Diversität und Weltenbau in der Phantastik Teil 2 von Deborah B. Stone

Edle Elfen, gruselige Cyborgs und eine Welt ohne Schießpulver: Wie viel Klischees braucht die Phantastik?

Anlässlich des 4. Branchentreffs des Phantastik Autoren Netzwerks (PAN) in Köln wurde in Vorträgen, Podien und Workshops unter anderem darüber reflektiert, inwieweit phantastische Literatur gängige Normen und Ausgrenzungen aufheben kann und sollte.
Dabei möchte ich** im zweiten Teil meines Beitrags abwägen, wie viel Realismus die Phantastik braucht, um stimmig zu wirken und die Leserschaft zu fesseln – und ab wann zu viel der Alltagsrealität mit ihren sozialen (Ab-)Wertungen und Zuschreibungen in die Fantasy und Science Fiction schwappt.


Elfen und Schießpulver?

Bernhard Hennen, der erfolgreiche Autor der Elfen-Romane begeistert sich für die Konstruktion seiner Roman-Welten. Plattentektonik? Wetterkarten? Für seine ersten Werke ein Muss, um sich ganz in seine Welt einzuleben und sie stimmig zu präsentieren. Auf einen zweifelnden Leserbrief hin trat er einer Schwertkampf-Gruppe bei. Mangelnder Realismus in seinen Kampfszenen wurde ihm danach nie mehr vorgeworfen.
Allerdings stieß er auf Ablehnung bei Lektorat und Testleser*innen, wenn er sich aus dem vertrauten Raum der High Fantasy herauswagte: Griechische Namen, eine asiatisch inspirierte Kultur oder gar Schießpulver? Das würde ihn Leser*innen kosten. Namen sollten merkbar und aussprechbar sein, die Geschichte doch bitte grob im europäischen Hochmittelalter angesiedelt sein  – und Elfen mit Pfeil und Bogen schießen. Schießpulver gehört in den wilden Westen und nicht in die Fantasy.
Das Fazit von Bernhard Hennen ist verständnisvoll und nur leise bedauernd: Die Offenheit von Fantasy-Leser*innen für fremde Welten ist begrenzt. Sie suchen das Vertraute im Fremden. Zu viele realistische Details allerdings begeistern nur das Feuilleton. Letztlich muss jede/r Autor*in abwägen, was sie verschmerzen kann, an Leserschaft zu verlieren, um das Buch zu schreiben, dass sie schreiben will.

Cyborgs – Science Fiction oder längst Realität?

Enno Park, Informatiker und Publizist macht sich stark für Cyborgs. Selbst im Besitz eines sichtbaren Implantats, das ihm das Hören ermöglicht, erforscht er Möglichkeiten und Wahrnehmung von Mensch-Maschinen-Wesen: Wann werden mechanische Prothesen als Ersatzteile für Behinderungen erlebt, wann als Bedrohung und wann als Erweiterung oder Verbesserung des menschlichen Organismus?
Darth Vaders Atemgerät verleiht ihm eine Aura der Bedrohung, Lukes künstliche Hand ist einfach ein Ersatz. Machen Maschinen-Anteile also die Bösen zu Monstern, während sie die Helden einfach nur funktionstüchtig erhalten?
Cyborgs sind Wesen mit fast unbegrenzten Möglichkeiten. In Donna Haraways Cyborg Manifest sind sie Existenzen, die ihre Eigenschaften frei definieren können. Schon in der Realität übertreffen Sportler*innen mit Laufschienen in Wettbewerben rein organische Läufer*innen und Exoskelett und Datenbrille überhöhen unsere körperlichen und gesitigen Fähigkeiten. Auf Implantations-Partys setzten sich Gäste Chips ein, einfach aus Faszination und, weil es möglich ist. Die Grenzen des Möglichen auszudehnen ist Antrieb für Fantasie und Ängste zugleich. Die einen zieht die neue Existenzform an, zumindest in der Science Fiction, die anderen erschreckt sie – und wieder andere leben sie bereits.


