Writers on Writers – Folge 3 – Elenor Avelle und Katherina Ushachov

Logo der Aktion Writers on Writers. Schriftzug in der Mitte darüber das Nornennetz Logo, darüber "Autorinnen im Gespräch" umrandet von zwei goldenen Federn und deren Tintenlinien.

Die Aktion „Writers on Writers“ orientiert sich an dem YouTube-Format „actors on actors“ des Variety Magazins, USA.

Es geht um ein Gespräch auf Augenhöhe. Zwei Autoren unterhalten sich über ihr Handwerk, über Schwierigkeiten in den Projekten, über Zweifel oder Unsicherheiten. Anders als bei einem fragenden Reporter wirkt das Gespräch durch die Gegenseitigkeit intimer und natürlicher. Man erhält Einblicke in die Entstehungsgeschichte der Bücher und Tipps und Tricks.

Kurz gesagt, es geht um:

Zwei Nornen im Gespräch, ihre Projekte, ihr Werdegang und die immer wiederkehrende Frage „Wie machst du das eigentlich?“

In Folge 3 unterhalten sich Elenor Avelle, Autorin des finalen Teils des postapokalyptischen Science-Fiction-Spektakels “Gefesselt – die Rückkehr” (Eigenverlag) und Katherina Ushachov,  Autorin der retrofuturistischen Cyberpunknovelle “Stahllilie und der mechanische Löwe”  (Littera Magia)

Weitere Infos zu den beiden Autorinnen erhaltet ihr hier: https://www.nornennetz.de/nornennetz/nornen

Oder auf den Seiten der Autorinnen: https://www.elenoravelle.de/ und https://feuerblut.com/

Ein Transkript findet ihr unter dem Video

Transkript: Elenor Avelle und Katherina Ushachov

Intro:

Writers On Writers. Eine Aktion vom Nornennetz. Diesen Monat im Gespräch: Elenor Avelle und Katherina Ushachov.

KU: Herzlich willkommen zu Writers On Writers. Heute sind hier Elenor Avelle und Katherina Ushachov, das bin ich. Wir interviewen uns gegenseitig über unsere Projekte und das Drumherum.

EA: Unser erstes Mal so ganz zwanglos, einfach wir fragen uns, wie es uns gerade einfällt und deswegen wird das sehr lustig werden beim Interview jetzt.

KU: Meine letzte Neuerscheinung war im August letzten Jahres und zwar Stahllilie Und Der Mechanische Löwe. Das ist eine Science-Fiction-Novelle, die von einigen, die sie gelesen haben, bei Cyber-Punk einsortiert wurde. Ich selbst habe sie erst einmal allgemein bei Science Fiction einsortiert und der Gedanke war einfach, was wäre, wenn Leute den Weltraum erobern und dabei immer noch mit Lochkartencomputern und älterer Technik und älteren Geräten starten und von da aus sich weiter entwickeln und es natürlich eine ganz andere Richtung annimmt. Plus ein spannendes Abenteuer und eine etwas verzwickte Handlung, wie es sich für Novellen gehört trotzdem in einer Kürze. Es ist zum Teil eine Geschichte über die Wissenschaft, über die Grenzen der Wissenschaft, über einen sehr genialen Menschen, der etwas erfunden hat, das so bisher nicht da war, über einen Menschen, der unfassbare Schuld auf sich geladen hat und keinen anderen Weg weiß, diese Schuld zu tilgen, als in eine absolut aussichtslose Situation zu geraten, im Prinzip ein Selbstmordkommando und um eine Schwester, die natürlich, als sie hört, dass es eine Chance gibt, die lange nicht mehr gesehene Schwester zu retten und ihr zu helfen, sich sofort einen Hammer schnappt und sagt ‚Ja, gehen wir los‘. Und diese Schwester, das ist die titelgebende Stahllilie.

