04.12 Das Märchen vom Rheinschiffer und dem finsteren Gesellen (Diandra Linnemann)

Es war einmal ein Rheinschiffer, der liebte seine Frau und seine Tochter sehr. Jeden Tag, bevor er das Haus verließ, um mit seinem Boot die Strömung zu bezwingen, küsste er beide auf die Stirn. Dann fuhr er hin und her, hin und her, bis es Abend wurde, und manchmal auch in der Nacht. Die Fähre verschaffte ihm ein gutes Auskommen, Hilde erwartete ihn jeden Abend mit einer warmen Mahlzeit und die kleine Tochter war ein Ausbund an Schönheit und Liebreiz. Seine einzige Sorge bestand darin, dass Gott ihm keinen Sohn schenken wollte. Jeden Sonntag in der Kirche flehte er auf Knien um einen Stammhalter. Aber die Jahre gingen ins Land, und der Leib seiner Frau rundete sich nicht.

Eines finsteren Abends klopfte es an die Tür. Der Regen prasselte auf das Dach der kleinen Hütte am Fluss. Als der Rheinschiffer die Tür öffnete, sah er einen unheimlichen Fremden. Er wirkte groß und hager. Ein langer Mantel schützte ihn vor dem Unwetter. Sein Gesicht wurde von einem breitkrempigen Hut verdeckt. Mit tiefer Stimme verlangte er die Überfahrt ans andere Ufer. Im Austausch bot er einen Beutel, der war schwer mit Münzen.

»Geh nicht«, bat Hilde, die Tochter auf dem Arm, »das Wasser ist gar zu garstig, und mir graut vor dem Fremden!«

Aber der Schiffer dachte an das Geld, das diese Fahrt ihm bringen würde. Das Boot kam in die Jahre und musste dringend ersetzt werden. Außerdem gab es auf dieser Seite des Flusses keine Wirtschaft, in der der Fremde unterkommen konnte, und ihre karge Mahlzeit reichte kaum für die drei Mäuler, die es ohnehin zu stopfen galt. Also nahm er seine Regenhaut vom Nagel, strich der kleinen Annalies noch einmal durch das schwarze Haar und ging hinaus in die Nacht.

Der Fluss war wild und unbändig, aber mit großem Geschick gelang es dem Fährmann, das Boot durch die schäumenden Wogen zu manövrieren. Er murmelte die Sprüche, die er von seinem Vater gelernt hatte. In seinem Inneren spürte er den Fluss aufbegehren, aber letztendlich beugten die Wasser sich einmal mehr seinem Willen.

Über ihren Köpfen zuckten die Blitze, als sie das andere Ufer erreichten. Der Donner grollte zwischen den Bergen. »Ich habe dir diese Münzen versprochen«, sagte der Fremde, »und du sollst sie haben. Oder verrate mir deinen geheimsten Wunsch, und ich will ihn dir übers Jahr erfüllen.« Seine Augen glühten in der Dunkelheit.

Der Rheinschiffer war wie verzaubert. »Einen Erben«, kam es über seine Lippen, »ich wünsche mir so dringend einen Erben, der die Familientradition in Ehren hält.«

Der Fremde lachte und entblößte scharfe Zähne. »Den kannst du haben, Schiffer, und die Münzen dazu. Ich habe wohl gemerkt, wie du dein Brot verdienst, und es wäre eine Schande, wenn ein derartiges Talent ausstürbe. Aber im dreizehnten Jahr werde ich wiederkommen und deinen Sohn mit auf die Wanderschaft nehmen. Nach einem Jahr und einem Tag mag er entscheiden, wie er sein Leben verbringen will.«

Der Rheinschiffer nickte betäubt. Ein harter Donnerschlag ließ ihn zusammenzucken, und als er die Augen wieder öffnete, war der Fremde wie vom Erdboden verschluckt. Allein der schwere Beutel in seiner Hand zeigte, dass die Begegnung kein finsterer Traum gewesen war. Die Münzen klimperten unheilvoll.

Der Schiffer beeilte sich, ans andere Ufer zurückzufahren, und erzählte weder Frau noch Tochter ein Sterbenswort von der unheimlichen Unterhaltung. Schon bald hatte er sich selbst davon überzeugt, dass er sich alles nur eingebildet hatte.

Die Tage gingen ins Land, und als der Frühling sich näherte, rundete sich der Leib der Schiffersfrau zusehends. Wie groß war die Freude, als ihnen schließlich der ersehnte Sohn geboren ward! Das Glück des Rheinschiffers schien perfekt. Frederik war flink und klug. Er lernte schnell und brachte seinem Vater nicht einen einzigen Tag Kummer. Er half im Haus, lernte alles über den Fluss und war stets gut zu seiner Schwester. Annalies liebte ihr Brüderchen und schleppte es immerfort mit sich, als sei es nur eine Puppe.

Allmählich aber näherte sich das dreizehnte Jahr, und der Rheinschiffer wurde immer unruhiger. Es graute ihm davor, sein Versprechen dem Fremden gegenüber einlösen zu müssen. Eines Tages also ging er in die Kirche und verlangte, den Pfarrer zu sprechen.

Dieser hörte sich die Geschichte ernst an und nickte bedächtig. »Du bist dem Leibhaftigen begegnet, guter Mann«, erklärte er schließlich, »und dieser hat dir das Versprechen über die Seele deines Sohnes abgenommen. Das ist der Lohn für deine frevelhafte Arbeit.« Denn der Pfarrer wusste sehr wohl, dass der Fährmann Wasserzauber wirken konnte.

Der Rheinschiffer war verzweifelt. »So sollen all die schönen Jahre umsonst gewesen sein?«, schrie er und raufte sich das Haar. »Am liebsten möchte ich uns alle ersäufen, um dass wir dieses Elend nicht erleben müssen.«

»Beruhige dich«, sprach der Pfarrer, »es ist noch nicht alles verloren.« Und er gab ihm einen großen, rostigen Nagel und hieß ihn, diesen ins Boot zu schlagen. »Dieser Nagel stammt aus dem Heiligen Land, vom Kreuze des Herren daselbst, und er besitzt große Macht. Wenn der Fremde kommt, sollst du ihn täuschen, dass er meint, deinen Sohn bei sich zu haben, und dann setzt du ihn über und bannst ihn mit einem Gebet, damit er sich dir und den deinen nicht wieder nähern kann. Dann wird dein Sohn auf ewig sicher sein.«

Der Rheinschiffer bedankte sich viele Male und eilte nach Hause, springend und pfeifend vor Glück. Den Nagel schlug er in den Bug seines Bootes, ohne seiner Frau etwas von der Sache zu erzählen.

So lebten sie in Fleiß und Glück weiter, bis der Junge das dreizehnte Lebensjahr vollendet hatte. Es gab Rosinenkuchen und Wein für alle, bis die Kinder schläfrig wurden. Den ganzen Abend über lauschte der Rheinschiffer auf Geräusche von Fremden, und als es abends donnerte und blitzte, klopfte es an die Tür.

Die Schiffersfrau erschrak. »Mir ist«, flüsterte sie, »als schliche eine große Katze ums Haus. Mach nicht auf!«

»Sei nicht bang, gute Frau«, beruhigte sie der Schiffer und öffnete die Tür.

Tatsächlich, draußen stand ein hochgewachsener Fremder mit Mantel und Hut. »Guten Abend, Rheinschiffer«, grüßte er. »Ich hoffe, es ist euch wohl ergangen?«

»Wir können nicht klagen«, antwortete der Schiffer.

»So gib mir, was wir vereinbart haben«, verlangte der Fremde, »und setze mich über, noch heute Nacht. Es soll dein Schaden nicht sein.«

Der Schiffer ging hinein, verabschiedete sich bei seiner Frau und schlug ein junges Schwein in einen dichten Mantel. Diesen drückte er dem Fremden in die Arme. »Der Bub schläft, seid leise!«

Die Überfahrt war so gefährlich wie die erste, aber der Rheinschiffer wusste Herrn und Kreuz an seiner Seite und verzagte nicht. Im Geist wiederholte er noch einmal die Lieder seiner Familie. Der Fremde stand still im Bug, das Bündel auf den Armen, und spähte über das Wasser hinaus, das um das Boot herum kochte und brodelte.

