Das Nornennetz orientiert sich neu

Hände halten Handy mit Weltkarte im Hintergund, darüber steht Pressemeldung

Fünf Jahre lang ist das Nornennetz an und mit seinen Mitgliedern gewachsen. Es gab Kooperationen mit anderen kreativen Gruppierungen, wir waren auf Buchmessen vertreten und haben uns gleichzeitig um politischen Aktivismus bemüht, um marginalisierte Minderheiten zu stärken. Um einige der anstehenden Herausforderungen zu meistern, möchten wir im Folgenden schildern, warum das Nornennetz nun eine längere Zeit pausieren wird.

Der Hintergrund

Einst gründeten wir uns, um die “Sichtbarkeit von (cis) Frauen in der Fantastik” zu steigern. Wir haben jedoch gelernt, dass das alleine noch nicht ausreicht. Einerseits, weil einige Nornen erkannten, dass sie nicht cis sind, andererseits durch die Aufklärungsarbeit der Leute in der Buchbubble.

Seitdem sind wir bemüht, uns so aufzustellen, dass alle bei uns willkommen sind, die unter patriarchalen Strukturen leiden und sich mit unserem Ziel identifizieren. Nach einer internen Abstimmung fiel die Entscheidung, dass das Netzwerk in Zukunft nicht nur cis und trans Frauen aufnimmt, sondern auch nicht-binäre Personen willkommen heißen will, unter Beibehaltung des Ziels der (cis und trans) Frauen-Förderung.

Das begann damit, dass wir die internen Bezeichnungen von „Schwester“ zu „Norne“ änderten und die bevorzugte Anrede (sowohl für intern als auch in der Presse, um Zwangsouting zu verhindern) jeder Norne vermerkten. Wir formulierten auch verschiedene Website-Texte, zB die für die Bewerbung, um, aber stießen dort auf einige Probleme. So hatten wir Begriffe oder Formulierungen verwendet, die ein Gate-Keeping implizierten. Erst durch die Kritik daran wurden wir darauf aufmerksam. Diese nahmen und nehmen wir auch weiterhin sehr ernst, denn unsere Öffnung für marginalisierte Geschlechter ist ein laufender Prozess, der noch keineswegs abgeschlossen ist. Für Ratschläge sind wir daher immer offen und dankbar. 

Außerhalb dieser Öffnung versuchten wir zudem, in unseren Netzwerkaktionen intersektionaler zu agieren und Menschen mit unterschiedlichen Hautfarben, Geschlechtern, Behinderungen und Sexualitäten zu repräsentieren.

In einigen Projekten setzten wir uns jedoch auch Schwerpunkte, indem wir uns zB nur auf (cis und trans) Frauen konzentrierten. Was für uns ein Fokuspunkt war, erschien einigen Außenstehenden als Ausgrenzung von anderen Geschlechtern.

Die interne Problematik

Persönliche Barrieren, Krankheiten und allgemeine Erschöpfung sorgten für einen stetigen Wechsel an Nornen. Oft waren Lücken zu stopfen, damit der allgemeine Netzwerkbetrieb aufrechterhalten werden konnte – wodurch auch die weiteren (sprachlichen) Anpassungen auf der Website und intern liegen bleiben mussten, so schwer es uns fiel.

Dazu kam Zeitmangel. Alle Mitglieder des Nornennetzes arbeiten ehrenamtlich. Nicht zuletzt die Pandemie und begrenzte Kapazitäten sorgten dafür, dass interne Kommunikation nur schleppend voran ging und sämtliche Änderungen sehr langsam vorgenommen wurden. Die Geschwindigkeit der Umsetzung stand in keinem Verhältnis zu dem Bedarf, sodass wir häufig auf die Formulierung “Frauen und andere marginalisierte Geschlechter” zurück fielen.

Es lagen eine Vielzahl von Hauptaufgaben auf den Schultern weniger Nornen, die mit eigenen Behinderungen wie z. B Legasthenie zu kämpfen hatten. Für diese ist gendergerechte Sprache eine Barriere. Betroffene benötigen hierfür Zeit, Verständnis und Unterstützung.

