Autoren Urlaub

Wo findet ihr was bei unserem Adventskalender (Cazze)

Der Adventkalender ist bereit in vollem Gange und wir haben euch schon einige literarische Leckerbissen serviert. Da man im Weihnachtstrubel gerne ein wenig die Orientierung verliert, möchten wir euch die Suche nach den Türchen ein bisschen einfacher gestalten und kleine Hinweise geben, wo ihr das nächste findet.

Gleich am ersten Tag geht es auf unserem Blog unter das Meer

Am zweiten Tag gibt es auf Facebook ein zauberhaftes Gedicht.

Die böse Stiefmutter hat am dritten Tag ihr Schuhproblem satt und postet es auf Instagram.

Am vierten Tag bekommen wir auf unserem Blog Besuch vom Rheinschiffer

Den Tag darauf wird es blumig auf Instagram.

Nikolaus feiern wir auf dem Blog, zusammen mit John.

An Tag sieben besucht König Drosselbart Mark Zuckerberg.

Ausgekräht hat es sich an Tag acht auf unserem Blog.

Am neunten Tag wird eine Prinzessin in den Bann sozialer Medien gezogen. Besonders Facebook hat es ihr angetan.

Füllt eure Kessel mit Popcorn. An Tag zehn geht es wieder heiß auf Instagram zu.

Da ihr danach sicher hungrig seid, gibt es danach etwas Leckeres zu Essen auf unserem Blog.

Vollgefuttert geht es wieder auf Instagram. Passt jedoch auf, dass die vielen bunten Bilder euch nicht blind machen.

Der dreizehnte ist eigentlich als Unglückstag verschrien. Jedoch nicht bei uns, den ihr könnt auf unserm Blog eine ganz besondere Rezension lesen.

Am vierzehnten packen wir die kurzen Hosen ein und springen mitten in den blauen Facebookpool 

Danach jagen wir auf dem Blog Legenden.

Um am Tag darauf wieder bei Facebook auf Safari zu gehen.

Der Instagrambeitrag am siebzehnten ist garantiert nicht hässlich.

Denn ihr erfahrt am achtzehnten auf unserem Blog, wie ihr euch gegen das Gift der bösen Königin schützen könnt. Und lecker ist es auch noch!

Am neunzehnten werdet ihr Instagram verfluchen, warum es euch das Türchen nicht schneller öffnet.

Ihr habt es fast geschafft! Passt vier Tage vor Weihnachten auf, dass ihr nicht zu Staub zerfallt. Sucht Schutz auf unserem Blog.

Habt ihr das überstanden, reist zum Mount Facebook und werdet verzaubert.

Danach braucht ihr Schwefelhölzer, um wieder zurück zum Blog zu finden.

Am vorletzten Tag statten wir Herr Zuckerberg noch einen Besuch ab.

Und ob wir an Heiligabend noch ein Türchen für euch haben? Keine Ahnung! Schaut doch mal auf Instagram!

*Autorin des Beitrags ist Cazze

8.12 Ausgekräht (Elena)

Es war einmal eine Patchwork-Familie mit zwei Töchtern, davon war die eine schön und fleißig, die andere hässlich und faul. Da aber letztere das Kind der Frau war, hatte die Frau diese Tochter viel lieber. Weil der Vater der anderen Tochter nie Zuhause war, musste diese all die von der Stiefmutter aufgetragene Arbeit tun.
Das arme Mädchen musste sich täglich raus zum Brunnen des alten Bauernhofes setzen und spinnen, dass ihm das Blut aus den Fingern sprang, damit seine Stiefmutter genug Garn zum Häkeln von exklusiven Bio-Designern-Klamotten für Kleinkinder hatte. Gesellschaft leistete dem Mädchen dabei nur ein Hahn, der von seinem Vater gerettet worden war, bevor dem Gockel wegen Lärmbelästigung in der Stadt der Hals umgedreht werden konnte.

Nun trug es sich zu, dass die Spule einmal ganz blutig war, da bückte sich das Mädchen damit in den Brunnen und wollte diese abwaschen. Jedoch fiel ihm die Spule hinein. Unglücklich weinend lief es zu seiner Stiefmutter, doch diese schalt es unbarmherzig: „Hast du die Spule hinunterfallen lassen, so hol sie auch wieder herauf.“ Das Mädchen ging zum Brunnen zurück und wusste sich keinen Rat, so dass es in seiner Verzweiflung in den Brunnen sprang, um die Spule zu holen.
Als es aus seiner Besinnungslosigkeit erwachte, fand das Mädchen sich auf einer schönen Wiese voller Blumen beschienen von der Sonne wieder. Als es die Wiese verließ, kam es an einem Backofen voller Brot vorbei, welches rief: „Ach, zieh mich raus, zieh mich raus, sonst verbrenn ich: ich bin schon längst ausgebacken.“ Da trat es heran und holte mit einem Brotschieber nacheinander alle Laibe heraus und sprach dabei: „Selbstgemachtes Brot, das ist heute echt selten. Wie herrlich es duftet!“

Danach ging es weiter und kam zu einem Baum voller Äpfel, der ihr zurief: „Ach, schüttel mich, schüttel mich, wir Äpfel sind alle miteinander reif.“ Das Mädchen schüttelte den Baum, bis alle Äpfel abgefallen war, legte diese zu einem Haufen zusammen und dachte, dass solche regionale Bio-Qualität sonst schwer zu bekommen sei.
Schließlich erreichte das Mädchen ein kleines Haus, aus dem eine alte Frau schaute. Da die alte Frau so große Zähne hatte, wollte das Mädchen schon davonlaufen, doch die Alte rief ihm nach: „Was fürchtest du dich, liebes Kind? Bleib bei mir, wenn du alle Arbeit im Hause ordentlich tun willst, so soll dir’s gut gehn. Du musst nur achtgeben, dass du mein Bett gut machst und es fleißig aufschüttelst, dass die Federn fliegen, dann schneit es in der Welt; ich bin die Frau Holle.“
Nach gutem Zureden der alten Frau willigte das Mädchen ein, bei ihr zu bleiben. Es tat wie ihm aufgetragen und schüttelte das Bett immer gewaltig, so dass die Federn wie Schneeflocken umherflogen. Im Gegenzug hatte es ein gutes Leben bei Frau Holle, nie wurde es gescholten und es gab immer gutes Essen.

Doch nach einer Zeit wurde das Mädchen traurig und erkannte schließlich, dass es Heimweh hatte, obwohl es hier viel besser als Zuhause ging. So wandte es sich an Frau Holle und diese zeigte Verständnis: „Es gefällt mir, dass du wieder nach Haus verlangst, und weil du mir so treu gedient hast, so will ich dich selbst wieder hinaufbringen.“
Die alte Frau nahm es an die Hand und führte es vor ein großes Tor. Dies wurde aufgemacht und als das Mädchen gerade darunter stand, fiel ein gewaltiger Goldregen. Das Gold blieb an ihm hängen, so dass es über und über davon bedeckt war. „Das sollst du haben, weil du so fleißig gewesen bist,“ sagte Frau Holle und gab ihm auch die Spule wieder, die dem Mädchen in den Brunnen gefallen war.