Schließlich erreichten sie wohlbehalten das andere Ufer. Der Rheinschiffer wartete, bis der Leibhaftige festen Boden betreten hatte, stieß sogleich das Boot wieder vom Ufer und erhob die Stimme. »Bei der Macht des Herren, der alles Leben geschaffen hat, halte dich fortan von meiner Familie fern!«

Das Boot knirschte. Wie vom Blitz getroffen schoss der Nagel des Kreuzes aus dem Bug und bohrte sich vor den Füßen des Fremden in den schlammigen Boden. Dieser brüllte vor Wut.

Von dem Lärm erwachte das Ferkel, grunzte und wühlte sich aus dem alten Mantel hervor. Es quiekte gar bitterlich. Der Fremde betrachtete es voller Abscheu. Seine Stimme trug über das schäumende Wasser: »Du hast mich nicht umsonst genarrt! Verflucht seien du und deine Nachkommen! Blut soll fließen, in jeder Generation, und kein erstgeborener Sohn soll die Weisheit Methusalems erreichen!« Er hob die Faust drohend gen Himmel, aber gegen die Macht des Kreuzes war er hilflos.

So schnell es ging, fuhr der Rheinschiffer zurück an sein Ufer, sprang vom Boot und hackte es in Stücke. Dann lief er hinein zu Frau und Kind, schloss beide in die Arme und schwor sich, nie wieder einen Fuß an das andere Ufer zu setzen. Er und seine Frau eröffneten ein Gasthaus an der Straße, auf der die müden Reisenden sich nach Colonia quälten, und so lebten sie glücklich und zufrieden bis ans Ende ihrer Tage.

SP oder Kleinverlag? (Diandra Linnemann)

Verstreute Überlegungen einer Autorin, die beides ausprobiert hat

Als Autorin hatte man es viele Jahre lang sehr, sehr schwer. Während es nämlich in Deutschland unzählige begeisterte und größtenteils auch talentierte Autoren und Autorinnen gibt, ist die Zahl der Programmplätze in den Verlagshäusern begrenzt. Wenn man sich die Angaben bekannter Verlage anschaut, landen auf deren Tischen pro Jahr mehrere tausend Manuskripte. Ein Beispiel: Der Oetinger Verlag veröffentlicht eigenen Angaben zufolge jährlich ungefähr 300 Kinderbücher, erhält allerdings im gleichen Zeitraum etwa 3.000 eingesandte Manuskripte. Und das sind, wenn ich richtig gelesen habe, schon recht gute Zahlen für Autoren.

Um als Autor veröffentlicht zu werden, brauchte man also bis vor wenigen Jahren sehr viel Talent, Durchhaltevermögen und vor allem: Glück. Man musste den richtigen Verlagsmenschen im richtigen Moment erwischen, um das eigene Manuskript wenigstens in die engere Auswahl für eine Veröffentlichung zu bringen.

Und plötzlich war Selfpublishing da.

Gut, genaugenommen hatte es das schon vorher gegeben: Niemand hätte einen Autor im zwanzigsten Jahrhundert daran hindern, einige hundert Bücher auf eigene Kosten drucken zu lassen und unter die Leute zu bringen. Aber diese Art von Kapital und Connections haben die wenigsten unter uns … ganz zu schweigen vom Lagerplatz für all die Bücher. Also war da zuerst das E-Book. Und dann das Self-Publishing. Plötzlich konnte jeder mit ein wenig Computererfahrung sein Buch ganz einfach der Öffentlichkeit präsentieren. Der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte.

Na gut, nicht ganz. Konnte man am Anfang noch mit selbstgemaltem Cover sein Manuskript irgendwie den Leuten schmackhaft machen, wuchsen auch beim digitalen Selfpublishing die Hürden innerhalb kurzer Zeit – nicht in den Himmel, aber schon wenigstens auf Brusthöhe. Wer heute ein E-Book herunterlädt, erwartet ein professionelles Produkt. Die Leserin interessiert sich nicht dafür, ob ein Verlag dahintersteckt oder ob die Autorin alles selbstgemacht hat. Rechtschreibung, Stil, Cover, Leseerlebnis – alles soll möglichst hochwertig sein. Und da man als Autorin nicht notwendigerweise talentiert ist für Design, Buchsatz und Marketing, muss man wieder einige Dinge auslagern. Das kostet. Und man ist selbst dafür verantwortlich, dass alles rechtzeitig und gut erledigt wird. Die im Eigenverlag veröffentlichende Autorin ist nicht die Künstlerin im stillen Kämmerlein mit Internetzugang, sondern betreibt ein Business. Dafür hat nicht jeder die Nerven.

Was ist denn jetzt besser?

Weiter auf Glück beim Verlag zu hoffen – sich zunächst auf Kleinverlage zu konzentrieren? Oder doch lieber alles selbst machen, inklusive sämtlicher Risiken? Ich habe beides ausprobiert und möchte an dieser Stelle meine Erfahrungen teilen.

Seit 2013 verlege ich meine Magie hinter den sieben Bergen-Reihe. Ihr habt noch nie davon gehört? Dann teile ich damit das Los der meisten Autoren und verschwinde irgendwo in der breiten Masse. Ich mache alles selbst und verpflichte höchstens mal Freunde und Bekannte zum Testlesen. Ja, auch die Cover. Und grafisches Talent habe ich nicht gerade, ist mir selbst klar.

Cover Allerseelenkinder, © Diandra Linnemann, 2013

Als ich anfing, war das noch nicht so wild, und später wollte ich, dass die neun Cover der Reihe einheitlich bleiben. Anfang November erscheint der letzte Band, und danach werde ich mich wahrscheinlich von der Covergestaltung bis auf Weiteres verabschieden. Parallel dazu erscheint die Reihe, sobald sie komplett ist, auch in drei Sammelbänden. Für die habe ich mir die Unterstützung einer befreundeten Coverdesignerin gesichert. Man sieht den Unterschied, nicht wahr?

Cover „Magie hinter den sieben Bergen: Winter“, © Giusy Ame / Magicalcover.de, 2018

Außerdem konnte ich, nach einigen Kurzgeschichten, im Jahr 2017 endlich einen kompletten Roman in einem noch sehr frischen Kleinverlag veröffentlichen. Der Chaospony Verlag, gerade eben erst gegründet, verliebte sich in meine erste Fassung von Andrea die Lüsterne und die lustigen Tentakel des Todes und zog das Abenteuer mit mir gemeinsam durch. Einschließlich professionell gestaltetem Cover, Lektorat, Korrektorat, Werbemaßnahmen, Messepräsenz etc.

Gut, und was war denn jetzt besser?

Um ehrlich zu sein … ich kann das gar nicht so genau sagen. Ich liebe die Arbeit mit dem Verlag. Lauter professionelle, begabte Leute, die – gerade, weil es ein Kleinverlag ist – mit Herzblut bei der Sache sind und ständig mit verrückten Ideen und Plänen um die Ecke kommen. Meine Lektorin war unglaublich engagiert und hat mich etliche Male zum Schimpfen und Fluchen gebracht – ehe ich ihre Anregungen umgesetzt hatte, denn sie sie hatte Recht.

Ich konnte während des kompletten Prozesses Ideen einbringen und erhielt Rückmeldung, und auch der Kontakt zu den anderen Autoren – da wir ja noch eine überschaubare Gruppe sind – ist nach wie vor vorhanden und gut. Die Chefin hat sogar als Goodie zu meinem Buch kleine Tentakel zum Anheften genäht, sind die nicht herzallerliebst?