Eben jene Behinderung wurde vor Kurzem in einem öffentlichen Artikel als Feindlichkeit ausgelegt und sorgte dafür, dass eine Betroffene zum Schutz ihrer eigenen psychischen Gesundheit das Netzwerk verließ. Dieser Austritt trifft uns besonders hart. Daher wollen wir mit diesem Statement auch ein Zeichen von uns setzen, dass wir hinter ihr stehen und ihr dankbar sind für alles, was sie seit Gründung des Netzwerks geleistet hat.

Vorwürfe in Bezug auf Gate-Keeping und Feindlichkeit ließen sichtbare Fortschritte und einige Kernfakten unberücksichtigt:

  • Eine Fokussierung ist kein Ausschluss von allem anderen, sie ermöglicht lediglich eine Bündelung der Ressourcen.
  • In einigen Situationen ist es besser, Sprachrohr (Belange, die einen selbst betreffen) zu sein, in anderen Verstärker (Teilen von Belangen, die einen nicht selbst betreffen).
  • Alle Nornen haben einen unterschiedlichen Wissensstand; ungewollt verletzende Formulierungen sind keine Absicht, sondern eine Informationslücke. Das Netzwerk ist bemüht, allen Mitgliedern den nötigen Wissensstand zu vermitteln, um solche Situationen in Zukunft zu vermeiden.
  • Einige Nornen sind Legastheniker:innen – daher auch unsere Entscheidung für den Doppelpunkt statt des Asterisk, da diese ihn besser verarbeiten können – oder im neurodiversen Spektrum, und brauchen besonders lange, um sich neue Sprachgewohnheiten anzutrainieren. Vor allem da es für die meisten Termini der Diversität noch keine allgemeingültige, gut dokumentierte Grammatik gibt, mit der sie üben könnten.
  • Nicht alle Nornen haben die Energie/Kapazität, sich immer auf dem aktuellsten Stand zu halten, der sich selbst – während wir lernen – bereits weiterentwickelt.

Das Nornennetz heute ist nicht mehr dasselbe, was es vor fünf Jahren war. Es hat sich weiterentwickelt und lernt jeden Tag dazu, durch eigene Nornen, aber auch durch die Aufklärungsarbeit Außenstehender.

Gleichzeitig bitten wir um Fehlertoleranz. So gerne wir das Erlernte so schnell wie möglich ändern und umsetzen wollen, geht es in der Realität leider nicht so, wie wir es uns  wünschen. Wenn wir also an der ein oder anderen Stelle noch überholte Begriffe verwenden oder etwas nicht wissen, dann freuen wir uns auf Hinweise und Richtigstellung. Radikale Änderungen sind manchmal notwendig, vor allem in einem System wie diesem, doch wenn sich Leute, die für das Gleiche kämpfen, gegeneinander stellen, dann können nur die gewinnen, die ohnehin auf dem Podest stehen.

Dabei war ja stets unser Ziel, ein offenes Netzwerk zu kreieren, wo alle ihren Bedürfnissen entsprechend wachsen und agieren können. 

Die Zukunft

Die letzten Wochen haben wir genutzt, um uns zu sammeln und herauszufinden, in welche Richtung wir gehen wollen. Das Ergebnis der demokratischen Abstimmung war: Das Nornennetz ist ein FLINTA-Netzwerk! 

An dieser Stelle sei gesagt: Wir danken allen für Hinweise zu unangemessenen/falschen Formulierungen, bitten euch aber auch, von der Forderung abzusehen, dass diese umgehend behoben werden müssen. Das Nornennetz wird für längere Zeit pausieren, um die entsprechenden Umstrukturierungen umzusetzen. Wir arbeiten daran, aber in unserem Tempo. Das ist vielleicht etwas langsam, sorgt aber letzten Endes trotzdem dafür, dass wir dort ankommen, wo wir alle hinmöchten: In einem gleichberechtigten Literaturbetrieb.

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