Kalender 2021: Oktober

Grafik mit Schnörkeln und Text: Der Kalender 2021: Eine Kurzgeschichte für den Oktober von Katharina Rauh

Das Kalenderblatt

Da dies ein Kalenderblatt ist, könnt ihr es hier downloaden und ausdrucken.

Leider passt nicht die gesamte Geschichte auf die grafische Darstellung, deswegen gibt es diesen Beitrag:

Die Geschichte:

»Solana, ich glaube, wir haben »El Dorado« gefunden.«

Solana zog an den Zügeln und mit Rattern und Quietschen kam der ganze Karren zum Stehen. 

»Ich glaube nicht, dass wir »El Dorado« gefunden haben, Alais.« Sie schob sich ihre Haube auf den Kopf, sah nach links und rechts, ob irgendwelche Räuber oder Räuberinnen auf der Lauer lagen und sprang vom Wagen. 

Im langsam kühler werdenden Wind des Oktobers schwang vor ihnen ein zerbrochenes Schild. Nach »e Dorado« seien es noch drei Meilen. Vom »e« standen einige Holzsplitter ab und der tiefe Kratzer nach diesem konnte als »l« gedeutet werden.

»Siehst du?« Sie wies auf das zerbrochene Schild und schwang sich wieder auf den Wagen. »Wir haben zudem ein anderes Ziel als schnödes Gold.«

Alais verdrehte die Augen. »Ja und wenn wir das erreichen und nicht so enden wollen wie die Donner-Gruppe, müssen wir weiterziehen oder uns zumindest ein Quartier für den Winter suchen.«

Solana gab die Zügel frei und ihr Zugtier setzte sich wieder in Bewegung.

Wenige Minuten später hatten sie die Siedlung erreicht. Es war kaum zu glauben, dass es sich um eine Siedlung handelte, wären nicht zwei Kinder über den staubigen Trampelpfad von dem Haus mit der kaputten Veranda in das Haus mit den großen Löchern im Dach huschten. Kein Menschenlärm drang an ihre Ohren, nur der Wind und bis auf eine alte Dame, die zwischen den Häusern Holz hackte waren nur ein paar Steppenläufer zu sehen, die ihr Zugtier kurz aufschrecken lies. Die alte Dame warf ihnen einen Blick zu, als hätten sie persönlich ihr Haus zerstört und verschwand rasch in diesem. Kurze Zeit später verschlossen sich quietschend ihre zerrupften Fensterläden.

»Keine einladende Gegend«, kommentierte Solana trocken.

Trotzdem hielten sie vor dem gepflegtesten Haus an, welches ein Schild mit den abblätternden Lettern »Saloon« trug. Schon fast geisterhaft drang Klaviermusik an ihre Ohren.

»Nur mal kurz auftanken«

Sie ließen ihr Zugtier am Trog trinken, banden es fest und achteten darauf, dass ihre Hauben festsaßen. Danach stiegen sie die geflickten Stufen hoch und betraten zögerlich den Saloon.

Durch ein riesiges Fenster blendete sie die Oktobersonne und bis sie wieder etwas sehen konnten, hatte die geisterhafte Klaviermusik mit einem »Plonk« aufgehört zu spielen. 

Solana und Alais sahen sich um, während sie an die Bar gingen. Eine Gruppe von fünf Damen saß an einem Tisch und spielte Karten. Sie trugen lange, dunkle Kleider wie Solana und Alais und warfen ihnen skeptische Blicke zu. Der Klavierspieler hatte einen ziemlich zerfransten Fedorahut auf. Der Barkeeper polierte abgeschrammte Gläser und wechselte Blicke mit dem Sheriff mit zerschlissenem Hemd, verdelltem Sheriffstern und Dreitagebart. Niemand sagte etwas, aber alle starrten die Neuankömmlinge an.

Die beiden setzten sich an die Theke und wurden gleich vom Sheriff von Kopf bis Fuß gemustert.

