Rauhnächte: 5. Rauhnacht Rosa

Eine gefrorene Seifenblase im Regenbogennebel. Oben rechts die Schrift "Rauhnächte bunte Geschichten zwischen Eis und Dunkelheit"

Rosa unter Wasser

Rosa. Tiak blickte gerade über die Reling, als unter der Wasseroberfläche etwas rosa-schimmerndes vorbeischwamm. Und weg war es. Tiak lehnte sich so weit nach vorne, dass seine Fersen vom Boden abhoben. So einen Fisch hatte er noch nie gesehen. Vielleicht war er auch einfach schon zu lange auf See und  fing an, komische Dinge zu sehen.
Er wandte sich ab und fing an, jedes einzelne Seil zu inspizieren. Wie jeden Morgen. Der Horizont erstrahlte in einem immer kräftiger werdenden Orange  und einen Moment hielt Tiak inne, um den Sonnenaufgang zu genießen. Er blies sich warme Luft in die eiskalten Hände, bevor er zum nächsten Seil schlenderte.
Er zuckte zusammen, als Wasser ihn am Hinterkopf trat. Eisig lief es ihm über den Nacken, sorgte dafür, dass er sich schüttelte. Flink wirbelte er herum, bereit, mit einem Kollegen zu ringen, der sich einen Scherz erlaubte, doch da war niemand. Regen konnte es auch nicht sein, denn es waren nur ein paar weiße Wattewolken zu sehen, und für Wellen war der Wind zu schwach.
Tiak schüttelte den Kopf und wechselte die Seite des Schiffes, spähte ins Wasser – und wieder: Etwas rosa-schimmerndes. Doch dieses Mal war klar zu erkennen. Er blinzelte. Es war die Flosse einer Meerjungfrau. Schnell sah sich Tiak um, doch außer ihm war niemand an Deck wach – der Steuermann Guthar hatte das Rad festgebunden und schnarchte vor sich hin.
»Verschwinde, schnell!«, zischte Tiak dem Wasser zu, obwohl sie schon nicht mehr zu sehen war, in der Hoffnung, dass die Meerjungfrau seinen Rat befolgen würde. Er wollte sich nicht ausmalen, was die Mannschaft mit einer hübschen Frau machen würde, die dazu noch so eine Kuriosität war.
Knarzend ging die Tür auf. Eilig lief Tiak zum nächsten Seil.
»Morgen, Tiak.« Die tiefe Stimme dröhnte, als wolle sie die morgendliche Kälte erschlagen.
»Guten Morgen, Kapitän«, rief Tiak zurück, ohne in seiner Arbeit innezuhalten. Der Kapitän konnte ihn lesen wie ein Buch.
Knarrende Schritte auf den Planken. Der Kapitän ging zum Steuer. »Wach auf«, brüllte er, Guthar schreckte hoch.
Tiak zuckte zusammen, als ihn schon wieder Wasser am Rücken traf. Dieses mal wurde sein unterer Rücken klatschnass. Am liebsten hätte er sich umgedreht und die Wasserdame gefragt, was das werden sollte, aber stattdessen ging er zum nächsten Seil – das er bereits kontrolliert hatte, aber das wusste ja niemand.
»Wo sind wir?«
»Auf Kurs, Kapitän«, antwortete Guthar.
»Gut.«
Fast stöhnte Tiak erleichtert auf, als der Kapitän zum Frühstück ging und sich Guthar gähnend über das Steuer lehnte.
Der nächste Schwall Wasser traf Tiak mitten im Gesicht. Er wischte sich das Wasser von den Wangen und trocknete sein Gesicht so gut es ging, aber durch den Wind fühlten sich die Tropfen wie winzige Glassplitter an.
Er lehnte sich über die Reling. Knapp unter der Wasseroberfläche schimmerte es rosa, wie eine Wildrose aus Diamanten im Sonnenschein. »Was willst du mir sagen?«, flüsterte Tiak. Und bekam als Antwort wieder Wasser ins Gesicht.
»Das ist nicht lustig! Wenn du nichts zu sagen hast, verschwinde!«
»Tiak, was ist los?«, fragte Guthar vom Steuer aus.
»Nichts!«
Natürlich fühlte sich Guthar nun dazu genötigt, zu ihm hinüberzustapfen. Er riss die Augen auf und klammerte sich an die Reling. »Dass mich die Sirenen holen, eine Meerjungfrau!«, rief er.
»Unsinn! Du hast nur gestern zu viel getrunken.«
Guthar packte Tiaks Kopf und richtete seinen Blick auf die immer wieder kurz auftauchende Schwanzflosse.
»Bist du blind? Das ist eine Meerjungfrau!«
»Das ist nur ein großer Fisch.«
Guthar lachte auf, doch dann blickte er Tiak zornig an. »Du willst sie für dich, nicht wahr? Volle Brüste, zarte Hände, ich kanns dir nicht verdenken.« Er schwieg einen Moment, musterte ihn. »Oder bist du schwul?«
»Du bist einfach nur ekelhaft.«
Plötzlich war Tiaks Hals in Guthars Pranke eingesperrt. »Was war das?«
»Du bist ein widerliches Arschloch«, presste er hervor.
»Ach, ist das so?« Guthar ließ los, nur um ihn am Hemd zu packen und über die Reling zu halten. Unter ihm rauschte das Meer.
»Willst du das nicht lieber zurücknehmen?«
Tiak fasste Guthars Arm. »Warum sollte ich?«
Guthars Gesicht verzog sich zu einer lächelnden Grimasse. »Gut, dass der Tod eines Schiffsjungen keinen stört. Ich konnte dich eh nie leiden.« Guthar ließ Tiak los, doch er klammerte sich mit aller Kraft an Guthars Arm.
»Und wenn du erstmal weg bist, kann ich die Netze für die Meerjungfrau rausholen.«
Der Schlag ins Gesicht traf so hart, dass Tiak den Halt verlor und hinten über fiel. Eiskaltes Wasser umhüllte ihn, entzog ihm die Wärme. Panik breitete sich aus, legte sich wie eine schwere Decke über ihn.
Er musste nach oben! Doch seine Arme gehorchten ihm nicht. Er strampelte, kam aber nicht schnell genug voran. Tiak schloss die Augen. Er würde das nicht einmal überleben, wenn er es nach oben schaffte. Er würde erfrieren – langsam und elend.
Da legte sich eine warme Hand auf seine Wange. Lippen legten sich auf seine; weich, zart und warm. Tiak konnte den Atemreflex nicht stoppen, doch als er Wasser in seinen Lungen erwartete, spürte er nur klare Luft.
Langsam öffnete er die Augen und blickte in das lächelnde Gesicht des schönsten Jungen, den er je gesehen hatte. Und nur einen Augenblick später drang entfernt das splitternde Geräusch von Holz auf Stein zu ihnen.

Ein Beitrag von Cel Silen

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