Literarische Weltreise zum Frauenwahlrecht – Amma Darko (Ghana)

Von Ägypten aus reisen wir nach Ghana.

Eine weiße Weltkarte mit zwei goldenen Flecken in der Position von Ägypten und Ghana. Ein roter Pfeil führt vom ersten zum zweiten.

Matrilinearität.

Mütterliche Folge. Mütterliche Linie.

Schon mal drüber nachgedacht?

Mal alles umkehren.

Erbfolge, Zugehörigkeit, Namensgebung, Besitz, Mitspracherecht, Position innerhalb der Familie, … Und noch einen Schritt weiter: In der Religion geht es um die große Mutter-Göttin, das Volk wird von der sogenannten Königin-Mutter geleitet, alle politische Entscheidungsgewalt liegt bei den führenden Frauen und ihren Beraterinnen, und selbst die Armee untersteht der obersten Chefin höchstpersönlich.

Krasse Vorstellung? Utopisch?

Für uns Mitteleuropäer*innen vielleicht.

Ungefähr zehn Prozent aller Volksstämme weltweit kennen oder kannten dieses Prinzip. Entsprechend fällt dann natürlich die Antwort aus, wenn man nach dem Frauenwahlrecht als “Errungenschaft” der modernen (westlich orientierten) Gesellschaft fragt.

Richten wir in Ghana die Frage an Vertreterinnen der traditionell patrilinearen Stämme oder an Frauen der islamisch überformten Regionen, so dürften wir durchaus eine gewisse Begeisterung ernten. Fragen wir eine Frau aus einem der nach wie vor matrilinearen Akan-Stämme, die noch nahezu die Hälfte der ghanaischen Bevölkerung ausmachen, so ist die Antwort möglicherweise eher verhalten.

Nach den traurigen geschichtlichen Kapiteln Sklaverei und Kolonisation und der damit zusammenhängenden menschlichen und wirtschaftlichen Ausbeutung und gesellschaftlichen Verformung ist es sicher ein Fortschritt, dass je nach Region seit 1950 beziehungsweise seit 1955 ein allgemeines Wahlrecht für Frauen besteht. Aber mit Blick auf die alten Traditionen erscheint es eben genauso auch als Rückschritt. Besonders, wenn wir bedenken, dass durch die westliche Überformung eine unmittelbar politische Mitwirkung von Frauen in der Konzeption des neuen Staates nach der Unabhängigkeit 1957 fast nicht möglich war. Bei der Entstehung des “neuen” staatlichen Rechtes unter Anleitung der “alten weißen Männer” Europas sind sicher viele der traditionellen Rechte zu Ungunsten der weiblichen Bevölkerung verändert worden.

Auch aus kritischer europäischer Sicht scheinen Status und Rolle der Frau in der Ghanaischen Gesellschaft eher auf verlorenen Posten zu sein, da der Frauenanteil in Regierung und entsprechenden politischen Institutionen noch immer sehr gering ist. Zumindest sieht das für Außenstehende so aus – rational betrachtet und gemäß offizieller Zahlen.

Aber Ghanas Frauen sind stark. Vielleicht haben sie nur eingeschränkte Möglichkeiten bei politischen Entwicklungen direkt mitzuwirken. Vielleicht gibt es noch viel zu viele frauenfeindliche Haltungen und Regelungen. Doch sie kämpfen. An der Basis in lokalen und nationalen Frauenvereinigungen. Zahlreich. Gegen Ungerechtigkeiten und für Anliegen, die, in welcher Form auch immer, Frauen betreffen. So beleben sie Stück für Stück das Land. Langsam vielleicht und noch mit einem langen Weg vor sich. Aber unaufhaltsam.

Eine von ihnen: Amma Darko. So alt wie das unabhängige Land selbst.

Nach ihrem Studium beantragt sie 1981 politisches Asyl in Deutschland und verlässt Ghana. Während der folgenden Jahre entsteht ihr erster Roman “Der verkaufte Traum” (1991). In diesem Roman verleiht sie all den Frauen eine Stimme, die mit verzerrten idealisierten Vorstellungen von einem besseren Leben dem Ruf in die westliche Welt folgen und in der Spannung zwischen den Herausforderungen der Einwanderung einerseits und den Erwartungen der Daheimgebliebenen andererseits zerrieben werden, und die eben als Frauen durch die drastische Ungleichbehandlung in die Knie gezwungen werden.

Nach ihrer Rückkehr in die Heimat 1988 entstehen weitere Romane und Texte. Immer wieder beschreibt Amma Darko viele unterschiedliche Seiten der ghanaischen Gesellschaft – immer aus der Perspektive von benachteiligten Frauen und Mädchen, immer mit Blick auf die kritischen Realitäten ihres Landes. Ihre Bücher sind inzwischen in verschiedene Sprachen übersetzt worden. Ihr fünfter Roman “Die Gesichtslosen” (2002) war nicht nur Inspiration zu dem preisgekrönten deutschen Dokumentarfilm “Roaming Around” (2007), sondern gehört mittlerweile auch zur Pflichtlektüre an Westafrikanischen Schulen.

So kämpft Amma Darko. Für Menschlichkeit. Für Frauen in Ghana. Für mehr Gerechtigkeit. Für offene Augen und Herzen, und für einen klaren Verstand. Wen überrascht es, dass sie einem Volksstamm angehört, in dem Matrilinearität noch gelebt wird?

Auszeichnungen:

  • Ghana Book Award (2008)
  • Stipendiatin des Landes Baden-Württemberg in der Akademie Schloss Solitude bei Stuttgart (1998/99)
  • Stipendium des britischen Cambridge Seminar
  • Stipendium der amerikanischen University of Iowa

Amma Darkos Werk:

  • Der verkaufte Traum (Beyond the Horizon / Roman), 1991
  • Spinnweben (Cobwebs/ Roman), 1996
  • Das Hausmädchen (The Housemaid/ Geschichten), 1998 Der verkaufte Traum (Beyond the Horizon / Roman), 1991
  • Spinnweben (Cobwebs/ Roman), 1996
  • Verirrtes Herz (A Cross Of A Kind/ Roman), 2000
  • Die Farben der Armut, in: Aller Menschen Würde. Ein Lesebuch für amnesty international, 2001
  • Das Dilemma, für die Blinden über die Stummen zu schreiben, in: Früchte der Zeit. Afrika, Diaspora, Literatur und Migration, 2001
  • Die Gesichtslosen (Faceless/ Roman), 2003
  • Wo ich geboren wurde, in: Frei von Furcht und Not. Ein Menschenrechte-Lesebuch, 2004
  • Das Lächeln der Nemesis (Not without Flowers/ Roman), 2006
  • Between Two Worlds (Zwischen zwei Welten), 2015 (noch nicht in deutscher Sprache erschienen)
  • Das Halsband der Geschichten (The Necklace of Tales; für junge Leser*innen), 2015

Quellen:

Autorin: Nel Faro

Der nächste Beitrag führt uns ab dem 10.02.2020 nach Kenia.

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