8.12 Ausgekräht (Elena)

Es war einmal eine Patchwork-Familie mit zwei Töchtern, davon war die eine schön und fleißig, die andere hässlich und faul. Da aber letztere das Kind der Frau war, hatte die Frau diese Tochter viel lieber. Weil der Vater der anderen Tochter nie Zuhause war, musste diese all die von der Stiefmutter aufgetragene Arbeit tun.
Das arme Mädchen musste sich täglich raus zum Brunnen des alten Bauernhofes setzen und spinnen, dass ihm das Blut aus den Fingern sprang, damit seine Stiefmutter genug Garn zum Häkeln von exklusiven Bio-Designern-Klamotten für Kleinkinder hatte. Gesellschaft leistete dem Mädchen dabei nur ein Hahn, der von seinem Vater gerettet worden war, bevor dem Gockel wegen Lärmbelästigung in der Stadt der Hals umgedreht werden konnte.

Nun trug es sich zu, dass die Spule einmal ganz blutig war, da bückte sich das Mädchen damit in den Brunnen und wollte diese abwaschen. Jedoch fiel ihm die Spule hinein. Unglücklich weinend lief es zu seiner Stiefmutter, doch diese schalt es unbarmherzig: „Hast du die Spule hinunterfallen lassen, so hol sie auch wieder herauf.“ Das Mädchen ging zum Brunnen zurück und wusste sich keinen Rat, so dass es in seiner Verzweiflung in den Brunnen sprang, um die Spule zu holen.
Als es aus seiner Besinnungslosigkeit erwachte, fand das Mädchen sich auf einer schönen Wiese voller Blumen beschienen von der Sonne wieder. Als es die Wiese verließ, kam es an einem Backofen voller Brot vorbei, welches rief: „Ach, zieh mich raus, zieh mich raus, sonst verbrenn ich: ich bin schon längst ausgebacken.“ Da trat es heran und holte mit einem Brotschieber nacheinander alle Laibe heraus und sprach dabei: „Selbstgemachtes Brot, das ist heute echt selten. Wie herrlich es duftet!“

Danach ging es weiter und kam zu einem Baum voller Äpfel, der ihr zurief: „Ach, schüttel mich, schüttel mich, wir Äpfel sind alle miteinander reif.“ Das Mädchen schüttelte den Baum, bis alle Äpfel abgefallen war, legte diese zu einem Haufen zusammen und dachte, dass solche regionale Bio-Qualität sonst schwer zu bekommen sei.
Schließlich erreichte das Mädchen ein kleines Haus, aus dem eine alte Frau schaute. Da die alte Frau so große Zähne hatte, wollte das Mädchen schon davonlaufen, doch die Alte rief ihm nach: „Was fürchtest du dich, liebes Kind? Bleib bei mir, wenn du alle Arbeit im Hause ordentlich tun willst, so soll dir’s gut gehn. Du musst nur achtgeben, dass du mein Bett gut machst und es fleißig aufschüttelst, dass die Federn fliegen, dann schneit es in der Welt; ich bin die Frau Holle.“
Nach gutem Zureden der alten Frau willigte das Mädchen ein, bei ihr zu bleiben. Es tat wie ihm aufgetragen und schüttelte das Bett immer gewaltig, so dass die Federn wie Schneeflocken umherflogen. Im Gegenzug hatte es ein gutes Leben bei Frau Holle, nie wurde es gescholten und es gab immer gutes Essen.

Doch nach einer Zeit wurde das Mädchen traurig und erkannte schließlich, dass es Heimweh hatte, obwohl es hier viel besser als Zuhause ging. So wandte es sich an Frau Holle und diese zeigte Verständnis: „Es gefällt mir, dass du wieder nach Haus verlangst, und weil du mir so treu gedient hast, so will ich dich selbst wieder hinaufbringen.“
Die alte Frau nahm es an die Hand und führte es vor ein großes Tor. Dies wurde aufgemacht und als das Mädchen gerade darunter stand, fiel ein gewaltiger Goldregen. Das Gold blieb an ihm hängen, so dass es über und über davon bedeckt war. „Das sollst du haben, weil du so fleißig gewesen bist,“ sagte Frau Holle und gab ihm auch die Spule wieder, die dem Mädchen in den Brunnen gefallen war.

