6.12 Heimgesucht (June Is)

Beständig schlug er mit seiner Finne auf den massiven Stein. Ein Zischen begleitete jeden seiner Hiebe. Wieder und wieder. Winzige Splitter flogen in alle Richtungen.
John bearbeitete ihn immer schneller und stärker, bis der Stein die richtige Form bekam. Der letzte Schall des Setzhammers verklang und John betrachtete sein Werk mit Stolz. Schweiß benetzte seine Stirn. Sein T-Shirt klebte ihm am Rücken. Er spürte den winzigen, kühlen Hauch daher umso deutlicher.
Tief atmete er ein und schaute sich in der Werkstatt um, betrachtete seine Werkzeuge und Materialien – augenblicklich stellte sich wieder ein Gefühl der Geborgenheit ein. So hatte er es sich immer in den Armen einer Mutter vorgestellt, einer gütigen Mutter, nicht einer, die ihn in den Krieg geschickt hatte. Die Werkstatt war seit langer Zeit sein winziges Paradies. An diesem Ort wurden seine Gedanken von allem frei. Hier war er zuhause.

Zusammen mit ihr.

Oh nein! Nicht sie schon wieder! Besonders von ihr wollte er sich lösen. Johns größter Wunsch war es, ihr endlich zu entkommen. Aber dies gelang einfach nicht. Er wurde sie nicht los, sie war immer da.

Oh ja, das ist sie. Sie ist überall, wie ein Fluch.

Wieso hatte John der unbekannten uralten Frau diesen Schubs verpasst? Er war damals niedergeschlagen von der Front zurückgekommen. Woher hätte er wissen sollen, was passierte, wenn er ihren Wunsch nicht erfüllte? Die Alte wollte unbedingt dieses dämliche Feuerzeug aus dem Steinbrunnen gefischt haben. Aber wer wirft schon so ein Ding in einen Brunnen. Das wäre doch eh dahin und nicht mehr benutzbar … es war ihm äußerst merkwürdig vorgekommen. Vielleicht hatte er ein bisschen überreagiert. Das konnte doch mal passieren! Herrgottnochmal.
Sie hätte nicht gleich in den Brunnenschacht fallen dürfen. Er schluckte.
Wieder der kühle Luftzug.

Sie ist da, sag hallo!

Zum ersten Mal fühlte sich John in seiner Werkstatt bedroht. Er hatte keine andere Wahl, musste es endgültig beenden, sie besiegen.
Entschlossen griff er sich sein Steinbeil und eilte nach draußen, in den angrenzenden Wald. Es roch nach Bärlauch – grässlich – und der Vogelgesang schmerzte in seinen Ohren.

Es gibt kein Entkommen!

Für immer mit ihr leben? Der Gedanke machte John wahnsinnig. Sie trieb ihm Tränen in die Augen. Er stolperte von Baum zu Baum, über dicke Wurzeln, und er spürte, wie sie mit schweren Schritten näher kam.
„Wo bist du? Ich werde dir zeigen, wer der Stärkere ist!“

Stampf! Stampf!

Das monotone Erschüttern des Waldbodens ließ John taumeln, verursachte ihm Schwindel. Alles drehte sich. Die Welt wurde schief. Bäume brachen über ihm zusammen. John stolperte weiter, durch Sträucher, strauchelte, fiel hin, schmeckte das Moos und die torfige Erde, strampelte wie ein Kind. Seine Finger fortwährend um das Beil verkrampft. Zu viel Bärlauch, überall Bärlauch!

Stampf! Stampf!
Wie ein Korkenzieher bohrte sich der Gedanke an sie in sein Hirn.
S T A M P F!

Du kannst nicht vor ihr weglaufen!

Sie beugte sich über John und blickte ihn an. Mühelos verdrehte sie Johns Körper. Wieder dieser kalte, leise Hauch, der ihn umhüllte. Schwarz.

Lass sie herein! Ja, lass sie in dein Innerstes.

Plötzlich Stille. Nicht mal mehr Vogelgezwitscher. Nur diese laute, schauderhafte Ruhe.
Und dann wurde er gezwungen, ihr ins Gesicht zu sehen, dem alten Weib von damals. Ihr Gesicht war weiß wie Papier. Die Augen in den dunklen Höhlen funkelten. Ihre Wangen, die Falten mit schwarzen, wirren Linien bemalt, verzerrten sich, als sie John angrinste wie eine Wahnsinnige.
Sie hob die blaue Hand zum Gruß.

Und, fangen wir nun an, John? Oder wie lange willst du dich vor mir verstecken?

