Dark Fantasy: Wenn Hassliebe ein Genre wäre

Gestalt mit Vogelmaske im düsteren Wald. Schwarz weiß gehalten. Beschriftung "Dark Fantasy" mit verschnörkeltem Eckrahmen.

Dunkelheit ist etwas Furchteinflößendes – oder etwa nicht? Seit jeher verarbeitet nicht nur die Horrorliteratur düstere Themen. Mit der steigenden Beliebtheit von Antihelden hat sich die Vorstellung, was Gut und Böse ist, verschoben. In einigen phantastischen Geschichten kämpfen die Heldinnen nicht mehr nur gegen dunkle Schergen. Manchmal müssen sie selbst Monster werden, um Monster zu besiegen, oder sie müssen hinterfragen, ob sie wirklich für eine rechte Sache streiten. Kaum ein anderes Untergenre der Phantastik liebt das moralische Grau so sehr wie die Dark Fantasy.

Was ist Dark Fantasy?

Das „Fantasy“ in Dark Fantasy bezieht sich auf einen englischen Obergriff, im Deutschen würden wir „Dunkle Phantastik“ dazu sagen. Im Gegensatz zu anderen Untergenres zeichnet sie sich weniger durch Inhalte, denn durch Themen und Stimmung aus.

Während phantastische Klassiker, gerade in der Tradition von Tolkien, durch einen Kampf von Gut gegen Böse bestimmt sind, fällt dies oftmals in der Dark Fantasy weg. Es geht zumeist nicht um Heldenfiguren, sondern Menschen in all ihrer Komplexität. Düstere und hoffnungslose Welten formen die Protagonistinnen, die nicht selten Schlechtes tun müssen, nur um zu überleben.

Einfach heruntergebrochen, ist Dark Fantasy Phantastik mit Horrorelementen. Vom Horror ist sie insofern abzugrenzen, dass eine phantastische Welt im Vordergrund steht und deren spezifische Abgründe erforscht werden.

Eine reichhaltige Geschichte

Die Definition „Phantastik mit Horrorelementen“ kann allerdings zu kurz greifen, wenn man die reichhaltige Geschichte des Genres betrachtet. Einige Ursprünge der Dark Fantasy sind in der Gothic Fiction, auch Schauerliteratur und Schwarze Romantik genannt, anzusiedeln. Genre-Gründungsväter wie Edgar Allan Poe, Charles Baudelaire und E. T. A. Hoffmann setzen sich nicht nur mit Grusel in ihren Texten auseinander. Manchmal behandeln sie morbide Schönheit und romantisieren den Tod, wenn sie ihn nicht gar erotisieren.

Dark Fantasy ist somit ein zweischneidiges Schwert – die Dunkelheit, die sie aufzeigt, kann gleichermaßen verstörend wie anziehend sein. Steht sie in der Tradition der Gothic Fiction, so greift sie auch deren Inhalte auf, wie Vampire, Werwölfe und andere Gestalten der Nacht. Einen guten Überblick zu entsprechenden Werken des „Quiet Horror“, wie von Charles L.  Grant bezeichnet, gibt es hier auf TOR online.

Die große Schwester: Grim Dark

Eine besonders düstere Form der Dark Fantasy ist das sogenannte Grim Dark. Inspiriert wurde der Genre-Name von der Tagline des Tabletop-Spiel Warhammer 40k: „In the grim darkness of the far future there is only war.“

Warhammer und andere Medien, die als Grim Dark verortet werden, haben eine fast schon dystopisch-apokalyptische Atmosphäre. Gewalt und/oder Krieg sind normaler Bestandteil ihrer Welten, sie richten sich an ein erwachsenes Publikum und bedienen entsprechend harte Themen. Die Grenze zu weicheren Formen der Dark Fantasy, die auch jüngeres Publikum, etwa im Fall von düsteren Märchen, ansprechen kann, sind fließend.