Im nächsten Moment war das Tor verschlossen und das Mädchen befand sich wieder oben auf der Welt, nicht weit entfernt vom Bauernhof. Als es in den Hof kam, saß der Hahn auf dem Brunnen und rief:
„Kikeriki, unsere goldene Jungfrau ist wieder hie.“

Angesichts des vielen Goldes wurde das Mädchen gut von seiner Mutter und Schwester aufgenommen. Das Mädchen erzählte, wie ihm geschehen war, und als die Stiefmutter hörte, wie es an den Reichtum gelangt war, wollte sie dies auch für ihre eigene Tochter.
So musste sich die hässliche und faule Tochter an den Brunnen setzen und spinnen. Um den Ablauf zu beschleunigen, stach sie sich selbst in die Finger und fasste auch einmal in eine Dornenhecke. Danach warf sie die Spule in den Brunnen und sprang hinterher. Auch sie erwachte auf einer schönen Wiese und schlug denselben Pfad ein.

Als sie zum Backofen gelangte, rief das Brot erneut: „Ach, zieh mich raus, zieh mich raus, sonst verbrenn ich: ich bin schon längst ausgebacken.“ Die Faule aber zog nicht das Brot heraus, sondern antwortete: „Etwa aus Weizen? Ich habe eine Glutenunverträglichkeit, was soll ich mit Brot?“
Danach kam sie zum Apfelbaum, der rief: „Ach, schüttel mich, schüttel mich, wir Äpfel sind alle miteinander reif.“ Doch die Faule dachte nicht dran und sprach: „Die Äpfel sind alle klein und hässlich, die will doch sowieso niemand essen! Und außerdem ist der Fruchtzucker schlecht für die Leber!“
Beim Haus von Frau Holle angekommen fürchtete sie sich nicht vor der alten Frau, denn von den großen Zähnen hatte sie bereits gehört, sondern verdingte sich direkt bei ihr. Zuerst gab sie sich Mühe, doch dann sagte sie sich: „Wer will schon Schnee und das ständig? Warmes Wetter ist doch viel angenehmer!“ Fortan strengte sie sich gar nicht mehr an und genoss die Freizeit.

Frau Holle war deshalb die Faule bald leid und entließ sie aus ihrem Dienst. Als die alte Frau das Mädchen zum Tor geführt hatte, erwartete es einen Goldregen wie bei seiner Stiefschwester, doch stattdessen regnete es Pech auf das Mädchen. „Das ist zur Belohnung deiner Dienste“, sagte die Frau Holle und schloss das Tor zu.
So kam das Mädchen heim, aber es war mit Pech bedeckt, und dieses Mal rief der Hahn auf dem Brunnen: „Kikeriki, unsere schmutzige Jungfrau ist wieder hie.“
Daraufhin drehte die Hässliche dem Hahn den Hals um. Das Pech aber blieb fest an ihr hängen und wollte, solange sie lebte, nicht abgehen.

6.12 Heimgesucht (June Is)

Beständig schlug er mit seiner Finne auf den massiven Stein. Ein Zischen begleitete jeden seiner Hiebe. Wieder und wieder. Winzige Splitter flogen in alle Richtungen.
John bearbeitete ihn immer schneller und stärker, bis der Stein die richtige Form bekam. Der letzte Schall des Setzhammers verklang und John betrachtete sein Werk mit Stolz. Schweiß benetzte seine Stirn. Sein T-Shirt klebte ihm am Rücken. Er spürte den winzigen, kühlen Hauch daher umso deutlicher.
Tief atmete er ein und schaute sich in der Werkstatt um, betrachtete seine Werkzeuge und Materialien – augenblicklich stellte sich wieder ein Gefühl der Geborgenheit ein. So hatte er es sich immer in den Armen einer Mutter vorgestellt, einer gütigen Mutter, nicht einer, die ihn in den Krieg geschickt hatte. Die Werkstatt war seit langer Zeit sein winziges Paradies. An diesem Ort wurden seine Gedanken von allem frei. Hier war er zuhause.

Zusammen mit ihr.

Oh nein! Nicht sie schon wieder! Besonders von ihr wollte er sich lösen. Johns größter Wunsch war es, ihr endlich zu entkommen. Aber dies gelang einfach nicht. Er wurde sie nicht los, sie war immer da.

Oh ja, das ist sie. Sie ist überall, wie ein Fluch.

