15.12 – Legendenjäger (Jule Reichert)

Drei Tropfen Blut fielen in den Schnee. Die Königin schloss die Augen und flüsterte. „Ach hätte ich nur ein Kind, so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarz wie Ebenholz.“ Einmal, zweimal und ein Drittes.
Ihre Worte verhallten in der Stille, ihr Atem gefror auf ihren Lippen. Eisige Kälte liebkoste ihr Ohr. „So sei es!“, wisperte sie.

„Soweit die Legende, Hoheit.“
Benon beobachtete die Königin. Während des Vortrags des Haushofmeisters hatte sie sich nicht von ihrem Spiegel abgewendet. Erst jetzt sah sie Benon an.
Der Haushofmeister klappte das Buch zu. „Der Rest der Geschichte dürfte Euch bekannt sein, Herr.“
„Der Tod der Königin bei der Niederkunft, das liebreizende Töchterlein und die neue Königin?“ Benon lächelte charmant, trat einen Schritt auf Königin Sophia zu und verneigte sich spöttisch. „Zu Euren Diensten, Eure Hoheit. Ich rechne mit einer angemessenen Bezahlung. Doch mit Verlaub …“ Er richtete sich auf. Die Gesichtszüge der Königin wirkten ernst, verrieten aber nicht ihre Gedanken. „Benötigt Ihr wirklich jemanden wie mich, oder nicht eher einen konventionellen Mörder? Glaubt man den Gerüchten, geht es nur um Eifersucht.“
„Glaubt man den Gerüchten, seid Ihr nichts als ein Scharlatan.“ Ihre Worte schmeichelten dem Gehör, Königin Sophies Augen jedoch waren scharfe Klingen, mit denen sie Benon die Kehle aufschlitzen würde, sollte er erneut widersprechen. Ihre fehlende Nachsicht war legendär. Ebenso die beachtlichen Entlohnungen, war sie zufriedengestellt.
Der Haushofmeister hüstelte. „Ihr erhaltet Zugang zu allen Aufzeichnungen Ihrer Majestät.“
Benon nickte, verneigte sich noch einmal vor der Königin und schulterte seine Tasche.
„Ich werde Euch einweisen, Herr …“
„Benon Legenjäger“, entgegnete er dem Haushofmeister. „Doch Benon genügt für diesen Auftrag.“

Benon prüfte den Sitzt seines Lederharnischs und des Langdolches am Gürtel. Zur Zeit mehren sich im Reichsforst Angriffe von Tieren. Tiere, die ohne Grund töteten, als seien sie wild geworden; oder menschlich. Königin Sophie hatte Benon zum Waldhüter ernannt – und ständigen Begleiter ihres Stiefkindes bei seinen ausgiebigen Walderkundungen. Das Mädchen war vernarrt in Tiere, schenke den meisten Menschen jedoch wenig Aufmerksamkeit. Zurückhaltend, gesegnet mit großen Augen und einem Blick, der einjedem das Herz aus der Brust riss, hatte Benon niemanden gefunden, der schlecht über es sprach. Noch ein paar Jahre und sie konnte jeden Mann um den Verstand bringen.
Schneewittchen wurde sie von allen genannt, denn selbst bei Eis und Schnee verbrachte sie ihre Zeit außerhalb des Schlosses. Niemand nannte sie bei dem Namen, den ihr ihre Mutter bei der Geburt gegeben hatte: Gerlinde.
Ihre Aufmerksamkeit auf den Boden gerichtet, kam Schneewittchen aus dem Stall. Stroh hing in ihren Haaren.
Es war an der Zeit. Er wusste, was hinter dem Mädchen steckte, welche Legende er beauftragt war zu töten. Benon erhob sich. „Da seid Ihr ja, Schneewittchen.“
Schneewittchens Blick folgte etwas, dass zwischen ihren Füßen davonhuschte, als Benon näher trat. Erst dann sah sie ihn mit ihren dunklen Augen an und lächelte ein sanftes Lächeln.
Wohlbefinden erfüllte Benons Brust und er erwiderte ihr Lächeln. Vertrauen zu erschleichen gehörte zu seiner Berufung – und zu ihrer Natur. Ob Mensch oder Tier, alle vertrauten ihr. Benon räusperte sich. „Ich fand eine Fuchsfamilie in den Wäldern. Ich dachte, Ihr würdet sie gerne sehen.“
Schneewittchens Lächeln entschwand. „Ehe Ihr sie beseitigt?“
„Sie töten die Hühner der Bauern.“
„Ich weiß.“ Sie senkte den Kopf, erneut lächelnd. „Ich werde mich umziehen.“
Auch dieses Lächeln kannte Benon. Es entsprang dem Gedanken an die Jagd.

