Adventskalender 2021: Zalahan oder :Die Schuppe des blauen Drachens

Engel mit Schuppe Schriftzug Adventskalender Hella Menschel Zalahan oder die Schuppe des blauen Drachen

Wie ein Blitz durchfuhr es ihn, als er die Kette am Hals der alten Frau zu fassen bekam: Das Bild eines blühenden Baums, mitten im ewigen Eis von Sindor, und im Hintergrund die Silhouette eines wunderschönen blau funkelnden Drachens.

Voll Entsetzen starrte die alte Hexe ihn an. Bis eben noch war er ein hilfloser junger Oger gewesen, gerade mal vierzehn Jahre alt, mit nichts was er ihr entgegensetzen konnte. Nun funkelten seine Augen und seine ausgestreckte Hand versprach nichts Gutes. Dies war das Letzte, was sie von ihm sehen würde.

Er hatte dem blauen Drachen der Zeit in die Augen gesehen, hatte Macht gespürt und das Wort vernommen, das ihn retten würde.

„Zalahan!“ schrie er, und die alte Hexe, die so lange von seiner Zeit gelebt hatte, erstarrte..

Sie konnte sich nicht mehr rühren, sondern stand da wie eingefroren.

Ohne sich weiter um sie zu kümmern, wandte der junge Oger sich um, öffnete die Tür der Behausung und stolperte hinaus in das ewige Eis Sindors. Seine Hand umklammerte noch immer den silbernen Anhänger, den er der Hexe vom Hals gerissen hatte.

Es war vier Jahre her, dass er in die Falle der alten Frau gegangen war. Sie hatte so alt und zerbrechlich gewirkt, so hilflos, als sie da am Rande des Sumpflandes vor ihm stand. Eine alte Frau, keine Ogerin, eine Sindor aus dem Eis. Ihr Fell war schon welk und grau gewesen, ihre Augen trübe und halb blind. Ein schwarzes Kleid bedeckte ihren mageren Körper und mit knochigen Fingern hielt sie einen Stab umklammert, als gäbe das alte, glatt polierte Holz ihr Lebenskraft, die sie dringend benötigte.

„Guter Junge, hilf mir, das Bündel ist so schwer“, waren ihre Worte gewesen.

Sein Blick war zu dem zusammengeschnürten Holz zu ihren Füßen gewandert, und er hatte geholfen. Er hatte die, mit einer festen Schnur zusammengebundenen Scheite, aufgehoben und war ihr zu der Hütte gefolgt. Mit dem Bündel auf dem Rücken war es ihm nicht in den Sinn gekommen, ihrer Bitte zu widersprechen. Gehorsam folgte er ihr den ganzen Tag.

Mit langsamen Schritten, die schneller und kräftiger wurden, je weiter der Weg sie führte, hatte sie ihn aus dem Sumpf geführt, immer tiefer ins Eisland hinein. Langsam richtete sie sich auf, schien zu wachsen und auch ihr Fell wurde seidig, glänzend, golden.

Und dann standen sie vor der Hütte im Eis.

„Komm“, hatte sie gesagt, und er war ihr in die Hütte gefolgt.

Als er das Bündel ablegte und der Zauber endete, war es zu spät gewesen. Nun war er in ihrer Hütte und sie war wieder stark und kräftig genug, den jungen Oger unter ihrer Kontrolle zu halten. Sie hatte ihm seine Lebenskraft ausgesaugt. Vier Jahre lang war er ihr hilflos ausgeliefert gewesen. So oft er versuchte sich zu wehren, konnte sie ihn mühelos unter Kontrolle halten, und am Ende hatte er wimmernd zu ihren Füßen auf dem Boden gehockt, gebeugt von ihrem mächtigen Zauber – bis heute, bis seine Finger die Kette berührten und er in die Augen des blauen Drachen blickte.

Als er nun durch den glitzernden Schnee stolperte, möglichst weit weg von der Hütte der alten Hexe, hatte er noch die Augen des Drachen im Sinn. Meerblaue Augen, die in ihn hineinblickten, über den Abgrund der Zeit hinweg, und eine Stimme, die nur ein Wort geflüstert hatte, das Wort mit dem er die Hexe gestoppt hatte.

„Zalahan.“

Fast hätte er es erneut gerufen, doch die Frau, die plötzlich vor ihm wie aus dem Nichts auftauchte, war keine Sindor mit blassgoldenem Fell. Sie war deutlich größer, ihr Rücken gerade und ihre langen Haare schwarz wie die Federn eines Raben. Sie hatte kein Fell, dafür dunkle Schwingen, die sich vor dem Nachthimmel spreizten, wie das übergroße Gefieder eines wirklich riesigen Adlers. In den Händen hielt sie einen silbrig glänzende Anhänger, ähnlich dem in seinen zitternden Fingern.

Wo kam sie her? Ebenso wie er aus dem endlosen Schnee und Eis des Eislandes. Und wie er gehörte sie wohl nicht hierher.

„Wer … was“, stotterte er.

„Äahm“, antwortete sie, wie es aussah nicht weniger verdattert als er.

Einen kurzen Moment starrten sie einander an. „Ich habe dich gesehen“, platzte es schließlich aus ihr heraus. „Dich und den Drachen.“

„Was? Wann? Wo?“

„In einer Vision. Ich sehe manchmal Dinge, oder Leute, die ich dann später treffe. Ich sehe durch die Zeit und so.“ Sie deutete auf den jungen Oger. „Und dich habe ich gesehen. Du triffst den blauen Drachen. Die Zeit ist dein Element, sagt der blaue Drache.“

Der junge Oger deutete auf das Amulett in ihrer Hand, dann hielt er seines daneben.

„Die Schuppe eines Drachen“, stellte die Seherin fest. „Siehst du, wenn man sie zusammenfügt …“

Als sie ihr Amulett gegen das Metall in der Hand der Ogers drückte, explodiertes es in hellem Licht. Sie wurden zurückgeschleudert, landeten im kalten, weißen Schnee, genau nebeneinander, da die Amulette in ihren Händen hartnäckig zusammenhielten.

Das Licht aber hatte sich ausgebreitet, war gewandert und hing nun wie ein großer, gleißender Kreis mitten in der Landschaft.

Als hätte man ein Loch  in ein Bild gebohrt, war innerhalb des Kreises die Realität einfach aufgerissen. Eine grüne Wiese lag dahinter, helle Blumen, im Hintergrund das Meer und vor dem Meer ein Drache.

Er stand aufrecht auf seinen vier Beinen, die Flügel spannten sich so weit, dass die Spitzen nicht zu sehen waren. Wasser schien seinen breiten Rücken herunter zu rinnen, ohne jemals den Boden zu berühren. Seine Schnauze war still, und doch meinte der Oger, die Stimme des Drachen zu hören.

Die nun vollständige Drachenschuppe fest in der Hand trat er vor, neben sich die Seherin, die genauso gebannt wie er den Drachen anblickte.

Ein Drache der Zeit, hier mitten im tiefsten Eis.

Vorsichtig näherten sie sich dem leuchtenden Kreis. Die Frau neben ihm streckte einen Arm hindurch. „Es ist warm.“

Er folgte ihrem Beispiel, fühlte warme Luft, roch den Duft der Blumen, der herüber ins Eisland wehte. „Sollen wir?“

Sie blickte ihn an. Er blickte zurück.

Fest umklammerten ihre Hände die blau glänzende Schuppe, dann machten sie gemeinsam einen Schritt nach vorn.

Ein Beitrag von Hella Menschel

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