Wieso hatte John der unbekannten uralten Frau diesen Schubs verpasst? Er war damals niedergeschlagen von der Front zurückgekommen. Woher hätte er wissen sollen, was passierte, wenn er ihren Wunsch nicht erfüllte? Die Alte wollte unbedingt dieses dämliche Feuerzeug aus dem Steinbrunnen gefischt haben. Aber wer wirft schon so ein Ding in einen Brunnen. Das wäre doch eh dahin und nicht mehr benutzbar … es war ihm äußerst merkwürdig vorgekommen. Vielleicht hatte er ein bisschen überreagiert. Das konnte doch mal passieren! Herrgottnochmal.
Sie hätte nicht gleich in den Brunnenschacht fallen dürfen. Er schluckte.
Wieder der kühle Luftzug.

Sie ist da, sag hallo!

Zum ersten Mal fühlte sich John in seiner Werkstatt bedroht. Er hatte keine andere Wahl, musste es endgültig beenden, sie besiegen.
Entschlossen griff er sich sein Steinbeil und eilte nach draußen, in den angrenzenden Wald. Es roch nach Bärlauch – grässlich – und der Vogelgesang schmerzte in seinen Ohren.

Es gibt kein Entkommen!

Für immer mit ihr leben? Der Gedanke machte John wahnsinnig. Sie trieb ihm Tränen in die Augen. Er stolperte von Baum zu Baum, über dicke Wurzeln, und er spürte, wie sie mit schweren Schritten näher kam.
„Wo bist du? Ich werde dir zeigen, wer der Stärkere ist!“

Stampf! Stampf!

Das monotone Erschüttern des Waldbodens ließ John taumeln, verursachte ihm Schwindel. Alles drehte sich. Die Welt wurde schief. Bäume brachen über ihm zusammen. John stolperte weiter, durch Sträucher, strauchelte, fiel hin, schmeckte das Moos und die torfige Erde, strampelte wie ein Kind. Seine Finger fortwährend um das Beil verkrampft. Zu viel Bärlauch, überall Bärlauch!

Stampf! Stampf!
Wie ein Korkenzieher bohrte sich der Gedanke an sie in sein Hirn.
S T A M P F!

Du kannst nicht vor ihr weglaufen!

Sie beugte sich über John und blickte ihn an. Mühelos verdrehte sie Johns Körper. Wieder dieser kalte, leise Hauch, der ihn umhüllte. Schwarz.

Lass sie herein! Ja, lass sie in dein Innerstes.

Plötzlich Stille. Nicht mal mehr Vogelgezwitscher. Nur diese laute, schauderhafte Ruhe.
Und dann wurde er gezwungen, ihr ins Gesicht zu sehen, dem alten Weib von damals. Ihr Gesicht war weiß wie Papier. Die Augen in den dunklen Höhlen funkelten. Ihre Wangen, die Falten mit schwarzen, wirren Linien bemalt, verzerrten sich, als sie John angrinste wie eine Wahnsinnige.
Sie hob die blaue Hand zum Gruß.

Und, fangen wir nun an, John? Oder wie lange willst du dich vor mir verstecken?

Das durfte nicht geschehen! Er kannte die abscheulichen Dinge, die das Geist-Weib mit ihm trieb … Es fühlte sich an, als würden hungrige Ratten in einer Zelle ohne Ausgang auf ihn losgelassen. Bereits jetzt hörte er das wütende Scharren ihrer Krallen.
Benommen kroch er auf dem Moos Millimeter für Millimeter voran. Er war nicht mehr fähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Gefangen in seiner Spirale aus nackter Angst wollte er es nur beenden. Die Stimme der Alten bohrte sich in Johns Gehirn. Sie drang mit jedem Atemzug tiefer und tiefer in ihn ein. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als ihr endgültig zu entkommen!

Hier ist sie, John! Lauf’ doch nicht weg!

Er lauerte, stand mühevoll auf, schwang die Axt, hielt inne – die Welt brach erneut über ihm zusammen. Sein Magen verkrampfte sich und er übergab sich. Salziger, metallischer Geschmack! Der Geruch von Galle stach ihm in die Nase. Tränen strömten. Blut! Sein Herz pochte, als er auf das Beil in seiner Hand blickte.
Die Alte durfte nicht mehr gewinnen, nie mehr! Er rappelte sich erneut hoch und schritt auf sie zu.
John holte aus. Ein kräftiger Hieb – ein irres Lachen – noch ein Schlag – schwarzes Blut an seiner Axt. Gesprenkelter Bärlauch. Hahaha!
Diesmal würde er nicht verlieren! Hahaha! Diesmal nicht!
Niemand hörte seine Schreie. Und dann war es vorbei.