Neben Warhammer gilt der Manga „Berserk“ von Kentaro Miura als Klassiker des Genres. Er erzählt die Geschichte des Söldners Guts (ja, er ist absichtlich nach Gedärmen benannt), der als Waise aufwächst und in einer Welt zurechtkommen muss, die von Dämonen terrorisiert wird.

Die Manga-Serie macht mitunter einen Genre-Wandel durch, der die große Varietät der Dark Fantasy zeigt. So beginnt die Geschichte in medias res mit der „Black Swordsman Arc“. Wir lernen Guts kennen, einen wortkarten, harten Dämonenjäger mit schlimmer Vergangenheit, ein übermenschlich starker Kämpfer, wie er nicht typischer für das Genre sein könnte.

Jene actiongeladenen Kapitel fungieren als eine Art Pilot für die Serie. Danach folgt die „Golden Age Arc“, die einen Zeitsprung macht. Es wird erzählt, wie Guts zu dem verbitterten „Black Swordsman“ wurde. Seine harsche Geburt, seine ebenso harsche Kindheit und wie er eine Art Familie bei einem Söldnertrupp findet, werden gezeigt.

Wie der Name „Golden Age“ vorwegnimmt, ist jener Teil der Geschichte längst nicht so düster gehalten. Magie und Dämonen existierten, aber sie sind mehr phantastische Schrecken, Märchenstoff. Bedeutender sind die Konflikte verschiedener Reiche, Könige und Prinzessinnen – Themen, wie man sie von der klassischen High Fantasy kennt. Erst ein welterschütterndes Ereignis, die Eklipse, überzieht das Land mit Dämonenhorden, sodass die Geschichte an den Punkt kommt, mit dem die „Black Swordsman Arc“ begann.

Hier eröffnet der Manga ein typisch dunkelphantastisches Thema: Um gegen unmenschliche Gegner zu bestehen, muss Guts selbst zum Monster werden. Er legt als „Black Swordsman“ eine pechschwarze Rüstung an, die von seinem Blut zehrt und eine berserkerartige Rage in ihm weckt. Jene Rüstung ist auch eine Metapher für den verzehrenden Rachedurst, der ihn abtreibt, denn er sucht Vergeltung für das Unrecht, das ihm angetan wurde.

Gut und Böse als komplexes Feld

Sowohl was seine Themen als auch seinen Protagonisten anbelangt, dürfte „Berserk“ gut illustrieren, was Dark Fantasy und insbesondere Grim Dark ausmacht. Auch der Genre-Wandel im Manga ist signifikant. Viele moderne dunkelphantastische Werke wenden sich von der Tradition einer heroischen Phantastik ab und sind an „realistischen“ Darstellung von Krieg und Gewalt interessiert.

Hier ist „Das Lied von Eis & Feuer“ von George R. R. Martin zu nennen. Es ist kein Zufall, dass mit Ned Stark frühzeitig ein Charakter stirbt, der mit seinem Idealismus und Ehrverständnis als heldenhaft angesehen werden kann. Die Geschichte sendet eine eindeutige Botschaft: Das ist keine Fantasy, wie du sie kennst. Helden überleben hier nicht, ihnen wird in den Rücken gefallen.

Martin gibt immer wieder in Interviews an, dass er Tolkien achte, sich aber gezielt von seinen Traditionen abwende. Demnach interessiere er sich vor allem für die menschliche Komplexität seine Figuren:

„Tolkien hat bestimmte Dinge getan, die ich anders machen würde. In den Händen von gewissen Imitatoren sind sie zu Klischees verkommen, die letztendlich dem Genre geschadet haben, denke ich. All das mit dem Dunklen Lord, der im Norden aufersteht, die Guten, die zusammenkommen, um ihn zu besiegen, gut aussehende Typen in weißen Roben, die ziemlich hässliche Typen in Schwarz bekämpfen … Schon klar, der Kampf zwischen Gut und Böse ist ein bewegendes Thema, nicht nur in der Fantasy, sondern in jeder Form von Fiktion. Aber meine Meinung war immer, dass der Kampf zwischen Gut und Böse im Herzen des menschlichen Individuums stattfindet. Wir alle haben das Potential, gut zu sein, wir alle haben das Potential, böse zu sein.“ (Freie Übersetzung eines Interviews bei „George Stroumboulopoulos Tonight“)

