Kalender 2021: Februar

Das Kalenderblatt

Da dies ein Kalenderblatt ist, könnt ihr es hier downloaden und ausdrucken.

Leider passt nicht die gesamte Geschichte auf die grafische Darstellung, deswegen gibt es diesen Beitrag:

Von den Eisengeln

Maria Lichtmess. Es schneit, es stürmt. Ein Februaranfang, wie sie ihn seit über 70 Jahren nicht mehr erlebt hat. Der Klimakollaps hatte für kurze, heftige Winter gesorgt, die meistens um Neujahr herum wieder abgezogen waren. Diese Kälte, dieses besondere Eis kennt sie noch aus Schlesien. Kamen sie wieder? Warum heute, warum jetzt?

Das Baby schläft im Sicherheitsbettchen. Johanna sitzt im Schaukelstuhl, der so alt ist wie ihre Tochter. Als sie sie unter dem Herzen trug, hatte ihr Bruder den für sie gebaut, und er war der einzige Ort, an dem sich ihr Kind hatte beruhigen und stillen lassen. Und so war es ihrer Tochter mit ihrer Tochter gegangen und so geht es dieser Enkelin mit dem Urenkelchen, über das Johanna nun wacht. Drei Generationen von Müttern, und wer weiß, wie viele noch kommen werden.

Und nun diese Kälte, diese Eisblumen an der Außenseite der Doppelglasfenster. Die Art, wie der Wind hinter den Scheiben die Schneeflocken herumwirbelt. Sie tanzen, schöner und glitzernder, als je zuvor. Eisengel. Sie sind ihr gefolgt.

Johanna denkt an jenen letzten Winter in Schlesien, an ihr kleines Geschwister, erst wenige Tage alt. Ihre Mutter hörte nicht auf zu bluten, ihr Bruder war ratlos. Der Frost war zu eisig, um Hilfe zu holen. In ihrem Schmerz hatte die Mutter die Eisengel angefleht und Johanna hatte sie zum ersten Mal gesehen. Auch ihr Bruder erblickte sie, deswegen wusste sie, dass es kein Hirngespinst, keine ihrer kindlichen Fantasien gewesen war. Filigrane Feen, einige so groß wie ihre Handfläche, andere gingen ihr bis ans Knie. Im nächsten Atemzug waren sie im Zimmer, waren durch die Wände gegangen, tollten auf den Möbeln. Sie tanzten und lachten, sangen. Ihre langen schneeweißen Kleider trugen winzige silberne Glöckchen. Und sie kamen, um die Mutter zu holen, zu erlösen. Deren letzter Atemzug zeichnete ein ruhiges Lächeln auf ihr Gesicht. Doch dann wandten sie sich zu dem Baby um.

»Nein!«, hatte Johanna gerufen. Sie und auch ihr Bruder stellten sich zwischen die Wiege und die Eisengel. »Wir bringen es schon durch … wir müssen ohnehin fort von hier, die ersten sind schon gegangen. Wir finden eine junge Mutter, die uns hilft. Bitte nehmt nicht noch unser Geschwisterchen.«

Die Eisengel sahen einander an. Dann antwortete eines: »Wir dachten, wir tun euch einen Gefallen, bringen Mutter und Kind zum Vater. Er wartet auf sie.«

Johanna und ihr Bruder fassten sich an den Händen. Sie hatten bis heute nicht sicher gewusst, dass ihr Vater gefallen war.

»Wir passen auf es auf«, versprach der Bruder.

»Solange es uns braucht«, setzte Johanna nach.

Es klopft an der Tür, Johanna bittet ihn herein. Im Gegensatz zu ihr kann ihr Zwillingsbruder noch laufen, dafür ist ihr Verstand meistens klarer. Aber jetzt … er hat sie auch gesehen, hat heute Morgen schon bemerkt, dass ihn der Frost, die Art der Kälte an früher erinnert. Ihre jüngere Schwester hat gelacht. Nur sieben Jahre jünger als sie – dennoch sind die drei fast immer zusammen gewesen. Haben ihre Urlaube gemeinsam verbracht, im gleichen Ort gewohnt, selten gestritten. Nicht einmal romantische Lieben, die ihnen im Leben begegneten, haben dieses Band zu zerschneiden vermocht.

Johanna beugt sich nach vorne, greift seine Hand, stützt ihn, während er sich auf dem Sofa neben ihrem Schaukelstuhl niederlässt. Sie sehen den Engeln beim Tanzen zu, warten, bis sie nur einen Atemzug später im Zimmer sind.

Siebzig weitere Jahre hatten sie ihnen gegeben, hatten sie Freundschaften schließen, das Leben genießen, die Welt sehen lassen.

»Maria Lichtmess«, flüstert ihr Bruder mit einer Klarheit in der Stimme, wie seit Jahren nicht, »die Zeit, zu der die Gottesmutter heimkehrt.«

»Ja, es wird Zeit.«

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