22.12 – Das Mädchen mit den Streichhölzern (Felicity Green)

Am Himmel zerplatzten immer wieder laut Sterne und fielen wie ein bunter Lichterregen herab. Nein, keine Sterne. Feuerwerk hatte Papa es genannt. Ich hielt den Blick nach oben gerichtet, obwohl mir schon der Nacken wehtat. Aber so musste ich nicht das Mädchen anschauen.
Mein Vater hatte mich fest in den Arm genommen, obwohl er dabei in die Hocke gehen musste, weil Papa so groß war und ich klein. Sonst sagte Papa dann immer, das Knie tat ihm weh. Er hielt mich, wegen der Kälte, und weil er mich trösten wollte. Wegen dem Mädchen.
„Wo bleiben die bloß?“, murmelte er in die Stille hinein. Die waren wohl die, mit denen er vorhin am Handy geredet hatte. Er hatte sich von mir weggedreht und leise geredet, aber ich hatte es trotzdem gehört.
„Kommen Sie schnell! Nein, das Mädchen ist nicht mehr zu retten. Schon ein paar Stunden tot, glaube ich … Sie ist, äh … ganz steif. Aber ich bin hier mit meiner kleinen Tochter. Ich weiß, wir müssen hier auf Sie warten, aber ich würde sie gerne so bald wie möglich hier wieder weg bringen … so ein Anblick … Nein, es gibt niemanden. Meine Mutter, bei der waren wir gerade Sylvester feiern, aber die ist nicht mehr gut zu Fuß … Keiner hier. Nur Geschäfte. Wir wollten durch die Gasse abkürzen, um schnell nach Hause … Ja, wir bleiben hier. Beeilen Sie sich, bitte.“
Jetzt mussten wir eben auf die warten.
„Holen sie das Mädchen ab, Papi?“
„Ja.“
„Bringen sie es heim, zu ihrer Familie?“
Ich schaute jetzt nicht mehr den Himmel, sondern Papa an und er sah traurig aus. „Ich weiß nicht, ob das Mädchen ein Zuhause hat, Maus. Aus irgendeinem Grund musste sie jedenfalls auf der Straße leben.“
Ich wagte einen schnellen Blick auf die nackten, ganz schmutzigen Füße, die unter der dünnen Decke hervorschauten. Wenn sie einen Papa gehabt hätte, dann hätte der geschimpft, dass sie die Füße waschen soll. „Aber wo bringen sie denn dann hin?“
Papa verzog das Gesicht. „Vergiss, was ich gesagt habe, Maus. Ich kann nicht klar denken. Natürlich hat sie eine Familie. Sie finden ihre Eltern und bringen sie zu ihr, ganz bestimmt.“
Obwohl Papa mich immer noch umarmte, wurde mir auf einmal eiskalt, als ich daran dachte, wie das Mädchen ganz allein hier gesessen hatte und vor lauter Frieren gestorben war. Ich zog die Nase hoch und als das nichts half, wischte ich mir mit dem Ärmel über das Gesicht. Papa schimpfte nicht, sondern streichelte meinen Rücken. Dann ließ er mich los, um mir ein Taschentuch zu geben.
„Papa, ihr war soooo kalt.“ Meine Stimme kam ganz heiser aus meinem Hals.
Mein Vater blickte zum Mädchen hinüber.
„Guck mal“, sagte er und zeigte auf etwas neben dem Mädchen. „Ich glaube, es war gar nicht so schlimm für sie. Ich glaube, sie hat die Kälte nicht gespürt. Sie hatte nämlich magische Streichhölzer.“
Ich schaute zu Papi hoch, dann zur Stelle, auf die er zeigte. Vorsichtig machte ich einen Schritt in die Richtung. Jetzt konnte ich sie erkennen. Drei Streichhölzer.
Papa nahm mich wieder in den Arm. „Siehst du, dass sie oben schwarz sind, und nicht rot, wie neue Streichhölzer? Das heißt, das Mädchen hat sie angezündet. Eins nach dem anderen. Und da es magische Streichhölzer waren, konnte sie in dem Licht der Flamme etwas sehen, was sie sich wünschte. Und es war für sie so real, als wäre es da. Bestimmt hat sie sich als erstes einen Kaminofen gewünscht. Da hat es sich angefühlt, als ob der Ofen direkt vor ihr stünde und sie hatte es schön warm.“
Ich runzelte die Stirn. „Das geht?“
Mein Vater nickte heftig. „Mit magischen Streichhölzern schon.“
„Und dann hat sie die Kälte nicht gespürt und es war nicht so schlimm“, sagte ich erleichtert. „Was sie sich wohl mit den anderen Streichhölzern gewünscht hat?“
„Hmmm. Sicher was zu essen. Wenn sie auf der Straße gelebt hat, dann hatte sie nicht viel und war vielleicht hungrig. Da hat sie das zweite Streichholz angezündet und hat einen Tisch voller Speisen gesehen. Und es hat sich so angefühlt, als ob sie sich den Magen mit den leckersten Sachen vollgeschlagen hat.“
„Bestimmt Gänsebraten mit Kartoffelknödeln.“ Die hatte es vorhin bei Oma gegeben und es hatte so lecker geschmeckt. „Und Kakao. Und Schokopudding!“, fiel mir ein.
Ein Tat-Tü-Ta-Ta kam immer näher und es wurde so laut, dass ich gar nicht mehr das Pfeifen und Knallen des Feuerwerks hörte, das jetzt am Himmel zerplatzte. Ganz viele rote und orange Lichter breiteten sich am Himmel aus. Für einen Moment war auch die Gasse, in der wir standen, rot erleuchtet. Und ich sah das Gesicht des Mädchens, das vorher im dunklen Schatten gelegen hatte. In dem Licht leuchtete das Mädchen rot und orange.
Sie sah aus, als ob sie schlief. Sie sah glücklich aus.
„Ich weiß, was das Mädchen mit dem letzten Streichholz gesehen hat, Papi.“
„Ja?“
„Sie hat sich gewünscht, dass ihre Mami vom Himmel kommt und sie abholt. Weißt du, von da oben, im Himmel, wo auch meine Mami ist? Ihre Mami kam auf einem Stern vom Himmel geflogen. Der hatte einen rot-orangenem Feuerstreifen, so schnell war der Stern. Und dann hat die Mami das Mädchen mitgenommen, mit zu sich in den Himmel.“
Mein Vater ging vor mir in die Hocke und nahm mein Gesicht in seine kalten Hände. Er lächelte, aber ein paar Tränen kamen aus seinen Augen. „Genau so war es.“
Ein paar Leute kamen in die Gasse und mein Vater richtete sich auf. „Ah, da sind sie endlich.“ Er wischte sich mit dem Ärmel über das Gesicht. Ich hielt ihm mein Taschentuch hin, aber er sah es nicht, sondern drehte sich den Leuten zu.
Ich glättete das zusammengeknüllte Taschentuch und ging schnell zu dem Mädchen. Ich versuchte ganz arg nicht die dreckigen Füße anzuschauen, als ich mich niederkniete. Vorsichtig hob ich die drei Streichhölzer auf und wickelte sie in das Taschentuch ein.
Dann steckte ich die magischen Streichhölzer in meine Jackentasche.

**Autorin des Beitrags ist Felicity Green

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