EA: Das klingt auch total toll. Ich meine, ich bin ja aktuell in dieser ganzen, ja, Genrepunk-Szene so ein bisschen drin, wegen meines aktuellen Buchprojekt, das ich gerade schreibe, ist Clockpunk. Also nicht genau der gleiche Punk. Aber ich finde allein diese Idee mit Technologien von früheren Zeiten in der Zukunft zu arbeiten, das finde ich megafaszinierend, deswegen habe ich dir gerade ganz gespannt gelauscht, weil ich das voll cool finde. Ja, eigenes Buchprojekt. Ich habe gerade meinen dritten Band von meiner Trilogie beendet. Post-apokalyptisch mit Zombies und ja, eigentlich ist das ja das Buch, mit dem ich quasi angefangen habe, weil es ging eigentlich nur darum, dass der Charakter zurück nach Hause geht und dann hat er aber angefangen, soviel zu erzählen und dann kam ein neuer Charakter dazu, dass daraus 3 Bände geworden sind in dieser post-apokalyptischen Welt. Erster Band geht um die Vorgeschichte. Der zweite Band ist synchron zu meinem Debütwerk Infiziert und der Dritte, der jetzt erschienen ist, Gefesselt – Die Rückkehr, da geht es eigentlich um das, was ursprünglich mal in der Trilogie am Anfang stand, nämlich ja ‚ich kehre zurück, wie schaut’s denn eigentlich bei mir daheim nach der Apokalypse so aus?‘ Ja, naja und gedanklich bin ich halt aktuell in meinem wunderbaren Clockpunk Schneerot-Projekt, dass ich total cool finde und deswegen diese ganze Punk-Szenerie auch total cool finde. Da würde ich dich auch gleich mit meiner ersten Frage beschmeißen, die jetzt echt gut dazugehört. Und zwar hast du konkrete Genres, die du anderen vorziehst, in denen du besonders gerne schreibst und warum ausgerechnet diese, wenn ja?

KU: Ich dachte mal, ich würde die Fantastik allem anderen vorziehen und nie in etwas anderem schreiben außer Kurzgeschichten und dann entstand R0mEO und Julz. Das ist mein allererster überhaupt nicht fantastischer Roman, vollkommen frei von fantastischen Elementen, den ich über Patreon veröffentliche. Deswegen habe ich ein bisschen Angst, Genres für mich auszuschließen. Wann immer ich gesagt habe, also das, ne, das schreibe ich nie, kam ein Plotbunny daher. Ich meine, mein Debüt ist Romantasy und Romantasy war das Genre, das ich mein Leben lang am vehementesten ausgeschlossen habe. Nun kam Young Adult hinzu, also ich habe ein bisschen Angst davor irgendein Genre jemals wieder auszuschließen.

EA: Naja, ausschließen muss man ja Genres nicht. Das tue ich selber ja auch nicht, weil ich bin ein total großer Fan davon, bzw. dem Zwang unterworfen, schreiben zu müssen, was meine Charaktere mir verkünden.

KU: Ja, das kenne ich.

EA: Dementsprechend landest du manchmal in einem Genre also Voodoo Clockpunk habe ich mir auch nicht wirklich ausgesucht. Ich wollte eigentlich etwas anderes und die Charaktere sagten dann so ‚denk mal drüber nach, das funktioniert gar nicht, so wie du dir das vorgestellt hast‘ und dann hm, landete ich plötzlich in diesem Genre. Aber ich merke bei meinen Geschichten durchgehend, dass die immer und das ganz unbeabsichtigt, ohne, dass ich das plane, ein dystopisches Element haben.

KU: Ist dieses dystopische Element immer ein ähnliches, geht es ein politisches Problem oder eine Zukunftsvision, die dich da besonders mitnimmt? Ich meine, ich erinnere mich an deine erste Reihe, da war es zum Teil ja auch dieses Grenzen der Wissenschaft auslotsen, wie ich es in Stahllilie hatte. Aber ich vermute, dass du jetzt in eine andere Richtung gehst, was ist jetzt das Thema, was dich umtreibt? Was plagt dich?

