Wir haben die Wahl – seit 101 Jahren (Claudi Feldhaus)

Heute vor 101 Jahren wurde das aktive und passive Wahlrecht aller Deutschen ausgerufen, die 21 und älter waren. Für Deutsche weiblichen Geschlechts war das eine absolute Neuheit!

Die Mütter unseres Stimmrechts sind abertausende in der Geschichte. Doch viel zu oft blieben ihre Namen unbekannt. Zum Glück gelang es His-Story in den letzten 150 Jahren seltener, weibliche Erfolge und Errungenschaften auszumerzen. Wir mögen uns nicht ausdenken, wie viele Frauen ihr Leben ließen, damit wir unseres so frei wie heute führen können. Vier, die schon früh zu laut waren, um von den Männern der deutschen Geschichte ignoriert zu werden, waren Hedwig Dohm (1831-1919), Rosa Luxemburg (1871-1919), Helene Lange (1848-1930) und Clara Zetkin (1857-1933). Sie gelten als die prominentesten Wegbereiterinnen des deutschen Frauenwahlrechts. Um Herstory zu bewahren, schreiben wir über sie.

Mit Ironie und Eloquenz für den Frauenkampf

Als junges Mädchen las Dohm heimlich Bücher, erstritt sich später gegen die Meinung ihrer tyrannischen Eltern den Besuch eines Lehreinnenseminars und begann schließlich ihre Analysen der Gesellschaft zu veröffentlichen. Schon 1873 forderte sie in ebendiesen das Frauenwahlrecht.

Ihre Schriften sind geistreich und amüsant, ihre Beobachtungen nach wie vor aktuell.

„Wenn ich eine Broschüre lese, wie die des Herrn von Bischof, nehme ich ein Klopfen an den Schläfen wahr, nicht in Folge der geistigen Anstrengung, das kann ich versichern, sondern vor Grimm.“

Mit ihrem Stil inspirierte sie Frauen ihrer Generation, für ihre Rechte auf die Straße zu gehen, selbst zu schreiben und ihrer Wut Luft zu machen. Am Ende ihres Lebens seelisch erschüttert vom großen Krieg und der Ermordung ihrer Freundin Rosa Luxemburg, fand Dohm wohl ein wenig Trost darin, dass deutsche Frauen endlich wahlberechtigt waren und Einfluss nehmen konnten. Immerhin 37 neben hunderten Männern bestimmten in den 1920er Jahren die Schaffung einer demokratischen Ordnung in Weimar mit.

Die Gefürchtete

Rosa Luxemburg & Clara Zetkin via Wikimedia Commons

Für Rosa Luxemburg, erhaben, stimmgewaltig, promoviert und zu analytisch für Geschlechterrollen, stand die Frage nach einem demokratischen Stimmrecht für Frauen, nie zur Debatte. Sie malte sich die Zukunft kommunistisch, Arbeiter*innen Schulter an Schulter für eine friedliche Welt. Sie trotzte mehreren Aufenthalten im Zuchthaus und publizierte auch während der Militärdiktatur der letzten Kriegsjahre im Kaiserreich Die Rote Fahne, eine kommunistische Zeitung. Ja, Rosa Luxemburg war furchtlos, klug und beliebt. Das machte sie zur Gefahr für nationalistisch-patriarchale Strukturen. Kurz vor den ersten demokratischen Wahlen in Deutschland erschlugen Schergen des rechten Randes die kommunistische Parteiführerin – ein Verlust, von dem sich weder KPD noch die sozialistische Entwicklung der deutschen Politik jemals erholte.

„Ohne allgemeine Wahlen, ungehemmte Presse- und Versammlungsfreiheit (…) erstirbt das Leben.“

Eine gelbe Broschüre für Studentinnenrechte

Das Wahlrecht für Frauen stellte für Helene Lange, prominenteste Vorkämpferin des deutschen Frauenstudiums, den „einzig logischen Schluss“ auf dem Weg zu einer aufgeklärten, gerechten Gesellschaft dar. Sie selbst musste den Zugang zu höherer Bildung durch eine List erringen. Nach mehreren Stationen als Lehrerin in höheren Töchterschulen und einem Selbststudium der hohen Geisteswissenschaften, bot sie in Berlin Seminare für Frauen mit Studiumswunsch an. Ihre Gelbe Broschüre, eine Begleitschrift zu ihrer Petition, Frauen den Weg zum Studium zu öffnen, wurde legendär. Die Petition wurde nach dem ersten Einbringen abgelehnt, doch Lange blieb beharrlich und laut und wurde schließlich zu den bildungspolitischen Beratungen Preußens hinzugezogen. Dank ihrer Bemühung zogen Anfang 1900 erstmals Studentinnen in die deutschen Universitäten ein und ihre Leistungen ließen die der männlichen Kommilitonen erblassen.