Im nächsten Moment war das Tor verschlossen und das Mädchen befand sich wieder oben auf der Welt, nicht weit entfernt vom Bauernhof. Als es in den Hof kam, saß der Hahn auf dem Brunnen und rief:
„Kikeriki, unsere goldene Jungfrau ist wieder hie.“

Angesichts des vielen Goldes wurde das Mädchen gut von seiner Mutter und Schwester aufgenommen. Das Mädchen erzählte, wie ihm geschehen war, und als die Stiefmutter hörte, wie es an den Reichtum gelangt war, wollte sie dies auch für ihre eigene Tochter.
So musste sich die hässliche und faule Tochter an den Brunnen setzen und spinnen. Um den Ablauf zu beschleunigen, stach sie sich selbst in die Finger und fasste auch einmal in eine Dornenhecke. Danach warf sie die Spule in den Brunnen und sprang hinterher. Auch sie erwachte auf einer schönen Wiese und schlug denselben Pfad ein.

Als sie zum Backofen gelangte, rief das Brot erneut: „Ach, zieh mich raus, zieh mich raus, sonst verbrenn ich: ich bin schon längst ausgebacken.“ Die Faule aber zog nicht das Brot heraus, sondern antwortete: „Etwa aus Weizen? Ich habe eine Glutenunverträglichkeit, was soll ich mit Brot?“
Danach kam sie zum Apfelbaum, der rief: „Ach, schüttel mich, schüttel mich, wir Äpfel sind alle miteinander reif.“ Doch die Faule dachte nicht dran und sprach: „Die Äpfel sind alle klein und hässlich, die will doch sowieso niemand essen! Und außerdem ist der Fruchtzucker schlecht für die Leber!“
Beim Haus von Frau Holle angekommen fürchtete sie sich nicht vor der alten Frau, denn von den großen Zähnen hatte sie bereits gehört, sondern verdingte sich direkt bei ihr. Zuerst gab sie sich Mühe, doch dann sagte sie sich: „Wer will schon Schnee und das ständig? Warmes Wetter ist doch viel angenehmer!“ Fortan strengte sie sich gar nicht mehr an und genoss die Freizeit.

Frau Holle war deshalb die Faule bald leid und entließ sie aus ihrem Dienst. Als die alte Frau das Mädchen zum Tor geführt hatte, erwartete es einen Goldregen wie bei seiner Stiefschwester, doch stattdessen regnete es Pech auf das Mädchen. „Das ist zur Belohnung deiner Dienste“, sagte die Frau Holle und schloss das Tor zu.
So kam das Mädchen heim, aber es war mit Pech bedeckt, und dieses Mal rief der Hahn auf dem Brunnen: „Kikeriki, unsere schmutzige Jungfrau ist wieder hie.“
Daraufhin drehte die Hässliche dem Hahn den Hals um. Das Pech aber blieb fest an ihr hängen und wollte, solange sie lebte, nicht abgehen.

6.12 Heimgesucht (June Is)

Beständig schlug er mit seiner Finne auf den massiven Stein. Ein Zischen begleitete jeden seiner Hiebe. Wieder und wieder. Winzige Splitter flogen in alle Richtungen.
John bearbeitete ihn immer schneller und stärker, bis der Stein die richtige Form bekam. Der letzte Schall des Setzhammers verklang und John betrachtete sein Werk mit Stolz. Schweiß benetzte seine Stirn. Sein T-Shirt klebte ihm am Rücken. Er spürte den winzigen, kühlen Hauch daher umso deutlicher.
Tief atmete er ein und schaute sich in der Werkstatt um, betrachtete seine Werkzeuge und Materialien – augenblicklich stellte sich wieder ein Gefühl der Geborgenheit ein. So hatte er es sich immer in den Armen einer Mutter vorgestellt, einer gütigen Mutter, nicht einer, die ihn in den Krieg geschickt hatte. Die Werkstatt war seit langer Zeit sein winziges Paradies. An diesem Ort wurden seine Gedanken von allem frei. Hier war er zuhause.

Zusammen mit ihr.

Oh nein! Nicht sie schon wieder! Besonders von ihr wollte er sich lösen. Johns größter Wunsch war es, ihr endlich zu entkommen. Aber dies gelang einfach nicht. Er wurde sie nicht los, sie war immer da.

Oh ja, das ist sie. Sie ist überall, wie ein Fluch.

Wieso hatte John der unbekannten uralten Frau diesen Schubs verpasst? Er war damals niedergeschlagen von der Front zurückgekommen. Woher hätte er wissen sollen, was passierte, wenn er ihren Wunsch nicht erfüllte? Die Alte wollte unbedingt dieses dämliche Feuerzeug aus dem Steinbrunnen gefischt haben. Aber wer wirft schon so ein Ding in einen Brunnen. Das wäre doch eh dahin und nicht mehr benutzbar … es war ihm äußerst merkwürdig vorgekommen. Vielleicht hatte er ein bisschen überreagiert. Das konnte doch mal passieren! Herrgottnochmal.
Sie hätte nicht gleich in den Brunnenschacht fallen dürfen. Er schluckte.
Wieder der kühle Luftzug.

Sie ist da, sag hallo!

Zum ersten Mal fühlte sich John in seiner Werkstatt bedroht. Er hatte keine andere Wahl, musste es endgültig beenden, sie besiegen.
Entschlossen griff er sich sein Steinbeil und eilte nach draußen, in den angrenzenden Wald. Es roch nach Bärlauch – grässlich – und der Vogelgesang schmerzte in seinen Ohren.

Es gibt kein Entkommen!

Für immer mit ihr leben? Der Gedanke machte John wahnsinnig. Sie trieb ihm Tränen in die Augen. Er stolperte von Baum zu Baum, über dicke Wurzeln, und er spürte, wie sie mit schweren Schritten näher kam.
„Wo bist du? Ich werde dir zeigen, wer der Stärkere ist!“

Stampf! Stampf!

Das monotone Erschüttern des Waldbodens ließ John taumeln, verursachte ihm Schwindel. Alles drehte sich. Die Welt wurde schief. Bäume brachen über ihm zusammen. John stolperte weiter, durch Sträucher, strauchelte, fiel hin, schmeckte das Moos und die torfige Erde, strampelte wie ein Kind. Seine Finger fortwährend um das Beil verkrampft. Zu viel Bärlauch, überall Bärlauch!

Stampf! Stampf!
Wie ein Korkenzieher bohrte sich der Gedanke an sie in sein Hirn.
S T A M P F!

Du kannst nicht vor ihr weglaufen!

Sie beugte sich über John und blickte ihn an. Mühelos verdrehte sie Johns Körper. Wieder dieser kalte, leise Hauch, der ihn umhüllte. Schwarz.

Lass sie herein! Ja, lass sie in dein Innerstes.