Das durfte nicht geschehen! Er kannte die abscheulichen Dinge, die das Geist-Weib mit ihm trieb … Es fühlte sich an, als würden hungrige Ratten in einer Zelle ohne Ausgang auf ihn losgelassen. Bereits jetzt hörte er das wütende Scharren ihrer Krallen.
Benommen kroch er auf dem Moos Millimeter für Millimeter voran. Er war nicht mehr fähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Gefangen in seiner Spirale aus nackter Angst wollte er es nur beenden. Die Stimme der Alten bohrte sich in Johns Gehirn. Sie drang mit jedem Atemzug tiefer und tiefer in ihn ein. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als ihr endgültig zu entkommen!

Hier ist sie, John! Lauf’ doch nicht weg!

Er lauerte, stand mühevoll auf, schwang die Axt, hielt inne – die Welt brach erneut über ihm zusammen. Sein Magen verkrampfte sich und er übergab sich. Salziger, metallischer Geschmack! Der Geruch von Galle stach ihm in die Nase. Tränen strömten. Blut! Sein Herz pochte, als er auf das Beil in seiner Hand blickte.
Die Alte durfte nicht mehr gewinnen, nie mehr! Er rappelte sich erneut hoch und schritt auf sie zu.
John holte aus. Ein kräftiger Hieb – ein irres Lachen – noch ein Schlag – schwarzes Blut an seiner Axt. Gesprenkelter Bärlauch. Hahaha!
Diesmal würde er nicht verlieren! Hahaha! Diesmal nicht!
Niemand hörte seine Schreie. Und dann war es vorbei.

Aber nicht doch. Bloß kein Applaus. Es war ihr eine Freude!

June Is: Meine Kleine. #Halloween im #Nornennetz

1

Grellweißes Licht. Ein Schatten schiebt sich davor. „Na, meine Kleine? Du wirst doch nicht etwa Angst vor mir haben?“

Ihre Augen brennen. Hilfe! Warum hilft mir denn – “

Ein kratzendes Lachen unterbricht sie. Keiner hört dich hier unten. Aber keine Sorge, dein Vater holt dich bald wieder ab. Und wir wollen doch, dass du dann hübsch aussiehst.“

Lassen Sie mich in Ruhe, ich möchte das nicht …“ Schmerz und Angst vermischen sich mit ihren Tränen.

Aber wieso denn? So eine kleine Operation wird deiner wahren Natur nicht schaden.“

Nein, nicht … “

Hör doch, das Geräusch der Schrauben! Ich muss sie straffer anziehen, wenn du dich wehrst. Ahhhhhhh. Ich werde die kleinen Schweißperlen auf deiner Stirn wegtupfen, das muss doch unangenehm kitzeln.“

Mhppp mhps pmmmf.“

Ich weiß, ich weiß, der Onkel Doktor wird sich beeilen.“

 

2

Natürlich hörte sie es, das Geräusch. Gleich würde unsanfter Druck auf ihren Kiefer ausgeübt werden.

Aber meine Kleine, du musst doch nicht weinen, ich will nur dein Bestes!“

Bitte lassen Sie mich gehen!“

Jetzt strampel doch nicht so herum, sonst muss ich eine Spritze aufziehen. Willst du das?“

Fassen Sie meine Haare nicht an!“

„Wie soll ich dir denn die Spange anlegen, wenn ich deine Haare nicht berühre, mhhh? Es geht doch ganz schnell, siehst du, nur noch die Schrauben festziehen.“

Jeder Quietscher der Schrauben fühlte sich an, als ob tausend Nadeln in ihre Ohren stachen.

Ahhhhhrg.“

Du hast aber auch wirklich schöne Zähne… wirklich schöne Zähne. Hör auf zu strampeln! Nicht … strampeln … Also gut, dann gebe ich dir doch eine Spritze. Der Onkel weiß eben, was gut für dich ist.“

 

3

Heute ist dein Geburtstag! Da habe ich mir etwas ganz Besonderes für dich ausgedacht. Du sagst ja gar nichts mehr. Bist du so aufgeregt? Dabei hat sich der Onkel so eine Mühe gegeben.

Erst mal binde ich dich fest, sonst zappelst du wieder herum und ich möchte dir nicht schon wieder eine Dosis Valium verpassen müssen. Das Zeug macht nämlich süchtig.

Soll ich Panzerband nehmen oder einen simplen Strick? Dreh dich doch nicht weg. Dann eben das Klebeband. Stricke schneiden zu sehr ein. Dein Vater will nicht, dass du dich wehrst. Er muss nichts davon erfahren!

Und jetzt die Überraschung!

Das ist ein selbst gebauter Kopffixierer. Du musst aber nicht weinen, es wird gar nicht wehtun. Ich stecke ihn nur am Kopfteil der Liege an. Siehst du.

Sehr schön. Und jetzt schaut der Onkel Doktor mal nach deinen Vampirzähnchen.“

Ahhhhhhhhhhhh.“


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