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Das Gute an Bösewichten

Wenn man über Gewalt in der Phantastik spricht, ist es schwer, ein Thema auszulassen: Die Bösewichte. Denn wer wird mehr mit Gewalt assoziiert als der tyrannische König, der machtgierige Zauberer oder der habsüchtige Halunke? Aber sind sie wirklich immer gewalttätig und so böse, wie es scheint?

Was ist ein Antagonist bzw. ein Bösewicht?

Erst einmal nicht zwangsläufig dasselbe. Während ein Bösewicht jemand ist, der Böses tut, ist der Antagonist der Gegenspieler des Protagonisten, also die Person, die dem Hauptcharakter bei der Erfüllung seiner wie auch immer gearteten Aufgabe im Weg steht. Diese Stellung in der Handlung sagt prinzipiell noch nichts über die moralische Gesinnung der jeweiligen Figur aus, obwohl die meisten Fälle sich durchaus so gestalten, dass der Protagonist das Gute verkörpert und der Antagonist das Böse. Passende Beispiele dafür finden sich in klassischen Grimm-Märchen und sogar deren Disney-Adaptionen. Häufig werden in den Märchen unschuldige Mädchen Opfer der Intrigen von Bösewichten mit niederen Beweggründen, und aufgrund des simplen Aufbaus der Geschichten und des Mangels an Persönlichkeit seitens der Charaktere ist es schier unmöglich, für die Antagonisten Partei zu ergreifen. In diesen Fällen ist der Antagonist mit dem Bösewicht identisch. Würde man aber ein solches Märchen aus der Sicht des Bösewichtes erzählen, würde dieser damit zum Protagonisten und der eigentliche Held zum Antagonisten.

In diesem Artikel wollen wir* uns in erster Linie mit dem Bösewicht an sich beschäftigen, wie auch mit der Frage, was denn eigentlich einen »guten Bösewicht« ausmacht – das heißt, welche Eigenschaften er (oder sie; das Geschlecht spielt hierbei keine Rolle) möglichst haben sollte, um dem Publikum im Gedächtnis zu bleiben.

Böse einmal umgekehrt?

Da wir gerade von Märchen gesprochen haben, werfen wir doch einmal einen Blick auf »Dornröschen«: Im Mittelpunkt stehen das oben beschriebene unschuldige Mädchen, seine königlichen Eltern sowie eine Fee, die nicht zur Geburtstagsfeier der Prinzessin eingeladen wird und darüber so zornig ist, dass sie einen Fluch ausspricht. In Folge dessen unternehmen die Eltern alles in ihrer Macht Stehende, um ihre Tochter zu schützen, denn jene ist das eigentliche Zielobjekt des Fluches, wenn auch nicht sie es war, die die Fee verärgert hat. Somit wird die Rollenverteilung offensichtlich: Eine Fee, die ihren irrationalen Zorn an einem unschuldigen Kind auslässt, kann nichts anderes als böse sein, und die meisten sind sich einig, dass ein vergleichsweise mildes Vergehen wie die versäumte Einladung zu einer Feier kaum einen derartigen Gegenschlag rechtfertigt.

Dennoch ist es ein Grund – vielleicht kein guter, aber der Konsument der Geschichte kann nachvollziehen, warum die Fee verstimmt ist. Warum sie ihre Wut nicht an dem Königspaar auslässt, das sie nicht eingeladen hat, sondern an deren unschuldiger Tochter? Darüber verrät die Urversion des Märchens nichts; es könnte natürlich reine Boshaftigkeit sein, aber die Antwort könnte auch tief in der Vergangenheit des Charakters verborgen liegen. Genau diese gilt es zu erforschen, um die Fee zu einem »guten Bösewicht« zu machen.

(Foto: Stefanie S. / instagram.com/andudraws)

Wie ist der Bösewicht zu dem geworden, was er heute ist? Das ist vermutlich die interessanteste aller Fragen, und eine von Disney produzierte Neuinterpretation von »Dornröschen« geht ihr auf den Grund: In »Maleficent« (2014) wird plötzlich die Fee zur Protagonistin des altbekannten Märchens, der König zum Antagonisten, und die Prinzessin zum Spielball der Intrigen zweier ehemaliger Freunde, die aufgrund eines Ereignisses in ihrer gemeinsamen Vergangenheit bitter verfeindet sind. Auch in dieser Version der Geschichte wird die Fee nicht zur Geburtstagsfeier eingeladen, auch hier bestraft sie den König, indem sie seine Tochter verflucht, und auch hier hätten die beiden ihren Konflikt besser untereinander ausgetragen, als eine Unschuldige hineinzuziehen. Doch durch die Offenbarung von Maleficents Hintergrundgeschichte, ihres tragischen Schicksals wie auch der Rolle, die der König dabei gespielt hat, erscheint sie plötzlich sehr viel sympathischer. Ihre Charakterentwicklung im Laufe der Handlung bringt sie schließlich zu der Erkenntnis, dass ihr Fluch die Falsche getroffen hat, und sie versucht ihn von dem Mädchen zu nehmen, für das sie inzwischen mütterliche Gefühle entwickelt hat.

Ganz anders sieht es mit dem König aus, der für das, was er Maleficent angetan hat, weder Einsicht noch Reue zeigt, sondern sich immer mehr in seinem Vorhaben verbeißt, sie zu töten. Dabei kam auch er nicht als schlechter Mensch zur Welt; seine ehemalige Freundschaft mit Maleficent wie auch seine unermüdlichen Versuche, sein Kind vor ihrem Fluch zu beschützen, appellieren an seine gute Seite, die leider schon in jungen Jahren verunreinigt wurde durch seinen Wunsch, König zu werden. Und kann man es einem Vater wirklich verübeln, mit allen Mitteln zu kämpfen, um seine Familie vor Unheil zu bewahren – unabhängig davon, dass er selbst dieses Unheil heraufbeschworen hat? Wohl kaum.

