20.12 – Staub (Paula Roose)

109, 110 … 111? Nekrosus schüttelte die Phiole und setzte noch einmal an. Gebannt starrte er auf die Öffnung und ließ sie über seinem Gläschen schweben.
Nichts.
Das konnte nicht sein! Er brauchte 111 Tropfen. »Wenn du einen weniger nimmst, bist du Asche. Also verzähl dich nicht«, hatte Proelia gesagt.
Er hatte sich nicht verzählt. Wütend schmetterte er die Phiole gegen das Gemäuer der Hexenküche. Verdammte Elfenkacke! Um Mitternacht musste er das Akrenkraut aus der Drachenhöhle holen. Kein anderer Bewohner der Burg war klein genug, um sich hineinzuschleichen, und nur darum war er noch am Leben. Aber ohne das Elixier kam er nicht wieder heraus. Alles Kleinsein half nichts gegen den abscheulichen Gestank des Krautes. Da konnte er gleich an der Haustür läuten. Um nicht vom Drachen in eine Fackel verwandelt zu werden, brauchte er das Elixier. Es schützte mit einer Blase vor dem ersten Feuerstoß. Zeit genug, um zu entkommen.
Ohne Elixier kein Akrenkraut. Ohne Akrenkraut war er nutzlos. Nutzlose Wesen verwandelte die Hexe in Staub. Mit Leichtigkeit konnte sie sich einen neuen kleinen Elfen fangen.
Hektisch schwirrte er hin und her, versuchte, in seinem Hirn den einen rettenden Gedanken zu finden, trommelte mit den Händen gegen seine Stirn und fand und fand nichts. So sehr steigerte er sich hinein, dass er zu kreiseln begann, durch die Küche schoss und sich gerade noch fing, bevor er um Haaresbreite ins Herdfeuer stürzte.
Auf dem Küchentisch saßen Dukolius und Laktosus mit verschränkten Armen und schauten ihn entgeistert an.
»Du flatterst herum wie eine besoffene Schmeißfliege«, sagte Dukolius kopfschüttelnd. »Was ist los?«
»Proelia hat mir einen Tropfen zu wenig gegeben.« Hastig wischte er sich eine Träne aus dem Auge. »Heute Nacht ist es mit mir vorbei. Dann werde ich Asche sein – oder Staub.«
»Na, na, na.« Laktosus erhob sich und kam zu ihm herübergeflattert. »Geh zu ihr und bitte sie um einen Tropfen.«
»Ihr sagen, dass sie einen Fehler gemacht hat?«
Laktosus runzelte die Stirn »Na gut. Dann müssen wir dir einen besorgen.«
»Aus ihrem Ratszimmer?«
»Woher sonst?«
»Und wie, bitteschön, willst du das anstellen?« Wie oft hatte Nekrosus versucht, zu fliehen. Doch an Proelia vorbei gab es keinen Weg. Sie sah und hörte alles und der Bann, den sie um die Burg gelegt hatte, war stark – zu stark für einen kleinen Elfen.
»Warten, bis sie rauskommt.«
»Glupschauge ist bei ihr«, warf Dukolius ein.
»Siehst du!« Nekrosus verdrehte die Augen. »Wenn der bei ihr ist, wird sie die halbe Nacht nicht herauskommen.«
Niemand wusste, wer dieses Wesen, das sie Glupschauge nannten, war. Sie vermuteten in ihm eines der bedauernswerten Geschöpfe, die Proelia aus Lust und Laune in ein Irgendwas verwandelte. Sein Kopf war so dünn, dass nur ein Auge in seinem Gesicht Platz hatte. Nach unten wurde sein Körper immer breiter und endete in plateauartigen Füßen, als wäre er ein Turm.
»Umso besser«, fuhr Laktosus fort und rieb sich die Nase. »Wir schleichen uns nacheinander ins Ratszimmer und verstecken uns hinter ihm. Auf Kommando lenken Dukolius und ich sie ab. Sie wird wütend sein, aber wir sind nützlich. In der Zeit kannst du dich zum Regal schleichen und den Tropfen holen.«
Nekrosus schaute seine Freunde hoffnungsvoll an. Die beiden hatten eine äußerst nützliche Eigenschaft. Sie konnten bei Vollmond für genau sieben Sekunden in die Zukunft schauen. Proelia würde sie bestrafen, aber niemals hellsichtige Elfen töten.
»Das würdet ihr für mich tun?«, fragte er mit einem letzten Rest Zweifel.
Die Freunde nickten.