Tentakel an der Tasche, © Diandra Linnemann, 2018

Allerdings muss man sich, wenn man bei einem Kleinverlag veröffentlicht, auch darüber im Klaren sein, dass es kein gigantisches Marketingbudget gibt, und Bestseller sind eher unwahrscheinlich. Viele Ideen scheitern aus Geld- und Zeitmangel, und es ist definitiv von Vorteil, wenn man selbst aktiv wirbt und sich um Dinge wie Lesungen etc. bemüht. (Ich vermute, das wäre für Anfängerautoren auch bei etablierten Verlagen nicht groß anders.)

Bei meinen Kurzgeschichten hatte ich über die Jahre auch die eine oder andere negative Erfahrung mit Kleinverlagen. In einem Fall erfuhr ich erst durch eine andere betroffene Autorin, dass eine Geschichte, die ich eingereicht und für die ich nie Rückmeldung erhalten hatte, tatsächlich in einer Anthologie veröffentlicht worden war. Ohne Vertrag, ohne Benachrichtigung, ohne irgendwas. Inzwischen hatte ich genau diese Geschichte als unveröffentlicht woanders angeboten und sie war auch genommen worden – glücklicherweise hatte dieser zweite Kleinverlag keine Probleme damit, so dass mir eine Menge Scherereien erspart blieben. Auf meine Rückfrage per E-Mail an den ersten Verlag, wie so etwas passieren konnte, erhielt ich nur eine patzige Antwort: Wenn man seine Geschichte einsende, erteile man automatisch die Einwilligung zur Veröffentlichung. Wahrscheinlich hätte ich dagegen vorgehen können, aber: Verschüttete Milch und so. Ich habe es als Erfahrung abgehakt und werde mit diesem Verlag einfach nicht mehr zusammenarbeiten. Professionalität ist eben nicht automatisch vorhanden, nur weil jemand gerne Bücher machen möchte. Das gilt für Verleger genauso wie für Autoren.

Apropos Professionalität

– in einem Kleinverlag hat man natürlich nur begrenztes Mitspracherecht bei der Auswahl von Lektorin, Korrektorin oder Coverdesignerin. Man muss darauf vertrauen, dass der Verlag trotz begrenztem Budget mit professionellen Leuten zusammenarbeitet. Bislang war meine Erfahrung dabei allerdings durchaus positiv.

Im Selfpublishing reizt mich vor allem die Möglichkeit, sehr spontan zu sein und alles allein entscheiden zu können. Wenn ich Lust habe, drei Bücher in einem Jahr zu veröffentlichen, hindert niemand mich daran – kein Verlagsprogramm mit begrenzten Plätzen, kein Stau bei der Lektorin, nicht einmal der gesunde Menschenverstand. Ich bestimmt die Titel selbst, suche die Cover aus und kann sämtliche Termine so legen, wie ich will.

Andererseits hält mich auch niemand davon ab, etwas Dummes zu tun.

Vor einigen Jahren hatte ich im November plötzlich eine Idee für eine Fantasygeschichte, die perfekt in die Weihnachtszeit passte. Ich schrieb sie wie im Fieber, polierte ein wenig und veröffentlichte sie nur wenige Wochen später. Und genau so sieht sie auch aus. Seit einer Ewigkeit dümpelt die Überarbeitung und Professionalisierung von Lilienschwester auf meiner To-do-Liste herum, denn die Geschichte ist nach wie vor gut … nur die Ausführung war stümperhaft. Wenigstens kann ich im Selfpublishing jederzeit hingehen und Verbesserungen vornehmen, wenn mir etwas auffällt. Der Schaden, den eine vorschnelle Veröffentlichung für meinen Ruf anrichtet, den kriege ich so leicht auch nicht wieder weg.

Und was mache ich mit zukünftigen Büchern? Tja, gute Frage … eine weitere Zusammenarbeit mit dem Chaospony kann ich mir gut vorstellen, falls sie weitere Bücher von mir haben wollen. Auch andere Klein- (und hoffentlich irgendwann Groß-) Verlage sind Möglichkeiten. Aber das Selfpublishing stärkt mir den Rücken – wenn mir die Konditionen nicht zusagen oder niemand mein Manuskript will, obwohl ich davon überzeugt bin, kann niemand mich davon abhalten, die Zügel wieder selbst in die Hand zu nehmen.

**Autorin des Beitrags ist Diandra Linnemann

Autoren Urlaub

Kampfszenen mit Wumms

Sie griff nach ihrem Schwert. Er griff nach seinem Schwert. Er schlug nach ihrem Schwert. Sie parierte mit ihrem Schwert. Er sprang nach vorn. Sie duckte sich und holte aus. Ihr Schwert traf sein Schwert. Es war sehr aufregend.

Und, habe ich eure Aufmerksamkeit genug strapaziert? Dann sind wir schon mitten im Thema. Jede Autorin hat ihre Stärken und Schwächen – einige beschreiben zuviel, andere leiden unter hölzernen Dialogen. Bei Kampfszenen allerdings schlagen alle, die ich kenne, die Haare über dem Kopf zusammen. Denn: Beim Kampf muss es schnell gehen. Viele Dinge passieren auf einmal. Und die meisten von uns sind mit Kämpfen und physischer Action generell eher weniger vertraut. (Das gilt besonders für Autorinnen, alles theorieverliebte Schöngeister.)

Trotzdem kann es in einer Geschichte nicht nur um tiefschürfende Gedanken, Licht und Liebe gehen. Ab und zu braucht man etwas Action – genau wie im richtigen Leben. Der Trick besteht darin, diese Action gleichzeitig für das innere Auge gut sichtbar und für den Lesefluss ausreichend schnell zu gestalten. Mitten in einem Kampf auf Leben und Tod mit dem radioaktiven Rochen von Rhodos will niemand drei Seiten Beschreibung der lebendigen Schuttberge im Tal der Finsternis lesen. Andererseits ist es vielleicht gut, zu wissen, dass es diese lebendigen Schuttberge GIBT, wenn plötzlich einer dieser Schelme nach unserer Protagonistin greift und ihrem Gegner damit zum entscheidenden Vorteil verhilft – oder vielleicht doch nicht?

Zugegeben, ich tue mich auch schwer mit schnellen Szenen. Im Verlauf einiger Bücher, in denen es gelegentlich heftig zur Sache geht, habe ich mir allerdings eine Handvoll Tricks zugelegt, die mir bei solchen Szenen helfen.

Zuerst das Wichtigste: Actionfiguren – lacht nicht! Habt ihr schon einmal vor einer Szene mit vielen wild ineinander verkeilten Charakteren gesessen? Ich habe ja so schon selten Ahnung, wer gerade was mit wem treibt. Und um nicht vollständig den Überblick zu verlieren, stelle ich die entscheidenden Szenen mit kleinen Figuren (können auch Minisalamis sein) nach. So weiß ich immer, wer gerade womit beschäftigt ist. Das ist natürlich für Kampfszenen am praktischsten, aber mit Hilfe einer Landkarte lassen sich so auch wilde Verfolgungsjagden oder Versteckspiele nachstellen. Nie wieder verlorengegangene Charaktere im Labyrinth des Wahnsinns (es sei denn, ihr wollt es so).

Na, wer erkennt den Film? (Foto (c) Diandra Linnemann)

Zweitens: Lernt kämpfen. Oder guckt wenigstens viel und oft zu, wenn sich andere Leute auf die Ömme hauen, die es wirklich können. Also keine bombastischen Wrestling-Matches, sondern eher Re-Enactment-Kämpfe oder Kampfsportmeisterschaften. Man vertut sich nämlich oft dabei, wie lange etwas dauert oder wie viel Platz man für eine Aktion hat. Muss natürlich nicht extra gesagt werden, aber wenn ihr schon in der Nähe von Profis sind und die gerade friedlich aussehen, löchert sie mit so vielen Fragen, wie geht. Aus Büchern kann man auch eine Menge lernen, aber ich finde, dass gerade bei so schwierig zu beschreibenden Dingen der Anschauungsunterricht nicht zu kurz kommen sollte – vor allem wegen der Geräusche! Vor einigen Jahren habe ich einen von der lokalen Polizei angebotenen Selbstbehauptungskurs besucht, den schlachte ich heute noch aus. (Und ich weiß jetzt, dass ich keine Hemmungen habe, fremden Leuten ins Gesicht zu schlagen. Niemand ist perfekt.)