Aber nicht doch. Bloß kein Applaus. Es war ihr eine Freude!

04.12 Das Märchen vom Rheinschiffer und dem finsteren Gesellen (Diandra Linnemann)

Es war einmal ein Rheinschiffer, der liebte seine Frau und seine Tochter sehr. Jeden Tag, bevor er das Haus verließ, um mit seinem Boot die Strömung zu bezwingen, küsste er beide auf die Stirn. Dann fuhr er hin und her, hin und her, bis es Abend wurde, und manchmal auch in der Nacht. Die Fähre verschaffte ihm ein gutes Auskommen, Hilde erwartete ihn jeden Abend mit einer warmen Mahlzeit und die kleine Tochter war ein Ausbund an Schönheit und Liebreiz. Seine einzige Sorge bestand darin, dass Gott ihm keinen Sohn schenken wollte. Jeden Sonntag in der Kirche flehte er auf Knien um einen Stammhalter. Aber die Jahre gingen ins Land, und der Leib seiner Frau rundete sich nicht.

Eines finsteren Abends klopfte es an die Tür. Der Regen prasselte auf das Dach der kleinen Hütte am Fluss. Als der Rheinschiffer die Tür öffnete, sah er einen unheimlichen Fremden. Er wirkte groß und hager. Ein langer Mantel schützte ihn vor dem Unwetter. Sein Gesicht wurde von einem breitkrempigen Hut verdeckt. Mit tiefer Stimme verlangte er die Überfahrt ans andere Ufer. Im Austausch bot er einen Beutel, der war schwer mit Münzen.

»Geh nicht«, bat Hilde, die Tochter auf dem Arm, »das Wasser ist gar zu garstig, und mir graut vor dem Fremden!«

Aber der Schiffer dachte an das Geld, das diese Fahrt ihm bringen würde. Das Boot kam in die Jahre und musste dringend ersetzt werden. Außerdem gab es auf dieser Seite des Flusses keine Wirtschaft, in der der Fremde unterkommen konnte, und ihre karge Mahlzeit reichte kaum für die drei Mäuler, die es ohnehin zu stopfen galt. Also nahm er seine Regenhaut vom Nagel, strich der kleinen Annalies noch einmal durch das schwarze Haar und ging hinaus in die Nacht.

Der Fluss war wild und unbändig, aber mit großem Geschick gelang es dem Fährmann, das Boot durch die schäumenden Wogen zu manövrieren. Er murmelte die Sprüche, die er von seinem Vater gelernt hatte. In seinem Inneren spürte er den Fluss aufbegehren, aber letztendlich beugten die Wasser sich einmal mehr seinem Willen.

Über ihren Köpfen zuckten die Blitze, als sie das andere Ufer erreichten. Der Donner grollte zwischen den Bergen. »Ich habe dir diese Münzen versprochen«, sagte der Fremde, »und du sollst sie haben. Oder verrate mir deinen geheimsten Wunsch, und ich will ihn dir übers Jahr erfüllen.« Seine Augen glühten in der Dunkelheit.

Der Rheinschiffer war wie verzaubert. »Einen Erben«, kam es über seine Lippen, »ich wünsche mir so dringend einen Erben, der die Familientradition in Ehren hält.«

Der Fremde lachte und entblößte scharfe Zähne. »Den kannst du haben, Schiffer, und die Münzen dazu. Ich habe wohl gemerkt, wie du dein Brot verdienst, und es wäre eine Schande, wenn ein derartiges Talent ausstürbe. Aber im dreizehnten Jahr werde ich wiederkommen und deinen Sohn mit auf die Wanderschaft nehmen. Nach einem Jahr und einem Tag mag er entscheiden, wie er sein Leben verbringen will.«

Der Rheinschiffer nickte betäubt. Ein harter Donnerschlag ließ ihn zusammenzucken, und als er die Augen wieder öffnete, war der Fremde wie vom Erdboden verschluckt. Allein der schwere Beutel in seiner Hand zeigte, dass die Begegnung kein finsterer Traum gewesen war. Die Münzen klimperten unheilvoll.