Gemeinsam flatterten sie durch die dunklen Gänge der Burg. Wie immer stand die Tür zum Ratszimmer einen Spalt auf. Ein flackernder Lichtschein fiel auf den Flur. Es hätte einladend sein können, dränge nicht Proelias krächzende Stimme heraus. Die Freunde warfen sich einen Blick zu.
»Und wenn es schief geht?«, flüsterte Nekrosus.
Dukolius antworte nicht und schlüpfte durch den Spalt, dicht gefolgt von Laktosus, der Nekrosus keine Wahl ließ und ihn mit festem Griff hinter sich herzog.
Also gut.
Hinter Glupschauges Rücken fanden sie sich ein. Dieser lauschte Proelias Worten und nickte dabei so eifrig, dass man fürchten musste, sein Auge fiele jeden Augenblick aus dem Kopf und platschte auf den Boden.
Nekrosus hörte sein Herz pochen.
»Ihr wagt es!«
Die Hexenstimme hieb auf ihn ein. Ein Blitz schoss an ihm vorbei, abgefeuert aus Proelias Zauberstab. Er fuhr herum. Geschickt wichen seine Freunde aus. Dafür wurde Glupschauges Pinselhaarschopf versengt. Das Turmwesen fiel erschrocken auf den Rücken und begann wild zu zucken.
»Los!«, zischte Dukolius und flatterte gemeinsam mit Laktosus um Glupschauges Kopf herum, im wilden Tanz Proelias Blitzen ausweichend.
Nekrosus hatte sich zwischen die Füße des Turmwesens geduckt. Oben rechts im Regal sah er die rettende Flasche stehen.
Jetzt!
Todesmutig flog er über den Boden, stieg an Büchern auf, höher und höher, bewegte nur seicht seine Flügel. Er konnte schleichen, verdammt, er konnte schleichen. Und er war klein, nützlich klein.
Nur noch wenige Buchrücken nach rechts, fünf, vier, … Er warf einen Blick zu seinen Freunden. Im Zickzack schossen sie durch den Raum. Drei, zwei …
Ein Schlag traf ihn wie Hammer auf Amboss. Der Blitz schleuderte ihn gegen das Gemäuer. Er spürte den Aufprall kaum, glitt zu Boden, konnte nicht mehr atmen, nicht denken, versank in Schwarz.

Proelias Stimme drang von Ferne an sein Ohr, kam langsam näher, wurde lauter. Sie gab Glupschauge Anweisungen, als wäre nichts geschehen.
Blinzelnd öffnete er die Augen. Oben im Regal, neben der Elixierflasche, erblickte er seine eingefrorenen Freunde. Das war nicht das erste Mal. Spätestens bei Vollmond würde Proelia sie wieder auftauen. Aber sein eigenes Schicksal war nun Staub.
An der Burgmauer suchte er nach Halt, um sich aufzurichten. Doch statt des Gemäuers spürte er …
Nichts?
Sein Herz pochte. Konnte es sein? War dort ein Spalt? Hatte er den einzigen winzigen Riss im Bann gefunden? Jetzt und hier? Zitternd tastete er über die Wand. Kein Zweifel. Da war eine Lücke. Und er war klein genug, um hineinzuschlüpfen. Nützlich klein. Er warf seinen Freunden einen Blick zu und ihm war, als würden sie zwinkern.
Er zwinkerte zurück, drehte sich um und verschwand.

**Autorin des Beitrags ist Paula Roose

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