EA: Was plagt mich, die Frage ist gar nicht so verkehrt. Weil diese dystopischen Elemente tatsächlich immer in die Richtung gehen, was mich politisch wirklich sehr beschäftigt zu einem Zeitpunkt. Aber sie sind nicht eingleisig. Also auch bei meiner Post-Apokalypse mit den Zombies ging es in diesem dystopischen Element um verschiedene Dinge. Es ging um Allmacht von Firmen, die Regeln und Sachen durchsetzen können, die ethisch absolut verwerflich sind. Es ging um die Möglichkeit solche Machenschaften geheim zuhalten und in bestimmten Gesellschaftsschichten, dass das dann da kursiert und kreist und der Rest weiß eigentlich gar nicht, was vor sich geht. Es ging um die Einflussnahmemöglichkeiten. Wie viel können Menschen tatsächlich bewirken? Was genau von Einstellungen bewirkt wirklich etwas und es ging um die menschliche Fähigkeit, alleine zu bleiben. Das waren so, würde ich jetzt aus dem Stegreif mal sagen, die Elemente, die mich während Infiziert und dieser ganzen post-apokalyptischen Reihe beschäftigt haben. Und Schneerot ist auch eine Mischung, weil es geht zum einen um Umweltprobleme, weil wir uns in einer Welt befinden in 2.000, 3.000 Jahren, was passiert, wenn die fossilen Brennstoffe weg sind? Es geht aber auch wieder, das ist schon ein Thema, das mich immer sehr beschäftigt, um diese Gesellschaftsunterschiede, wer sind die, die das Sagen haben, und wer sind die, die eigentlich machen müssen? Noch ein wichtiger Punkt, bei Schneerot, der entspringt dem Plotbunny, dass mir diese Geschichte tatsächlich eingebrockt hat. Ich habe ja für den Märchensommer von der Anne Zandt damals einen Beitrag für Schneeweißchen Und Rosenrot geschrieben und habe bei der Recherche diese Farbe entdeckt und Schneeweißchen Und Rosenrot mochte ich als Märchen schon immer sehr, sehr gerne, auch wenn mich die Prinzen immer voll gestört haben. Ich dachte, wo kommen die her, wo haben die ihre Schätze, wo kommt der Bruder am Ende her, was ist da los? Aber an und für sich mochte ich diese Geschichte wegen dieser zwei Schwestern ganz gerne. Die super unterschiedlich sind und aber sich immer ganz gut verstehen. Und mich nervt es halt in Serien und Filmen total, dass du diesen weiblichen Hauptcharakter hast, der angeblich so stark und toll ist, dann aber ständig in Situationen gerät, in denen er dann dasteht und wartet und wartet und dann kommt irgendwer und rettet sie.

KU: Kommt mir bekannt vor. Ich: ‚Jetzt will ich mal etwas Flauschiges schreiben.‘ Mein Gehirn: ‚Nix flauschig. 

EA: Hier wird gestorben jetzt!

KU: Genau das. Hier wird gestorben oder zu mindestens beinahe, hier passiert irgendetwas. Nein, du kannst keine flauschige Geschichte über zwei Teenager haben, die einfach einen kleinen harmlosen Youtube-Beef im Hintergrund haben, wo die Fans sich gegenseitig angiften, wer der tollere Let’s-Player ist. Nein, das geht nicht. Da musst du noch richtig viel Drama reinpacken 

EA: Aber ich find die Geschichten eigentlich auch am coolsten, wie man sich irgendwie vorstellt und dann machen die Charaktere und das Setting irgendwas komplett anderes als man sich eigentlich gedacht hatte, weil das für einen selber. Ich finde das im Schreibprozess extrem spannend.

KU: Ja. Als ich angefangen habe, Märchenadaptionen zu schreiben, hatte ich teilweise das Problem, das eben jenachdem, wie nah dran oder wie weit weg ich sein möchte, ich dann doch in einem recht starren Korsett war und das Gefühl hatte, das Ende steht bereits fest, ich bin da nicht flexibel und teilweise hatte ich das Gefühl, es geht für die Figuren zu einfach und musste mich dann erst soweit freispielen, dass ich überhaupt ein Gefühl von Freiheit hatte, statt einem Gefühl von ‚Es ist ohnehin alles vorgegeben und ich muss nur auffüllen‘. Du hast jetzt deine erste Adaption eines vorgegebenen Stoffes, glaube ich zumindest.

EA: Ja.

KU: Okay, gut. Gut, dann habe ich das richtig im Kopf. Was sind jetzt die Schwierigkeiten, auf die du gestoßen bist? Hast du ähnliche oder ganz andere Gedanken bei dem Prozess?