Drittens: Gute Vorbereitung ist alles. Niemand taucht gerne mit einem Messer in der Tasche bei einer Schießerei auf, oder? So ähnlich verhält es sich auch mit literarischer Action: Jede Beschreibung, die ihr vorab unterbringt, könnt ihr in den schnellen Szenen als bekannt voraussetzen. Lasst eure Charaktere also ruhig an bekannten Schauplätzen aufeinander eindreschen, davon profitieren alle Beteiligten.

Und zu guter Letzt: Wenn ihr nicht gerade einen megabrutalen Slasher schreibt, ist weniger wahrscheinlich mehr. Persönlich finde ich es höchstens langweilig, wenn beispielsweise in Thrillern momentan immer schneller immer mehr Blut auf noch brutalere Weise fließen muss. Das ist nämlich keine große Kunst. Die Kunst besteht darin, Action und Gewalt so darzustellen, dass sie dem Leser unter die Haut geht – er soll verstehen, warum Gewalt stattfindet, und mit den Figuren mitleiden (sogar mit den Bösen).

Habt ihr Beispiele für besonders gelungene Actionszenen (selbst geschriebene oder gelesene) parat?

Autorin des Textes ist Diandra Linnemann

Lieben, weil man „muss“? Fantastische Eltern-Kind-Beziehungen (Diandra Linnemann)

Beim Nornennetz geht es gerade um die Liebe. Die romantische Liebe ist schon ausreichend abgehandelt, behaupte ich** mal (als Person mit nur einer einzigen, schwarzen, verkümmerten romantischen Ader im Leib, aus der es staubt). Aber wir wissen ja alle, dass das nicht die einzige Form von Liebe ist. Was ist etwa mit der Liebe zwischen Geschwistern, der Liebe zu einem Haustier oder einer besonderen Zimmerpflanze – oder eben, und darum soll es heute gehen – der Liebe zwischen Eltern und ihren Kindern?

Wie passen Eltern in Bücher? (Grafik: Elenor Avelle)

Spross und Stamm?

Das Spannende an der Eltern-Kind-Beziehung ist vor allem die Tatsache, dass man sich weder Eltern noch Kinder aussucht und ihren Entwicklungen, obwohl man sie natürlich auch beeinflusst, wenig entgegenzusetzen hat. Oft sind Enttäuschungen vorprogrammiert, genau wie Auseinandersetzungen, wenn die Kinder älter werden und eigene Vorstellungen und Ideen ausprobieren.  Nie tun die Kinder das, was man ihnen sagt, immer wissen sie alles besser. Und nie haben die Eltern Verständnis für ihre Kinder, diese lästigen alten Spießer. Trotzdem sind Eltern und Kinder im Notfall automatisch für einander da. Wie sieht das in der Welt der Phantastik aus?

Wo sind die Eltern?

Zunächst einmal: Eltern sind grandios unterrepräsentiert. Wenigstens in den Büchern, die mir spontan einfallen. Vor allem in fantastischen Geschichten sind sie oft merkwürdig abwesend. Entweder der Protagonist ist ein Waisenkind, wurde praktischerweise für die Ferien irgendwohin verschifft oder die Eltern werden einfach eben mal höchstens am Rand erwähnt, weil sie zum Beispiel als Pirat und Südseekönig unterwegs sind oder viel arbeiten. Wesentlich seltener kommen Eltern vor als: Ratgeber, Pflasteraufkleber, Retter, Kleidungskäufer, Beschützer oder Ernährer. Also all die Dinge, die Eltern idealerweise im Alltag erfüllen. Vor allem in Büchern für ein jüngeres Publikum fällt die Abwesenheit von Eltern natürlich auf, denn in Kinderbüchern ist die Protagonistin üblicherweise selbst etwa im Alter der Leser. Warum, könnte man sich dann fragen, unterscheiden sich Realität und Fiktion in diesem Punkt so stark voneinander?

Methode?

Ich habe keine Antworten, aber Theorien: Etwa, dass man mit Waisenkindern eher Mitgefühl entwickelt, und das ist ein gutes Mittel, um Sympathien zu wecken. Oder die Tatsache, dass Kinder Eltern oft als Spielverderber erleben, die zu allem „nein“ sagen und einem alles verbieten, was Spaß macht oder zu einem Abenteuer führen könnte. Und zu guter Letzt geht es natürlich in Kinderbüchern darum, wie Kinder selbst Abenteuer erleben, da wären bestimmende Eltern eher ein Hindernis als eine Hilfe.

Eltern – so wichtig und doch so selten in der Literatur (Foto: Diandra Linnemann)

Große Kinder haben auch Eltern

Aber jetzt gibt es natürlich nicht nur Kinderbücher, und auch erwachsene Protagonisten haben, rein theoretisch, Eltern. Oder wenigstens Erzeuger. Für Erwachsene spielen Eltern oft im Alltag keine so zentrale Rolle mehr, aber die meisten von uns haben wahrscheinlich durchaus regelmäßig Kontakt mit ihren Eltern, sofern diese nicht gestorben sind. Manche leben sogar in ihrer Nähe, man hilft einander regelmäßig im Alltag oder holt sich bei den Älteren Rat. Und umgekehrt gilt das natürlich auch – ich bin bestimmt nicht die einzige, die ihrem Vater WhatsApp und Facebook erklärt. Auch wenn die erweiterte Familie, gesellschaftlich betrachtet, an Bedeutung verloren hat, pflegen die meisten von uns doch gute Kontakte zu ihren Eltern. Aber wie spiegelt sich das in der fantastischen Literatur wieder?

Literarische Vergessenheit

Spontan fallen mir in erster Linie Geschichten ein, in denen die Beziehung zu den Eltern problematisch ist. Entweder es geht um die Erwartungen, die die Eltern an die Protagonistin haben, oder um langjährige Konflikte, die im Hintergrund schwelen. Manchmal sind die Eltern auch schon gebrechlicher und stellen eine zusätzliche Aufgabe dar, um die man sich zu kümmern hat, während die Welt brennt und Kätzchen gerettet werden müssen.

Eine Sonderstellung nehmen übrigens Geschichten ein, in denen Eltern sich später als der große Gegenspieler herausstellen. Das fängt mit Märchen an, wenn Hänsel und Gretel von ihren Eltern ausgesetzt werden, setzt sich in Star Wars oder dem zweiten Teil von Guardians of the Galaxy fort und bietet reichlich Platz für Situationen, in denen der Protagonist sich sozusagen die Seele aus dem Leib reißen muss, um aus dem Schatten der Eltern zu treten, sich gegen sie zu erheben und so die Welt zu retten. Happy Ends sind unter diesen Umständen für die betroffene Familie eher selten.

Figuren mit Kindern?

Ebenfalls sehr selten, um es einmal von der anderen Seite zu beleuchten: Protagonisten mit eigenen Kindern. Und wenn sie Kinder haben, dann findet garantiert kein normaler Familienalltag mit schmutzigen Socken und hundert Variationen von „Du sollst dein Gemüse essen!“ statt, sondern die Kinder sind irgendwie schon vorhanden und stellen eine weitere Aufgabe dar, werden aber nicht als eigenständige Charaktere mit Plänen und Macken gezeigt. Sehr beliebt, gerade für Protagonistinnen, ist das Kind, das man kurz nach der Geburt schweren Herzens weggibt, um weiter die Welt retten zu können. Alle Vorteile der romantisierten Schwangerschaft mit einer Prise Tragik und keinerlei Langzeit-Verpflichtungen. Schließlich kann sie nicht gegen den finsteren Magier kämpfen, wenn sie gleichzeitig Windeln wechseln oder die Hausaufgaben ihres Sprösslings kontrollieren muss.

