Literarische Weltreise zum Frauenwahlrecht – Marjane Satrapi (Iran)

Aus dem kurdischen Teil des Iraks reisen wir in den Iran.

Eine weiße Weltkarte mit zwei goldenen Flecken in der Position des Iraks und dem Iran. Ein roter Pfeil führt vom ersten zum zweiten.

Seit 1963 existiert im Iran das freie Wahlrecht für Frauen. Marjane Satrapi wurde 6 Jahre später als Tochter eines liberal-wohlsituierten Paares aus dem Bildungsbürgertum geboren, die sie von Anfang an in politische Diskussionen innerhalb ihrer Wände einbezogen. Unter der Diktatur des Schahs wurde der Iran in den 60/70er Jahren verhältnismäßig wohlhabend, die Bildungschancen für Frauen waren gut, Zugang zu Abtreibung legal und das Scheidungsrecht weiter entwickelt als beispielsweise in der BRD. 

Dennoch herrschte Unfreiheit von Presse und Meinung, das Land war verschlossen, politische Kritiker*innen wurden gewaltsam verfolgt. Die kleine Marjie, wie sie in der Familie gerufen wurde, begann früh ihre Eindrücke zu zeichnen und entwickelte ein Talent, eine Geschichte in Bildern wiederzugeben. Eine Weile strebte sie an, Prophetin zu werden, wurde sie von ihrer Großmutter ermutigt und arbeitete mit ihr zusammen ihre Thesen aus. Als Satrapis Lehrerin von diesem »Berufswunsch« erfuhr, beorderte sie die Eltern zu sich, die das Kind in Schutz nahmen. Zuhause aber sagten sie dem Mädchen, dass sie derlei in der Öffentlichkeit nicht preisgeben sollte, da im Iran solche Ideen als Schah-kritisch angesehen werden und die Familie in Gefahr bringen konnten.

Um grunddemokratische Werte zu erlangen, ging die iranische Bevölkerung Ende der 70er Jahre auf die Straße, auch die Familie Satrapi. Politische Gefangene wurde während der Revolution von den Massen aus den Gefängnissen befreit, u.a. Satrapis Onkel Anusch, ein kommunistischer Gelehrter. Mit ihm führte die gerade Elfjährige tiefe Gespräche und erlangte ein ureigenes Vertrauen in die Idee der Gleichheit aller Menschen und an die Vernunft.

Islamische Fundamentalisten rissen die Erfolge der Revolution an sich und fälschten die erste freie Wahl zu ihren Gunsten. Dann ging alles Schlag auf Schlag; politische Gegner*innen, zu denen Onkel Anusch nun wieder zählten, wurden verhaftet und hingerichtet – ein Verlust, der das Kind in den Grundtiefen und in ihrem muslimischen Glauben erschütterte. Frauen und Mädchen mussten bald ihr Haar und ihren Körper bedecken, ihre Gerichtsbarkeit wurde im wahrsten Sinne des Wortes halbiert. 

Zwar genießen Frauen im Iran nach wie vor das gleiche Wahlrecht, aber die Vermutung, dass die Wahlen gefälscht werden, ist doch allzu naheliegend. 

Kurz nach Beendigung der “Iranischen Revolution” begannen Iran und Irak einen Krieg, der sämtliche Gedanken über gesellschaftlichen Fortschritt in der breiten Bevölkerung zerstreute.

Selbstbewusst und wortgewandt erzogen geriet Satrapi als Teenager oft mit Lehrkörpern aneinander, sogenannte Religionswächterinnen erwischten sie beim illegalen Kauf von Iron Maiden Kassetten. Nach wie vor legte sie sich mit ihren Lehrerinnen an und benannte die Lügen, die den Kindern aufgetischt wurden. Nur knapp entkam das junge Mädchen mehrere Male harten Strafen; die Angst der Eltern, dass ihre Tochter verhaftet werden könnte, wurde übermächtig. So entschied die Familie, dass der Teenager nach Österreich zu einer Freundin der Mutter ziehen und eine französische Schule besuchen sollte. 

Trotz quälendem Heimweh und der Sprachbarriere vollendete Satrapi ihre Schulbildung in Wien und kam als 19-Jährige zurück nach Teheran. Das Land hatte den Krieg hinter sich gebracht, doch war nicht mehr mit jenem zu vergleichen, in das sie hineingeboren worden war. 

Marjane Satrapi führte ein Doppelleben. Auf der Straße bedeckt mit Kapuze und langem Mantel, auf privaten Veranstaltungen war sie die moderne Studentin in europäischen Stil. Sie beendete ihr Studium der Künste, aber ihre Ideen über Bücher und Malereien gingen mit denen der Diktatur, in der sie lebte, diametral auseinander. 

Nach einer gescheiterten Ehe, entschied sie einmal mehr nach Europa auszuwandern und ihre Familie zurückzulassen. In Paris baute sie sich eine kleine Welt auf, veröffentlichte Kinderbücher und im Jahr 2000 ihre Dilogie »Persepolis«, aus der sie als Regisseurin mit einem kleinen Team den gleichnamigen, international erfolgreichen Animationsfilm machte. 

Es ist ihre Geschichte, ihre Kindheit und Jugend im Iran. Der Film ist in ihrem Geburtsland verboten. 

Seitdem ist sie gefragte Filmemacherin, »Huhn mit Pflaumen« wurde ihr zweiter großer Erfolg.

Am letzten Abend, bevor sie als Teenager nach Österreich gehen sollte, hatte ihre Großmutter, eine Frau von der sie in ihren Geschichten immer wieder erzählt, ihr jenen Rat mitgegeben, an den sich Marjane Satrapi ein Leben lang halten würde: »Bleib integer und dir selbst immer treu.«

Autorin: Kakaobuttermandel (Claudi Feldhaus)

Der nächste Beitrag führt uns ab dem 18.02.2020 nach China.

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