Schneewittchen erschien in Reitkleidung. Das Wams hob ihre ersten Rundungen hervor, den Mantel darüber trug sie offen. Behände stieg sie auf ihr Pferd. Die Jägerin, die hinter den weichen Gesichtszügen steckte, erkannte Benon jetzt auch in ihren Augen: Dunkel wie ihr Innerstes und dürstend nach Tod.
Benon wählte einen Weg in den Forst abseits der Straße. Sie folgten dem Pfad, den er bereits vor Tagen in das undurchdringliche Dickicht geschlagen hatte.
Nach Stunden erreichten sie eine Lichtung. Felsen säumten den Flusslauf, die letzten Strahlen der Zwillingssonne funkelten auf dem Wasser. Sie ließen die Pferde an Waldrand zurück und gingen dem Fluss entgegen.
Benon hielt sich hinter Schneewittchen. Leise zog er seinen Dolch.
Nach wenigen Schritte blieb Schneewittchen stehen und schaute über die Schulter. Dann sah sie hinab und verharrte, bewegungslos. „Was habt Ihr vor?“
„Meinen Auftrag erfüllen, Hoheit.“ Benon lächelte und trat an den Bannkreis heran, der sie aufhielt. „Ihr gehört nicht in diese Welt.“ Ohne Schneewittchen aus den Augen zu lassen, intonierte er ein Gebet an die Zwillingsgötter. Leuchtende Runen stiegen um ihre Beine auf, summten und knisterten. Die Magie des Bannkreises wirkte.
Schneewittchen riss die Augen auf. Leuchtende Runen umkreisten sie. Sie schlug die Arme vor ihr Gesicht und schrie. Der Schrei durchfuhr den Forst, bohrte sich in Benons Gehör. Schmerz lähmte seine Zunge. Dann herrschte völlige Stille.
Blut rann aus seiner Nase, sammelte sich über seiner Lippe und tropfte zu Boden. Das Mädchen, das soeben ängstlich vor ihm gekauert hatte, stand nun aufrecht vor ihm. Haare und Kleidung flatterten in einem nicht spürbaren Wind, die Runen waren erloschen. Allein ihre Augen glühten rot wie Blut.
Benon betete erneut, doch seine Ohren waren taub. Etwas bewegte sich im Unterholz. Schatten schlichen aus dem Dickicht. Füchse und Dachse, Mäuse uns Kaninchen, Eulen und Greifvögel; sie alle kamen mit gefletschten Zähnen und gewetzten Klauen.
„Oh, Ihr Zwillinge, helft!“, keuchte Benon. Schneewittchens Macht war erwacht. Das Blut hatte den Bann gebrochen, ihr dunkles Innerstes nach außen gekehrt. Sein Blut.
Die Tiere umkreisten ihn. Ihre Augen glühten ebenso rot, wie die Schneewittchens.
„Benon der Jäger, du warst immer gut zu mir. Was nötigte dich zu deiner Tat?“
Obgleich er keinen anderen Laut hörte, hallten ihre Worte vielstimmig in seinem Kopf wider. Er presste sich die Hände an den Kopf, seine Beine zitterten. „Die Königin wünscht Euren Tod …“
„Sodann richte ihr meinen Tod aus und geh!“ Ein Donnerschlag fuhr durch seinen Schädel, gefolgt von wohltuender Finsternis.
Er erwachte alleine auf der Lichtung. Behutsam erhob er sich. Er war gescheitert. Die größte ihm bekannte Legende vermochte er nicht zu bezwingen.

**Autorin des Beitrags ist Jule Reichert

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