Der Schiffer beeilte sich, ans andere Ufer zurückzufahren, und erzählte weder Frau noch Tochter ein Sterbenswort von der unheimlichen Unterhaltung. Schon bald hatte er sich selbst davon überzeugt, dass er sich alles nur eingebildet hatte.

Die Tage gingen ins Land, und als der Frühling sich näherte, rundete sich der Leib der Schiffersfrau zusehends. Wie groß war die Freude, als ihnen schließlich der ersehnte Sohn geboren ward! Das Glück des Rheinschiffers schien perfekt. Frederik war flink und klug. Er lernte schnell und brachte seinem Vater nicht einen einzigen Tag Kummer. Er half im Haus, lernte alles über den Fluss und war stets gut zu seiner Schwester. Annalies liebte ihr Brüderchen und schleppte es immerfort mit sich, als sei es nur eine Puppe.

Allmählich aber näherte sich das dreizehnte Jahr, und der Rheinschiffer wurde immer unruhiger. Es graute ihm davor, sein Versprechen dem Fremden gegenüber einlösen zu müssen. Eines Tages also ging er in die Kirche und verlangte, den Pfarrer zu sprechen.

Dieser hörte sich die Geschichte ernst an und nickte bedächtig. »Du bist dem Leibhaftigen begegnet, guter Mann«, erklärte er schließlich, »und dieser hat dir das Versprechen über die Seele deines Sohnes abgenommen. Das ist der Lohn für deine frevelhafte Arbeit.« Denn der Pfarrer wusste sehr wohl, dass der Fährmann Wasserzauber wirken konnte.

Der Rheinschiffer war verzweifelt. »So sollen all die schönen Jahre umsonst gewesen sein?«, schrie er und raufte sich das Haar. »Am liebsten möchte ich uns alle ersäufen, um dass wir dieses Elend nicht erleben müssen.«

»Beruhige dich«, sprach der Pfarrer, »es ist noch nicht alles verloren.« Und er gab ihm einen großen, rostigen Nagel und hieß ihn, diesen ins Boot zu schlagen. »Dieser Nagel stammt aus dem Heiligen Land, vom Kreuze des Herren daselbst, und er besitzt große Macht. Wenn der Fremde kommt, sollst du ihn täuschen, dass er meint, deinen Sohn bei sich zu haben, und dann setzt du ihn über und bannst ihn mit einem Gebet, damit er sich dir und den deinen nicht wieder nähern kann. Dann wird dein Sohn auf ewig sicher sein.«

Der Rheinschiffer bedankte sich viele Male und eilte nach Hause, springend und pfeifend vor Glück. Den Nagel schlug er in den Bug seines Bootes, ohne seiner Frau etwas von der Sache zu erzählen.

So lebten sie in Fleiß und Glück weiter, bis der Junge das dreizehnte Lebensjahr vollendet hatte. Es gab Rosinenkuchen und Wein für alle, bis die Kinder schläfrig wurden. Den ganzen Abend über lauschte der Rheinschiffer auf Geräusche von Fremden, und als es abends donnerte und blitzte, klopfte es an die Tür.

Die Schiffersfrau erschrak. »Mir ist«, flüsterte sie, »als schliche eine große Katze ums Haus. Mach nicht auf!«

»Sei nicht bang, gute Frau«, beruhigte sie der Schiffer und öffnete die Tür.

Tatsächlich, draußen stand ein hochgewachsener Fremder mit Mantel und Hut. »Guten Abend, Rheinschiffer«, grüßte er. »Ich hoffe, es ist euch wohl ergangen?«

»Wir können nicht klagen«, antwortete der Schiffer.

»So gib mir, was wir vereinbart haben«, verlangte der Fremde, »und setze mich über, noch heute Nacht. Es soll dein Schaden nicht sein.«

Der Schiffer ging hinein, verabschiedete sich bei seiner Frau und schlug ein junges Schwein in einen dichten Mantel. Diesen drückte er dem Fremden in die Arme. »Der Bub schläft, seid leise!«

Die Überfahrt war so gefährlich wie die erste, aber der Rheinschiffer wusste Herrn und Kreuz an seiner Seite und verzagte nicht. Im Geist wiederholte er noch einmal die Lieder seiner Familie. Der Fremde stand still im Bug, das Bündel auf den Armen, und spähte über das Wasser hinaus, das um das Boot herum kochte und brodelte.