Auch während des 1. Weltkrieges trat Lange unbeirrt für Frauen ein, vornehmlich solche, die in den Kriegsjahren Unterstützung brauchen. Sie lebte in dieser Zeit mit ihrer Partnerin in Hamburg; nach Erlangen des Wahlrechts wurde sie für die DDP in die Hamburgische Bürgerschaft gewählt und eröffnete deren konstituierten Sitzungen als Alterspräsidentin.

„Wenn das Endziel der Frauenbewegung einmal erreicht ist, so wird es kein führendes Geschlecht mehr geben, sondern nur noch führende Persönlichkeiten.“

Ein internationaler Tag für Frauen

Eine solche Persönlichkeit war ihre Weggenossin Clara Zetkin. Mit Anfang 20 brach sie mit ihrer Familie, um mit der Sozialistischen Arbeiter Partei (SAP) dem Arbeiter*innenkampf beizutreten. Sie lebte und arbeitete in Sachsen, Österreich, der Schweiz und Paris als Erzieherin. Zetkin referierte über die proletarische Frauenbewegung, forderte Gleichberechtigung der Frau in allen Belangen und rief sie zum aktiven Klassenkampf auf.

„Nicht das Lippenbekenntnis, nur das Leben und Handeln adelt und erhebt.“

Auf internationalen Frauenkonferenzen knüpfte sie weitere Kontakte; von ihr kam der Vorschlag über die Einrichtung eines weltweiten Frauentages. Als sie 1915 in Deutschland eine Frauenkonferenz einberief, inhaftierte die Regierung sie für vier Monate. Nachdem Zetkin sich am Spartakusbund und der Gründung der Unabhängigen Sozialistischen Partei Deutschland (USPD) beteiligte, entzogen sie ihr 1917 die Herausgabe ihrer Zeitung Die Gleichheit. Nach dem Krieg schloss sie sich der KPD an und hielt 1920 als erste weibliche Abgeordnete eine Rede im Reichstag. 12 Jahre später eröffnete sie als Alterspräsidentin den neu gewählten und vorletzten demokratischen Reichstag. Die NSDAP war in diesem Wahljahr stärkste Kraft geworden und strich das passive Wahlrecht für Frauen, kaum, dass sie endgültig die Macht ergriffen hatten.

Ja, es genügte schon immer nur ein Putsch oder gar ein einziger Federstreich von der falschen Person in einer Führungsposition und jahrzehntelange Bemühungen für Frieden und Gleichheit werden vernichtet.

Das Nornennetz begibt sich auf die Spurensuche

Die Ausrufung des Frauenwahlrechts – des Wahlrechts aller deutscher Bürger*innen ab 21 Jahren – ging mit den Entwicklungen am Ende des 1. Weltkrieges und der Gründung der Weimarer Republik einher. Heute vor 101 Jahren am 12.11.1918. 

Die Wahlen zur ersten deutschen Nationalversammlung fanden am 19.01.1919 statt.

Zu diesem Meilenstein im Januar veranstalten wir, das Nornennetz, eine literarische Weltreise zum Frauenwahlrecht. Wir haben weltweit noch mehr Geschichten wie die von Dohm, Luxemburg, Lange und Zetkin gefunden; die Geschichten fantastischer schreibender Frauen, die im Dienste der Menschheit, Gleichberechtigung und des Friedens Großes vollbracht haben und immer noch vollbringen.

Vom 19. Januar 2020, dem 101. Jubiläum des deutschen Frauenwahlrechts, bis zum Internationalen Frauentag am 08. März 2020 werden wir Autorinnen im Gestern und Heute und aus aller Welt vorstellen. Seit wann durften diese Frauen wählen? Und dürften sie es überhaupt – Teil der Demokratie sein?

In Deutschland wird uns Frauen* dieses Recht erst seit 101 Jahren gewährt. Eingeschränkt im Gegensatz zu den meisten Männern, denn die sind es, die die Geschichte lange genug bestimmen, um diese Position einzunehmen. Noch.

Damit weitere Schritte auf dem langen Weg zur Gleichberechtigung unternommen werden können, arbeiten wir täglich an dem weiter, was unsere geistigen Mütter angestoßen hatten. Wir schreiben, wir sprechen, bleiben laut und kämpfen. Diejenigen, die uns unterdrücken, sollen es nie wieder in unserer Stille bequem haben dürfen. Wir werden Herstory bewahren und Geschichte machen.

** Autorin des Beitrags ist Claudi Feldhaus

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