Reihe: Was ist das eigentlich – Selbstlektorat? Kann man das essen? Teil 2 – Nutze die Fähigkeiten deiner Testleser bestmöglich

Autoren Urlaub

Deine Testleser haben Stärken und Schwächen. Wie jeder andere Mensch auch.

Hast du ihnen bisher dein Manuskript in die Hand gedrückt und viel Spaß damit gewünscht? Hast du zusätzlich tausend Fragen versendet? Eine Ankreuzliste mitgegeben?

Wie auch immer. Ich zeige dir heute, wie ich gelernt habe, das bestmögliche aus ihnen herauszuholen und für mich zu nutzen.

Ich habe all das versucht und mit schlotternden Knien die Antwort erwartet. Dann wunderte ich mich, warum sie so kurz ausfielen oder weshalb sie gar nicht das enthielten, was mir wichtig war. Außerdem habe ich mich gefragt, warum alle Testleser*innen mir teilweise völlig unterschiedliche Meinungen mitteilen.

Ich habe mir die Haare gerauft und bin in ungeformter Kritik ertrunken. Glückwunsch, Siiri.

Mach es besser!

Das ist meine Erklärung zu dem Dilemma: Jeder liest anders. Unterschiedliche Testleser haben unterschiedliche Fähigkeiten. Diese können angeboren oder erarbeitet sein, zumeist werden sie von den Leser*innen gerne genutzt. Finde diese Fähigkeiten!

Mein Mann (IT-Administrator) hat mir eines Tages einen Tipp gegeben, den ich niemals vergessen werde: Teile und herrsche.

Okay.

Ich sah ihn naserümpfend an. Seine IT-Augen glänzten und er erzählte. Es dauerte einen Moment, bis ich die Idee greifen und sie auf das Selbstlektorat und meine Testleser*innen anwenden konnte.

Es ist so simpel!

Ich stelle dir im Folgenden vor, wie du dieses Prinzip auf deine Testleser UND das Lektorat anwendest. Du bringst damit Struktur, Übersicht und Professionalität in deine Arbeit.

Reden wir zuerst über die Testleser:

Gib deinen Testlesern einen kurzen Ausschnitt, nicht den gelungensten. Ich weiß, du willst Eindruck schinden, gut dastehen und so. Aber seien wir doch mal ehrlich.

Was bringt es dir, deinen besten Text abzugeben und dafür ein paar lasche Korrekturvorschläge zu bekommen?

Du wirst nicht auf deine tatsächlichen Schwächen hingewiesen. Du wirst nicht so sehr daran wachsen, wie es möglich gewesen wäre. Also gib deinen Testlesern einen mittelguten Text.

„Was? Wieso jetzt mittelgut? Ich will doch viel Feedback! Ich gebe ihnen einen Rohtext.“ So könnte dein Einwand lauten.

Nimm einen Text, den du bereits bearbeitet hast. Du willst doch keinen Schund abgeben!? Damit könntest du deine Leser*innen vergraulen.

Nimm deine Testleser ernst!

Deine Testleser sind wertvolle Perlen, die ihre Zeit damit verbringen, dir Feedback zu geben. Sie möchten, dass du dich entwickelst, an ihrer Kritik wächst. Deshalb investieren sie ihre Zeit, ihre Geduld und ihre Fähigkeiten.

Nimm einen Text, bei dem du Potential siehst. Sei mutig!

Nimm die goldene Mitte.

Reden wir über die Stärken und Schwächen deiner Testleser*innen. Wir erinnern uns: Sie lesen unterschiedlich.

Was macht dein*e Testleser*in mit deinem Textschnipsel vom Anfang selbstständig? Ohne Liste, ohne Anleitung, ohne alles. Oder er*sie macht alles, nur nicht das, was du wolltest?! Was ist es?

Wirst du um mehr Beschreibung gebeten? = visuelle*r Leser*in

Findet er*sie Plotfehler-/löcher? Bemängelt er*sie dein*e Charaktere? = logisch veranlagt

Werden deine Formulierungen umgestellt/kritisiert? = sprachlich begabt

Hier kommen die ersten beiden Phasen des Lektorats ins Spiel.

Du hast einen Roman/Text verfasst. Im ersten Durchgang sind da womöglich ein Haufen Plotlöcher, Charakterfehler, nicht spannende Spannungsbögen und vor allem eine furchtbare Sprache (wenn du alles in einem Rutsch runter schreibst, wie ich). Wenn nicht, besteht diese Möglichkeit trotzdem. Willkommen in der Realität.

Natürlich setzt du dich fleißig daran, alles aufzufüllen, zu glätten, umzuschreiben und schön zu machen. Sehr gut!

