Gastbeitrag: Mercy Thompson: Eine Kickass-Heldin, die nicht sexy sein muss – außer auf dem Cover von Felicity Green

Mercy Thompson, die Heldin der gleichnamigen, mittlerweile 10-bändigen Urban-Fantasy-Reihe von Patricia Briggs ist ohne Frage taff. Sie scheut keinen Kampf, zu dem sie von den vielen anderen mythischen Kreaturen, die ihre Welt beherrschen, herausgefordert wird.

„Das Böse triumphiert allein dadurch, dass gute Menschen nichts unternehmen.“

Schon auf den ersten Seiten von Band 1, Moon Called, setzt sie sich erfolgreich gegen drei Männer zur Wehr, die sie in ihrem Heim überfallen – und dass, obwohl „ziemlich schnell klar wurde, dass diese Männer sich länger Gewalt befasst hatten als“[1] Mercy. Mercy praktiziert Shi Sei Kai Kan Karate. Regelmäßig gerät sie in Kämpfe und Schlägereien, die in Stichen, Narben und gebrochenen Knochen resultieren und die sie einmal sogar mehrere Wochen an einen Rollstuhl fesseln. Mercy selber wird vergewaltigt und auch andere Protagonisten und -innen erfahren regelmäßig körperliche und sexuelle Gewalt. Mercy fackelt nicht lange, wenn sie jemanden umbringen muss, um sich oder andere zu schützen.[2]

Der erste Band Moon Called: sexy Pota? (Cover: Ace Books / Hurog Inc.)

Es ist jedoch keineswegs so, dass sie Gewalt genießt, sondern vielmehr ihr persönlicher Ehrenkodex sie dazu zwingt, sie anzuwenden: Mercy kann sich einfach nicht raushalten und sieht es als ihre Aufgabe an, mit allen Mitteln gegen das Böse zu kämpfen[3]. Die Wölfe – und insbesondere ihr Alpha-Partner Adam – sind äußerst gefährlich, aggressiv und gewalttätig – es wird häufiger klargemacht, dass Wölfe unter Umständen Menschen essen. Noch schlimmer sind die Feen und Vampire, die oftmals ein ganz anderes (oder gar kein) Moralverständnis haben. Die Klappentexte der deutschen Übersetzungen, die bei Heyne erschienen sind, machen klar: „Mercys Welt ist dunkel und gefährlich“[4].

 

Kojote-Walkerin zwischen Welten

Mercy ist selbst inmitten paranormalen Kreaturen eine Außenseiterin, auch wenn sie später die Gefährten von Adam Hauptmann, dem charismatischen Alpha des Columbia-Basin-Rudels wird, denn sie kann sich in eine Kojotin verwandeln. Sie ist jedoch keine Gestaltwandlerin im Sinne der Wölfe, sondern bezeichnet sich zu Beginn der Serie als „Walkerin“, nach dem „Skinwalker“-Mythos in der Folklore der nordamerikanischen Ureinwohner. In der Tat hat Mercy ihre Kräfte von ihrem indianischen Vater geerbt – doch der kurz nach ihrer Geburt verstorbene „Joe Old Coyote“ stellt sich im Laufe der Serie als mehr als ein gewöhnlicher Barefoot-Indianer heraus.

Keine Kriegerin auf dem Cover? (Cover: Ace Books / Hurog Inc.)

Ihr Aussehen beschreibt Mercy selber häufig als ganz passabel, aber nicht schön. Sie kommt vom Aussehen her eher nach ihrer kaukasischen Mutter, und die dunkle Haut und indianischen Züge verleihen ihr etwas Exotisches; die Kombination wirkt aber „etwas sonderbar“[5]. Sie macht sich für ihre Dates mit Adam schon mal zurecht, aber als Automechanikerin hat sie immer Schmiere unter den Fingernägeln und inmitten der vielen blutigen Abenteuer hat Mercy keine Zeit für Eitelkeiten. Übrigens kann man der realistischen und praktikablen, überhaupt nicht körperscheuen Frau diese Selbsteinschätzung durchaus abnehmen, statt ihre Äußerungen für falsche Bescheidenheit zu halten[6].

Muskulös und zäh – aber nicht sexy

Mercy wird auch selten als sexy im herkömmlichen Sinne dargestellt. Sie ist muskulös, durchtrainiert, und zäh, und in Band 2 lässt Mercys Mutter durchblicken, wie schade sie es findet, dass ihre Tochter keine Kurven hat. Dabei ist sie auch nicht zierlich: Die Hosen der Wehrwolf-Männer in ihrem Leben, die sie routinemäßig ausleiht, passen ihr oft nur knapp.