EA: Beides, würde ich sagen. Also es sind natürlich teilweise ähnliche Gedanken, weil ich an ähnliche Probleme stoße, aufgrund einfach meines Stils, Dinge zu schreiben. Ne, als Pantser, du legst einfach los, planst die Leute nicht, die machen nicht was sie wollen und machen halt eine komplett andere Story raus.

KU: Ja.

EA: Das sind so die üblichen Probleme, die ich egal bei was für einem Stoff habe. Aber bei dieser Geschichte stoße ich tatsächlich an diese Schwierigkeit, dass der Plot in gewisser Weise vorgegeben ist, ich ein vorher schon bewusstes Ziel verfolge, mit diesem ‚Der Prinz kriegt keinen Fuß auf den Boden‘, weil sie braucht ihn nicht, sie will ihn gar nicht und sie macht ihr Zeug allein. Ein konkretes Ziel zu verfolgen und zu sagen, darauf will ich hinarbeiten, das finde ich echt schwer, weil ich das vorher noch nie gemacht habe. Und es ist ein Genre, dass ich noch nie geschrieben habe. Also Clockpunk, das ist so rechercheintensiv und dadurch dass ich so ein Weltbild erschaffe, also so einen kompletten Weltenbau neu erschaffe, mit neuen Wörtern, neuen Ideen, neuer Gesellschaftsform, die aber basiert auf der Gesellschaftsform, die wir jetzt haben, ist das tricky, würde ich sagen. Es ist nicht so einfach.

KU: Einerseits Märchenadaption, andererseits sinnvolle Weiterentwicklung, plausible Weiterentwicklung einer Gesellschaftsform.

EA: Ja, Plausibilität ist etwas, was ich in Büchern immer unheimlich wichtig finde. Und auch diese Forderung an mich selber quasi, dass ich will, dass diese Dinge auch so funktionieren könnten und dann recherchiere, bis ich die Punkte auch alle kenne. Ich weiß nicht, wie machst du das mit der Recherche? Denkst du dir auch, ‚Ach, Mut zur Lücke, das macht nichts‘ oder bist du da auch so, ‚ich muss das vorher alles wissen, damit ich auch genau alles konstruieren kann?‘

KU: Kommt auf die Aspekte an. Also ich war bei einigen Sachen immer recht frei, weil ich an meine Grenzen des Recherchierbaren stoße. Ich habe ja, bisher unveröffentlicht, aber in der Schublade, jetzt muss ich nachrechnen, ja genau, 13 Stück und ein vierzehntes angefangen, Vampirromane mit einem teils historischen Setting, historische Fantasy und die erste Romanreihe spielt vor 8.000 Jahren und die Zweite beginnt ungefähr im Zeitalter des Augustus. Und manche Dinge, die ich gerne wüsste, weil ich nun einmal eine sehr penible Person bin, die Dinge exakt wissen muss, die wirklich bis hin zu dem Wandmosaik, dass da irgendwo in einem Esszimmer an der Wand ist, wirklich nix erfinden möchte, was nicht vollkommen unlogisch wäre oder falsch wäre, ich stoße da schlicht und ergreifend an die Grenzen des ‚Was ist überhaupt überliefert? Wie viel ist überhaupt überliefert?‘ und gerade bei einem Setting, gerade beim Altertumssetting, wo ich das Problem habe, dass es zum Teil keine oder nur sehr wenige oder nur unentschlüsselte Schriftzeugnisse gibt, man aber laufend etwas Neues ausbuddelt, habe ich dann auch teilweise das Problem, ich muss Sachen erfinden um die Lücken zu füllen weil schlicht nichts da ist. Dann kommt aber irgendeine Ausgrabung und die wirft mir meinen kompletten Weltenbau um.

EA: Wo du jetzt gerade von deinen ganzen Geschichten in deinen Schubladen gesprochen hast, kennen wir Autoren ja alle, diese Schubladen voller Geschichten. Gibt es eine ganz spezielle Geschichte, die dich schon lange begleitet, die du aber eventuell nicht aufgeschrieben hast bzw. nie weiter als die Rohfassung gebracht hast?