In Kinderbüchern treffen wir oft auf kleine Helden und Heldinnen ohne greifbare Eltern (Foto: Eva-Maria Obermann)

Möglichkeiten ausschöpfen!

Natürlich gibt es gerade im Bereich der phantastischen Literatur auch ganz andere Möglichkeiten, mit der Eltern-Kind-Beziehung umzugehen. Wie wäre es mit anderen Gesellschaftsformen? Vielleicht kennt der Protagonist seine Eltern gar nicht, weil alle Kinder vom Stamm, bei dem er lebt, gemeinsam aufgezogen werden? Oder die Erbfolge wird matrilinear festgelegt und Väter sind unwichtig, da man Vaterschaft nicht eindeutig nachweisen kann? Vielleicht spielt die Geschichte in einer futuristischen Gesellschaft, in der Schwangerschaft nur noch künstlich stattfindet und die Erbsubstanz sowieso optimiert wird, bis man keine genetische Herkunft mehr feststellen kann? Dann stellt sich natürlich die Frage, was stattdessen an die Stelle der Eltern-Kind-Beziehung tritt. Schließlich lebt niemand völlig isoliert. Die Beziehungen zu unserer Umwelt und unserer Familie prägen uns und beeinflussen auch, wie wir mit Konflikten umgehen. Also sind Eltern eigentlich die perfekte Zutat für ein rundes Abenteuer.

**Autorin des Textes ist Diandra Linnemann

Gruppenbild (by Elenor Avelle)

Mein erstes Mal: Leipziger Buchmesse.

Ein Erfahrungsbericht.

(Diandra Linnemann)

In der Gruppe sind Menschen bekanntermaßen mutiger als alleine. Das ist die einzige logische Erklärung, die ich dafür habe, dass ich dieses Jahr zum ersten Mal auf der Leipziger Buchmesse war, als winziges Rädchen im Nornengetriebe. Während mein Freundeskreis nämlich seit Jahren jedes Jahr mutig in die heiße Schlacht an den Messeständen zieht, hatte ich mich bislang nie getraut. Zu viele Leute, zu viele Eindrücke. Jetzt allerdings hieß es: Augen zu und durch. Unser Organisatorinnenteam hatte nämlich mächtig vorgelegt, und kneifen wollte ich auch nicht. Zum Glück, kann ich im Nachhinein nur sagen.

Aber alles auf Anfang. In den Tagen vor der Messe geriet der Postbote ganz schön ins Schwitzen. Da wurden Bücher angeliefert, Tische bestellt (solche mit Beinen, nicht die im Restaurant), Last-Minute-Dokumente abgeliefert, und auch sonst war es schlimmer als gewöhnlich. Außerdem wollte der Hariboshop dringend geplündert werden, um die Versorgung mit überlebenswichtiger Energie sicherzustellen. Um Transport und Unterkunft musste ich mir, Auto und Familie sei Dank, keine Sorgen machen – auch so war ich ein neurotisches Wrack (das ist eine meiner liebenswerteren Eigenschaften).

Natürlich hatten wir einen Plan, und der beinhaltete unter anderem den Aufbau ab Donnerstagnachmittag. Von der Messe bekamen wir einen leeren Stand hingesetzt, den wir uns nach eigenen Vorstellungen dekorieren konnten.

Der Stand

Der Stand (by Diandra Linnemann)

Dank der hervorragenden Planung, an der ich komplett unbeteiligt war, und etlicher fleißiger Nornen war der Aufbau auch schnell erledigt:

Fertiger Stand (by Diandra Linnemann)

Fertiger Stand (by Diandra Linnemann)

Am nächsten Morgen ging es direkt zur Sache. In wechselnder Besetzung wurden Nornen zur Standbetreuung und zur Verlosung eingesetzt – also, nicht dass ihr denkt, wir hätten Nornen verlost, aber jeder Besucher durfte (sogar mehrmals!) in den Schicksalskelch greifen und konnte wunderschöne Kleinigkeiten zum Nornennetz und den verschiedenen Büchern gewinnen. Nicht einmal die Nieten waren richtige Nieten, denn statt materieller Gewinne konnte man im quasi schlimmsten Fall mit einem Zitat aus einem der Nornenbücher nach Hause gehen – wie bei literarischen Glückskeksen. Und ich war wirklich überrascht, wie oft die Zitategewinner meinten, das gezogene Zitat passe genau auf ihre Situation. Ob an dieser Sache mit Nornen und Schicksal vielleicht doch etwas dran ist?

Der Schicksalskelch (by Elenor Avelle)

Der Schicksalskelch (by Elenor Avelle)

Großes Aufsehen erregten auch die von Elenor Avelle in liebevoller Handarbeit – die Frau ist wahnsinnig, ich sag’s euch … vor allem wahnsinnig talentiert! – gestalteten Boxen, aus denen man Gewinne ziehen konnte.

Nornenboxen (by Susann Julieva)

Nornenboxen (by Susann Julieva)

Wenn gerade nicht gelost wurde, fanden am Stand unterschiedliche Lesungen statt, die sich großer Beliebtheit erfreuten. Auch wenn einige der Lesenden durch den üblichen Messelärm in der Halle ziemlich herausgefordert wurden, war das Abenteuer Lesung dank Technik und eimerweise moralischer Unterstützung ein voller Erfolg.

Lesung von Anne Zandt (by T. S. Elin)

Lesung von Anne Zandt (by T. S. Elin)

Und natürlich gab es den Nornentalk, den ich leider verpasst hatte und glücklicherweise hier nachhören konnte:  https://voicerepublic.com/talks/das-nornennetz. Das Interesse war auf jeden Fall groß, und nach dem, was ich mitbekommen habe, kommen die Nornen insgesamt gut an.

Nornentalk (by Ela Schnittke)

Nornentalk (by Ela Schnittke)

Alles in allem war ich extrem überrascht, wie reibungslos sich die Zusammenarbeit und Durchführung gestalteten – schließlich waren viele von uns einander vorher höchstens online begegnet, und unter Stress prallen schonmal unterschiedliche Charaktere aufeinander. Entgegen dem, was jedoch über Frauen leichthin gesagt wird, gab es keine „Stutenbissigkeit“, stattdessen konnte sich jede der Anwesenden nach Temperament, Talent und persönlichem Energielevel einbringen. Und ich glaube, diese großartige Zusammenarbeit übertrug sich auch auf das Publikum, das den Stand meistens üppig belegte.

Großer Andrang (by T. S. Elin)

Großer Andrang (by T. S. Elin)

Nicht einmal das Post-Messe-Trauma, vor dem ich persönlich ein wenig Bammel hatte, konnte uns einen Strich durch die Rechnung machen. Mit einer letzten heroischen Anstrengung war der Stand nach Messeende innerhalb kürzester Zeit verpackt und auf die verschiedenen Nornen verteilt.

Abbau (by Elenor Avelle)

Abbau (by Elenor Avelle)

Letztendlich war mein erster Messebesuch folglich ein voller Erfolg – und ich freue mich darauf, mit den Nornen noch viele andere wilde Aktionen durchzuführen. Bis zum nächsten Mal!

Gruppenbild (by Elenor Avelle)

Gruppenbild (by Elenor Avelle)

 

Taschenkalender (Diandra Linnemann)

Der lange Atem – Was haben Sport, Schreiben und Neujahrsvorsätze gemeinsam?

Ich habe es schon wieder getan. Obwohl ich mir ziemlich sicher bin, dass es nicht hilft und mich nur frustriert. Obwohl ich mir sicher war, aus den Katastrophen der letzten Jahre gelernt zu haben – ich habe mir Neujahrsvorsätze gebastelt.

Bei den meisten Deutschen stehen angeblich Abnehmen, Sport und das Ablegen einer unschönen Angewohnheit wie Rauchen ganz oben auf der Liste der Neujahrsvorsätze. Für Autoren – das ist jetzt nicht direkt wissenschaftlich belegt, aber ich würde drauf wetten – gehören Pläne wie „mehr schreiben“ oder „regelmäßig schreiben“ ebenfalls zu den üblichen Vorsätzen. Und sobald das Leben uns in die Quere kommt, stehen wir da und winken unseren hehren Zielen hinterher, wenn sie in den chaotischen Abgrund schlittern.