»Fremde sind hier nicht willkommen!«

Solana konnte erkennen, dass sich Alais gleich wieder aus dem Staub gemacht hätte. Doch so einfach ließ sie sich nicht vertreiben. Sie hatten auf ihrer Reise schon so viel durchgemacht, da wollten sie auf den letzten hundert Meilen nicht aufgeben.

»Wir wollen nur was trinken, dann werden wir wieder weiterziehen.« Sie warf ein paar Münzen auf den Tisch. »Zweimal Whiskey bitte.«

Der Barkeeper warf einen Blick zum Sheriff, der die Arme vor dem Körper verschränkte. Seine großen, dunklen Augen sah die beiden durchdringend an, während seine Nase zuckte, wie bei einem Kaninchen. Solanas Blick glitt zu seinem Holster. 

Sie stutzte. Im Holster befand sich keine Pistole, sondern… eine Karotte?

Solana schnaubte. »Ihr scheint ja eure Stadt ganz schön im Griff zu haben.«

»El Octubre Dorado lässt sich nicht unterkriegen. Niemals.« Seine Hand fuhr zu seinem Holster zu seiner Waffe, die wieder eine Pistole war. Hatten Solanas Augen sich getäuscht? 

Wieder zuckte die Nase des Sheriffs und da konnte Solana auch ein leichtes Flimmern erkennen, was nur eins bedeuten konnte…

»Tarnzauber«, murmelte sie. »Hier liegt ein Tarnzauber vor.«

Leises Tuscheln im Raum.

»Hab ich Recht?« Solana sah sich im Raum um. Irgendetwas musste den Tarnzauber aufrechthalten, doch das musste schon etwas Mächtiges sein.

»Ihr irrt euch« erwiderte der Sheriff. »Und wenn ihr nicht gleich Land gewinnt…«

Neben Solana wippte Alais nervös mit ihren Füßen. »Kommt, lasst uns gehen, es gibt doch bestimmt eine weitere Stadt in Tagesreichweite.« Nervös schob sie sich eine Strähne hinter das spitz zulaufende Ohr..

Der Sheriff sah sie mit großen Augen an. Dann warf er einen Blick zum Pianisten und nickte.

Der Pianist spielte eine Tonleiter und fing wieder schwungvoll mit dem Spielen an. 

Eine Welle goldener Strahlen flutete den Saloon. Solana hatte recht mit dem Tarnzauber. Der Saloon war voller Sagengestalten. Kentauren aus Griechenland, irische Kobolde, Wendigos, Feen und Ziegenmenschen. Der Sheriff vor ihnen war definitiv ein Jackalope, ein aufrecht gehender Hase mit einem Geweih, doch die Wunden an seinem Kopf deuteten darauf hin, das er seines verloren hatte. Auch wenn der Tarnzauber aufgehoben war, trug er ein Holster mit einer Karotte darin.

Zwei Gläser Whiskey erschienen auf der Theke.

»Wir hatten hier schon ewig keine Elfen mehr aus der Mojave Wüste. Eure Zauberkünste sollen legendär sein.« Der Barkeeper, ein geflügeltes Wesen mit pechschwarzem Fell und roten Augen, nickte anerkennend.

»Eigentlich wollten wir dorthin. Wir kommen aus Irland und wollten ins Land der Elfen, was sich in der Mojave Wüste befinden soll. Leider naht der Winter und wir wissen nicht, ob wir es bis dorthin schaffen. Wir waren …«

Doch Solana wurde von einem ohrenbetäubenden Röhren unterbrochen. Ein Stampfen, das die Gläser erzittern ließ, kam immer näher. Die Augen des Sheriffs wurden riesengroß. Mit einem Satz sprang er hinter den Bartresen.

Kurz wurde es dunkel im Saloon, als ein rotgeschupptes Ungetüm vorbeistapfte.

Alais nahm einen tiefen Schluck aus ihrem Whiskeyglas.