Plötzlich Stille. Nicht mal mehr Vogelgezwitscher. Nur diese laute, schauderhafte Ruhe.
Und dann wurde er gezwungen, ihr ins Gesicht zu sehen, dem alten Weib von damals. Ihr Gesicht war weiß wie Papier. Die Augen in den dunklen Höhlen funkelten. Ihre Wangen, die Falten mit schwarzen, wirren Linien bemalt, verzerrten sich, als sie John angrinste wie eine Wahnsinnige.
Sie hob die blaue Hand zum Gruß.

Und, fangen wir nun an, John? Oder wie lange willst du dich vor mir verstecken?

Das durfte nicht geschehen! Er kannte die abscheulichen Dinge, die das Geist-Weib mit ihm trieb … Es fühlte sich an, als würden hungrige Ratten in einer Zelle ohne Ausgang auf ihn losgelassen. Bereits jetzt hörte er das wütende Scharren ihrer Krallen.
Benommen kroch er auf dem Moos Millimeter für Millimeter voran. Er war nicht mehr fähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Gefangen in seiner Spirale aus nackter Angst wollte er es nur beenden. Die Stimme der Alten bohrte sich in Johns Gehirn. Sie drang mit jedem Atemzug tiefer und tiefer in ihn ein. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als ihr endgültig zu entkommen!

Hier ist sie, John! Lauf’ doch nicht weg!

Er lauerte, stand mühevoll auf, schwang die Axt, hielt inne – die Welt brach erneut über ihm zusammen. Sein Magen verkrampfte sich und er übergab sich. Salziger, metallischer Geschmack! Der Geruch von Galle stach ihm in die Nase. Tränen strömten. Blut! Sein Herz pochte, als er auf das Beil in seiner Hand blickte.
Die Alte durfte nicht mehr gewinnen, nie mehr! Er rappelte sich erneut hoch und schritt auf sie zu.
John holte aus. Ein kräftiger Hieb – ein irres Lachen – noch ein Schlag – schwarzes Blut an seiner Axt. Gesprenkelter Bärlauch. Hahaha!
Diesmal würde er nicht verlieren! Hahaha! Diesmal nicht!
Niemand hörte seine Schreie. Und dann war es vorbei.

Aber nicht doch. Bloß kein Applaus. Es war ihr eine Freude!

04.12 Das Märchen vom Rheinschiffer und dem finsteren Gesellen (Diandra Linnemann)

Es war einmal ein Rheinschiffer, der liebte seine Frau und seine Tochter sehr. Jeden Tag, bevor er das Haus verließ, um mit seinem Boot die Strömung zu bezwingen, küsste er beide auf die Stirn. Dann fuhr er hin und her, hin und her, bis es Abend wurde, und manchmal auch in der Nacht. Die Fähre verschaffte ihm ein gutes Auskommen, Hilde erwartete ihn jeden Abend mit einer warmen Mahlzeit und die kleine Tochter war ein Ausbund an Schönheit und Liebreiz. Seine einzige Sorge bestand darin, dass Gott ihm keinen Sohn schenken wollte. Jeden Sonntag in der Kirche flehte er auf Knien um einen Stammhalter. Aber die Jahre gingen ins Land, und der Leib seiner Frau rundete sich nicht.

Eines finsteren Abends klopfte es an die Tür. Der Regen prasselte auf das Dach der kleinen Hütte am Fluss. Als der Rheinschiffer die Tür öffnete, sah er einen unheimlichen Fremden. Er wirkte groß und hager. Ein langer Mantel schützte ihn vor dem Unwetter. Sein Gesicht wurde von einem breitkrempigen Hut verdeckt. Mit tiefer Stimme verlangte er die Überfahrt ans andere Ufer. Im Austausch bot er einen Beutel, der war schwer mit Münzen.

»Geh nicht«, bat Hilde, die Tochter auf dem Arm, »das Wasser ist gar zu garstig, und mir graut vor dem Fremden!«

Aber der Schiffer dachte an das Geld, das diese Fahrt ihm bringen würde. Das Boot kam in die Jahre und musste dringend ersetzt werden. Außerdem gab es auf dieser Seite des Flusses keine Wirtschaft, in der der Fremde unterkommen konnte, und ihre karge Mahlzeit reichte kaum für die drei Mäuler, die es ohnehin zu stopfen galt. Also nahm er seine Regenhaut vom Nagel, strich der kleinen Annalies noch einmal durch das schwarze Haar und ging hinaus in die Nacht.

Der Fluss war wild und unbändig, aber mit großem Geschick gelang es dem Fährmann, das Boot durch die schäumenden Wogen zu manövrieren. Er murmelte die Sprüche, die er von seinem Vater gelernt hatte. In seinem Inneren spürte er den Fluss aufbegehren, aber letztendlich beugten die Wasser sich einmal mehr seinem Willen.

Über ihren Köpfen zuckten die Blitze, als sie das andere Ufer erreichten. Der Donner grollte zwischen den Bergen. »Ich habe dir diese Münzen versprochen«, sagte der Fremde, »und du sollst sie haben. Oder verrate mir deinen geheimsten Wunsch, und ich will ihn dir übers Jahr erfüllen.« Seine Augen glühten in der Dunkelheit.

Der Rheinschiffer war wie verzaubert. »Einen Erben«, kam es über seine Lippen, »ich wünsche mir so dringend einen Erben, der die Familientradition in Ehren hält.«

Der Fremde lachte und entblößte scharfe Zähne. »Den kannst du haben, Schiffer, und die Münzen dazu. Ich habe wohl gemerkt, wie du dein Brot verdienst, und es wäre eine Schande, wenn ein derartiges Talent ausstürbe. Aber im dreizehnten Jahr werde ich wiederkommen und deinen Sohn mit auf die Wanderschaft nehmen. Nach einem Jahr und einem Tag mag er entscheiden, wie er sein Leben verbringen will.«

Der Rheinschiffer nickte betäubt. Ein harter Donnerschlag ließ ihn zusammenzucken, und als er die Augen wieder öffnete, war der Fremde wie vom Erdboden verschluckt. Allein der schwere Beutel in seiner Hand zeigte, dass die Begegnung kein finsterer Traum gewesen war. Die Münzen klimperten unheilvoll.

Der Schiffer beeilte sich, ans andere Ufer zurückzufahren, und erzählte weder Frau noch Tochter ein Sterbenswort von der unheimlichen Unterhaltung. Schon bald hatte er sich selbst davon überzeugt, dass er sich alles nur eingebildet hatte.

Die Tage gingen ins Land, und als der Frühling sich näherte, rundete sich der Leib der Schiffersfrau zusehends. Wie groß war die Freude, als ihnen schließlich der ersehnte Sohn geboren ward! Das Glück des Rheinschiffers schien perfekt. Frederik war flink und klug. Er lernte schnell und brachte seinem Vater nicht einen einzigen Tag Kummer. Er half im Haus, lernte alles über den Fluss und war stets gut zu seiner Schwester. Annalies liebte ihr Brüderchen und schleppte es immerfort mit sich, als sei es nur eine Puppe.

