Eine Torte muss her: Das Nornennetz hat Geburtstag

Wo fängt man so eine wichtige, wunderbare Nachricht bloß an? Bei den Urnornen, die über die Schicksalsfäden der Menschheit bestimmen? Oder sollte man das Feld lieber rückwärts aufrollen und zunächst die jüngsten Erfolge feiern? Ich** weiß es nicht. Wie soll ich auch? Schließlich war ich doch gar nicht von Anfang an dabei. Deswegen habe ich die Gelegenheit genutzt, meine neugierige Nase in Dinge zu stecken.

Das Nornennetz wird ein Jahr alt

Das Wichtigste natürlich zuerst: Wie konnte es überhaupt so weit kommen? Ausgerechnet die Mörderischen Schwestern – eine Vereinigung von Krimiautorinnen – war in diesem speziellen Fall nicht mordend, sondern lebensspendend tätig. Nike Leonhards spontane Antwort auf einen Mörderische-Schwestern-Tweet brachte den Stein ins Rollen: Warum, dachte (und tweetete) sie, nicht ein Netzwerk fantastischer Autorinnen knüpfen? Sofort meldeten sich mehrere begeisterte Mitstreiterinnen wie June Is und Holly Miles. Es gab private Nachrichten, noch mehr Enthusiasmus und kurz darauf einen eigenen Nornenserver auf der Plattform Discord, um sich im kleinen Kreis privat auszutauschen. Auch Autorinnen wie Irina Christmann, die sich nur gelegentlich in fantastischen Welten tummeln, waren mit Feuereifer dabei.

Bei der Namensfindung landete die Gruppe schnell bei den Nornen der germanischen Mythologie als Namenspatinnen. Warum? Nike erklärt sehr schön: „Die Nornen bestimmen das Schicksal der Menschen und Götter; tun also genau das Gleiche wie Schriftstellerinnen. Das Netz steht für das Gespinst unserer Geschichten, gleichzeitig aber auch für die Vernetzung untereinander.“ Und gerade, wenn man die meiste Zeit doch recht einsam und unverstanden am Schreibtisch verbringt, ist die Vernetzung mit Gleichgesinnten eine feine Sache.

Bilanz, Ursprung, Ziele

Außerdem beschäftigen die Nornen sich aktiv mit geschlechtsbasierter Diskriminierung im Bereich fantastischer Literatur. Eva-Maria Obermann (aka Variemaa) sagt dazu: „Frauen werden seltener verlegt, bekommen schlechtere Plätze im Buchladen, man traut ihnen keine ernsten Themen, keinen Tiefgang zu, sondern lediglich seichte Literatur. Dagegen wollen wir angehen.“ Um das einmal mit Zahlen zu untermalen: Auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises waren bis 2016 nur 32 Prozent aller Bücher von Frauen verfasst. Ähnliche Zahlen gibt es beim Büchner-Preis, der nur in 26 Prozent aller Fälle an Frauen vergeben wurde. Dieser Preis sticht noch in einer anderen Hinsicht negativ ins Auge, denn nur 14 Prozent der Jurysitze wurde mit Jurorinnen besetzt (Stand: 2016). Insgesamt, schreibt das Bücherfrauen-Blog, gewinnen Autoren fünfmal mehr Preise als Autorinnen.

Um gemeinsam aktiv zu werden, gibt es im Nornennetz unzählige Möglichkeiten, einander unter die Arme zu greifen: Konkrete Ratschläge, mitfühlende Ohren, Meinungen zu Plot- oder Charakterfragen, gemeinsame Werbe-, Buch- und Schreibaktionen oder auch praktische Hilfe beim Umsetzen von Homepages oder Buchcovern. Teilweise entstehen langfristige Kooperationen, von denen alle Beteiligten profitieren. Holly Miles etwa bezeichnet es als eines ihrer persönlichen Highlights, dass sie June Is bei ihrem Roman helfen darf.

So hat jede Norne die Möglichkeit, sich nach ihren eigenen Stärken und Schwächen einzubringen. Einige sind schüchtern, aber gut organisiert. Manche sind Social-Media-Profis oder haben geniale Marketing-Ideen. Und wenn eine Norne über ihren Schatten springen möchte, wie Elenor Avelle, der eigenen Angaben zufolge manchmal der Mut zur Selbstdarstellung fehlt, hat sie auf jeden Fall die volle Unterstützung aller Nornen. Auch Holly Miles weiß davon zu berichten: „Profitiert habe ich von vielen interessanten Gesprächen und von neuen Freundschaften. Aber auch, dass ich ein wenig mehr aus mir selbst herauskomme. Denn ich bin eine Standpriorin. Vor einem Jahr hätte ich mir gewünscht, solch einen Posten zu übernehmen. Jetzt habe ich ihn übernommen.“

So viel erreicht

Inzwischen hat sich ein System etabliert, bei dem „Frischnörnlinge“ eine Patin wie Elenor Avelle oder June Is zur Seite gestellt bekommen, mit deren Hilfe sie entscheiden, ob sie sich im Nornennetz wohlfühlen und sich auch entsprechend einbringen können. Denn, und das kann man gar nicht genug betonen, das Nornennetz lebt vom Mitmachen. Und dank des Engagements aller Nornen hat man ein Netzwerk „engagierter Autorinnen, die sich gegenseitig mit ihren Fähigkeiten unterstützen und an ihren Schwachstellen von den Stärken der anderen profitieren“ (Elenor Avelle).