Kritik an der Kritik

Was ist der spezielle Reiz an der Dark Fantasy? Für manche besteht er in den moralisch komplizierten Figuren, dass sie keine strahlenden Auserwählten sind, aber dennoch besondere Fähigkeiten fürs eigene Überleben entwickeln müssen. Für andere ist es die Unzuverlässigkeit des Genres, das nichts und niemand „sicher“ ist. Und dann gibt es jene, die sich einfach lieber mit Menschen als Märchenfiguren identifizieren wollen.

Wie bei so vielen phantastischen Genres kommen spezielle Perspektiven hinzu, wenn die nichttypischen Stimmen zu Wort kommen. Die meisten Werke, die hier vorgestellt wurden, haben zwar Frauen, queere und nichtweiße Menschen als Figuren dabei. Das Klischee der Dark Fantasy basiert aber auf einer Imagination des europäischen Mittelalters, nicht selten stehen Toxische Maskulinität und ihre Ausübung im Zentrum. Weibliche und queere Körper können unverhältnismäßig oft Opfer von graphischer Gewalt werden, frei nach dem für Fantasy irrelevanten Motto: „So war das damals.“

Wie relativ das „Damals“ ist, zeigt mitunter die Zukunft von Warhammer 40k, denn die ist nicht gerade diverser. Nichtweiße Figuren kommen kaum vor, und das kriegsorientierte Setting sowie biologistische Argumentationen werden als Begründung dafür genommen, Frauen und queere Menschen kaum zu inkludieren oder ganz auszuschließen. Sexismus und andere diskriminierende Strukturen sind nicht nur ein Problem der Lore, sondern auch der Community, die mitunter gegen Fans aus der Neuen Rechte zu kämpfen hat.

Während dunkelphantastische Cover oft depressive Stimmung und Blut vorwegnehmen, lässt sich nicht immer von sexueller Gewalt oder anderen traumatisierenden Themen, wie Feindlichkeit gegenüber Minderheiten oder Suizid, in den Texten ausgehen. Bei all ihrer Kritikfreude kommt die Dark Fantasy damit selbst nicht ohne Kritik aus.

Die Dunkelheit, neuinterpretiert

Dadurch, dass die Dark Fantasy so wandelbar ist, birgt sie aber ungemein großes Potential, ihre eigenen Traditionen zu hinterfragen. Statt sich auf das Leid von Opfern zu fokussieren, kann sie Überlebende ermächtigen. Sie kann die von ihr selbst etablierte Hoffnungslosigkeit nicht hinnehmen, mit Gender-Normen brechen, jegliche Formen des Widerstands zeigen. Entsprechend ist es nicht verwunderlich, dass immer mehr weibliche Stimmen im Genre zu finden sind, darunter einige Nornen, wie Katrin Ils, Sophie Grossalbers oder meine Wenigkeit Nora Bendzko.

Ob eine über Leichen gehende Schattenmagierin in „Splitter der Nacht“, mit ihrer eigenen Menschlichkeit hadernde Monster in „Blood & Guilt“, oder ein Assassine, der dem Ruf der weiblichen Dunkelheit in „Hexensold“ verfällt … Dark Fantasy bietet weit mehr als nur eine düstere Oberfläche. Mal ästhetisch, mal provokant, mal rebellisch, verhandelt sie immer aufs Neue zutiefst menschliche Themen. Sie wandert auf dem Grat zwischen Licht und Dunkel, und sie fürchtet nichts. Nicht einmal der finsterste Hass kann ihre Figuren kleinkriegen, und dafür lieben wir sie.

Ein Beitrag von Nora Bendzko

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
0 Comments
Inline Feedbacks
View all comments