KU: Das eine ist ein dystopischer Roman, den ich für oder innerhalb von Oetinger 24 geschrieben habe – war das 24 oder 32? Es war Oetinger und eine Zahl. Und ich weiß bis heute nicht, was ich mit dieser Rohfassung machen soll, denn im Bereich Jugendbuch spielen Novellen einfach absolut gar keine Rolle. Und im Bereich, also, wo ich dann dachte, ich könnte es vielleicht dem Verlag anbieten, der Stahllilie veröffentlicht, aber der macht keine dezidierte Jugendliteratur und das ist ein Jugendbuch und Selfpublishing wird damit sehr schwierig und kostenintensiv, weil es sich um die Geschichte von einer Casting-Band handelt und ich die gerne erstens illustriert hätte und zweitens in Format einer CD.

EA: Das ist ja eine coole Idee.

KU: Es ist total cool, aber im Selfpublishing nicht realisierbar, weil das quadratische Format, dass ich bräuchte schlicht und ergreifend von keiner einzigen Plattform angeboten wird und bei allen Verlagen, die ich kenne, fällt das Buch entweder durch die Novellenlänge durchs Raster oder aufgrund des Genres, dass es eben diese jugendliche Zielgruppe hat.

EA: Ich finde das manchmal total spannend, wenn man alte Projekte so zur Hand nimmt und die sich mal durchliest, so ein bisschen vergleicht, was hast du in den Jahren so getan?

KU: Die Hälfte meines Casts ist entweder, wenn ich die historischen Gegebenheiten berücksichtige, Person of Colour oder queer oder genderqueer oder beides oder alle drei Dinge zugleich. Allerdings wurde ich sehr binär erzogen von meinen Eltern, also habe ich das alles da reingeschrieben, aber hatte keine Ahnung, dass es da ist. Ich hatte nur in aller Unschuld einen Cast aus teils nicht-binären Leuten, einem Cast aus fast ausschließlich Persons of Colour, einem Cast in dem es irgendwo eine arme, einzelne Quotenheteroseele gibt, die sich sehr einsam fühlen muss unter all den anderen und es ist mir bei meinen Jugendsünden, die ich so mit 13, 14 geschrieben habe, absolut nicht aufgefallen.

EA: Ich muss ja ganz ehrlich sagen, ich kann das immer gar nicht als Jugendsünden betrachten, weil die Sachen, die man früher geschrieben hat, klar, da rümpft man teilweise die Nase drüber oder verdreht die Augen und denkt sich ‚Gott, was habe ich mir denn da gedacht, als ich das geschrieben habe?‘ Aber alles, was wir geschrieben haben, hat uns ja wirklich an den Punkt gebracht, an dem wir sind und hat uns ja irgendwas gebracht und irgendwie geholfen. Deswegen kann ich immer nicht sagen Jugendsünden, weil das wäre ja fast ein bisschen als das hätte man nicht tun dürfen, aber wir brauchen es ja, also gerade diese Schreibprozesse, Mut zum Schreibprozess würde ich sagen, für jeden, der Autor sein möchte. 

KU: Ja, auf alle Fälle. Gibt es in deiner Schublade ein Projekt, das, wenn du es rausholst und anschaust, bei dem du dann total überrascht bist, was du da eigentlich an einem sehr frühen Zeitpunkt zu deinem Werdegang bereits gemacht hast, also positiv überrascht, so ‚ja ich hätte nicht gedacht, dass ich das damals schon so gut konnte.‘

EA: Ne, ich würde sagen, nein. So positiv überrascht bin ich eigentlich nicht. Sondern, es sind wirklich so Erkenntnisse, die ich über mich selber bekomme, wenn ich meine Schreibprojekte lese. Ich kann die gar nicht irgendwie positiv oder negativ bewerten, das ist eigentlich eher neutral, dass ich mir denke, oh, interessant, das ist mir ganz entfallen, dass ich das da und da gemacht habe. Zum Beispiel letztens habe ich in der Schublade gewühlt und fand eine komplette Fantasy-Saga und dachte, ach ja stimmt, das hast du ja geschrieben. Und war dann selber so ein bisschen, oh, okay, alles klar, habe ich vergessen.

KU: Also eine ganze Saga.

EA: Ja.

KU: Also, wie viel ist das quantitativ?

