Adventskalender 2021: Das frierende Herz

Frau mit Goldenem Kleid und langen weisen Haaren Schriftzug Adventskalender Das frierende Herz Johanna Vollmer

Es war das Meer, das Ildiko falsch vorkam. Es war echt, aber es war –

»– wie am falschen Ort«, flüsterte sie. Sie sah nach Osten, die Krallen auf einer der Zinnen. Die Sonne, fast vom Meer verschluckt, malte mit ihrem letzten Licht eine Krone auf Ildikos Stirn. Eine Krone für eine Gefangene!

Sie war froh, nicht mehr frieren zu können, denn dem Licht fehlte jetzt im späten November jede Kraft. Der Wind, klamm und harsch, wagte sich nicht durch ihre Federn und Daunen. Die Erinnerung ans Frieren war bloß noch in Ildikos Herzen; mehr als Erinnerung, denn es war ein Frieren, das von innen kam.

Da hörte sie es wieder hinter sich wispern. Als sie sich umdrehte, war sie allein. Das Wispern, wie immer, blieb.

»Ich komme dahinter, heute Abend komme ich dahinter…« murmelte Ildiko. »Und dann finde ich dich.« Mit dem Meeresrauschen im Rücken sah sie jenseits der schwarzen Türme und Hallen des Archivs, jenseits der Ebenen und der Hügel das, was es dort nicht geben durfte: ein Gebirge.

Es gab keines so nah, Ildiko wusste das aus den Büchern. Zur gewaltigen, schiefergrauen Vision eines Gebirgszuges hatte sich da, wie sooft, nur ein Wolkenband aufgetürmt. Unwirklich lag auch auf ihm noch das letzte Licht.

Ihr Herz fror immer mehr. Sie hatte die Illusion durchschaut, doch das Wispern bedeutete ihr, dass sie etwas Wahres sah. Ildiko zwang ihr Hirn, in den Wolken weiterhin Wipfel zu sehen. Sie fühlte, wenn sie sich nur lange genug betrog, lange genug lauschte, bekäme sie endlich eine echte Antwort.

Auch diesmal ließ Ildiko ihren Blick sinken und heftete ihn auf das seltsamste Haus des ganzen Archivs. Es stand in der Mitte eines großen Platzes. Oder war es ein Berg? Es war schwarz wie alles andere hier, aber verziert mit weißen Statuen, die es erklommen wie Bergsteiger. Eingefrorene Bergsteiger. Ich muss das Wispern lauter machen, damit ich höre, was es sagt. Wenn sie dieses Haus da, selbst ein falscher Berg, einmal anfassen könnte! Doch niemand konnte zu ihm hinfinden, der nicht den richtigen ›Pfad‹ kannte.

»Es ist achtzehn Uhr drei.«

Links von Ildiko stand der Junge mit seiner Taschenuhr und tippte darauf herum. Wie schon die vorigen Male sah er äußerst gelangweilt dabei aus.

»Du musst jetzt rein, das weißt du doch.«

»Als ob ich vor euch fliehen könnte.« 

Anklagend streckte sie dem Jungen ihre gestutzten Schwungfedern entgegen. An einer ihrer Fingerkrallen glänzte der Ring, der sie magisch ans Archiv kettete.

»Wenn du Gehorsam lernst, bekommst du mehr Freiheiten.« Damit drehte er sich um, und Ildiko folgte ihm. Ihre Vogelfüße kratzten über den Stein. Es ging durch den Turm hinunter, über den Hinterhof. Alles roch nach Winternacht, wenn auch noch nicht nach Schnee. Hier und da glommen Fenster im Dunkeln: die der Bibliothek, die einiger Wohnhäuser. Ildiko dachte an Zimt und Mandeln, an Kaffee und die Stimmen ihrer Eltern. Hier war eine Zuflucht, aber die Stimmen waren fremd und die Aromen für immer verändert.

»Was will Ubilisind von dir?« fragte der Junge, während er sie bereits in die erste Gasse führte, die Ildiko nicht kannte.

