Literarische Weltreise zum Frauenwahlrecht – Olga Tokarczuk (Polen)

Von Österreich ziehen wir nach Polen weiter.

Eine weiße Weltkarte mit zwei goldenen Flecken in der Position von Österreich und Polen. Ein roter Pfeil führt vom ersten zum zweiten.

Olga Tokarczuk wirkte wenige Wochen, nachdem sie den Nobelpreis für Literatur des Jahres 2018 gewonnen hatte, noch immer unsicher, dass ihr diese Auszeichnung wirklich passiert war.

Vielleicht, weil sie ihn erst 2019 erhielt – und es daher in allen Zeitungen so stand. »Erhielt.«

Eventuell, weil sie es ähnlich sah wie jene Personen, die von »erhalten« sprechen, wenn es »gewinnen« heißen sollte. Wäre sie ein Mann, bezweifle ich, dass jemand einen Gewinn bezweifelt hätte. Maskulistisch geführte Zeitungen und Online-Enzyklopädien taten ihr Übriges, Tokarczuk darzustellen, als wäre ihr Erfolg minder nennenswert.

Doch vielleicht ist sie auch einfach nur zu sehr Träumerin und ihre Wahrnehmung findet auf dieser kritischen Ebene nicht statt, auf der es mein Denken über Nobelpreisträgerinnen tut. In Interviews wirkt sie erhaben, dennoch schüchtern und verträumt. »Ich werde niemanden zwingen, meine Bücher zu lesen.« Habe ich etwas in der Art je von männlichen Schreibenden gehört?

Betrachte ich ihr bisheriges Lebenswerk, möchte ich schreien: »Lest Tokarczuk!«

Sie steht in ihrer Heimat Polen für märchenhafte Progression, esoterischen Feminismus, ein vielfältiges und geeintes Europa. Dabei meint sie ihre Bücher nicht politisch. Sagt sie. Sie schreibt über das menschliche Leben – skurril und ironisch zwar -, aber dennoch über den Alltag. Dass sich die Politik immer wieder in das menschliche Leben einschleicht, ist eben ein Naturgesetz.

»Literatur ist Denken, Literatur sind Ideen.«

Das ist Politik auch. Sollte sie jedenfalls. Tokarczuk will nicht in den Vordergrund stellen, auf welcher politischen Seite sie steht. Trotzdem sie als Anwältin sexueller Minderheiten in Polen gilt, redet sie über die Konservative respektvoll. Sie verstünde, dass in Zeiten des Chaos‘ manche darauf drängten, Traditionen hochzuhalten. Und dass andere zu oft am eigenen Leib erfahren, dass das keine Lösung sein kann. Sie bleibt diplomatisch in ihrer Ausdrucksweise – vielleicht ist es auch ein genialer Schachzug, dies verträumte Bild, das sie von sich präsentiert. Sie erzählt uns von ihrem Heimatland: Polen sei schon zu häufig Austragungsort für politisches Chaos gewesen. Die Bevölkerung sei darum wacher für sich anbahnendes Übel. Diese Wachheit – entsprungen aus ihrer Heimat, zwischen dem Osten und dem Westen, ihrem Leben – klingt in ihren Büchern wider.

Mit der noblen Auszeichnung wird sie zur Nationalheldin. Eine Feministin mit Dreadlocks wird von der nationalistisch-konservativen Regierung eingeladen, das rechte Lager will sie feiern – instrumentalisieren.

Seit 1918 gilt in Polen das Wahlrecht für Frauen. Seit 102 Jahren. Ich mag mir nicht ausmalen, welcher Druck auf Olga Tokarczuks Schultern lasten muss, wenn sie ihr Heimatland heute betrachtet.

Die Rechten sitzen seit Jahren in der polnischen Regierung. Tausende Polen veranstalten Märsche gegen Juden, Geflüchtete und Feminismus.

Wie sehr muss eine Olga Tokarczuk ihr Land lieben, dass sie bei ihm bleibt? Wo ist die Wachheit, von der sie schreibt? Es scheint, als exerziere dort ein anderes Land als jenes, das Tokarczuk beschreibt, als ob zu wenige Pol*innen ihre Bücher läsen. Hoffen wir, dass sie wieder damit beginnen, dass die Nobelpreisträgerin für Literatur ihr Land behalten darf.

Autorin: Claudi Feldhaus

Der nächste Beitrag führt uns ab dem 30.01.2020 nach Ungarn.

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