»Verdammt, ist das ein Drache?!«

»Nein, das ist nichts, das ist nur …« Der Sheriff sah hinter der Bar auf, doch ein grollendes Brüllen ließ ihn wieder nasezuckend dahinter verschwinden. »Na, gut vielleicht ein etwas größeres Problem, als wir angenommen hatten. Dieser Drache kommt seit ungefähr zwei Wochen in unregelmäßigen Abständen hier vorbei und raubt unsere Bank aus. Er zerstört dabei die halbe Stadt. Wir haben nicht die Mittel, um ihn zu bekämpfen. An die Elfensiedlung der Mojave Wüste haben wir schon einen Boten geschickt, doch ich fürchte, den hat der Drache gefressen.« Er sah sie mit großen Hasenaugen an. »Wir bräuchten dringend eure Hilfe.«

Solana sah Alais an und nahm einen großen Schluck aus ihrem Whiskeyglas. »Ach ja? Vor ein paar Minuten wolltet ihr uns nicht hierhaben«

»Weil wir dachten, dass ihr Menschen seid. Und vor denen muss man sich mehr in Acht nehmen, als vor so einem ollen Drachen.«

Wieder nahm Solana einen Schluck. Als Drachenfutter wollte sie sicherlich nicht enden und ihre Freundin Alais ebenfalls nicht. Sie konnten einfach weiterfahren und El Octubre Dorado seinem Schicksal überlassen. Doch wenn sie weiterführen, würde der Drache sie sicherlich aufspüren.

»Warum raubt ein Drache ausgerechnet eine Bank aus? Wir haben in Irland auch Drachen gehabt, die von England und Wales rüberkamen, aber die waren viel mehr auf Futter als auf Gold aus«, fragte sie.

»Das fragen wir uns auch« Der Jackalope ließ sich nun ebenfalls Whiskey einschenken. »Er zerstört bei seiner Ankunft eine Vielzahl an Häusern, doch wirklich hasenteufelswild wird er nur bei der Bank. Wir haben die fähigsten Schmiede in der Gegend für die verschiedensten Safes beauftragt, doch der Drache schafft es, alle zu knacken und jedes Mal die halbe Stadt zu verwüsten. 

Wie auf Kommando hörten sie ein weiteres Röhren und es regnete Sägespäne in Solanas Drink. Seufzend stand sie auf und trat vom Saloon auf die Hauptstraße. Einige Fuß weiter vor ihr landete der Drache und kroch drohend auf sie zu. Solana rieb ihre Finger, fühlte in sich hinein, um Kontakt mit den Alten aufzunehmen, die ihr die Magie schenkten. 

Sie war unterlegen, doch wenn sie schnell genug war …

Die Menschen von El Octubre Dorado trauten sich langsam aus ihren Häusern und strömten auf die Straße. 

Solana und der Drache sahen einander in die Augen.

Eine Sekunde.

Zwei Sekunden.

Ein tiefes Grollen entwich der Kehle des Drachen.

Der Klingenzauber verließ Solanas Hände. Sie musste nicht einmal blinzeln.

Der Drache ging zu Boden, Blut strömte aus einer Wunde am Hals. Das ganze Dorf jubelte.

»Prima gemacht«, rief der Sheriff. »Ihr habt El Octubre Dorado gerettet.«

Weitere Hände wurden geschüttelt, es gab Whiskey aufs Haus für alle. 

Heldenhaft und frisch gestärkt verließen die beiden El Octubre Dorado. Schneller als erwartet kamen sie in der Elfenstadt in der Mojave Wüste  an. Prächtig und Golden.

Zufrieden kehrten Solana und Alais im Saloon ein und bestellten sich einen Whiskey.

»Auf ein goldenes Leben« prostete sich die beiden zu. Doch im goldenen Licht des Oktobers fiel ihr Blick auf ein Plakat, das an der Barwand klebte.

»Vermisst: Sheriff von El Octubre Dorado.« Darunter war ein Bild von einem Drachen. Dem Drachen, den Solana getötet hatte.

Sie verschluckte sich an ihrem Whiskey.

»Was haben wir getan?«

Ein Beitrag von Katharina Rauh.

Dies ist das Cowboy-Plotbunny unserer Nornenbunnyaktion.

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