Schließlich erreichten sie wohlbehalten das andere Ufer. Der Rheinschiffer wartete, bis der Leibhaftige festen Boden betreten hatte, stieß sogleich das Boot wieder vom Ufer und erhob die Stimme. »Bei der Macht des Herren, der alles Leben geschaffen hat, halte dich fortan von meiner Familie fern!«

Das Boot knirschte. Wie vom Blitz getroffen schoss der Nagel des Kreuzes aus dem Bug und bohrte sich vor den Füßen des Fremden in den schlammigen Boden. Dieser brüllte vor Wut.

Von dem Lärm erwachte das Ferkel, grunzte und wühlte sich aus dem alten Mantel hervor. Es quiekte gar bitterlich. Der Fremde betrachtete es voller Abscheu. Seine Stimme trug über das schäumende Wasser: »Du hast mich nicht umsonst genarrt! Verflucht seien du und deine Nachkommen! Blut soll fließen, in jeder Generation, und kein erstgeborener Sohn soll die Weisheit Methusalems erreichen!« Er hob die Faust drohend gen Himmel, aber gegen die Macht des Kreuzes war er hilflos.

So schnell es ging, fuhr der Rheinschiffer zurück an sein Ufer, sprang vom Boot und hackte es in Stücke. Dann lief er hinein zu Frau und Kind, schloss beide in die Arme und schwor sich, nie wieder einen Fuß an das andere Ufer zu setzen. Er und seine Frau eröffneten ein Gasthaus an der Straße, auf der die müden Reisenden sich nach Colonia quälten, und so lebten sie glücklich und zufrieden bis ans Ende ihrer Tage.

Sommerliches Nornengestöber

Es ist wieder einmal eine Woche vorbei, was bedeutet, dass wir euch im Nornengestöber wieder mit passenden Artikeln und spannenden Beiträgen versorgen. Heute geht es um den Märchensommer, Bodyshaming und mehr!

Der Sommer ist in Deutschland angekommen. Gehört ihr zu denen, die die kletternden Temperaturen genießen oder sitzt ihr die Hitzewelle vor dem Ventilator aus? Egal zu welcher Fraktion ihr gehört, der Märchensommer ist für alle interessant. Unsere Nornenschwester Anne aka. Poisonpainter hat auch dieses Jahr wieder eine tolle Aktion für euch vorbereitet! Alle Infos findet ihr hier.

Auch wenn jetzt häufiger die Sonne scheint und die Zeit der ‚Winterdepression‘ endlich ein Ende hat, muss man doch auf sich achten. Pausen machen und Zeit für sich zu nehmen ist wichtig, klappt oftmals jedoch nicht:

Wenn ihr mit leerer Batterie arbeitet, scheitert ihr. Das Scheitern führt euch in eine gefährliche Spirale „Warum schaffe ich diese Kleinigkeit nicht?“ „Warum wirft mich das so aus der Bahn?“ – oftmals kommen von außerhalb Vorwürfe und Unverständnis.

Babsi aka. BlueSiren hat auf ihrem Blog darüber geschrieben, wie man sich gesunde Verhaltensmuster antrainiert und wie Veränderung in der menschlichen Psyche überhaupt funktioniert.

Sommer, Sonne, Sixpack? Wie jedes Jahr kommen auch diesen Sommer wieder die bekannten Diskussionen zum Thema „Kleidung“ und „Körpergröße“ zum Vorschein. Vor einigen Tagen gab es auf Twitter eine Auseinandersetzung, da dort der Spruch „bauchfreie Kleidung geht nur, wenn man auch bauchfrei ist“ gepostet wurde. Body Positivity und Body Shaming (der Link führt euch zu einer Erklärung der Begriffe) sind ein dauerhaftes Thema, kommen aber besonders im Sommer häufiger auf den Tisch, da Leggins, kurzärmelige T-Shirts und luftige, kurze Kleidung viel eines Körpers zeigen.

