Schreibende Frauen der Antike

Überschrift Tag des Vesuv, Untertitel Schreibende Frauen in der Antike. Dazwischen eine alte Zeichnung einer Frau, die Sappho sein soll. Rund ausgeschnitten. Der Hintergrund wirkt wie Pergament.

Am 24. August 79 brach der Vesuv aus und begrub die Stadt Pompeji unter sich. Eines der bekanntesten Fresken aus Pompeji zeigt eine Frau mit Wachstafel und Stylus in der Hand – Grund genug, uns mit schreibenden Frauen der Antike zu beschäftigen.

Schreiben schien lange Zeit eine Männerdomäne gewesen zu sein, und es hat lange gedauert, bis sich Frauen ihren verdienten Platz in der Literatur erobert haben. Doch auch heute haben sie noch gegen Widerstände und für Sichtbarkeit zu kämpfen. Das ist eines der Ziele, die sich auch das Nornennetz gesetzt hat.

Doch der Glaube, dass nur Männer geschrieben haben, täuscht. So lange, wie die Menschen geschrieben haben, gab es auch Frauen, die Worte zu Papier, Papyrus, Pergament oder Tontafel gebracht haben. Werfen wir doch einen Blick in die Vergangenheit …

Der erste namentlich bekannte Mensch, dem eindeutig selbst verfasste Texte zuzuordnen sind, ist eine Frau: En-hedu-anna, Hohepriesterin der Inanna und des Mondgottes Nanna, Dichterin und Tochter des Königs Sargon. Sie lebte um 2300 v. Chr. in der sumerischen Stadt Ur. En-hedu-anna verfasste insgesamt 42 Tempel-Hymnen und verarbeitete in der Geschichte »Die Erhebung der Inanna« ihre eigene Vertreibung aus Ur. In ihre literarischen Werke bezog sie also sich selbst und auch ihre Gefühle und Gedanken ein und war damit Vorbild für weitere sumerische Frauen, die Gedichte verfassten. Auch die Göttin Nindaba wurde in Sumer als Schreiberin dargestellt.

Eine »Schreibergöttin« gab es auch im Alten Ägypten – Seschat, die für die Weisheit, das Wissen und die Schreibkunst stand, aber auch eine große Rolle in der Architektur spielte, wo sie den König bei der Gründungszeremonie von Bauwerken begleitete. Die ersten Belege für die Existenz der Göttin Seschat finden sich auf dem Palermostein, einem königlichen Annalenstein aus der 5. Dynastie, um 2350 v. Chr., gehen aber wohl noch weiter zurück bis in die 2. Dynastie (um 2800 v. Chr.).

Namentlich sind aus dem Alten Ägypten keine schreibenden Frauen bekannt, doch im Mittleren Reich (2100 – 1700 v. Chr.) ist mehrfach der Titel einer „Schreiberin“ belegt, und in der Spätzeit (um 550 v. Chr.) wird eine gewisse Ireretu als „Schreiberin“ in Diensten der Gottesgemahlin Nitokris bezeichnet. Solche Titel sind keine eindeutigen Belege für die Literarizität von Frauen, aber doch Indizien. Auch einige Liebesgedichte aus der Zeit des Neuen Reiches (1550 – 1070 v. Chr.) berichten aus Sicht einer Frau, doch ob sie von solchen geschrieben wurden, bleibt fraglich.

In Griechenland findet sich die Schreibkunst ebenfalls im göttlichen Bereich repräsentiert. Die neun Musen gelten als Schutzgöttinen der Künste. Mit der Schreibkunst assoziiert sind Klio (Geschichtsschreibung), Euterpe (Lyrik), Erato (Liebeslyrik) und Kalliope (epische Dichtung).

Als „zehnte Muse“ oder einfach als „die Dichterin“ wurde Sappho bezeichnet, die um 600 v. Chr. im antiken Griechenland lebte. Sie gehört zum Kanon der neun Lyriker, festgelegt von den Gelehrten des hellenistischen Alexandria der kritischen Auseinandersetzung als Wert angesehen wurden. Über Sapphos Leben ist wenig bekannt, und auch der Großteil ihres Werkes ist heute verloren. Nur fragmentarische Teile oder Zitate in Werken späterer Autoren haben sich erhalten, dazu gehören das Tithonus-Gedicht und eine Ode an Aphrodite. Ihre Götterhymnen, Hochzeits- und Liebesgedichte waren in insgesamt neun Büchern versammelt.

Auf der Insel Lesbos scharte Sappho eine Gruppe junger Schülerinnen um sich, deren Schönheit sie in ihren Liedern besingt. So ist ihr Name als Synonym für die Liebe zwischen Frauen als „lesbische“ oder „sapphische“ Liebe erhalten.

Das aus Pompeji stammende Fresko, das den Anlass für diesen Artikel gegeben hat, wird oft als „Sappho“ bezeichnet– wahrscheinlich handelt es sich aber nicht um die Dichterin, sondern um eine hochstehende pompejanische Frau. Das Fresko stammt aus der Zeit um 50 v. Chr. und ist heute im Archäologischen Museum Neapel ausgestellt.

Es zeigt uns, dass im antiken Rom Frauen schriftkundig waren, doch auch hier sind die Belege über Autorinnen äußerst dünn.

Mädchen scheinen Schulen besucht zu haben, um so zumindest eine grundlegende Ausbildung im Lesen und Schreiben zu bekommen, und auf Grabinschriften finden sich Berufe, für die Lesen und Schreiben Voraussetzungen sind: Vorleserinnen und Schreiberinnen / Sekretärinnen, aber auch Bibliothekarinnen. Aus römischen Provinzen sind Briefe von Frauen überliefert.

Eine römische Dichterin war Sulpicia, die um die Zeitenwende lebte. Über ihren Onkel stand sie in Austausch mit Ovid und Tibull, im Werk des Letzteren sind sechs kurze Gedichte von Sulpicia veröffentlicht, die der Liebeslyrik zuzuordnen sind.

Im Japanischen Stil gezeichnetes Bild einer seitlich gegen einen niedrigen Tisch gelehnten Murasaki Shikibu.

Um das Jahr 1000 n. Chr. lebte in Japan die Hofdame Murasaki Shikibu, die die Autorin des ersten Romanes der Weltgeschichte ist. Ihre „Geschichte des Prinzen Genji“ umfasst rund 1100 Seiten. Ein ausführliches Porträt von Murasaki Shikibu findet sich in unserer literarischen Weltreise.

Frauen haben seit jeher geschrieben und literarische Werke geschaffen, doch sie mussten immer hinter den männlichen Autoren zurücktreten. Lassen wir also die Autorinnen der Vergangenheit wieder sichtbar werden!

Literatur

Beitrag von Roxane Bicker

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