EA: Ich kann es dir gar nicht sagen, weil das noch hauptsächlich handschriftlich ist. Das war zu Zeiten, also das sind mehrere, dicke Bücher, die ich vollgekritzelt habe. Ich weiß es nicht. Also es wäre garantiert wesentlich dicker und länger als das, was ich bislang geschrieben habe und meine Romane sind ja meistens sowas wie 400 Seiten lang. Also es ist ein Epos. Ein sehr langes Epos, das ich irgendwie vergessen habe. Was war die beste Entscheidung, die du in deiner Autorenlaufbahn getroffen hast?

KU: Die beste und für mich selbst überraschendste Entscheidung war Zarin Saltan zu schreiben, war, der Märchenspinnerei beizutreten und zu sagen, ich wage das Abenteuer Selfpublishing, denn wenn ich das nicht gemacht hätte, dann bin ich mir ziemlich sicher, würde ich immer noch unveröffentlicht sein.

EA: Ich find’s ja extrem schade in der Buchbranche, das Selfpublishing ja immer noch so ein bisschen behandelt wird, wie Veröffentlichungsform der zweiten Klasse. Das immer noch diese Ansicht herrscht, geschafft hast du es, wenn du einen Verlag hast und Selfpublishing kannst du zwar machen, wenn du halt keinen gekriegt hast, so als Einstieg, vielleicht wirst du ja irgendwie entdeckt und dann kommst du irgendwann zu einem Verlag. Und ich finde es so schade, dass das so wenig praktiziert wird zu sagen, dass sind einfach zwei verschiedene Formen zu veröffentlichen mit unterschiedlichen Vorteilen und Nachteilen, die absolut gleichwertig sind, wenn sowohl der Verlag als auch der Selfpublisher die gleiche Menge an Arbeit und Mühe in das Projekt investiert. Ich muss persönlich sagen, ich finde beides cool. Ich finde Selfpublishing super, weil ich halt mit Projekten an den Start gehen kann, die Verlage niemals rausbringen würden, weil es aktuell überhaupt nicht dem Zeitgeist entspricht oder weil es ein Risiko wäre, es damit zu versuchen, weil sie sagen, es wäre aktuell einfach gar nicht ziehen bei dieser Lage. 

KU: Genau. Und dann gibt es Rahmenbedingungen, die die Suche zumindest, wenn es um Großverlage geht, zusätzlich erschweren. Beispielsweise ist es mir zunehmend ein Anliegen, dass, was ich vorher unbewusst gemacht habe, jetzt auch tatsächlich bewusst und absichtlich zu machen, also sehr viele Figuren einzubauen, die mir erzählt haben, ‚ach übrigens, ich bin LGBTAQ+‘.

EA: Manchmal, wenn ich Klassiker lese, muss ich schon darüber nachdenken, wie unreflektiert dann doch im Deutschunterricht diese Klassiker halt auch behandelt werden, die in verschiedenen Situationen halt dann doch sehr viel -Ismen bedienen. 

KU: Ja.

EA: Bei denen du dann sagen musst, Leute, aber wenn ihr das schon zum Klassiker macht und sagt, ja diese Werke müssen unbedingt von jungen Geistern gelesen werden, dann aber Gesellschaftsnormen darin enthalten sind, die Dinge strafbar machen, die heutzutage aufgeklärt sind als ganz normal in der Natur gegeben, ja dann denke ich mir, dann müsstet ihr doch aber in dem Unterricht irgendwie auch mal darüber reden. 

KU: Ja, auf alle Fälle. Das Problem, dass du natürlich hast, ist, dass ich es zumindestens für notwendig halte, Werke miteinander in Zusammenhang zu bringen und zu mindestens auszugsweise auch die Originale zu lesen, weil beispielsweise jetzt wo kommt Rassismus her, was sind die auch in der Literatur geführten Debatten um 1700, aus denen der heutige Rassismus und Kolonialismusbegriff dann entstand und die Stereotype, die sich bis in die heutige Zeit hineintragen.

EA: Ja, dann sind wir am Ende angekommen von dem Writers on Writers Interview. Ich fand das super spannend, vielen Dank, Katherina. Das war ziemlich cool.

KU: Danke Elenor. Also das hat Spaß gemacht.

Outro: Writers On Writers. Eine Aktion vom Nornennetz. Es sprachen miteinander: Elenor Avelle und Katherina Ushachov.

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
0 Comments
Inline Feedbacks
View all comments