8.12 Ausgekräht (Elena)

Es war einmal eine Patchwork-Familie mit zwei Töchtern, davon war die eine schön und fleißig, die andere hässlich und faul. Da aber letztere das Kind der Frau war, hatte die Frau diese Tochter viel lieber. Weil der Vater der anderen Tochter nie Zuhause war, musste diese all die von der Stiefmutter aufgetragene Arbeit tun.
Das arme Mädchen musste sich täglich raus zum Brunnen des alten Bauernhofes setzen und spinnen, dass ihm das Blut aus den Fingern sprang, damit seine Stiefmutter genug Garn zum Häkeln von exklusiven Bio-Designern-Klamotten für Kleinkinder hatte. Gesellschaft leistete dem Mädchen dabei nur ein Hahn, der von seinem Vater gerettet worden war, bevor dem Gockel wegen Lärmbelästigung in der Stadt der Hals umgedreht werden konnte.

Nun trug es sich zu, dass die Spule einmal ganz blutig war, da bückte sich das Mädchen damit in den Brunnen und wollte diese abwaschen. Jedoch fiel ihm die Spule hinein. Unglücklich weinend lief es zu seiner Stiefmutter, doch diese schalt es unbarmherzig: „Hast du die Spule hinunterfallen lassen, so hol sie auch wieder herauf.“ Das Mädchen ging zum Brunnen zurück und wusste sich keinen Rat, so dass es in seiner Verzweiflung in den Brunnen sprang, um die Spule zu holen.
Als es aus seiner Besinnungslosigkeit erwachte, fand das Mädchen sich auf einer schönen Wiese voller Blumen beschienen von der Sonne wieder. Als es die Wiese verließ, kam es an einem Backofen voller Brot vorbei, welches rief: „Ach, zieh mich raus, zieh mich raus, sonst verbrenn ich: ich bin schon längst ausgebacken.“ Da trat es heran und holte mit einem Brotschieber nacheinander alle Laibe heraus und sprach dabei: „Selbstgemachtes Brot, das ist heute echt selten. Wie herrlich es duftet!“

Danach ging es weiter und kam zu einem Baum voller Äpfel, der ihr zurief: „Ach, schüttel mich, schüttel mich, wir Äpfel sind alle miteinander reif.“ Das Mädchen schüttelte den Baum, bis alle Äpfel abgefallen war, legte diese zu einem Haufen zusammen und dachte, dass solche regionale Bio-Qualität sonst schwer zu bekommen sei.
Schließlich erreichte das Mädchen ein kleines Haus, aus dem eine alte Frau schaute. Da die alte Frau so große Zähne hatte, wollte das Mädchen schon davonlaufen, doch die Alte rief ihm nach: „Was fürchtest du dich, liebes Kind? Bleib bei mir, wenn du alle Arbeit im Hause ordentlich tun willst, so soll dir’s gut gehn. Du musst nur achtgeben, dass du mein Bett gut machst und es fleißig aufschüttelst, dass die Federn fliegen, dann schneit es in der Welt; ich bin die Frau Holle.“
Nach gutem Zureden der alten Frau willigte das Mädchen ein, bei ihr zu bleiben. Es tat wie ihm aufgetragen und schüttelte das Bett immer gewaltig, so dass die Federn wie Schneeflocken umherflogen. Im Gegenzug hatte es ein gutes Leben bei Frau Holle, nie wurde es gescholten und es gab immer gutes Essen.

Doch nach einer Zeit wurde das Mädchen traurig und erkannte schließlich, dass es Heimweh hatte, obwohl es hier viel besser als Zuhause ging. So wandte es sich an Frau Holle und diese zeigte Verständnis: „Es gefällt mir, dass du wieder nach Haus verlangst, und weil du mir so treu gedient hast, so will ich dich selbst wieder hinaufbringen.“
Die alte Frau nahm es an die Hand und führte es vor ein großes Tor. Dies wurde aufgemacht und als das Mädchen gerade darunter stand, fiel ein gewaltiger Goldregen. Das Gold blieb an ihm hängen, so dass es über und über davon bedeckt war. „Das sollst du haben, weil du so fleißig gewesen bist,“ sagte Frau Holle und gab ihm auch die Spule wieder, die dem Mädchen in den Brunnen gefallen war.

Im nächsten Moment war das Tor verschlossen und das Mädchen befand sich wieder oben auf der Welt, nicht weit entfernt vom Bauernhof. Als es in den Hof kam, saß der Hahn auf dem Brunnen und rief:
„Kikeriki, unsere goldene Jungfrau ist wieder hie.“

Angesichts des vielen Goldes wurde das Mädchen gut von seiner Mutter und Schwester aufgenommen. Das Mädchen erzählte, wie ihm geschehen war, und als die Stiefmutter hörte, wie es an den Reichtum gelangt war, wollte sie dies auch für ihre eigene Tochter.
So musste sich die hässliche und faule Tochter an den Brunnen setzen und spinnen. Um den Ablauf zu beschleunigen, stach sie sich selbst in die Finger und fasste auch einmal in eine Dornenhecke. Danach warf sie die Spule in den Brunnen und sprang hinterher. Auch sie erwachte auf einer schönen Wiese und schlug denselben Pfad ein.

Als sie zum Backofen gelangte, rief das Brot erneut: „Ach, zieh mich raus, zieh mich raus, sonst verbrenn ich: ich bin schon längst ausgebacken.“ Die Faule aber zog nicht das Brot heraus, sondern antwortete: „Etwa aus Weizen? Ich habe eine Glutenunverträglichkeit, was soll ich mit Brot?“
Danach kam sie zum Apfelbaum, der rief: „Ach, schüttel mich, schüttel mich, wir Äpfel sind alle miteinander reif.“ Doch die Faule dachte nicht dran und sprach: „Die Äpfel sind alle klein und hässlich, die will doch sowieso niemand essen! Und außerdem ist der Fruchtzucker schlecht für die Leber!“
Beim Haus von Frau Holle angekommen fürchtete sie sich nicht vor der alten Frau, denn von den großen Zähnen hatte sie bereits gehört, sondern verdingte sich direkt bei ihr. Zuerst gab sie sich Mühe, doch dann sagte sie sich: „Wer will schon Schnee und das ständig? Warmes Wetter ist doch viel angenehmer!“ Fortan strengte sie sich gar nicht mehr an und genoss die Freizeit.

Frau Holle war deshalb die Faule bald leid und entließ sie aus ihrem Dienst. Als die alte Frau das Mädchen zum Tor geführt hatte, erwartete es einen Goldregen wie bei seiner Stiefschwester, doch stattdessen regnete es Pech auf das Mädchen. „Das ist zur Belohnung deiner Dienste“, sagte die Frau Holle und schloss das Tor zu.
So kam das Mädchen heim, aber es war mit Pech bedeckt, und dieses Mal rief der Hahn auf dem Brunnen: „Kikeriki, unsere schmutzige Jungfrau ist wieder hie.“
Daraufhin drehte die Hässliche dem Hahn den Hals um. Das Pech aber blieb fest an ihr hängen und wollte, solange sie lebte, nicht abgehen.

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