Auf Body Shaming und die furchtbaren Folgen, die es auf unsere Gesellschaft und die Psyche der Opfer hat, wurde schon im März von einer Bloggerin (Chaoskingdom) aufmerksam gemacht. Sie rief eine Blog-Reihe ins Leben, bei der auch die Norne Eva-Maria Obermann mitgemacht hat. Sie hat bereits letztes Jahr für das Onlinemagazin Face2Face einen Artikel zum Thema geschrieben. Ihren Blogartikel findet ihr hier, den für das Magazin hier.

Nornengestöber – 15.10.2017

Es ist wieder Zeit für das Nornengestöber! Diese Woche mit Infos zum Unistart, Hilfe für den NaNo, Märchen und mehr!

Trotz all dem Planungschaos für diverse Buchmessen und den NaNo wurde es auf den Blogs unserer Nornen nicht stiller. Hier einige lohnenswerte Beiträge aus dem Netzwerk (und Artikel die bei uns geteilt und zelebriert wurde), falls ihr nach der FBM noch ein bisschen Lesestoff sucht. Auf zur Stöberrunde!

Märchenhafte Informationen gibt es bei Poisonpainter gleich im Doppelpack. Inwiefern die Märchen der Gebrüder Grimm Volksmärchen sind und wie man Märchen für sich adaptieren kann könnte ihr bei ihr nachlesen.

Der Nano steht vor der Tür! Ihr habt noch nie mitgemacht oder wisst nicht genau ob es sich lohnt/ihr das könnt? Was der Nano ist und wie man mitmacht erzählt euch Jacqueline Vellguth von schriftsteller-werden.de. (Psst, falls ihr das Ganze nicht alleine anpacken wollt könnt ihr euch außerdem auf der Seite zum gemeinsamen Schreiben anmelden!)

Ihr wollt gegen den Strom schwimmen und während dem November lieber überarbeiten, während alle um euch herum an ihren Manuskripten verzweifeln? Hilfe und ein praktisches Worksheet bietet euch redbug-culture.

Die Uni fängt wieder an und zwischen den Reihen der SchriftstellerInnen finden sich viele GermanistikstudentInnen. Ihr fangt gerade erst an, seit mittendrin, schon fertig oder einfach nur interessiert am Fach? Michelle Janßen spricht auf ihren Blog nicht nur (sexistische) Probleme in der Germanistik, sondern auch Werke, welche im Studium oft vergessen werden an.

Ebenfalls zum Unistart findet ihr hier Tipps für Studiumsgestaltung mit Behinderung auf dem Blog von Ge(h)schichten. Komplett mit Hilfestellung zur Organisation, was auf einen zukommen kann als Person mit Behinderung und wie man am Besten die Hilfe bekommt, die man benötigt.

Und für alle, die die „im Winter nimmt man immer zu“-Sätze aus der Werbung nicht mehr hören können oder die diesen einen fiesen Arbeitskollegen satt haben, der die dummen Sprüche einfach nicht lassen kann, schafft Babsi alias Bluesiren Abhilfe. Warum du gut so bist, wie du bist und wie schädlich Bodyshaming in unserer Gesellschaft ist, könnt ihr euch bei ihr anschauen.

Die Märchenspinner bei den Nornen: Die große Märchenrallye

Wir freuen uns heute über einen besonderen Beitrag. Als stolze Station der großen Märchenrallye der tollen Märchenspinnerei haben wir für euch das Märchen „Allerleirauh“, den Lösungsbuchstaben N und einen fabelhaften Beitrag unserer lieben Elenor Avelle. Märchen sind grundlegende Texte, wenn wir auf die Geschichte der fantastischen Genres blicken. Umso mehr freut es uns, dass wir die Mächenspinnerei, die bekannte Märchen modern adaptiert, heute unterstützen können. Auf der Seite der Spinnerei findet ihr den Startbeitrag und alles wichtige zur Rallye und dem großen Gewinn.

Starke Frau: Allerleirauh ( von Elenor Avelle)

Allerleirauh ist eines der weniger bekannten Märchen, obwohl der Indikator, der die Handlung ins Rollen bringt, viel Aufmerksamkeit auf sich zieht.
Der König möchte seine eigene Tochter heiraten. Der inzestuöse Inhalt des Märchens ist der Teil, der am meisten Reaktionen hervorruft und gleichzeitig dafür sorgt, dass es aus den aktuellen Märchenbüchern ausscheidet.