Mach das so lange, bis du denkst, du kannst nichts mehr finden. Beachte jedoch, dass du dich damit beim ersten Buch auch gut und gerne mal ein paar Jahre im Kreis drehen kannst. Das kann daran liegen, dass du die Formulierungen stets verbessern und vor allem perfektionieren willst.

Das ist die falsche Herangehensweise!

Denke nicht, dass du alle Fehler ausmerzen musst, um deinen Text abgeben zu können. Wenn du das Groblektorat abgeschlossen hast und alle Unstimmigkeiten beseitigt sind, ist es Zeit für ein Feedback.

Tipp am Rande: Manchmal stecke ich als Autorin in einem Loch. Ich schwimme gegen einen endlosen Strom an, der mich stets zurück an die Klippen spült. Auch hier könnte ein Feedback hilfreich sein. Es gibt aber auch andere Gründe.

Manchmal habe ich den Überblick verloren, eine Schreibblockade oder brauche schlicht Entspannung. Manchmal langt es aber auch, einem lieben Menschen ein Kapitel zu geben, um mal wieder zu hören, dass ich das gut mache.

So nutzt du die Fähigkeiten deiner Testleser*innen, die visuell lesen und/oder logisch denken. Sie helfen dir, den Roman in eine Form zu bringen.

Visuell Lesende und logisch Denkende sind perfekt für das Groblektorat geeignet. Sie spüren all das auf, was zuerst in einem Manuskript verbessert werden muss.

Durch eine Aufteilung des Lektorats verhinderst du ständiges neu schreiben gepaart mit zeitraubenden Neuformulierungen.

Gemeinsam mit deinen Testleser*innen kannst du folgende Liste abarbeiten. Haltet euch dabei NICHT mit Formulierungen auf! Es kann sein, dass du deine wunderschönen Formulierungen killen musst. Ja. Kill your Darlings! *aaargh* Moment … Ich spüre den Schmerz …

Weiter im Text

Das könnte deine private To-Do-Liste des Groblektorats sein

– die Figuren sind dreidimensional, überzeugend und glaubhaft

– Leser können sich mit der Hauptfigur identifizieren/können eine Verbindung zu ihm*ihr aufbauen

– die Figuren entwickeln sich

– Spannungsbögen genutzt und ausgebaut

– Genre gewissenhaft gewählt und ersichtlich (kein Genre-Matsch!)

– roter Faden ersichtlich

– Handlung glaubwürdig

– Szenen bauen sinnvoll aufeinander auf

– Perspektive bestmöglich gewählt und korrekt umgesetzt

Dann hast du ein gutes Groblektorat hinter dich gebracht und kannst getrost zum Feinlektorat übergehen.

Wenn du dich während dem Schreiben stets allem widmest, wirst du nie vom Fleck kommen. Du handelst dir mehr Blockaden ein, deine Schreibpausen werden größer und deine Lust auf dein Manuskript wird stets kleiner.

Achte auf die Phasen des Lektorats! Diese bauen strukturell sinnvoll aufeinander auf. Damit machst du nicht zu viel und nicht zu wenig.

Nutze für das „optimale“ Lektorat die Stärken deiner Testleser und drücke ihnen nichts auf, was sie nicht können. Sie werden sich bei dir wohl fühlen, wenn du ihre natürlichen Möglichkeiten schätzt. Lass sie ihre Fähigkeiten ausleben. Und vergiss nie, dich dafür zu bedanken. Zum Beispiel mit einem Blumenstrauß. Oder einer Schachtel Pralinen.

Oder mit etwas völlig Klischeefreiem. 😉

Am 24.09.2018 geht es auf meiner Webseite – https://siirisaunders.wordpress.com/ – mit der Reihe „Selbstlektorat“ weiter. Ich erkläre euch die einzelnen Phasen des Lektorats.

Zusammenfassung

  • Teile und herrsche! Sortiere deine Arbeit in Phasen. Du verhinderst das Drehen im Kreis, arbeitest produktiver und erzeugst höhere Qualität.
  • Nutze das Potential deiner Testleser. Unterteile sie in drei Kategorien: visuell, logisch, sprachlich und gehe mit „Visuell/Logisch“ an das Groblektorat und mit „Sprachlich“ an das Feinlektorat und Korrektorat.

 

Ich danke dir für den Aufruf. <3

*Autorin des Beitrag ist Siiri Saunders

P.S. Kennst du noch andere Stärken, die uns helfen, unsere Testleser „einzusortieren“? Schreib sie gerne in die Kommentare.

 

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