Ein Plädoyer für Kurzgeschichten

Autoren Urlaub

Kurzgeschichten: Das ist das, was niemand liest. Diese Aussage ist mir schon häufig begegnet, sie lauert sozusagen an jeder Ecke. Kurzgeschichten mussten wir in der Schule oder Uni analysieren – aber niemals von unbekannten Autoren. Sie werden in Anthologien gesammelt, die niemand kauft – schon gar nicht, wenn kein großer Name auf dem Cover zu finden ist. Und wenn wir mal ehrlich sind: Wer von uns liest eigentlich Kurzgeschichten?

 (Grafik: Elenor Avelle)

 

Die Geschichte hinter der Kurzgeschichte

Aber woher kommen diese komprimierten Geschichten eigentlich? Ursprünglich lassen sich die Kurzgeschichte und das Zeitschriftenwesen im 19. Jahrhundert gut miteinander verbinden. Die Kurzgeschichte war zunächst vor allem ein amerikanisches Phänomen, denn Zeitschriften, in denen die kurzen Geschichten häufig veröffentlicht wurden, boten vor allem amerikanischen Autoren einen besseren Absatzmarkt. Im deutschsprachigen Raum etablierte sich die Kurzgeschichte um 1900 und hatte einen schwierigeren Start. Das lag vor allem daran, dass andere Kurzformen schon Fuß auf dem Markt gefasst hatten. Darunter fiel zum Beispiel die Novelle. Der Versuch einen literarischen Neubeginn nach 1945 im sogenannten Kahlschlag zu machen, bot der Kurzgeschichte in Deutschland dann eine einmalige Chance sich gegen die anderen Kurzformen durchzusetzen. Rund um die Gruppe 47 entstanden schließlich kurze Texte in sachlicher Sprache, die sich bewusst von der bisherigen Literatur absetzen wollten.

Warum Kurzgeschichten auch heute noch gelesen werden sollten

Danach verlor die Kurzgeschichte zu Gunsten anderer Gattungen, beispielsweise des Romans, an Bedeutung. Dennoch ist sie eine wunderbare Möglichkeit, die gerade in Zeiten von Wattpad und Co. wieder an Aufmerksamkeit gewinnt. Meiner Meinung nach hat sie gerade im Vergleich zum Roman auch einen entscheidenden Vorteil: Sie spart Zeit. Das mag vielleicht ein wenig zu pragmatisch klingen, dennoch ist es in einer Welt, in der Zeit zum Lesen immer weniger wird, ein Plus, das nicht einfach vom Tisch gewischt werden kann. Kurzgeschichten bedienen den kleinen Lesehunger, den Wunsch danach, kurz in eine andere Welt abzutauchen. Das nimmt den Romanen natürlich nicht ihre Daseinsberechtigung, dennoch sollte den Kurzgeschichten deshalb mehr als nur ein kurzer Blick geschenkt werden.

Die Form macht die Musik

Kurzgeschichten haftet dabei leider meiner Erfahrung nach nicht nur die Tatsache an, dass sie kaum gelesen werden, nein, sie gelten auch als altmodisch. Das mag vielleicht daran liegen, dass viele Anthologien in gedruckter Form nie an die breite Leserschaft herangetragen werden (können), vielleicht aber auch daran, dass der Wert der Kurzgeschichte verloren gegangen ist. Insgesamt scheint die Form der Kurzgeschichte inzwischen leider nicht mehr ansatzweise so viel Aufmerksamkeit zu bekommen, wie sie verdient hätte. Denn: Eine kurze Geschichte zu schreiben ist häufig so viel schwieriger, als einen Roman zu verfassen. Die Kürze diktiert den Spannungsbogen, die Entwicklung, die Auflösung. Hat der Autor / die Autorin bei einem Roman mehrere hundert Seiten, um den Leser zu fesseln, muss er / sie das bei einer Kurzgeschichte innerhalb weniger Seiten schaffen. Trotzdem schaffen es Kurzgeschichten gerade durch ihre Kürze zum Nachdenken anzuregen – weil sie bewusst Spielraum offenlassen, der mit der Phantasie des Lesers gefüllt werden kann. Dies findet sich aus meiner Sicht in guten Romanen zwar auch, aber seltener. Daher mein Plädoyer an euch Leseratten und Bücherwürmer: Anthologien sind nicht nur eine zusammengewürfelte Ansammlung unbekannter Autoren, Anthologien sind Sprungbretter in viele Welten und viele Abenteuer. Gebt ihnen eine Chance!

**Autorin des Beitrags ist Anna Weydt

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Constanze Scheib
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Constanze Scheib

Ein schöner Beitrag, vielen Dank! Auf Anhieb fallen mir Hemingway und Stephen King ein, die tolle Kurzgeschichten veröffentlicht haben!