Tiefer Eindruck

Ich muss zugeben, dass ich diese Information vollkommen vergessen habe. Als Kind habe ich zwar durchaus mitbekommen, dass der Vater die Tochter heiraten will, doch für mich war es nur eine weitere Ungeheuerlichkeit, wie sie am Anfang der meisten Märchen steht. Es erschien mir genauso schlimm, wie das Schicksal der anderen Märchenfiguren, die von ihren Eltern zum Sterben im Wald ausgesetzt werden, Meuchelmörder auf den Hals gehetzt bekommen oder als Sklave im eigenen Haus schuften müssen. Der Grund, warum Allerleirauh auf mich einen bleibenden Eindruck gemacht hat, war ein anderer. Im Gegensatz zu den anderen Prinzessinnen oder Heldinnen von Märchen, erschien mir Allerleirauh so viel selbstbestimmter. Während die anderen armen Mädchen von den Entscheidungen ihrer Mitmenschen umhergebeutelt werden, als wären sie ein Stück Treibholz auf rauer See und der Fortgang der Geschichte von den Nebencharakteren bestimmt wird, trifft Allerleirauh ihre eigenen Entscheidungen.

Sie stellt dem Vater schwierige Aufgaben, um ihn von seinem Vorhaben abzubringen, anstatt einfach zu jammern. Sie entschließt sich wegzulaufen, als ihr Plan scheitert. Es ist ihr eigener Entschluss, die Jäger, die sie im Wald aufstöbern, zu begleiten und es kommt ihr auch keine gute Fee zu Hilfe, die sie mit einem verzauberten Kürbis zum Fest des Prinzen schickt. Egal, ob sie sich nur Magd, zum pelzigen Wesen oder zur Ballkönigin macht, sie ist es selbst, die diese Entschlüsse fast. Selbst in ihrer Hilflosigkeit, wartet sie nicht einfach darauf, dass etwas passiert oder ein magischer Gehilfe daherkommt. Auch ihre Enthüllung als Königstochter leitet sie selbst in Wege, auch wenn sie es dem Prinzen selbst überlässt, ob er ihren Hinweisen nachgehen möchte.

fremde Häute

Neben der Charakterstärke der Protagonistin haben mich auch die Verwandlungen für das Märchen eingenommen. Zuerst ist es der Mantel aus verschiedenen Pelzen, dem Allerleirauh ihren Namen verdankt, der das Mädchen zu einem tierischen Fabelwesen werden lässt. Es kam mir als Kind magisch vor. Man streift sich eine andere Haut über und wird dadurch zu jemand anderem. Die tierische Komponente erinnert mich auch heute noch an Selkies und andere Mischwesen halb Tier halb Mensch. Dieses Rollenspiel erweckte in mir den Eindruck, man könne sein, wer man wolle, solange man nur die passende Haut überstreift und hat meine Vorstellung von der Wandelbarkeit des Menschen und dem Unterschied von Schein und Sein nachhaltig geprägt.

Ich finde es schade, dass Allerleirauh als Märchen so wenig bekannt ist. Allerleirauh zieht alle Register und lässt den Inzest nicht zu, während die restliche Obrigkeit, trotz Kritik, die Straftat scheinbar nicht abzuwenden vermag. Ihre gerechtfertigte Gegenwehr, gegen einen Beschluss der höchsten Instanz ( ihrem Vater, dem König ) halte ich für eine wichtige Botschaft.

Die Selbstbestimmung, mit der die Protagonistin ihre Geschichte selbst beeinflusst, ist für junge Mädchen mit Sicherhit lesenswerter, als das tragische Schicksal von Prinzessinnen, die schlafwandelnd nur darauf warten, dass ein Prinz daher geritten kommt, um sie zu retten.

Märchenrallye – Frage

Eine starke Frau also in der Version des Märchens, die wir heute kennen. Stark ist auch die Frage, die euch zur Märchenrallye hier erwartet. Wenn ihr euch mit der Antwort sicher seid, klickt auf den Link zum nächsten Blog und notiert euch die Buchstaben in der richtigen Reihenfolge. Viel Spaß bei der Rallye.

Was für eine Suppe soll Allerleirauh dem König immer kochen?

Eine Tomatensuppe (Nike Leonhard)
Eine Brotsuppe (Franzis Lesewelt)
Eine Hühnerbrühe (Vivien Lebensfroh)