Oft wird sie als Gegenteil von Adams Exfrau beschrieben, die kurvig und weich und die perfekte Hausfrau ist. Für das Wehrwolf-Rudel, in dem Frauen ihren Männern unterwürfig sind (selbst dann, wenn ihre Wölfinnen dominanter sind als ihre Gefährten), spielt es eine Rolle. Mercy ist das Gegenteil einer unterwürfigen Frau. Kratzbürstig, taff, und auflehnerisch, hatte sie von Anfang an ein Problem, sich in das Wehrwolf-Rudel ein- und unterzuordnen, das sie als kleines Kind aufgenommen hatte, nachdem ihre Mutter mit dem Kojote-Welpen in der Krippe überfordert gewesen war – und auch von Adam und seinen dominanten Wölfen lässt sie sich selten etwas vorschreiben. Was konstant zu Spannungen führt, aber auch die Anziehungskraft zwischen Mercy und Adam ausmacht.

Sexy auf dem Cover

Interessanterweise wird Mercy auf den neueren Covern (US und Deutsch) als sehr sexy dargestellt und auch der deutsche Klappentext zu Tanz der Wölfe beschreibt Mercy als “ohne Zweifel die heißeste Automechanikerin in den ganzen Tri-Cities“[7] , wo sie vorher treffenderweise als „stolze Besitzerin“ ihrer Autowerkstatt dargestellt wurde[8].

T-Shirt mit Kaffeefleckt? Bitte nicht auf dem Cover (Cover: Ace Books / Hurog Inc.)

In den Büchern wird explizit erwähnt, wie sich Mercy kleidet. Auch wenn sie ab und zu vielleicht mal eine enge Jeans anhat, so trägt sie häufiger Mechaniker-Overalls und Jogginghosen, die sie sich irgendwo ausleihen muss, weil ihre eigene Kleidung nach der Verwandlung irgendwo liegengeblieben oder dreckig, zerrissen oder blutverschmiert ist. Die T-Shirts, die sie trägt, sind weit und aus dicker Baumwolle (keine dünnen, enganliegenden wie Jesse, Adams Teenage-Tochter), oftmals mit Werbeaufdrücken. Im ersten Buch läuft sie die meiste Zeit mit demselben T-Shirt mit einem großen Kaffeefleck herum.

Auf den Covern hingegen ist Mercy oft bauchfrei zu sehen und mit und ohne sexy Push-Up-BHs sind Rundungen zu sehen, die die echte Mercy aus den Büchern gar nicht hat.

Für die US-Cover stand dem Künstler Dan Dos Santos ein Model zur Verfügung, das er „perfekt für eine taffe, athletisch-gebaute Frau hielt“. Jaime war Barkeeperin in einer Kneipe, die er oft besuchte[9]. Wer dem Link zu dem Artikel folgt kann das Foto dieser Frau sehen, die meines Erachtens eher weiblich und sehr hübsch aussieht – und offensichtlich keine indianischen Vorfahren hat. Für Moon Called hat der Künstler das Gesicht noch entsprechend verändert, später aber nicht mehr.

Besonders viel Lob erhielt der Künstler für die Darstellung der Tattoos – die sich auch wandeln und die Geschichte reflektieren. Dan Dos Santos in einem Interview dazu: “I can’t recall any other previous covers that depicted a woman with quite that many tattoos, done in a modern rockabilly style.”[10]

Was ist das Problem mit den sexy Posen auf dem Cover?

Natürlich ist die Cover-Art extrem attraktiv und gut gelungen. Die Frau ist schön, die Tattoos ästhetisch und die kleinen Details, die auf Mercys Indianer-Identität hinweisen sehr ansprechend. Aber völlig … Un-Mercy-mäßig. Die Automechanikerin würde niemals die schicken Feder-Ohrringe tragen. Die Tattoos sollen die hübsche, sexy Frau taff aussehen lassen. In Wirklichkeit ist Mercy aber überhaupt nicht überall tätowiert – schon gar nicht hat sie einen „Tramp-Stamp“ über dem Po, wie auf dem US-Cover für Iron Kissed. Sie hat einen Pfotenabdruck auf dem Bauch – ein sehr persönliches Symbol für sie.

