103 Jahre deutsches Frauenwahlrecht: Gertrud Bäumer, Duracellhase der Frauenbewegung

1896. Die Lehrerin Gertrud Bäumer war 23 Jahre jung, bekannt für ihre scharfe Zunge und ihr analytisches Wesen. Und dafür, dass sie jede*n und alles bekam, was sie will.

In besagtem Jahr war sie Mitbegründerin der Magdeburger Lehrerinnenvereinigung und lernte wenig später die Koryphäe und Führerin der deutschen Frauenbewegung persönlich kennen: Helene Lange.

Bäumer sah und hörte sie auf einer Versammlung und ihr wurde klar: »Ich will Helene Lange!«

Portrait von Baumer Gertrud 1930

Es gelang ihr offensichtlich gut diesen doppelt so alten Popstar des Deutschen Feminismus zu bezirzen, denn schon wenig später wurde sie ihre Sekretärin und bald darauf ihre engste Vertraute. Sie zogen zusammen und dank Langes Kontakten begann Bäumer ein Studium als Gasthörerin in Berlin – einer der wenigen Schlupfwinkel, der es Frauen im Kaiserreich vor 1900 ermöglichte, zu studieren.

Vor allem dank der jahrzehntelangen Arbeit ihrer Lebenspartnerin wurden Frauen schließlich um die Jahrhundertwende zum Studium zugelassen und Bäumer fackelte nicht lange, sondern warf sich ins Berliner Universitätsleben. 1904 promovierte sie.

Dr. Bäumer gewann stetig an Selbstvertrauen, verfasste eigene Schriften, organisierte Versammlungen und Konferenzen, gründete Bünde und ist Schriftleiterin der Vereinszeitschrift des allgemeinen deutschen Frauenbundes (ADF). Immer mehr trat sie aus dem Schatten Helene Langes hervor, und blieb dieser trotzdem treu und ergeben. Als deren Augenlicht stetig nachließ, pflegte Dr. Bäumer sie beispielsweise hingebungsvoll und erledigte ihre Korrespondenz. Aber sie reiste auch, unternahm mit anderen Frauen Radtouren im Umland und war nach wie vor und ganz nebenbei recht umtriebig, denn noch immer schien sie alles und jede*n haben zu können, wenn sie wollte. Einstweilen zog sogar eine dritte Frau in den Haushalt, zu der sich Bäumer aber – so offiziell wie es damals möglich war – erst nach dem Ableben Langes bekannte.

Die Entwicklungen im deutschen Kaiserreich kurz vor Kriegsausbruch machten Gertrud Bäumer Sorgen. Als eine der Wenigen war ihr bewusst: »Niemand denkt an die Frauen!«

Sie war gut darin, in den bestehenden Strukturen Veränderungen zu schaffen. Ihr Kalkül: Sich erst einmal zu beweisen und dann die »Belohnung« einzufordern. So war es immerhin auch mit dem deutschen Frauenstudium gewesen: Erst war einzelnen Frauen unter erschwerten Bedingungen zugestanden worden, es zu versuchen und als die bewiesen hatten, dass das weibliche Geschlecht in der Lage war, sich die Fähigkeiten anzueignen, wurde ihnen ein Recht auf hohe Bildung erteilt. So, dachte Bäumer, könnte es auch mit dem Frauenwahlrecht gehen, einem seit Jahrzehnten heftig diskutierten Thema im damaligen Deutschland.

Zur Zeit Dr. Bäumers herrschte ein Drei-Klassen-Wahlrecht für Männer. Die Stimme wurde nach der Höhe der entrichteten Steuern gewichtet. Noch mehr als heute machten also vermögende Männer die Politik.

Als dann 1914 der Krieg begann, stand Dr. Bäumer Gewehr bei Fuß – für die sogenannte Heimatfront. In einer Hau-ruck-Aktion organisierte sie mit Ausbruch der Schlacht und dem damit verbundenen Abzug fast aller Männer aus dem öffentlichen Leben, eine reichsweite Frauen- und Familienhilfe. Müttern und jungen Ehefrauen, ja auch Töchtern, musste nun beigebracht werden, den Alltag zu regeln, vor allem finanziell. In vielen Familien hatten die Männer die Hand auf dem Geld, und die Frauen keine Idee davon, wie sie Miete überwiesen oder einen Antrag stellten – ja, viele von ihnen verdienten überhaupt zu wenig oder gar kein Geld, um ihre Familie durchzubringen. Staatliche Unterstützung? Fehlanzeige! Bei der Planung des Krieges war offensichtlich nicht eine Minute darüber nachgedacht worden, was in der Heimat passierte, wenn fast die Hälfte der Erwachsenen fehlte. Jene Hälfte, der doppelt so viele Rechte zustanden.

Doch die Frauen halfen einander! Bürgerliche Damen und Arbeiterinnen saßen zusammen, unterrichteten einander im Rechnungen Bezahlen und Stopfen von Strümpfen.

Dr. Bäumer brachte sie zusammen, ihr Bund deutscher Frauenvereine (BDF) rettete buchstäblich Leben.

Vorstand des ersten Frauenkongresses Gertud Bäumer in der Mitte

Sie erhoffte sich davon zweierlei: Zum einen schlicht und ergreifend, dass Frauen und Kinder gut durch den Krieg kamen, zum anderen aber auch, dass am Ende des Krieges das Frauenwahlrecht eine der Belohnungen sein würde. Immerhin bewiesen sich Frauen während der Kriegsjahre, sie zeigten, dass sie »es« konnten.