Allmählich aber näherte sich das dreizehnte Jahr, und der Rheinschiffer wurde immer unruhiger. Es graute ihm davor, sein Versprechen dem Fremden gegenüber einlösen zu müssen. Eines Tages also ging er in die Kirche und verlangte, den Pfarrer zu sprechen.

Dieser hörte sich die Geschichte ernst an und nickte bedächtig. »Du bist dem Leibhaftigen begegnet, guter Mann«, erklärte er schließlich, »und dieser hat dir das Versprechen über die Seele deines Sohnes abgenommen. Das ist der Lohn für deine frevelhafte Arbeit.« Denn der Pfarrer wusste sehr wohl, dass der Fährmann Wasserzauber wirken konnte.

Der Rheinschiffer war verzweifelt. »So sollen all die schönen Jahre umsonst gewesen sein?«, schrie er und raufte sich das Haar. »Am liebsten möchte ich uns alle ersäufen, um dass wir dieses Elend nicht erleben müssen.«

»Beruhige dich«, sprach der Pfarrer, »es ist noch nicht alles verloren.« Und er gab ihm einen großen, rostigen Nagel und hieß ihn, diesen ins Boot zu schlagen. »Dieser Nagel stammt aus dem Heiligen Land, vom Kreuze des Herren daselbst, und er besitzt große Macht. Wenn der Fremde kommt, sollst du ihn täuschen, dass er meint, deinen Sohn bei sich zu haben, und dann setzt du ihn über und bannst ihn mit einem Gebet, damit er sich dir und den deinen nicht wieder nähern kann. Dann wird dein Sohn auf ewig sicher sein.«

Der Rheinschiffer bedankte sich viele Male und eilte nach Hause, springend und pfeifend vor Glück. Den Nagel schlug er in den Bug seines Bootes, ohne seiner Frau etwas von der Sache zu erzählen.

So lebten sie in Fleiß und Glück weiter, bis der Junge das dreizehnte Lebensjahr vollendet hatte. Es gab Rosinenkuchen und Wein für alle, bis die Kinder schläfrig wurden. Den ganzen Abend über lauschte der Rheinschiffer auf Geräusche von Fremden, und als es abends donnerte und blitzte, klopfte es an die Tür.

Die Schiffersfrau erschrak. »Mir ist«, flüsterte sie, »als schliche eine große Katze ums Haus. Mach nicht auf!«

»Sei nicht bang, gute Frau«, beruhigte sie der Schiffer und öffnete die Tür.

Tatsächlich, draußen stand ein hochgewachsener Fremder mit Mantel und Hut. »Guten Abend, Rheinschiffer«, grüßte er. »Ich hoffe, es ist euch wohl ergangen?«

»Wir können nicht klagen«, antwortete der Schiffer.

»So gib mir, was wir vereinbart haben«, verlangte der Fremde, »und setze mich über, noch heute Nacht. Es soll dein Schaden nicht sein.«

Der Schiffer ging hinein, verabschiedete sich bei seiner Frau und schlug ein junges Schwein in einen dichten Mantel. Diesen drückte er dem Fremden in die Arme. »Der Bub schläft, seid leise!«

Die Überfahrt war so gefährlich wie die erste, aber der Rheinschiffer wusste Herrn und Kreuz an seiner Seite und verzagte nicht. Im Geist wiederholte er noch einmal die Lieder seiner Familie. Der Fremde stand still im Bug, das Bündel auf den Armen, und spähte über das Wasser hinaus, das um das Boot herum kochte und brodelte.

Schließlich erreichten sie wohlbehalten das andere Ufer. Der Rheinschiffer wartete, bis der Leibhaftige festen Boden betreten hatte, stieß sogleich das Boot wieder vom Ufer und erhob die Stimme. »Bei der Macht des Herren, der alles Leben geschaffen hat, halte dich fortan von meiner Familie fern!«

Das Boot knirschte. Wie vom Blitz getroffen schoss der Nagel des Kreuzes aus dem Bug und bohrte sich vor den Füßen des Fremden in den schlammigen Boden. Dieser brüllte vor Wut.

Von dem Lärm erwachte das Ferkel, grunzte und wühlte sich aus dem alten Mantel hervor. Es quiekte gar bitterlich. Der Fremde betrachtete es voller Abscheu. Seine Stimme trug über das schäumende Wasser: »Du hast mich nicht umsonst genarrt! Verflucht seien du und deine Nachkommen! Blut soll fließen, in jeder Generation, und kein erstgeborener Sohn soll die Weisheit Methusalems erreichen!« Er hob die Faust drohend gen Himmel, aber gegen die Macht des Kreuzes war er hilflos.

So schnell es ging, fuhr der Rheinschiffer zurück an sein Ufer, sprang vom Boot und hackte es in Stücke. Dann lief er hinein zu Frau und Kind, schloss beide in die Arme und schwor sich, nie wieder einen Fuß an das andere Ufer zu setzen. Er und seine Frau eröffneten ein Gasthaus an der Straße, auf der die müden Reisenden sich nach Colonia quälten, und so lebten sie glücklich und zufrieden bis ans Ende ihrer Tage.

Autoren Urlaub

Von drauss‘ aus Asgard komm‘ wir her – Ankündigung (Cazze)

Von drauss‘ aus Asgard komm‘ wir her;
Müssen euch sagen, es weihnachtet sehr!
Allüberall auf des Weltenbaum Spitzen
sah’n wir goldene Lichtlein sitzen;
Drum stoben wir aus des Bifrösts Munde,
Um zu berichten von froher Kunde:
Der Nornenkalender ist nun soweit
Um euch zu erhellen die Weihnachtszeit
Mit Lied und Text und frohem Gesang,
Mit Spaß und Freud‘ und munterem Klang
Und so wünscht euch die Nornenschar
Merry Christmas, Froh‘ Weihnacht, und ein schönes neues Jahr!

(Frei nach Rilke von Eleonore Laubenstein)

Unser Adventskalender kommt

Es ist wieder soweit! In den Städten wird die Weihnachtsdeko aufgehängt, auf Spotify werden Weihnachtsplaylisten angezeigt und Lebkuchen und Plätzchen gibt es sowieso schon seit September.

Die Nornen haben sich in den letzten Wochen mächtig ins Zeug gelegt, um euch die Adventszeit märchenhaft zu verzaubern. Doch im Gegensatz zum letzten Jahr ist uns Facebook nicht genug.

Euch erwarten drollige Drabbles auf Instagram, kuschelige Kurzgeschichten auf unserem Blog und feinstes Fabuliertes auf Facebook. Jeden Tag auf einer anderen Plattform. Das ist ein wenig wie Ostereier suchen, nur im Winter.

Viel Spaß wünschen die Nornen

Nornenadvent: Die Drabbles der Woche (3)

Heute kommt ihr zum letzten Mal in den Genuss der Drabbles aus unserem Adventskalender auf Facebook. Die Grafiken stammen aus der Feder von Elenor Avelle.

