsten Darstellungen hin alles an Extremen und Zwischenstationen. Entsprechend ist Gender-Marketing schwerer denn je, kritisierter als je zuvor.
Wirst du also mit beleidigten Leser*innen konfrontiert, haue ihre Kritik nicht mit dem Hammer nieder – rede mit ihnen! Denn sie sind deine beste Informationsquelle. Wenn du verschiedene Geschlechter und insbesondere Gender-Marketing machen willst, musst du wie bei allem anderen auf dem Buchmarkt immer up to date sein. Und manchmal musst du auch ins kalte Wasser springen und dich fragen: Was könnte morgen sein?
Vielleicht verlässt die Erotik ihre Schmuddelkiste und wird zur etablierten Literatur? Vielleicht wird Queer Romance das große neue Ding? Vielleicht haben alle die Schnauze voll von Dreiecksbeziehungen und warten auf den ersten großen Bestseller, in dem die Protagonistin sich für beide Männer entscheidet?

Probiere es aus!

Was immer du an neuer Perspektive oder Zielpublikum ausprobierst: Am Ende gibt es nur Try and Error mit deinen Charakteren. Lass dich gar nicht erst zu dem Gedanken verleiten, nicht eine „andere“ Darstellung auszuprobieren, weil sie nicht vorgekauten Geschlechterbildern entspricht. Lieber Kritik für interessante Charaktere als für uninteressante Geschlechterplakate bekommen – und daran wachsen!

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