Die größte Stolperfalle ist, beim Sport und beim Schreiben (das sind jetzt meine Beispiele, denn damit kenne ich mich aus), der Versuch, eine Wendung um hundertachtzig Grad zu machen. Bis gestern war die Couch dein bester Freund? Gut, dieses Jahr gehst du fünf Mal pro Woche joggen. Mindestens. Im letzten Jahr hast du nur geschrieben, wenn die Muse dich küsst? Ab sofort sind zehn Seiten pro Tag Pflicht! Du bist motiviert und enthusiastisch, und außerdem völlig sicher: Das ist doch ein Klacks!

Dann klopft der Alltag. Die Wäsche häuft sich unter dem Waschbecken. Deine Freunde wollen in diesen Megablockbuster, den man unbedingt gesehen haben muss, denn darüber redet ab nächster Woche die Welt. Im Wald hast du dir den Knöchel verstaucht, das Pflichtupdate legt deinen Rechner lahm und überhaupt wird es höchste Zeit für die Steuererklärung oder einen ehrlich verdienten Serienmarathon.

Wir sind alle schon einmal dagewesen. Darum kommt dieser Artikel auch erst heute, nachdem du schon die eine oder andere Gelegenheit hattest, bei deinen aktuellen guten Vorsätzen auf die Schlummertaste zu drücken. Morgen ist schließlich auch noch ein Tag, nicht wahr?

Ich kenne übrigens noch ein paar Tage: Übermorgen. Den Tag nach Übermorgen. Den zweiten April. Und natürlich den Sanktnimmerleinstag. Das sind alles gute Tage, an denen wir unsere Pläne in die Tat umsetzen können.

Pläne statt Vorsätze

Falls es dir dieses Jahr nicht so gehen soll, habe ich einige Tricks und Tipps für dich. Den ersten habe ich dir gerade schon untergejubelt: Wir machen keine Vorsätze, sondern Pläne. Aus „Ich will“ oder „ich sollte“ wird „ich werde“, und schon ist die Umsetzung ein paar Milimeter näher gerutscht. Und wenn wir gerade dabei sind, zu planen, werden wir auch direkt konkret. Am besten mit einem Terminplaner in der Hand: Was sind die Tage(szeiten), an denen du die geplante Aktivität am ehesten in die Tat umsetzen wirst? Beim Beispiel Sport hilft es, sich wirklich feste Termine in den Kalender einzutragen, vielleicht Muckibude mit einer Freundin oder ein Probetermin in der Kletterhalle. Kurse an festen Tagen sind auch nicht zu verachten. Und wenn du schreibst – zu welcher Tageszeit hast du am ehesten ungestört Zeit, dich für mehr als drei Minuten an den Schreibtisch zu setzen? Bei mir ist das merkwürdigerweise der Abend, obwohl ich ein ausgesprochener Morgenmensch bin. Morgens küsst mich die Muse viel lieber (da schmecke ich noch frisch), aber am Abend habe ich alle Erledigungen und Pflichten für den Tag abgehakt und kann mich endlich ungestört daran setzen, meine Charaktere in noch größere Schwierigkeiten zu bringen.

Der zweite Trick: Finde einen Schuh, der dir passt. Und ausnahmsweise meine ich nicht den wortwörtlichen Laufschuh (wobei gutes Hand- und Fußwerkzeug wichtig ist, aber das wissen wir alle schon längst), sondern die passende Sportart, oder die richtige Textform. Probiere dich aus. Bist du ein Gedichtetyp? Liegt dir Tanzsport? Magst du lieber die knackige Überraschung der Kurzgeschichte oder verbeißt du dich am liebsten in komplizierte Plots? Vielleicht liegen dir verschiedene Textformen/Sportarten, dann ist es sinnvoll, auf mehreren Hochzeiten zu tanzen (wieder nur im übertragenen Sinne – es sei denn, du tanzt gerne). Aber du solltest dich unter keinen Umständen zu etwas zwingen, weil jemand anders es dir als Königsdisziplin unterjubeln will. Ich bin begeisterte Läuferin, meine Kollegin findet Laufen öde und geht regelmäßig zum Standardtänze-Kurs. Solange du dich bewegst – und vor allem: So lange du SCHREIBST – ist alles in Ordnung.

Und drittens: Sei geduldig mit dir. Es braucht einige Zeit und Disziplin, ehe sich neue Gewohnheiten etabliert haben, und sowohl physische als auch Kreativmuskeln müssen liebevoll trainiert werden, ehe man beim (Schreib-)Marathon startet. Dafür brauchst du einen langen Atem. Fange klein an. Wichtig ist, dass du zum verabredeten Termin auftauchst, wann immer es sich einrichten lässt. Vielleicht bringst du in den ersten Wochen zur vereinbarten Schreibzeit zwischen Konferenzen und klebrigen Kindermündern nur eine halbe Seite zustande. Das ist nicht schlimm. Es ist auch nicht wild, wenn du dich beim Schwimmen nach einer Minute in eine Bleiente verwandelst. Sei gut zu dir, und mache weiter. Wenn du das einige Monate durchhältst, wirst du ganz hibbelig, sobald du mal einen Termin auslassen musst. Deine Muse tobt heulend und zähneklappernd durch dein Unterbewusstsein, wenn du nicht um Punkt acht am Schreibtisch sitzt. Der Stapel aus „eine Seite pro Tag schaffe ich garantiert“ wächst schneller als erwartet in schwindelerregende Höhe. Deine Zehen tippeln unterm Tisch und treiben die Kollegen in den Wahnsinn. Spätestens dann weißt du: Herzlichen Glückwunsch, der Plan hat funktioniert. Es hat dich erwischt. Jetzt gilt es nur noch, den Schwung auszunutzen.

Übrigens: Mein Plan für dieses Jahr ist es, mich nicht immer bis über die Ohren zu verplanen. Bin gespannt, wie lange das hält. Und bei euch so?

Ein Beitrag von Diandra Linnemann.

Baum im Zwielicht mit Raben und Dämonen.

Rauhnächte – die Zeit „zwischen den Jahren“ (Diandra Linnemann)

Wer in einer ländlichen Gegend aufgewachsen ist, kennt vielleicht aus der Kindheit noch einige merkwürdige Gebräuche, die in der Zeit zwischen Heiligabend und dem Dreikönigstag gepflegt werden. In einigen Dörfern ist es üblich, in diesen Nächten eine Kerze ins Fenster zu stellen. Man soll keine Wäsche aufhängen und, sogar wenn man es könnte – was heute eher selten wird – kein neues Garn spinnen. Und alte Leute erzählen, in diesen Nächten könne man die Tiere im Stall sprechen hören.

Diese Bräuche, die sich von Region zu Region unterscheiden, gehen auf die Rauhnächte zurück, da sind die meisten Historiker einer Meinung. Leider endet damit auch schon das, was wir über die Rauhnächte tatsächlich wissen. Nicht einmal über die Herkunft des Namens herrscht Einigkeit – einige Sprachforscher haben die Theorie aufgestellt, der Begriff leite sich von einer altertümlichen Form des Wortes „Rauch“ ab, weil in dieser Zeit viel mit Weihrauch hantiert werde. Andere behaupten, Ursprung sei das Wort „Rauh“ für Tierpelze (wie in dem Märchen „Allerleirauh“), weil in dieser Zeit in Pelze gehüllte Dämonen das Land unsicher machen. Angeblich sind die Rauhnächte eine Überlieferung aus vorchristlicher mitteleuropäischer Zeit. Da es allerdings kaum schriftliche Belege gibt, stehen den Deutungen an dieser Stelle Tür und Tor offen. Viele Bräuche wurden nur mündlich überliefert und im Lauf der Zeit von Kirche und Gesellschaft modernisiert und vereinnahmt. Es herrscht also sozusagen Narrenfreiheit.