Der erste Band in der deutschen Übersetzung: noch ohne Frauenfigur auf dem Titelbild (Cover: Heyne)

Interessant ist auch die Entwicklung der deutschen Cover: Ruf des Mondes (1; erstmals erschienen 2007)[11], Bann des Blutes (2), Spur der Nacht (3), Zeit der Jäger (4), Zeichen des Silbers (5) haben alle mystische Cover mit einem hohen, kunstvoll geschmiedeten Eisentor (angelehnt an den Hintergrund des US-Covers von Moon Called mit dem Dos Santos Design) und unheimlichen Augen darauf. Diese Motive waren damals in Deutschland in, auch wenn man noch nicht wirklich komfortabel mit dem Genre war, das von „Shifter Romance“ abwich – verkauft man es als Mystery, Horror, Fantasy? Die ersten Otherworld-Romane von Kelley Armstrong weisen ähnliche Cover auf. In Zeichen des Silbers kommt das Gesicht einer Frau dazu. Siegel der Nacht (6) und Tanz der Wölfe (7) lehnen stark an den neueren US-Covern an. Bei Gefährtin der Dunkelheit (8), Spur des Feuers (9) und Stille der Nacht (10) wurde das Original-Cover übernommen.

2012 erregte Autor Jim C. Hines damit Aufsehen, dass er sexy Posen von Frauen auf Science-Fiction- und Fantasy-Covern nachstellte, um den Sexismus und auch die Absurdität dieser Posen zu illustrieren. Obwohl auch Männer oft auf Coverbildern objektiviert werden, geschieht das bei Frauen anders. In deren Posen werden Macht und Handlungspotenzial nicht für Sexualität geopfert[12]. Hines ist der Meinung, dass diese Cover Männer statt Frauen ansprechen. Ich finde, das Problem ist ein anderes. Diese Cover sind sehr wohl dazu designed, Frauen anzusprechen. Und „nackte Frauen“ sind auch nicht das Problem.

Man siehe dazu den Artikel zum Cover-Reveal von Night Broken[13]: Ein Bild, in dem Mercy fast ganz nackt aus dem Fluss auftaucht, wurde unter anderem deshalb abgelehnt, weil es zu viel nackte Haut zeigt. Dabei wäre dieses Bild viel mehr am wahren „sexy“ von Mercy Thompson dran. Wie ein Kommentator zum Artikel schreibt: „Sie ist keine Exhibitionistin, aber sie fühlt sich in ihrem Körper trotzdem sehr wohl. Für ihre Gestaltwandlerei muss sie nackt sein, und das ziemlich oft.“[14]

Cover sollen verkaufen – der perfide Teufelskreis der Marketing-Psychologie

Cover-Künstler und Autoren sind sich häufig uneins darüber, wie das Cover aussehen soll. Für die Autorin ist die Nähe zur Geschichte wichtig. Die Frau auf dem Cover soll so aussehen wie die Protagonistin. Symbole sollen den Inhalt widerspiegeln. Viele Leser stimmen dem zu.

Sex Sells -auch bei Büchern (Cover: Heyne)

Der Job eines Cover-Designers ist es aber, dafür zu sorgen, dass das Cover das Buch verkauft. Ein ästhetisch ansprechendes Bild ist wichtig, aber es spielen noch mehr Dinge eine Rolle. Was die Leserinnen erwarten, wenn sie nach einem Buch im Genre Urban Fantasy suchen, zum Beispiel. Die Leserinnen entscheiden innerhalb vom Bruchteil einer Sekunde, ob sie den Klappentext lesen und dann das Buch kaufen. Im Falle der Mercy-Thompson-Reihe muss das Cover sofort signalisieren: Die Protagonistin ist eine taffe, unabhängige, unkonventionelle junge Frau, die du, liebe Leserin, auch gerne sein würdest.

Und so eine Frau ist in unseren Köpfen wohl sexy. Sie trägt Leder und Push-Up-BHs und hat bunte, großflächige Rockabilly-Tattoos. Das ist nicht Dan Dos Santos‘ Schuld oder die Schuld des Verlags, der solche Cover in Auftrag gegeben hat. Die haben nur cleverer Weise den potenziellen Kundinnen das gegeben, was sie sehen wollen, um die Bücher zu verkaufen. Sie machen sich das zu Nutze, was den jungen Frauen, die Mercy-Thompson-Romane lesen in unserer Kultur indoktriniert wurde, wie eine taffe, unabhängige, unkonventionelle junge Frau auszusehen hat. Das ist verständlich, aber schade.