Glaubwürdig böse – wie das?

Wer ist nun der Bösewicht in »Maleficent«, die Fee oder der König? Im Grunde beide, und genau das macht ihren Streit so interessant. Ein gut geschriebener Konflikt ist stets einer, in dem ein Außenstehender beide Seiten nachvollziehen kann. Aus diesem Grund reicht es nicht, den Bösewicht einfach nur böse sein zu lassen, damit die Geschichte eine Handlung hat. Er braucht Motive, und davon gibt es genügend, wie zum Beispiel:

  • reine Machtgier, die beispielsweise aus einem Minderwertigkeitskomplex heraus entsteht;
  • der Wunsch nach Vergeltung eines bislang ungesühnten Verbrechens;
  • grundsätzlich gute Absichten, die lediglich mit unmoralischen oder radikalen Mitteln durchgesetzt werden sollen.

Die Grundbausteine, aus denen sich die Motivation eines überzeugenden Bösewichtes zusammensetzen können, sind zahlreich und vielfältig. Aus der Sicht des Widersachers ist der Held der Widersacher, und das gilt es glaubhaft zu vermitteln, indem auch dem Bösewicht plausible Gründe für sein Handeln gegeben werden.

Ein weiterer Aspekt, der einen guten Bösewicht ausmacht, ist entsprechendes Charisma. Niemand nimmt einen tumben Tölpel als ernsthafte Bedrohung wahr – was allerdings, wie oben angedeutet, irgendwann einmal dazu führen kann, dass eben jener Tölpel zu einem Bösewicht wird (siehe das Beispiel des Königs in Maleficent).

Einprägsame Bösewichte haben zwei Sachen gemeinsam: Neben einer guten Hintergrundgeschichte, schaffen sie es, andere um den Finger zu wickeln und für ihre Zwecke einzusetzen, sodass erst im Nachhinein klar wird, dass hier eine Manipulation stattgefunden hat.

Diese Herangehensweise wurde schon in der Edda in der Figur des Loki verwendet, der mit seiner Ambiguität für einiges an Chaos in den neun Welten sorgt, aber dadurch auch Wendungen herbeiführt, die so nicht geplant waren (z.B. Baldurs Tod, der diesem letztendlich ermöglichte, als letzter Gott nach Ragnarök auf die Erde zurückzukehren). Dieses Motiv wird auch von in Goethes »Faust« aufgegriffen, wo die Figur Mephistopheles nicht nur an die Loki-Darstellung angelehnt ist, sondern sich selbst auch als »Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft« (Version: Reclam, 1971) bezeichnet.

Ein Bösewicht kann nichts Gutes schaffen?

Doch! Gerade die Wege dieser Bösewichte sind am faszinierendsten zu verfolgen. Jemandem, der einer Gemeinschaft Zusammenhalt bringt und für Sicherheit sorgt, traut man schließlich nicht zu, im Hinterzimmer Menschen zu foltern und Verbrechen zu begehen. Und gerade das macht sie so gefährlich, die Bösewichte, die man nicht auf den ersten Blick erkennt; die wir ja leider auch im echten Leben haben. Ein passendes Beispiel hierfür ist die Figur Oswald Cobblepot, der »Pinguin«, aus der Batman-TV-Serie »Gotham«. Auch wenn der Zuschauer von Anfang an weiß, wie manipulativ und hinterhältig er ist, gelingt es ihm im Verlauf der Serie, den Posten des Bürgermeisters zu erlangen, weil er den Leuten genau das erzählt, was sie hören wollen. Der Slogan »Make Gotham Save Again«, die verwendete Rhetorik und vor allem auch das Aussehen des Charakters sind dabei eine direkte Anspielung auf die zum Zeitpunkt des Drehs und der Erstausstrahlung noch unentschiedene US-Präsidentschaftswahl. Die düstere Vorhersehung, die eigentlich als Satire geplant war, bleibt.

Aus der Literatur und den Nachrichten kennen wir viele Bösewichte, über deren Taten wir nur den Kopf schütteln können, weil sie sich schlicht und einfach mit keinem anderen Wort beschreiben lassen als »böse«. Bei anderen »Bösewichten« sind die Beweggründe offensichtlich »gut«, wie bei radikalen Umweltaktivisten. Sie wollen die Natur und unseren Lebensraum schützen, greifen hierzu allerdings zu Methoden, die wir alle im Normalfall als »böse« einordnen würden – genau das macht es schwierig für uns einzuordnen, ob nun jemand ein böser Antagonist, böser Protagonist oder einfach nur ein Bösewicht ist.

Und die Moral von der Geschicht‘

Gut und Böse wie im Märchen klar voneinander zu trennen, ist unmöglich. Jeder von uns trägt positive und negative Eigenschaften in sich: Mal sind wir eifersüchtig, streiten mit unseren Geschwistern oder wollen einfach nur unsere Meinung durchsetzen. Aber werden wir dadurch auch böse oder gar gewalttätig? Manchmal, doch ganz sicher nicht jedes Mal. Und deswegen ist es unsere Pflicht, als Leser und Autoren, wie auch als Menschen, die Beweggründe eines Bösewichtes zu hinterfragen un22d vielleicht sogar zu verstehen, statt sein »Bösesein« einfach als gegeben hinzunehmen. Denn wer weiß – vielleicht verbirgt sich dahinter ja die nächste spannende Geschichte…

*Artikel geschrieben von Grumpy Moon, Anne Zandt und Laura Kier

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