Doch wie so oft, legten die Herren der Schöpfung zum Kriegsende eine beeindruckende Ignoranz gegenüber dem weiblichen Schaffen an den Tag. Das allgemeine, gleiche Wahlrecht kam – für die Männer. Mit einer faszinierend-impertinenten Attitüde “vergaß” der Kaiser in seiner Ansprache abermals die Frauen, die er auch schon zu Kriegsbeginn nicht bedacht hatte.

Das Wahlrecht für Frauen wurde erst dank der Sozialdemokrat*innen, die nach der deutschen Revolution die Macht übernahmen, eingeführt. Sie hatten es bereits seit Bebels Zeiten auf der Agenda gehabt.

Für Dr. Bäumer, eine Bürgerliche, muss dies ein Sieg mit einem lachenden und einem weinenden Auge gewesen sein. Sie blieb ihrem Muster, die Veränderung innerhalb des Systems voranbringen zu wollen, jedoch treu. Mit der Errichtung der Weimarer Republik wurde sie noch politischer: Erst war sie für die von ihr mitbegründete DDP in der verfassungsgebenden Nationalversammlung, später im Reichstag. 1922 wurde sie erste deutsche Ministerialrätin und diesen Posten behielt sie, bis die Nazis in Deutschland die Macht ergriffen und alle Frauen von politischen Ämtern absetzten. Ob es für sie eine Genugtuung war, dass ihre Stelle mit zwei Männern besetzt wurde? Offensichtlich war es einem allein nicht möglich, das Arbeitspensum einer Gertrud Bäumer zu bewältigen.

Wenigstens erlebte ihre Helene Lange das nicht mehr mit, sie starb 1930.

Bäumer musste im kommenden Jahrzehnt dabei zusehen, wie all ihre Arbeit von den Faschisten zunichtegemacht, wie weibliches Schaffen und Wirken aus der Öffentlichkeit und dem Wissen gestrichen wurde. Es muss schnell gegangen sein, die Nazis hatten es in ihrer Position nicht nötig, Zugeständnisse zu machen oder subtil vorzugehen. Es geschah eben das, was immer passierte, sobald Nazis Macht bekommen. Einzig das aktive Frauenwahlrecht wurde zumindest auf dem Papier nicht abgeschafft: Aktiv wahlberechtigt waren Frauen in der Diktatur des Dritten Reiches genauso wie Männer (…)

Dr. Bäumer zog sich Mitte der 1930er nach Schlesien zurück, wo sie sich im oberen Geschoss eines kleinen Schlosses häuslich einrichtete. Von hier aus gab sie so lange wie möglich die Zeitschrift »Die Frau« heraus, machte dafür aber viele Zugeständnisse an die faschistische Linie im Land. Dafür erntete sie Kritik von ihren Verbündeten, doch sie konnte nicht anders: Neben der Veröffentlichung von Büchern und der Abhaltung von Vorträgen, war es das Einzige, das ihr als Rebellion blieb. Und sie hoffte wohl noch immer, innerhalb des Systems etwas zum Besseren verändern zu können; es war ihr schlicht nicht möglich, ihre Vorgehensweise, mit der sie doch vor wenigen Jahren noch alles und jede*n bekommen hatte, einfach so abzulegen. »Die Frau« aufzugeben kam auch nicht infrage! Wenn sie als Schriftführerin nicht abtreten wollte, blieb ihr nur, sich  nationalsozialistischer Frauenpolitik anzunähern Die Zeitung wurde dann 1940 wegen Papiermangels eingestellt, im selben Jahr erhielt Dr. Bäumer ein Vortragsverbot. 

So müssen die Jahre bis zur Entmachtung der Nazis ein stetes Warten und Bangen gewesen sein. Erst nach Kriegsende konnte Dr. Bäumer sich wieder umtun, 1946 erschien ihr Buch »Der neue Weg der deutschen Frau«. Die schweren Zeiten und das Alter schienen an ihr zu nagen, Dr. Bäumer trat wie viele bürgerliche Frauen und einstige DDP-Mitglieder der CDU bei. Ansonsten wurde es mit einer chronischen Erkrankung ruhig um sie, sie verstarb Mitte der 1950er in einer Heilanstalt in Bethel, wo sie auch beerdigt wurde.

Durch die Bemühungen einiger moderner Frauenrechtlerinnen – denn Frauen halten zusammen, ganz wie Dr. Bäumer es vorgelebt hatte – ziert ihr Name heute wenigstens den Stein des Ehrengrabes ihrer großen Liebe Helene Lange in Berlin.

Quellen: https://www.dhm.de/lemo/biografie/gertrud-baeumer

Bildnachweis: https://de.wikipedia.org/wiki/Gertrud_B%C3%A4umer#/media/Datei:Vorstand_des_ersten_deutschen_Frauenkongress_Anfang_M%C3%A4rz_1912_in_Berlin.jpg

https://de.wikipedia.org/wiki/Gertrud_B%C3%A4umer#/media/Datei:B%C3%A4umerGertrud1930.jpg

Ein Beitrag von Claudi Feldhaus

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
0 Comments
Inline Feedbacks
View all comments