Lautloser Angriff (Eva-Maria Obermann aka Variemaa)

Sie kamen in der Nacht, zu Tausenden. Stillschweigend setzten sie zur Landung an, sprangen ab, segelten geräuschlos über den Dächern der Ahnungslosen. Lange genug hatten sie oben verharrt, gewartet auf das Zeichen, bereit zum Angriff.
Der Befehl kam von ganz oben, niemand bezweifelte ihn. Das war ihr Auftrag. Nichts konnte sie aufhalten. Ihr Vorteil lag in der Überraschung. Niemand erwartete sie, niemand war bereit. Sie landeten, wo sie gerade hinkamen: auf Dächern, in Vorgärten, mitten auf der Straße, auf Spielplätzen, neben Bahngleisen. Dies war ihr Bestimmungsort.
Erst am Morgen erkannten es die Überfallenen. Die ganze Welt lag unter einer Schneedecke.

Die Blätter des Lebens (Laura Kier)

Viele Blätter an einem Baum – jedes steht für sich doch keines ist allein. Tiere huschen den Stamm empor, suchen ein zu Hause zwischen dem hellen Grün. Raupen krabbeln umher und hoch oben im Geäst ziehen Drosseln ihre Jungen auf.
Es wird gezwitschert, geknabbert und gewachsen, bis sich Schmetterlinge und Vögel aus ihrer Kinderstube erheben und in unbekannte Weiten aufbrechen. Doch die Blätter bleiben zurück mit Erinnerungen an einen Sommer, in dem sie Schatten und Futter geboten haben.
Sie waren ein Teil des Lebens und leuchten zum Abschied in farbenfroher Pracht bis der Winter sie auffordert am Boden Schutz zu bieten.

Driving home for Chrismas (Nike Leonhard)

Das Radio dudelt Weihnachtslieder. In der Wirklichkeit ist nichts mit „Dashing“. Trotz 220 PS unter der Haube.
Kupplung, Gas, Bremse – Stillstand. Regen malt Schlieren in die Lichterkette der Bremsleuchten. Die Wischerblätter zerhacken den Takt von White Chrismas. Kupplung, Gas, Bremse – Hupe, weil so ein Idiot …
Nur nicht die Nerven verlieren. Lieber mit Barry White träumen. Kupplung, Gas, Bremse. Wusch-wusch machen die Wischerblätter. Nicht einschlafen. Es geht weiter; tatsächlich es rollt! Ihm wird warm vor Sehnsucht.
Die Wohnung ist dunkel und leer. Aber auf dem AB wartet Steffs Stimme: „Schatz, es wird leider später. Ich steh noch im Stau.“

Alle für eine, oder? (June Is)

Die erste Schildkröte in Knecht Ruprechts Fabrik kramte nach einem Taschentuch. „Hatschi!“
„Gesundheit“, sagte die zweite Schildkröte am Fließband. „Meinst du, du schaffst es, deine Geschenke zu verpacken?“
„He, schon wieder ein Geschenk von Kröte 1, so schaffe ich meine eigenen nicht!“, rief Kröte fünf von hinten.
„Entschuldigung, aber … Hatschi!“
Die zweite Schildkröte seufzte und sagte zur ersten. „Ich sortiere deine vom Band und wir verpacken sie später gemeinsam.“
„Danke.“
Als ein beträchtlicher Berg Geschenke angewachsen war, kamen auch Kröte drei und vier, um der ersten zu helfen.
Nur die fünfte fehlte, sie hatte sich übernommen und war umgekippt.

Wahre Liebe (Jana Jeworreck aka Moira)

Er trägt sie ehrenvoll schwebend hoch über seinem Kopf. Sie ist die Schönste, die er jemals trug und doch wird sie vergehen, wie alle anderen vor ihr.
Ihre Tränen laufen wie Schauer über seinen Körper, bevor ihr Geist erlischt. Er kann es nicht aufhalten. Er muss es ertragen und erleiden, obwohl sein Herz mit ihr zerfließt.
Und dann, jedes Jahr, wenn die Blätter fallen und auch vergehen, kommt eine Neue. Eine Zauberhafte, die leuchtet und glüht, wie die davor und ihr doch nicht gleicht, denn jedes Jahr ist es die Schönste, die Einzige, die wahre Liebe, die der Kerzenständer trägt.

In der Nacht (Eva-Maria Obermann aka Variemaa)

Die tiefschwarze Nacht war die perfekte Tarnung.
Während die Menschen in ihren Betten nichtsahnend vor sich hin träumten, schlich eine kleine Gestalt durch die Straßen und Gassen, einen Sack auf dem Rücken, und huschte unbemerkt in jedes Haus.
Lautlos öffnete sie jede Tür und kein Wachhund wagte es den Eindringling zu melden. Zielsicher fand er in jedem Heim das, was er suchte, kam ohne Umschweife zum Ziel und machte sich an seine geheime Arbeit.
Plötzlich ein Tippeln, eine Tür wurde jäh geöffnet und Flurlicht fiel herein, auf jenes Wesen. Ein paar kleine Augen weiteten sich in großem Erstaunen.
„Das Christkind!“

Deutschland, ein Wintermärchen … (Tiphaine Somer Elin)

Gestern die Nacht vor dem großen Tag. Heute der Tag vor dem Abend aller Abende. Draußen frohlocken die Glocken, innen brummt es vor Aufregung. Es wurde gebacken, geschmückt und gebraten. Schüsseln türmen sich, von den Öfen her dampft es, Tische biegen sich unter köstlicher Last.
In den Schaufenstern prangen die Sterne und leuchten den Weg, von überall wispert und raunt es. Schnee knirscht unter den dicken Sohlen der heimlich Tuenden. Dann folgen Zerlumpte ängstlich dem unglaublichen Ruf. Unzählige sind es, so traurig und einsam. Plötzlich öffnen sich Türen, Fenster, Grenzen und Herzen. Frohe Weihnachten wünscht Deutschland und teilt sein Glück.

Natürlich darf am Heiligen Abend ein besonderes Extra-Schmankerl nicht fehlen;-)

Santa Space (Elenor Avelle)

„Bringen sie uns unter Lichtgeschwindigkeit Nummer Eins. Bereiten sie alles zum Andockmanöver vor“, sagte Santa und kontrollierte, ob sein roter Anzug auch richtig saß.
„Ist die Tarnvorrichtung aktiviert?“ Der kleine schrumpelige Kerl neben ihm nickte. „Sehr gut. Das Raumschiff wird von der einheimischen Spezies als Rentierschlitten wahrgenommen. Die perfekte Tarnung für den 24.“
„Wollen sie sich jetzt abseilen?“, fragte Nummer Eins.
„So genau wollen wir es mit der Tarnung nicht nehmen. Beamen sie mich runter.“ Santa verließ das Fahrzeug. Nummer Eins seufzte sprang aus dem Schlitten und tätschelte Rudolph.
„Ich wünschte wirklich, er würde nicht so viel Star Trek gucken.“

Nornenadvent: Die Drabble der Woche (2)

Wie versprochen kommt ihr heute wieder in den Genuss der Drabbles aus unserem Adventskalender auf Facebook. Die Grafiken stammen aus der Feder von Elenor Avelle.

