Von Beeren und Täubchen: Märchenhafte Tipps für den Alltag von Anne Danck

Zur Weihnachtszeit, wenn es draußen früher dunkel wird, man sich einen Tee kocht und Kerzen anzündet, dann kommen sie wieder aus allen Ecken gekrochen: Die Märchen. Sowohl die traditionellen Filme, die im Fernsehen aufgewärmt werden, als auch die Neuadaptionen im Kino. Und natürlich auch jede Menge Bücher. Dabei sind doch Märchen schon so alt und verstaubt. Oder?

Anhand einiger Beispiele* möchte ich euch hier zeigen, dass Märchen auch in der heutigen Zeit durchaus noch Relevanz besitzen und man aus ihnen einiges für den Alltag mitnehmen kann. Ob nun zur Psychophysik (Schneewittchen), Durchsetzungsfähigkeit (Aschenputtel) oder zur allgemeinen Lebenseinstellung (Hans im Glück).

 

Schneewittchen und das Weber-Fechner-Gesetz

Schulwissen ist für nichts gut? Doch, manchmal schon. Solltet ihr euch nämlich einmal wie Schneewittchen im Wald verlaufen und euch in einer Hütte an den dort vorbereiteten Speisen gütlich tun wollen, ohne entdeckt zu werden, dann kann euch die Erinnerung an das Weber-Fechner-Gesetz nützliche Dienste erweisen. Was war das denn gleich noch mal? Ich zitiere Wikipedia: “Das Weber-Fechner-Gesetz besagt, dass sich die subjektiv empfundene Stärke von Sinneseindrücken proportional zum Logarithmus der objektiven Intensität des physikalischen Reizes verhält.” Noch nichts verstanden? Wenn ich eine Schüssel mit drei Beeren vor mir habe und eine davon esse, dann fällt das mehr auf, als wenn ich von einer Schüssel mit hundert Beeren eine esse. Ergo: Statt ein Becherchen vollständig auszutrinken, lieber aus allen einen Schluck nehmen. Und statt einen Teller ganz leer zu essen, lieber von jedem ein winziges Bisschen stibitzen. Hätte Schneewittchen das gewusst, dann wäre den Zwergen bei ihrer Rückkehr nicht aufgefallen, was sich in der Zwischenzeit bei ihnen ereignet hatte… oder zumindest nicht sofort. Denn sich in jedes Bett nur ein Bisschen zu legen… das könnte dann doch schwierig werden.

Hans im Glück

Ich finde, wir können sehr viel von Hans im Glück lernen. Und zwar nicht von dem Märchen, sondern tatsächlich von der Person Hans. Glaubt ihr nicht? Ihr findet auch, er ist einfach nur dumm, weil er immer den schlechteren Handel macht? Ich behaupte das Gegenteil und sage: Hans ist sehr bewundernswert. Er kann das, was viele von uns nicht können, nämlich das Leben leicht nehmen. Was, wenn er die Handel nicht mangels besseren Wissens abgeschlossen hat, sondern ganz bewusst? Womöglich ist es sogar die klügere Entscheidung, den Goldklumpen abzugeben, denn ein Pferd ist weniger auffällig und man handelt sich keinen Überfall und Verletzungen deswegen ein. Was bedeutet Besitz überhaupt? Wofür sollte er das Geld benötigen? Er hat ausgelernt, er kann jederzeit irgendwo eine Arbeit beginnen. Er muss nicht für eine glorreiche Zukunft sparen, wenn er die Gegenwart in vollen Zügen genießen kann. Und das sollten wir, finde ich, auch mehr tun. Nicht nur nach den Dingen streben, die etwas bedeuten, weil alle sagen, dass sie etwas bedeuten, sondern nach dem, was uns wirklich Freude macht. Zum Beispiel ein Kleeblatt, das keine vier Blätter hat, noch nicht einmal drei, sondern einfach nur zwei und damit doch so schön aussieht wie ein Schmetterling.

 

 

Aschenputtel

Das Märchen „Aschenputtel“ betrachte ich meist mit gemischten Gefühlen. Es gibt einige Adaptionen, die gefallen mir sehr, andere gar nicht. Und das liegt zum Teil daran, dass Aschenputtel es nicht schafft, sich selbst aus seinem Elend zu befreien. Es duckt sich und fügt sich in sein Schicksal und wartet ab, bis eine gute Fee auftaucht (oder der Geist ihrer Mutter) und sie rettet. Und selbst dann kämpft sie nicht für ihren Prinzen, sondern lässt andere die ganze Arbeit machen. Was ist denn das bitte für eine Moral?

Interessanterweise wurde ausgerechnet in einem Durchsetzungsworkshop (für Frauen), an dem ich teilgenommen habe, Aschenputtel als positives Beispiel aufgeführt! Warum? Die Dozentin meinte, Aschenputtel sei eigentlich sehr schlau. Sie kämpfe nicht gegen ihre Stiefschwestern und ihre Stiefmutter an, denn gegen sie hätte sie ohnehin keine Chance. Es würde sie nur unglaublich viel Kraft kosten und zu nichts führen. Stattdessen sorgt sie dafür, dass im entscheidenden Moment die Wahrheit (und Bosheit) ans Licht kommt – nämlich indem sie sich Täubchen sucht, die ihr helfen (und das Blut im Schuh petzen). Und so solle man das auch im wahren Leben halten: Wenn die „Gegner“ zu groß sind, müsse man nur wissen, wer die eigenen Täubchen seien, die die Missstände ans Licht bringen. Zum Beispiel den Personalrat oder eine Gleichberechtigungsbeauftragte oder den nächst höheren Chef … usw. Wenn man ein Zwerg ist, müsse man nicht wachsen, sondern sich nur einen Riesen suchen, auf dessen Schulter man sich setzen könne. Zum Beispiel nicht einfach nur sagen: „Ich hätte gerne … würden Sie bitte …“, sondern „Ich komme im Auftrag von … und der braucht dringend …“ Das hat nichts mit eigener Schwäche zu tun, dass man es nicht ganz alleine erreichen könne, sondern einfach mit Klugheit, zu wissen, was beim Gegenüber zieht. Eigentlich ganz clever, oder?

Als Ergänzung muss ich allerdings zugeben, dass sich meine Meinung vom ursprünglichen Aschenputtel-Märchen dadurch trotzdem nicht geändert hat. Denn ich finde, um wirklich Stärke zu zeigen, hätte sie die Täubchen aktiv darum bitten müssen, ihr zu helfen. Stattdessen wartet sie aber stets darauf, dass die Hilfe zu ihr kommt (und das ist nicht so klug). Ich finde daher, es gibt eine gute und eine weniger gute Variante, sich „wie Aschenputtel“ zu verhalten.

Was meint ihr? Kennt ihr noch weitere nützliche Märchen, deren Botschaften sich auf den Alltag übertragen lassen?

*Wem diese Beispiele bekannt vorkommen, der kennt sie vermutlich vom #MärchenMittwoch auf meiner Facebookseite 

Eure Anne Danck

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