Mercy Thompson fordert uns Image von „sexy“ heraus

Denn Patricia Briggs hat eine Heldin geschaffen, die genau dieses Image herausfordert. Es ist interessant zu lesen, dass Mercy auf Blogs immer wieder als sexy beschrieben wird und dass die Cover gefeiert werden. Mercy wird als sexy wahrgenommen, obwohl sie explizit als das Gegenteil von der Frau beschrieben wird, die wir auf dem Cover sehen. Es ist, als ob wir in unseren Köpfen kein anderes Bild haben, dass Mercys sexy repräsentieren könnte, was dem perfiden Teufelskreis der Marketing-Psychologie zu verschulden ist.

Wirklich sexy? Aber erst im Text (Cover: Heyne)

Dass Mercy als sexy wahrgenommen wird, liegt daran, dass Mercy tatsächlich sexy ist. Aber gerade ihr nicht-konventionelles Aussehen und ihr körperliches Selbstbewusstsein ohne jegliche Eitelkeit machen sie „sexy“, wenn man das so sagen will. In den Büchern spielt das fast keine Rolle. Ein einziges Mal nutzt Mercy die Tatsache aus, dass ein Mann sie attraktiv findet – obwohl auch hier wichtig ist, dass der auch eher gewöhnlichere Mann sich keine Hoffnungen machen würde, wenn sie eine Schönheit wäre – und die Sache geht sehr böse aus. Mercy setzt ihren Körper sehr wohl ein – aber auf andere Art und Weise – auf eine sehr gewalttätige Art und Weise – die wir in unserer Kultur als maskulin empfinden. Vielleicht braucht es für den Verkauf der Bücher eine körperlich „sexy“, eine „weibliche“ Seite, um sie als Heldin attraktiv zu machen. Ich glaube, die Leserinnen, die wie ich die Serie gespannt verfolgen, brauchen das nicht.

[1] Patricia Briggs, Moon Called, Ace Books, 2006. Meine Übersetzung.
[2] Patricia Briggs, Moon Called, Ace Books, 2006. “This one needs to die,” I said, because I’d recognized his scent. He was the one who had slapped Jesse’s face.“
[3] Patricia Briggs, Frost Burned, Ace Books, 2010. “But Adam, good and evil are real—you know that better than anyone. I have to do the right thing. If not, then I am no better than that—” I jerked my chin toward Frost’s body. “‘All that is required for evil to prevail is for good men to do nothing.’” Der letzte Satz ist ein Zitat von Edmund Burke: „Das Böse triumphiert allein dadurch, dass gute Menschen nichts unternehmen.“
[4] Klappentext Zeit der Jäger, Heyne Verlag, 2010 – andere weisen ähnliche Formulierungen auf.
[5] Patricia Briggs, Iron Kissed, Ace Books, 2008. „I have my mother’s features, which look a little wrong in the brown and darker brown color scheme of my father”.
[6] Patricia Briggs, Iron Kissed, Ace Books, 2008: “… there was nothing wrong with my body. Karate and mechanicking kept me in good shape. My face wasn’t pretty, but my hair was thick and brushed my shoulders.”
[7] Patricia Briggs, Tanz der Wölfe, Heyne Verlag, 2015
[8] Patricia Briggs, Bann des Blutes, Heyne Verlag, 2008 – und andere Klappentexte
[9] https://www.tor.com/2010/07/27/embodying-mercy-thompson-in-person-and-in-paint/
[10] https://www.tor.com/2010/07/27/embodying-mercy-thompson-in-person-and-in-paint/
[11] Alle deutschen Titel sind erschienen beim Heyne Verlag, siehe https://www.randomhouse.de/Taschenbuch/Ruf-des-Mondes/Patricia-Briggs/Heyne/e250735.rhd
[12] http://www.jimchines.com/2013/01/cover-art-wheres-the-problem/
[13] https://www.tor.com/2013/09/17/cover-reveal-for-patricia-briggs-night-broken/
[14] ibid, “She’s not an exhibitionist, but at the same time, she’s pretty comfortable with her body. Her shifting requires her to be nude, and it’s something she has to do often. So what she’s doing, is something I could see her doing.”

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Diandra
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Bei solchen Covern frage ich mich oft, ob die Künstler sich das auch gut überlegt haben. Nachts unter womöglich gefährlichen Bedingungen auf Absätzen und bauchfrei durch das monsterbefrachtete Unterholz krabbeln … also, jede, die das schon einmal versucht hat, weiß, WIE blöd das ist. ^^