Sie kriegen dich (alle Jahre wieder) (Christina Diart)

Leise schleichen sie durch deine Wohnung, während du friedlich schläfst, eingepackt in deine Decke, denn die Welt wird kalt.
Sie verunstalten dein Wohnzimmer, versprühen überall ihren widerlichen, zimtigen Geruch und hinterlassen in jeder noch so winzigen Ecke ihren unverkennbaren Glanz.
Wenn du morgens erwachst, geweckt von den ach so lieblichen Klängen der Glöckchen, und das Ausmaß ihres nächtlichen Treibens bemerkst, ist es bereits zu spät.
Du bist infiziert und weißt, dass du dich erst Wochen später erholen wirst. Sie haben dich erwischt – wie jedes Jahr – und bringen dich dazu, summend durch die Einkaufszentren zu schlendern. Widerliche, kleine Biester, diese Weihnachtswichtel.

Katzengesang im Sternenlicht (Laura Kier)

Zwei Katzen sitzen gelangweilt auf einer Wiese und warten auf den Mond. Doch der erscheint in dieser Nacht nicht am Horizont.
»Es ist, wie es ist. Der Mond ist fort«, seufzend lässt die Kleinere der beiden Katzen den Kopf sinken.
»Ach wie herrlich«, meint die Andere. »Dann hat er endlich seine geliebte Sonne eingeholt.«
Zusammen beginnen die Katzen in unterschiedlichen Tonlagen zu Maunzen und lassen ihr Freudenlied in der sternenklaren Nacht erklingen.
Kurz darauf taucht der Mond auf.
»Was ist das?«, fragt die Kleinere.
»Er ist zu uns zurückgekehrt – und nicht allein.«
Silbern und golden färbt die Morgendämmerung die Welt.

Die Tänzerinnen (June Is)

Joliel starrte auf die Bühne. Gleich müsste auch seine Freundin Maylea auftauchen. Ballettshows waren ihre Leidenschaft, er selbst konnte es nur als künstlerische Elfenhüpferei bezeichnen. Trotz seines Banausentums begleitete Joliel sie oft. Ihre Worte von vor vielen Jahren klangen in seinem Ohr nach. „Ich finde es sehr erregend, wenn du dabei bist.“
Das Licht ging langsam aus und viele graue Balletttänzer kamen von allen Seiten auf die Bühne geströmt. Einer stach in Gelb heraus. Als die Musik einsetzte, stellten sich alle auf ihre Zehenspitzen und begannen zu tanzen.
Joliel musste grinsen, als ein Fan von weiter hinten laut „Maylea!“ rief.

 

Arachne (Eva-Maria Obermann aka Variemaa)

Sie ist die beste, keine Frage. Im Weben und Spinnen schafft sie Kunstwerke, die glitzern als wären sie aus Sternenstaub. Warum sonst sollte man sie beneiden?
Tausende schon haben ihre Werke bewundert, ja sogar versucht ihr nach zu eifern. Umsonst. An ihr Können kommt kein Mensch ran.
Mit einem Seufzer setzt Arachne den nächsten Faden an. Mit ihren Beinen balanciert sie geschickt, so dass auch dieser Faden seinen Platz findet. Doch manchmal waren sie ihr auch im Weg. Noch einmal seufzt Arachne und sieht an sich hinunter.
Ja, ein Mensch kam noch nie an ihre Kunstfertigkeit heran. Eine Göttin schon.

Alle Jahre wieder (Tiphaine Somer Elin)

Es war ein Funkeln und Glitzern, auf den heruntergeklappten Holzläden lag allerlei Tand. Er sah genau hin. Sah Händler, sah Geld, das in Kassen verschwand. Weihnachtsmarkt hieß es, Christkindls Markt.
Er war sich nicht sicher, dass es ein guter Markt war.
Dann sah er Kinder mit großen Augen, roch den Duft von frisch geschlagenen Tannen und von schwerem, gewürztem Wein. Süße Musik verwehte den Trubel. Erwachsene standen und lachten, sie fanden zusammen auf dieser kleinen, fröhlichen Insel inmitten einer hektischen Welt.
Diesmal würde er die Tische der Händler nicht umwerfen – der Markt, der seinen Namen trug, war ein guter Markt.

Eine andere Saite (Jana Jeworreck alias Moira)

Ich laufe eine Straße entlang. Sie ist düster und eng. Ich sehe, dass auf dem Asphalt etwas aufblitzt, gehe vorsichtig darauf zu. Es ist eine Saite, gerissen und achtlos zu Boden geworfen. Die Sonne trifft sie aus einem eigenartigen Winkel. Sie scheint zu glühen. Links und rechts ragen Hauswände in den Himmel empor, wie Felsen einer Schlucht. Nur ein Spalt bringt Licht. Und da leuchtet diese zarte Saite, vielleicht von einer Gitarre. Ich beuge mich hinab, hebe sie hoch und siehe da, es öffnete sich eine Tür in der Mauer. Es ist der Eingang zu einer Bar der besonderen Art.

Die Qual der Wahl (Anne Zandt aka Poisonpainter)

Wieder konnte er sich nicht entscheiden. Nahm er die Braungebrannte? Den Klassiker? Sie hatte ihn schon beim Vorbeigehen verführerisch angelächelt und war der Grund, warum er schließlich stehen geblieben war.
Doch neben ihr lag die Schwarze, die auch nicht zu verachten war oder auch die in Schneeweiß gehüllte. Allerdings, die mit den roten Punkten wollte er auf keinen Fall. Oder doch lieber etwas Größeres und Kräftigeres? Etwas ganz anderes? Hin und hergerissen blickte er sie an, wägte seine Entscheidung ab.
„Haben Sie sich entschieden, welche Mandeln Sie haben wollen?“, fragte der Händler nach einer Weile mit einem leicht genervten Unterton.

Noch eine Woche bis Weihnachten? Da füllen wir doch vor lauter Vorfreude das Türchen doppelt!

Das Höllenfeuer (Myna Kaltschnee)

Sie tanzen beschwingt ums Feuer. Ihre Körper werfen lange Schatten auf den Untergrund. Bizarre Figuren zeichnen sich im dämmerigen Licht ab.
Sie sind alle gekommen: Junge und Alte, Große und Kleine. Nur um sich dieses Ereignis nicht entgehen zu lassen. Sie haben sich den ganzen Tag darauf gefreut und nun ist es endlich Wirklichkeit. Wieder einmal ist ihnen eine ins Netz gegangen. Wieder einmal lodert das Höllenfeuer in den pechschwarzen Nachthimmel. Das muss kräftig gefeiert werden!
Sie stimmen einen fröhlichen Gesang an: „Die Hex‘ ist tot. Die Hex‘ ist tot.“ Vom Scheiterhaufen erklingen schauerliche Schreie, bis die Flammen sie ersticken.

