Halloween – harmloser Grusel oder heidnische Götzenparty?

Schon ist es wieder soweit – draußen ist es dunkel, auf den Gräbern zittern die Kerzenflammen. In Deutschland begeht man wahlweise den Reformationstag oder Allerheiligen, und für die Verwegenen unter uns heißt es auch: Halloween! (Wenn ihr wissen wollt, hallo-warum es dabei überhaupt geht, empfehle ich diesen wunderbaren Artikel von Anne Zandt aus dem Jahr 2017.)

Einige Leute möpern traditionell den ganzen Oktober über, Halloween sei ja nur so eine lästige US-amerikanische Kommerzparty, die die leicht beeinflussbaren deutschen Jugendlichen übernommen hätten, weil es uns an eigenen Traditionen und Ideen fehle. Und teilweise ist das sogar richtig.

Beispielsweise war die Kürbislaterne zunächst eine Rübenlaterne, denn Halloween – ursprünglich Samhain, habt ihr bestimmt weiter oben nachgelesen – kommt aus Europa. Die Siedler in der neuen Welt hatten allerdings keine Rüben, also nahmen sie das nächstbeste stabile Gewächs, das man aushöhlen und dekorieren kann: Den Kürbis. Und während die Rübenlaternen hier in Vergessenheit gerieten, fürchteten die US-Amerikaner sich fleißig weiter und brachten uns den Jack’o’Lantern in Kürbisgestalt zurück.

Viele moderne Heiden feiern an Samhain – wahlweise das Datum 31.10. auf 01.11. oder zum Schwarzmond, der diesem Datum am nächsten ist (eigentlich ist die Berechnung erstens umstritten und zweitens etwas komplizierter, aber für den Hausgebrauch lassen wir es so; wer mehr wissen will, kann mich gerne anschreiben) – den Beginn des heidnischen Jahres. Außerdem nutzen sie diese Gelegenheit, um mit verstorbenen Liebsten und Ahnen zu kommunizieren. Eigentlich gar nicht so groß anders als Allerheiligen, wenn die Gräber auf deutschen Friedhöfen winterfest gemacht und mit Grablichtern geschmückt werden.

Aber was ist für die nicht-religiösen unter uns der Spaß an Halloween?

Natürlich der Grusel.

Vor allem der Grusel.

Bestimmt haben wir alle irgendwann man an einem Lagerfeuer oder um eine flackernde Taschenlampe im Kreis gesessen und einander unheimliche Geschichten erzählt. Und das Horrorfilmgenre ist seit Jahrzehnten ein Garant für ein gutes Auskommen in Hollywood. Horrorromane wie die Bestseller von Stephen King oder Anne Rice sind auch Nicht-Bücherwürmern bestens bekannt, und Meisterwerke wie die Geschichten von Mary Shelley oder Shirley Jackson finden heute dank Film- und Serienadaptationen ein neues, begeistertes Publikum.  

Auch die meisten anderen Kulturkreise haben ihre eigenen Monster und Gespenster, die sie in Geschichten verewigen. Ob Asanbosam, Bôrei, Redcap oder Wendigo – überall wimmelt es von unheimlichen Gestalten, vor denen mit Begeisterung gewarnt wird. Haben wir Menschen etwa gerne Angst?

Offenbar schon. Wenigstens wenn wir sicher sein können, dass wir es uns dabei mit einer Decke und einer heißen Tasse Tee oder Kakao gemütlich machen können. Oder wenn wir uns im Kino hinter einem riesigen Eimer Popcorn verstecken können. Angst lässt den Adrenalinspiegel in die Höhe schnellen – das Herz rast, wir fühlen uns lebendig. Und meistens ist es ja doch so, dass die Guten überleben. Das ist eines der Kernthemen vieler schauriger Geschichten – das Böse existiert, aber es kann bezwungen werden. Jedes Monster hat eine Schwäche. Jede gruselige Geschichte (ob wir sie als Film oder Buch konsumieren, ob am Lagerfeuer oder zuhause vor dem Fernseher), die wir überleben, bestärkt uns also darin, dass wir zu den Guten gehören – und dass wir leben.

Das mag auch einer der Gründe dafür sein, dass so viele Monster der Geschichte ihren Platz im kollektiven Bewusstsein gefunden haben. Ob Frankensteins Monster (hier ist der Frankenstein-Beitrag zur Lesechallenge, BTW), verfluchte Mumien, der Prinz der Finsternis Graf Dracula selbst, die Banshee – sogar die schreckhaftesten unter uns wissen wenigstens in groben Zügen, wer das ist. Und im Ernst, wer von uns kann schon mit dieser Art von Berühmtheit rechnen? (Plan B: Nach meinem Tod in spektakulärer Gewandung in der lokalen U-Bahn spuken, bis jeder mich kennt. Pizza und Kaffee als offizielle Opfergaben. Meine Nachfahren werden reich und verewigen mich.)

Wenn es jetzt also um euch rum dunkler ist, vielleicht Nebel vom Fluss aufzieht und ihr merkwürdige Geräusche aus dem Kleiderschrank hört, genießt es einfach. Euch kann nichts passieren. Schließlich gehört ihr zu den Guten … oder etwa nicht?

Beitrag von Diandra Linnemann

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