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Schicksalsstöcke

Namen aus dem Maschinenraum der Phantastik

Wie Autor:innen von den Methoden der Softwareentwicklung profitieren können

Ein Name ist nie bloß ein Wort. Er ist eine kleine Geschichte in sich – ein Echo aus Herkunft, Klang und Bedeutung. Autor:innen wissen um diese Kraft: Ein einziger Laut kann über Sympathie oder Misstrauen entscheiden, ein Familienname das soziale Milieu verraten, ein Ortsname ganze Landschaften im Kopf entstehen lassen. Doch gerade weil Namen so entscheidend sind, geraten sie oft zum Stolperstein im kreativen Prozess. Man sucht, verwirft, grübelt. Und irgendwann klingen alle erfundenen Namen gleich.

Die traditionelle Methode – das Durchblättern von Namenslisten, das Improvisieren oder die Verwendung von speziellen thematischen Online-Generatoren – stößt schnell an Grenzen. Diese liefern meist nur eine Handvoll zufälliger Ergebnisse und bieten oft nur wenig Einfluss auf Stil, Herkunft oder Bedeutung.

Aber es gibt jenseits der Literatur eine Welt, in der das Erfinden und Generieren von Namen alltägliche Praxis ist: die Softwareentwicklung. Hier entstehen ebenfalls Namen – nicht für Figuren, sondern für Testpersonen, fiktive Kunden, imaginäre Städte in Datenbanken. Entwickler:innen brauchen zahllose künstliche Identitäten, um ihre Programme zu prüfen: Adressen, Telefonnummern, Berufe, Kontostände. Der Maßstab ist lediglich größer – wo jemand für ein Buch vielleicht hundert Namen und zehn Orte benötigt, braucht ein:e Entwickler:in mitunter Millionen an Datensätzen, um die Performance eines Datenbankprogramms zu testen. Daher gibt es seit langem Systeme, welche solche Daten erzeugen.

Die Ähnlichkeit zum Autorenhandwerk ist größer, als es auf den ersten Blick scheint. Beide erschaffen Welten, die zugleich echt wirken und erfunden sind.

Das Geheimnis liegt in der unterschiedlichen Nomenklatur: während Autor:innen nach „Namensgenerator“ suchen, beschäftigen sich Entwickler:innen mit dem „Data Mockup“.

Eine Einschränkung haben diese Generatoren jedoch: sie sind weitgehend auf moderne, realistische Inhalte eingestellt. Namen für Elfen, Monster oder mystische Orte wird man dort kaum finden. Für alle Romane, die allerdings ab dem 19. Jahrhundert bis in die Zukunft spielen, gibt es schier unendliche Mengen an Daten. Damit sind sie auch brauchbar für Steampunk, Krimis, Thriller, Dieselpunk, Atompunk, Cyberpunk, viele Arten von Urban Fantasy und generell Science Fiction.

Wenn der Zufall zur Inspiration wird

Ein leicht zu bedienende Site ist zum Beispiel https://generatedata.com/

Man braucht bloß den Datentyp, das Datenformat und die gewünschte Anzahl der Datensätze eingeben, und schon erhält man beispielsweise 500 Namen im CSV-Format, das man mit jedem Editor oder gleich in Excel öffnen kann. Telefonnummer? Email? Adresse? Kann ebenso leicht erstellt werden.

Ebenso einfach ist https://whiteowl.io/tools/fake-data-generator/

Hier lassen sich neben Name, Adresse, Email und Telefon auch Passworte und UUIDs erstellen.

Noch flexibler ist https://www.rndgen.com/data-generator

Hier kann man noch deutlich mehr Felder auswählen und gliedern, vom Usernamen über den Geburtstag bis zum Sternzeichen und sogar GPS-Koordinaten.

Ähnlich ist auch https://aryawebstudio.com/tools/data-tools/mock-data-generator/

Du brauchst 100 weibliche Namen mit Sozialversicherungsnummer, Nationalität und Blutgruppe? Nicht leichter als das – und schon hast du das Ensemble für deinen Vampirroman.