Nornenadvent: die Drabble der Woche

Wie versprochen kommt ihr jetzt in den Genuss der Drabbles aus unserem Adventskalender auf Facebook. Die Grafiken stammen aus der Feder von Elenor Avelle.

Die Bestie (Myna Kaltschnee)

Eilig hastet er durch die nächtlichen Straßen, als würde er von einer Bestie verfolgt. Er hat nur eines im Sinn: Er muss raus aus der Stadt. Weg hier, bevor ein Unglück geschieht.
Endlich lässt er all die kleinen Lichter hinter sich und dringt vor in den Wald. Im Schutz der Bäume verlangsamt er seinen Schritt. Er atmet laut und stoßweise. Seine Haut juckt, als hätte er sich seit Wochen nicht mehr gewaschen.
Er strauchelt, geht zu Boden. Das Jucken wird stärker. Mit Tränen in den Augen wirft er den Kopf in den Nacken. Wolfsgeheul ertönt.
Die Bestie ist in ihm.

Durch das Land (Laura Kier)

Bergauf, bergab, durch den Wald, vorbei an Weizen und Mohn. Der Wind trägt die Haare aus dem Gesicht; die Sonne wärmt die Muskeln auf.
Ein Bachlauf lädt zum Planschen ein, doch weiter geht‘s den Weg entlang. Immer schneller bis die Sterne leuchtend am Himmel stehen. Schatten huschen durch die Nacht, doch das Licht erhellt den Weg, vertreibt die Dunkelheit und weiter, weiter geht es durch das Land. Geradeaus und in Kurven, durch Tunnel, über Brücken; mal Steil, dann flach – von den Bergen bis ans Meer.
Die Augen sind müde, das Herz ist froh: denn Besenfliegen, dass geht immer wo.

Kündigung (Jasmin Engel)

Er hasste seinen Job. Es war immer das Gleiche. Alle forderten stets nur und erwarteten von ihm auch noch, dass er ihre Wünsche mit einem breiten Lächeln erfüllte. Am Besten gab er ihnen zudem ein überraschendes Extra obendrauf.
Als Saisonarbeiter hatte man es noch besonders schwer. Mit all dem könnte er sich wahrscheinlich abfinden – wenn nur dieses seltsame Gefühl nicht wäre! Gelegentlich war ihm, als würden große Augen ihn beobachten. Als greife eine Hand in sein Leben ein.
Als Jan am Morgen des 6. Dezember vor das weihnachtliche Diorama auf der Kommode trat, war die Figur des Nikolaus verschwunden.

Beute (Eva-Maria Obermann)

Leise schlich er sich heran. Ein geübter Blick nach links, ein geübter Blick nach rechts und schon war er sicher, unbeobachtet zu sein.
Gut.
Nun galt es auch keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Vorsichtig hob er die Nase in die Luft und schnupperte. Schon hatte er sein Ziel errochen.
Bald konnten auch seine Augen es fixieren.
Jetzt nur keinen Fehler machen.
Blitzschnell zuckte er nach vorne, ergriff seine Beute und lief damit zurück, dorthin, wo er hergekommen war, um sich zu nähren.
Das Wasser lief ihm im Mund zusammen und endlich konnte er gierig das Zellophan vom Schokoladennikolaus ziehen.

Kathy (Michelle Janßen)

„Mama“ sagte Kathy.
Doch Mama sage nichts.
„Mama!“ Das Auto brummte leise vor sich hin und Kathy musste gähnen. Mama schien sie nicht zu hören.
Sie blickte träge aus dem Fenster und beobachtete die Welt draußen. Die Bäume wehten leicht im Wind. Ihre Augen wurden schwerer und schwerer. Sie fielen immer wieder zu. Im Auto war es warm und Kathy war so müde. Doch etwas lies sie nicht einschlafen. Etwas hielt sie wach. Der Gurt schnitt in ihre Schulter, doch das war es nicht.
Kathy sah den Polizist überkopf auf sie zurennen, bevor sie ihre Augen schloss und endlich einschlief.

Lichtbringer (Tiphaine Somer Elin)

Er stand auf seinem Platz und wartete still im kalten Nieselregen. Er hatte keine Eile. Sie würden kommen, sie kamen immer. Sie würden Blumen bringen. Und Lichter.
So viele Lichter, von überall würde es leuchten. Er liebte das. Meist trugen die Kerzen ein rotes Gewand, nicht selten ein weißes, aber ihre flackernden Flammen spendeten goldenes Licht. Goldenes! So festlich, so tröstlich.
Wer kam, hatte eine Liebe zurückgelassen, doch das Leuchten half. Es verwischte die Grenzen zwischen dem Hier und der anderen Seite.
Regentropfen rannen ihm über die glatten Wangen. Er schmeckte Salz. Tränen?
Der steinerne Engel über dem Grab blinzelte.

Der Engel (Nike Leonhard)

Der Duft nach Zimt, Kardamom, Nelken und Ingwer hing in der Luft. Irene buk. Weihnachtsplätzchen. Das gehörte zum Advent dazu. Egal, was die Kinder sagten.
Sie blinzelte dem Porzellanengel auf der Fensterbank zu. „Du verstehst das, oder?“
Holla! Ihr war, als habe der Engel zurückgeblinzelt. Sie musste wirklich zum Augenarzt. Aber jetzt die Plätzchen. Schnell, denn um drei kam Karin, ihre Älteste, zum Kaffee.
Als Irene den Teig ausrollte, wurde ihr schwindelig.
„Ich halte dich“, sagte der Engel sanft. „Gib mir deine Hand.“
Karin fand sie auf dem Küchenboden. Still, kalt, lächelnd. Um sie herum glitzten die Scherben des Porzellanengels.

Nornengestöber und Adventskalender

Willkommen bei der letzten Stöberrunde für ein paar Wochen. Keine Angst, wir kommen wieder und pausieren nur. Denn ab sofort könnt ihr Sonntags alle geöffneten Türchen unseres Adventskalenders, der täglich auf Facebook eine Überraschung für euch bereit hat, kennenlernen. Darum dreht sich heute auch alles um Adventskalender und wo sie zu finden sind.

Anne Zandt aka Poisonpainter hat sich mit einigen Autoren zusammengeschlossen und einen Blogroman geschrieben, den ihr nun in praktischen Häppchen bis Weihnachten genießen könnt. Weihnachtsmänner, Rentiere, Norwegen und eine Geschichte um Liebe, Angst, Depression und Zusammenhalt. Ho ho ho.

Auch bei Sophie Fawn könnt ihr täglich auf der Facebookseite vorbeischauen und jeden Tag einen tollen Preis gewinnen. Viele Autoren haben mitgemacht und verstecken sich mit ihren Büchern hinter den Türchen. Da ist auf jeden Fall für jede und jeden etwas dabei.

Der Bücherstadtkurier hat einen literarischen Adventskalender auf die Beine gestellt und versorgt euch täglich mit einem Leseschmankerl. Oh du süße Weihnachtszeit.