Einer heutzutage weitläufig akzeptierten Theorie zufolge sind die Rauhnächte die Zeit „zwischen den Jahren“ – das Mondjahr hat nur 354 Tage, das Sonnenjahr 365 (jeweils plus/minus ein paar Stunden). Die Tage nach der Wintersonnenwende am 21. Dezember stehen somit sozusagen außerhalb der Zeit und sind weder Teil des alten Jahres, noch gehören sie zum neuen Jahr. Man sagt, dass in ihnen die wilde Jagd durch die Nächte zieht – je nach Überlieferung ein Heer aus Dämonen und ruhmreichen Helden, angeführt von Wotan oder der Percht. Wer sich mit diesen Wesen gutstellen will, stellt kleine Gaben nach draußen, ein wenig Schnaps oder ein Schälchen Milch oder Honig werden von den Geistern der Rauhnächte immer gerne angenommen. Es wird hingegen nicht empfohlen, in der Dunkelheit nach draußen zu gehen, wenn man nicht auf unheimliche Begegnungen und derbe Dämonenscherze steht.

Was kann man also tun, wenn man weder Wäsche waschen noch spinnen, nicht im Dunkeln im Wald herumturnen und auch sonst kaum etwas tun kann?

Natürlich sitzt man mit Familie und Freunden zusammen. Das zelebrieren wir auch heute noch, bevorzugt zu den Weihnachtsfeiertagen oder an Silvester, isst gut und erzählt einander Geschichten. In manchen Gegenden gibt es traditionelle Weihnachtsspiele, etwa die Jagd nach der Königsmandel im Pudding. Und natürlich wird auch gesungen und musiziert.

Ein weiterer Brauch in der Zeit der Rauhnächte ist das Orakeln, wie wir es für die Silvesternacht auch heute noch betreiben. Bleigießen hat wohl jede schon probiert – die Figürchen verlangen einem viel Phantasie ab bei der Deutung, und man sollte sich keineswegs durch die beigefügten Infoblätter einschränken lassen! Auch gibt es den Brauch, Nüsse im offenen Feuer zu verbrennen, und wenn die eigene Nuss spritzt und kracht, steht einem ein turbulentes Jahr bevor. Man könnte aus dem Kaffeesatz oder aus Teeblättern lesen, und natürlich gibt es reichlich Orakelmethoden wie Runen, Tarot oder I Ging, an denen man sich gerade in dieser Zeit versuchen kann. Wer besonders mutig ist, begibt sich in einer der Rauhnächte zu einer Wegkreuzung, wo einem angeblich um Mitternacht der oder die Liebste erscheint. Aber dazu muss man schon sehr mutig sein, denn wie bereits oben beschrieben – die wilde Jagd treibt in diesen Nächten ihren Schabernack mit den Menschen, und diese Gesellen sind nicht gerade zimperlich. Bauernweisheiten zufolge kann man am Wetter der Rauhnächte übrigens erkennen, wie das Wetter in den zwölf Monaten des kommenden Jahres wird.

Das sind natürlich alles nur Sagen und Legenden. Orakel, Dämonen – nichts als Hirngespinste, habe ich recht? Aber um auf Nummer sicher zu gehen, sollten wir uns in den Rauhnächten sicherheitshalber mit guten Büchern und einem Stück Schokolade in unsere Betten verziehen. Wir wollen schließlich nichts riskieren, oder?

Ein Beitrag von Diandra Linnemann.

Knecht Ruprecht – nur ein Assistent? (Diandra Linnemann)

„Von drauß‘ vom Walde komm‘ ich her …“ – auch wenn man sich nichts aus der Vorweihnachtszeit macht, dieses Gedicht kennt jeder. Ursprünglich von Theodor Storm verfasst, trägt es den Titel Knecht Ruprecht. Und auch den kennt beinahe jeder, wenigstens dem Namen nach.

Nikolaus und seine Helfer – ein Thema mit Tiefgang (Foto: Eva-Maria Obermann)

Auf den Spuren Ruprechts

Die Vorweihnachtszeit ist voller alter Bräuche, von denen einige heutzutage recht merkwürdig oder gar barbarisch anmuten. Knecht Ruprecht gehört zu diesen Bräuchen. Er ist in weiten Teilen des deutschsprachigen Europas der Begleiter des Heiligen Nikolaus und gilt als eine Art untergeordneter Gegenspieler, sozusagen ein Weihnachtsdämon. Wenn Nikolaus kommt und die Kinder belohnt, die das vergangene Jahr über artig waren, verteilt Knecht Ruprecht – in einigen Gegenden auch Krampus oder „Rauer Percht“ genannt – an die unartigen Kinder Ruten, mit denen sie gezüchtigt werden sollen.

Über die Ursprünge von Knecht Ruprecht ist nicht viel bekannt. Jacob Grimm zufolge (genau, einer von DEN Grimms) geht der Name auf germanische Wurzeln zurück und stellt einen Bezug zum Gott Wotan her, andere Quellen stellen ihn in die Nähe der Göttin Perchta, welche auch als „Frau Holle“ bekannt ist. Sowohl für Wotan, der die Wilde Jagd anführt (mehr dazu später im Dezember), als auch für Frau Holle mit ihren Kissen besteht eine starke Verbindung zur Weihnachtszeit, so dass diese Verbindung zumindest nicht ganz abwegig ist. Wenn die Tradition Knecht Ruprecht also zu einem Diener des Heiligen Nikolaus macht, sieht man sehr schön, wie vorchristliche und christliche Traditionen miteinander verbunden wurden.

Andere Quellen führen Knecht Ruprecht beispielsweise auf einen Priester namens Ruprecht zurück, der die Christmette gegen betrunkene Bauern verteidigte, oder auch auf einen historischen Burgherren der Ruprechtsburg in Thüringen, von dem es heißt, er habe Kinder gefressen. Und bei den Niederländern ist als Äquivalent der „Zwarte Piet“ ein Mohr, der mit einem Schiff aus der ehemals niederländischen Kolonie Spanien kommt und lustige Possen treibt. Diesen Angaben zufolge wäre Knecht Ruprecht nicht älter als etwa fünfhundert Jahre. Genaues lässt sich aufgrund der mageren Quellenlage heutzutage nicht mehr sagen. Der Fantasie tut das jedenfalls keinen Abbruch.

Wo wir ihn heute finden

Je nach Gegend, in der man aufgewachsen ist, gilt Knecht Ruprecht entweder als freundlicher Helfer des Nikolaus – oder als gruselige, möglicherweise gehörnte Figur, die die unartigen Kinder bestraft. Vor allem dieses Bild wurde in den letzten Jahren verstärkt in Horrorfilmen umgesetzt („Krampus“, „A Horror Christmas“, „Mother Krampus“). In der Fantasyliteratur taucht Knecht Ruprecht oder Krampus hingegen seltener auf*, obwohl eine derart ambivalente Figur reichlich Spielraum für übernatürliche und fantastische Interpretationen bietet.

Am ehesten begegnet man ihm noch als zweidimensionalem Helfer von Nikolaus oder Weihnachtsmann in Märchen und Kindergeschichten. Vielleicht liegt das auch daran, dass man inzwischen glücklicherweise weitgehend davon abgekommen ist, Kinder körperlich zu züchtigen, und in diesem Zusammenhang auch nicht mehr mit einem „schwarzen Mann“ droht. Dabei gäbe es so viele schöne Einsatzbereiche für Knecht Ruprecht – vielleicht ist er ein Waldgeist? Ein Dämon, der den Menschen Gutes tun möchte? Ein tollpatschiger Engel? Oder vielleicht ist er doch ein finsterer Geselle, vor dem man sich in den langen, finsteren Winternächten schützen muss?

Eines kann man mit Sicherheit sagen – Knecht Ruprecht ist als Figur auf jeden Fall viel interessanter als die niedlichen Weihnachtselfen, die mit den US-amerikanisierten modernen, bunt blinkenden Bräuchen zu uns herübergeschwappt sind.