Beim realistischen Schreiben kann diese Methode Wunder wirken. Eine Krimiautorin etwa, die eine Großstadt mit Leben füllen will, steht vor einem ähnlichen Problem wie ein Datenbankentwickler: Sie braucht Realismus in großer Zahl. Straßen, Läden, Zeugen, Telefonnummern… Mit den richtigen Softwaretools lassen sich binnen Sekunden glaubwürdige Datensätze erzeugen – etwa zehn fiktive Adressen mit echten Postleitzahlen, Namen, Berufe und Altersangaben. Plötzlich füllt sich die Stadt von selbst mit Gesichtern und Geschichten; der Zufall arbeitet mit. Ein Nebencharakter taucht vielleicht zunächst nur als Testeintrag auf – und wird dann zur zentralen Figur einer neuen Handlung.

Solche Tools erlauben etwas, das Autor:innen selten haben: die Möglichkeit, Welten skalierbar zu denken. Statt sich auf die Einzelfigur zu fixieren, lässt sich ein Ensemble, ein Mikrokosmos erzeugen, der in seiner Fülle inspiriert und mehr Anhaltspunkte liefert. Der Prozess gewinnt fast so etwas wie dokumentarische Tiefe, ohne besonders real sein zu müssen.

Zwischen Maschine und Mythos

Indem sich Autor:innen Methoden der professionellen Softwareentwicklung zunutze machen, erhalten sie auf einfache Weise eine Fülle an Daten, aus denen sie nur auswählen brauchen, was sie für ihr aktuelles Werk nutzen möchten. Wo früher mühsam Listen und Namensbücher durchblättert wurden, entsteht heute eine lebendige, teils regelgeleitete Poesie. Denn jede Datenquelle, jedes Skript hat eine Handschrift: Der Zufall des Algorithmus trägt einen Charakter, ähnlich einem Stiftstrich oder einer Satzmelodie.

Autorin am PC

Darüber hinaus fördern solche Werkzeuge die kreative Variation: Aus großen Mengen automatisch erzeugter Vorschläge entstehen oft unerwartete Ideen. So wie Software-Testdaten Anomalien sichtbar machen, können zufällige, algorithmisch generierte Namen auch kreative Brüche erzeugen – etwa wenn ein fremd klingender Name zur Inspiration für eine neue Figur oder eine neue Kultur wird. Autor:innen werden so von passiven Empfänger:innen von Vorschlägen zu aktiven Kurator:innen von Möglichkeiten.

Schließlich gibt es auch einen philosophischen Aspekt: Die Kooperation zwischen kreativen und algorithmischen Methoden löst die herkömmliche Trennung von „Technik“ und „Kunst“ auf. Indem Schriftsteller:innen Werkzeuge der Softwareentwicklung für sich entdecken, nutzen sie den Zufall der Maschine als kreativen Partner – präzise steuerbar, flexibel einsetzbar und unerschöpflich.

Dennoch hat all das nichts mit AI zu tun. Auf Angebote mit AI-Elementen wurde hier verzichtet. Die zufällige Kombination aus vorliegenden Datenlisten ist ein klassischer prozeduraler Prozess, den es schon lange vor generativer AI gab. Es ist lediglich eine besser strukturierte Methode, mit großen Datenmengen für Testzwecke (oder hier eben kreative Zwecke) umzugehen. In den 80ern haben Autor:innen mangels Internet ihre Namensinspiration unter anderem aus dem Nachspann von Filmen geholt, weil da eben lange Listen über den Bildschirm liefen. Das kann man heute noch ebenso machen. Aber mit den oben erwähnten Generatoren geht es schneller, bequemer und vielseitiger. Das Schreiben eines Buches ist hart genug; warum soll man es sich bei den Namen extra schwer machen?

Und wer doch eher Fantasy-Namen, Fantasy-Orte oder ganze phantastische Kulturen benötigt, findet in unserer Liste von eigenen Generatoren sicher etwas Passendes.

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