Beim Tintenhain von Mona könnt ihr ebenfalls jeden Tag vorbeischauen und einen buchigen Preis gewinnen. Ob klein, ob groß, ob jung, ob alt. Jeder kann sich hier freuen.

Ähnlich ist es bei Eva-Maria Obermann aka Variemaa, die auf ihrem Buchblog mit spannenden Themen, Rezensionen und weihnachtlichen Interviews aufwartet und jeden Tag einen tollen Gewinn bereit hält.
Bei so viel weihnachtlicher Vorfreude fühlen wir uns jedenfalls schon ganz inspiriert. Und damit ihr davon etwas abbekommt könnt ihr auf unserer Facebookseite jeden Tag einen tollen Drabble von einer unserer Nornen lesen. Für alle, die der Plattform lieber fern bleiben kommen hier die ersten drei 100-Wortgeschichten. Viel Spaß damit 🙂
Beste Freunde (June Is)

 

„Sag mir, was los ist“, drängte Wirnabo seinen gleichaltrigen Spielkameraden seit einer Stunde zum Sprechen.
„Du weißt genau, was los ist“, gab Benji leise zurück.
Wirnabo nahm eine Trotzpose ein. „Nein, weiß ich nicht. Außer, dass du nicht mehr mit mir sprichst. Was habe ich falsch gemacht?“
Nun schniefte Benji. „Nichts, aber …“
„Aber? Irgendetwas hast du doch.“
Langsam drehte Benji seinen Kopf in Richtung Zimmerausgang.
Wirnabos Blick folgte.
Obwohl sie für ihren Sohn hinter der Tür nicht sichtbar waren, konnte Benji die Anwesenheit seiner Eltern spüren.
Er hörte seinen Vater seufzen. „Er spricht doch wieder mit dem Unsichtbaren, Margret.“

Geschwister (Jana Jeworreck alias Moira)

Es war dunkel, kalt. Wütender Wind. Sie liefen zu Tausenden über die weite Fläche. Er sah sich nach seinen Geschwistern um.
Viele von ihnen rannten ebenfalls, doch andere verharrten auch in Schockstarre, darauf wartend, mitgenommen zu werden. Wenn der Wind kam, brachte er mehr von ihnen, schleuderte sie gegen den Widerstand, zerschlug sie, ließ keinen, wie er war. Der Große fragte sich, wann wohl sein Ende kommen würde.
Er griff sich einige seiner verängstigten Geschwister, umschlang sie schützend mit seiner dünnen Hülle, rannte, wie vom Teufel verfolgt, die Scheibe hinab. Er war der Schnellste und Größte der Tropfen – Aufschlag!

Kleider machen Leute (Elenor Avelle, von der auch die zauberhaften Grafiken zu unserem Kalender stammen)

Die Burgbewohner warfen neugierige Blicke herüber, besahen sich den Rock und machten sich ihre Gedanken. Dem Schmied erschien er zu kurz. Man konnte die Knie sehen, beim Bücken beinahe den Hintern.
Die Magd fragte sich, was wohl darunter steckte. Vielleicht nichts, denn so hieß es doch, dass solche wie diese nichts drunter trugen.
Der Ritter fand den Aufzug ganz und gar unangemessen. Solche Kleidung hatte er hier noch nicht gesehen. Die Frauen trugen Röcke bis zum Knöchel, die Männer Beinkleider.
„Ist euch nicht kalt?“, fragt ein kleiner Junge.
„Ein bisschen frisch bei euch“, sagte der Schotte. „Aber das geht schon.“

Und weil es der erste Advent ist, decken wir euch dazu doppelt ein;-)

Lebkuchen City (Diandra Linnemann)

Aus dem winterlichen Wald heraus beobachtet sie heimlich das Treiben. Eine glitzernde, dampfende Stadt steht jetzt dort, wo sie ihre Hütte gebaut hatte. Von überall kommen sie. Sie werden erwartet, umhegt, vorbereitet. Der Duft verzaubert sie, bis es zu spät ist.
„Think big“, hatten sie ihr gesagt, als sie den Vertrag unterschrieb. Nicht mehr nur für das eigene leibliche Wohl sollte sie sorgen. Man müsse nur anbauen. Umdisponieren. Und jetzt fahren LKW von der Fabrik auf der anderen Seite der Stadt ins ganze Land. Hier riecht es nicht nach Zimt und Nelken.
Plakate werben: Frisch auf den Tisch.
Saftige Weihnachtsbraten.

Der nornige Adventskalender steht vor der Tür

Hohoho, nein, halt, Moment. So weit waren wir noch nicht. Also nochmal auf Anfang.

Am ersten Dezember startet unser Adventskalender. Jeden Tag könnt ihr auf unserer Facebookseite einen Drabble (eine Kurzgeschichte mit genau 100 Worten) lesen, den eine unserer Nornen geschrieben hat. Mal wird es dabei fantastisch, mal gruselig oder auch weihnachtlich. Nein, nicht jede unserer Geschichte wird vor Magie sprühen, aber alle werden euch überraschen, Blickwinkel erweitern, Perspektiven eröffnen, die vorher nicht da waren. Absichtlich wollen wir damit nicht „nur“ Weihnachtsstimmung verbreiten, denn auch unsere Leser*innen sind vielfältig und vielleicht gar nicht an Christkind oder Weihnachtsmann interessiert.

Kurz ein Universum schaffen

Dass ein Text nicht lang sein muss, um Botschaft und Emotion zu vermitteln, ist nichts Neues. Ernes Hemingway, so eine bekannte Anekdote, wettete einst, dass er in nur sechs Worten eine vollständige Geschichte erzählen könnte. „For Sale: Baby shoes, never worn“ erzählt ein tragisches Schicksal, sechs Worte, die rühren und ein Universum mit sich bringen. Auch in Romanen ist es wichtig, auf den Punk zu kommen, Spannung aufzubauen und dann den Leser doch immer zu überraschen. Drabbles sind dafür nicht nur eine gute Schreibübung, sondern Kürztgeschichten, die Leser mit wenigen Worten in den Bann ziehen, Erwartungen wecken, zum Nachdenken anregen und darum Autorin wie Lesern Spaß machen.

An den Adventssonntagen könnt ihr die bisherigen Drabbles hier auf dem Nornenblog nachlesen. Wir wissen, nicht alle Leser*innen sind auf Facebook zu finden und so habt ihr ein extra Schmankerl, wenn ihr euch Sonntags ausruht und bei uns reinschaut. Schon jetzt möchte ich** mich aber bei allen Nornen bedanken, die mitgemacht haben. Der Kniff des Drabbles ist die Pointe im letzten Satz, die alles ändert. Tausend Dank an meine lieben Kolleginnen, den Eifer, die Worte und die Begeisterung. Unser Netzwerk ist ein junges, aber das Engagement ist groß.

Ich freue mich sehr auf eure großartigen Texte, wir werden 24 Mal Leser damit bewegen, ich weiß es. Freut euch mit mir auf den Dezember und den nornigen Adventskalender.

**Autorin des Textes ist Eva-Maria Obermann