*ein kleiner Hinweis, im Adventskalender unserer Norne Anne Zandt ist der Krampus sogar zentral 😉 – Anm. d. Red.

**Autorin des Beitrags ist Diandra Linnemann

Liebe in fantastischen Zeiten (Diandra Linnemann)

Meine Testleserin war ganz heiß: „Wie süß! Kriegen Andrea und Sven sich am Ende?“
Ich**, hingegen, war ganz irritiert. Eine Liebesgeschichte in meinem humorvollen fastapokalyptischen Tentakelroman? So etwas war mir gar nicht in den Sinn gekommen. Obwohl die Protagonistin Andrea den Spitznamen „die Lüsterne“ trägt. Und obwohl an Liebe eigentlich gar nichts schlimm ist.
Weitere Leser stellten ähnliche Fragen. Sie brachten gute Argumente. Wenn ich einen ChicLit-Fantasy-Roman schreiben wolle, müsse ich mich an die Regeln des Genres halten. Außerdem sei Sven doch so sympathisch!

Diandra Linnemanns Roman Andrea die Lüsterne und die lustigen Tentakel des Todes

Und überhaupt, hätte Andrea denn nicht ein wenig Liebe verdient?

Eigentlich schreibe ich eher magielastige Urban-Fantasy-Romane, und meine Protagonistin befindet sich auch in einer recht glücklichen Beziehung. Allerdings bin ich fest davon überzeugt, dass das nicht die Voraussetzung für einen gelungenen Roman ist. Ich finde, eine romantische Beziehung muss zur Geschichte passen – oder besser noch: Alles viel komplizierter machen! – und sollte nicht den Platz eines vernünftigen Lebenszweckes einnehmen. Es kotzt mich, mit Verlaub, an, wenn die eh schon unglaublich perfekte Protagonistin erst durch den passenden Mann an ihrer Seite endlich die notwendige soziale Aufwertung erfährt, oder wenn sich das hässliche Entlein pünktlich zum dritten Akt in den wunderschönen Schwan verwandelt, um dem Prinzen gerecht zu werden. Habt ihr eigentlich nichts Besseres zu tun?

Durch die komplette Literatur hindurch begegnen uns Frauen, die beinahe ausschließlich über ihre romantischen Beziehungen definiert und wahlweise gerettet oder verdorben werden: Fausts Gretchen, Effie Briest bei Fontane, Elizabeth Bennet in Stolz und Vorurteil. Oft scheint es, als seien Frauen ausschließlich dazu da, geliebt, verführt oder gerettet zu werden, sogar wenn sie eine tragende Rolle spielen.

Und im Fantasybereich sieht es nicht besser aus.

Arwen im Herrn der Ringe mag eine fähige Magierin und Kämpferin sein, aber ihre Hauptbeschäftigung ist es nun einmal, in Aragorn verliebt zu sein. Das ist zwar schön und tragisch, aber nicht besonders nahrhaft. Bei Tad Williams‘ Drachenbeinthron-Saga kann ich mich, ehrlich gesagt, an keine relevante Frauengestalt erinnern. Marion Zimmer Bradley hat zwar in erster Linie hervorragende Frauen geschrieben, aber auch hier kreist ein Großteil der Geschichten um die Liebe und darum, ob eine Frau noch begehrenswert ist oder schon alt. Und sogar Mary Shelley, als sie mit Frankenstein das Genre Science Fiction erfand, hatte für die einzige relevante Frau der Geschichte nur die Rolle der Verlobten des Doktors übrig.

Braucht Fantasy von und über Frauen wirklich Liebe? (Grafik: Elenor Avelle)

Zum Glück ändern sich die Zeiten ja, nicht wahr?

Tja, und da komme ich gelegentlich ins Schleudern. Die Zahl starker Frauencharaktere wächst, wie man unter anderem bei Das Lied von Eis und Feuer oder in der Reihe um die Vampirjägerin Anita Blake der US-Autorin Laurell K. Hamilton lesen kann. Aber auch dort findet ein Großteil der Charakteridentifikation über ihre Beziehungen statt. Fast möchte man den Eindruck haben, als Frau MÜSSE man eine romantische Beziehung haben, um überhaupt die Chance darauf zu haben, in einem Roman als relevant wahrgenommen zu werden.

Einige wenige Gegenbeispiele habe ich zum Glück natürlich auch – sogar wenn die Frauen bei Terry Pratchett beispielsweise romantische Beziehungen haben, so finden diese meistens am Rand der Geschichte statt. In den Büchern von Isabel Allende, die dem magischen Realismus zugeordnet werden, findet Romantik zwar statt, ist aber nur selten das entscheidende Element. Und genau so sollte es meiner Meinung nach sein. Liebe gehört zum Leben dazu. Doch wenn man sie zum zentralen, alles beherrschenden Thema macht, legt man die Latte für Erfolg meiner Meinung nach ziemlich niedrig.

In Andrea die Lüsterne und die lustigen Tentakel des Todes habe ich das Problem schließlich mit einem Kompromiss gelöst – mehr sei an dieser Stelle nicht verraten. Doch ich finde, wenn man die Welt gerettet hat, ist es fast schon Nebensache, ob man anschließend gemeinsam in den Sonnenuntergang reitet. Oder etwa nicht?

 

**Autorin des Beitrags ist Diandra Linnemann. Auf ihrem Blog habt ihr aktuell eine tolle Gewinnmöglichkeit.

Diandra Linnemann: Der europäische Ziegensauger #Fabelwesen

Fabelwesen im Nornennetz

Beim europäischen Ziegensauger handelt es sich um eine wenig bekannte Variante des mittelamerikanischen Chupacabra. Genau wie dieser parasitäre Vertreter der Dämonenwelt ist der europäische Ziegensauger ein vampirartiges Wesen, welches seiner Beute durch einen Riss in der Kehle das Blut aussaugt. Anders als der lateinamerikanische Chupacabra begnügt der europäische Ziegensauger sich, wahrscheinlich aufgrund seiner geringeren Größe, mit Ziegen und Schafen.

Die Legenden über den europäischen Ziegensauger stammen überwiegend aus dem alpinen Raum. In kirchlichen Archiven finden sich nur wenige Hinweise auf Herkunft und Wirken der Bestie. Verbrieft ist, dass der europäische Ziegensauger beinahe exklusiv in abgelegenen Alpentälern beheimatet ist, in denen die Bauern aufgrund der kargen Weiden und steilen Hänge Ziegen statt Kühe hielten. Ganze Herden schienen unter mysteriösen Krankheiten zu leiden oder verschwanden nach und nach in den umliegenden Fichtenwäldern. Erst als die Bauern ihre Ziegenzucht aufgaben, blieben die Erscheinungen des europäischen Ziegensaugers aus.

Der Dämon wird als etwa hundsgroß beschrieben. Er hat üblicherweise braunes oder dunkelgraues Fell, welches einen länglichen Kopf mit einer spitzen Schnauze und einen auffälligen Knochenkamm auf dem Rücken bedeckt. Der lange Schwanz der Bestie ist haarlos. Anhand dokumentierter Ziegenkadaver aus den 1950er Jahren lässt sich vermuten, dass der europäische Ziegensauger ein starkes Reißgebiss mit markanten Eckzähnen hat, mit denen er die Schlagader seiner Beute öffnet, um das Blut zu trinken. Er lebt wahrscheinlich in Gebirgsspalten oder Höhlen, in welche er seine Beute verschleppt, um sie in Ruhe auszusaugen.

Bei Sichtung ist unbedingt Abstand zu halten, sonst droht Lebensgefahr! 

Der europäische Ziegensauger jagt in dem fantastischen Serienroman „Das Ziegenmädel“, der seit Ende Juli häppchenweise über meinen Newsletter veröffentlicht wird (Anmeldung unter: https://diandrasgeschichtenquelle.org/newsletter/).

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