Inzwischen wurden auch Homepage, Facebookpräsenz, Twitter– und auch Instagramaccount eingerichtet, auf denen die fleißigen Pressenornen Beiträge aus dem Netzwerk sammeln und regelmäßig über das Wachstum des literarischen Weltenbaums berichten. Zum Geburtstag – vielleicht habt ihr es schon gemerkt – ist das Nornennetz auf eine eigene Domain umgezogen und ab jetzt unter Nornennetz.de zu erreichen. Und Holly Miles‘ Vorstellung des Nornennetzes hat es sogar in die Fachzeitschrift „Federwelt“ geschafft. Man kann sich quasi kaum umdrehen, ohne den Nornen zu begegnen.

Aus all diesem Miteinander entstehen einzigartige Momente. Man trifft Autorinnen, mit denen man unter normalen Umständen nie etwas zu tun gehabt hätte. Und plötzlich werden Schnapsideen wie ein eigener Stand auf der Leipziger Buchmesse nicht nur möglich, sondern sogar Realität!

Der Nornenstand auf der LBM (Foto: Diandra Linnemann)

Zusammen stark sein

Als Gruppe konnten wir nicht nur die finanziellen Hürden, sondern auch Organisation und Umsetzung stemmen. Und weil wir sehr viele wirklich kluge Köpfe dabei hatten, gab es sogar einen eigenen „Nornentalk“ vor Publikum zum Thema „Starke Frauen in der Phantastik“. Das Transkript könnt ihr hier  und hier nachlesen. Bei so viel deutlich sichtbarer Aktivität gibt es Rückmeldungen – größtenteils positiv, wie mir die Gründernornen versicherten, aber auch einige kritische Stimmen bis hin zum Vorwurf der Diskriminierung gegen Männer. Glücklicherweise hat sich noch keine Norne durch solche Äußerungen abschrecken lassen. Und sogar, wenn es intern gelegentlich hoch her geht, überwiegen Teamgeist und der Mut zur Kooperation. Da kann man solche Sticheleien von den billigen Plätzen durchaus verkraften, finde ich. Elenor Avelle drückt es diplomatischer aus: „Autorinnen im Focus schafft Verlustängste bei einigen männlichen Kollegen.“

Nach einem Jahr ist die Bilanz durchweg positiv. Gegenwärtig sind knapp achtzig Nornen am Start, und die Nachfrage ist enorm. Angst, dass das Nornennetz wieder einschlafen könne, besteht derzeit eher nicht.

Torte!!!

Ehe ich euch an dieser Stelle weiter langweile, kommen wir zum Höhepunkt einer jeden Geburtstagsfeier: Der Torte! Ich habe einige Nornen gefragt, was ihrer Meinung nach eine angemessene Torte für einen Nornengeburtstag sei, und ich finde, die Antworten können sich sehen lassen:

Nike Leonhard: „Das Rezept ist natürlich geheim. Aber die Zutaten sind erlesen und vielfältig und das Ergebnis unglaublich lecker. Manche Teile sehen etwas seltsam aus, aber wer den Mut hat, sie zu probieren, wird mit einmaligen Geschmackserlebnissen belohnt. Unbedingt kosten!“

Elenor Avelle: „Ein explodierender Elankuchen. Hihi.“

Irina Christmann: „Natürlich eine mit massenweise Glitzer und einem Einhorn. <3“

Holly Miles: „Ein Baumkuchen. :)“

June Is: „Eine Torte, die auf den Etagen winzige Portale hat. Jede Norne kann sich eins aussuchen, das Stück wird mit Portal auf einen Teller gelegt … und daaaaaannn kann man es entweder normal essen, bis nur noch die Rückseite/das Portal übrig ist oder man stellt sich vor die Rückseite an den Tisch. Das Portal zieht die Norne langsam in das Abenteuer ihres Lebens, welches sie dann aufschreibt und steinreich wird – hihihi. Teamwork ist natürlich für die Kalorienbewussten auch möglich. ;)“

Eva-Maria Obermann: “Mehrstöckig mit verschiedenen Geschmacksrichtungen, so dass für jede*n etwas dabei ist. Unser Geburtstagskuchen ist wie wir: vielfältig und kreativ.”

Ob es sowas zu Feier des Tages auch gibt? Grabhügeltorte mit frischen Würmern (Foto: Diandra Linnemann)

** Autorin des Beitrags ist Diandra Linnemann

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