»Rausfinden, ob ich nicht doch etwas kann«, log sie, und ihre Bitterkeit verlieh ihr Glaubwürdigkeit. Sie dachte an die Sitzungen mit Ubilisind, daran, wie diese alte und doch so jung aussehende Frau aus dem Nichts zwei Stühle hervorzauberte. Ildiko sollte für sie eine Kerze mit reiner Willenskraft entzünden, einen roten Faden weiß machen, einen Faden verschwinden und wieder auftauchen lassen. Ohne Zweck. »Wie sollst du dich selbst in so ein Monster verwandelt haben, wenn du nicht einmal die einfachsten Dinge kannst?« hatte Ubilisind einmal geknurrt. »Und warum kann niemand dich zurückverwandeln?«

»Es war ein Fluch, der meine dummen Kinderfantasien gegen mich verwendet hat – dass mir Flügel wachsen und so weiter. Aus Hass –«

»Du weißt wohl alles, mhm?«

»Wenigstens mehr als du.« Denn Ildiko glaubte, im Wispern jemanden zu hören, der ihr helfen wollte und helfen konnte. Sie musste diesen Jemand finden.

Die Stimme des Jungen riss sie aus ihren Grübeleien. »Wieso darfst du Ubilisind eigentlich bei ihr zuhause zu besuchen?« Obwohl er ihr misstraute, nahm er eine Abzweigung, von der Ildiko geschworen hätte, dass sie erst in diesem Moment entstanden war.

»Sie hat da einige Bücher, die sie nicht woanders hin bringen will…«

Kurz schwieg er. »Das klingt nicht nach ihr. Und sie kann alles ins Nichts stecken und anderswo wieder herausholen.« Vor einer Unterführung, hinter der man endlich den Platz mit dem Haus sehen konnte, blieb er stehen. »Ich glaube nicht, dass –« begann er, aber den Rest hörte Ildiko nicht. Sie stürzte sich in die Finsternis der Unterführung.

Sie hörte die Schritte des Jungen hinter sich, doch sie, leicht auf ihren Vogelbeinen, war schneller. Man würde sie fassen und bestrafen, aber sie brauchte nur einen winzigen Moment! Sie spürte das Haus, doch das Haus spürte auch sie. Aus seinem Inneren kam ein Sirren, ein Klingeln, verheißungsvoll und verräterisch. Das Wispern wurde lauter, Ildikos Herz kälter. Schon warf sich das prächtige Portal auf. Ubilisind auf der Schwelle, Augen wie Abgründe. Doch Ildiko sprang, warf sich gegen die Hauswand. Es traf sie wie ein elektrischer Schlag. Eine Vision, klar wie nie: Die Statuen ringsum waren wirklich Bergsteiger. Ildiko gehörte zu ihnen. Durch eine schwarze Klamm, über weiße Meere, an verwaisten Türmen vorbei sah sie sich in ein Tal kommen. Darin stand ein Turm wie ein Berg, und davor, im Schnee, seine Königin. Sie war nicht groß und in Eis und Pelz gekleidet wie Schneeköniginnen sonst, sondern klein und rund in einem Kleid wie die Sonne. Ihre Augen waren keine Abgründe, sondern himmelblau. Nur ihr Haar umfing sie wie eine Schneewehe. Ildiko fühlte ihr Licht auf der Stirn, und die Königin wisperte: »Komm zu mir, hier wirst du Herrin über alle Flüche.«

Die Vision verblasste. Ubilisind schrie: »Kleines Monster! Hast du etwa das Gespür?«

Bevor sie ohnmächtig an der Wand niedersank, schwor sich Ildiko, ab jetzt jeden Gehorsam vorzutäuschen, um den Ring loszuwerden und die Federn zurückzubekommen, die sie nie hatte haben wollen – damit sie irgendwann fliehen könnte. Im Tal jenseits des Gebirges wären ihre Tage als Monster gezählt. »Mein Herz soll aufhören, zu frieren«, dachte sie zuletzt. »Seltsam, dass ich dafür eine Schneekönigin brauche.«

Ein Beitrag von Johanna Vollmer

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
0 Comments
Inline Feedbacks
View all comments