Gossen-Elfe und bartloser Zwerg – Ausnahmegestalten oder Rollenmodelle für individuelle, vielfältige Figuren?

Laura Dümpelfeld, Autorin und Rollenspielerin liebt den Klischee-Bruch. In ihrem Workshop diskutierten wir über die naturbedingten oder doch (nur) kulturell geprägten Eigenschaften von Zwergen und Elfen. Werden dicke Elfen ausgegrenzt oder erlaubt ihnen ihr Stoffwechsel keine Gewichtszunahme? Wenn Zwerge heute nur noch im Garten ihre historischen Zipfelmützen tragen, ist dann auch die Zeit für eine Rasur gekommen? Was macht einen Elb zu einem Elb und was eine Zwergin zu einer Zwergin? Wieviel Bandbreite ist innerhalb eines fantastischen Volkes erlaubt und können nicht einfacher ganz neue Arten erschaffen werden?
Diese und noch viele andere Fragen sollte sich die Autor*in eines Buches selbst stellen, sonst tappt sie leicht ganz ungewollte in die Stereotyp-Falle: Das ist dann im harmlosesten Fall langweilig, weil zigfach benutzte Figuren ohne Ecken und Kanten und damit Individualität übernommen werden. Im schlimmsten Fall ist es verletzend und ausgrenzend. Denn in der Fantasy werden gerne die großen Fragen von Gut und Böse gestellt, die in Völkerschlachten entschieden werden. Wenn dann die edlen Held*innen alle hellhäutige, heterosexuelle, blonde etc. Elfen sind und ihre finsteren Gegner grobschlächtige, dunkelhäutige etc. etc. Orks, dann verpacken wir die Feindbilder unserer Alltagswelt nur in ein fantastisches Gewand und grenzen unbedarft und meist unbewusst weiter die Gruppen und Personen aus, die es auch in unserer Gesellschaft beständig mit Abwertung und Marginalisierung zu tun haben.


Diversität und Inklusion in der Phantastik

Das Projekt „Roll inclusive“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, ein Handbuch für Fantasy-Rollenspiele zu entwickeln, das Hilfestellungen für den Bau inklusiver Welten gibt. Dafür haben sich Judit Vogt (Autorin), Aşkın-Hayat Doğan (Rollenspielredakteur, Diversity-Trainer) und Frank Reiss (Psychotherapeut, systemischer Supervisor) zusammengetan.
Ihr Ziel ist es, Bewusstsein für eigene ungewollte Stereotypisierungen und Ausgrenzungen zu schaffen und die Verantwortung der Weltenbauer*innen aufzuzeigen.
Wie weit reproduzieren wir in den von uns entworfenen Kulturen und Figuren Diskriminierungen und Machtverhältnisse unserer Alltagswelt?
Werden Vertreter*innen bestimmter sozialer Gruppen eindimensional und gleichförmig beschrieben oder gibt es Individuen innerhalb der Gruppe?
Andere Autor*innen recherchieren ja auch für ihre Romane, befragen unterschiedliche Quellen und beleuchten Geschehnisse aus verschiedenen Perspektiven. In der Phantastik, wo wir uns nicht an historische Ereignisse oder lebende Personengruppen halten können, sollten wir nicht weniger achtsam und (selbst)kritisch verhalten. Und: Gut gemeint ist leider nicht immer dasselbe wie gut gemacht. Wer sich unsicher fühlt, kann diversitiy- oder sensitivityreadings in Anspruch nehmen.


Fantastische Welten werden aus Mut und Sensibilität gebaut

Mir selbst ist bei den Vorträgen und Diskussionen wieder klar geworden, wie schwierig die Balance zwischen Sensibilität und Mut ist. Es gab zum Beispiel Applaus, weil sich eine weiße Autorin aus Respekt dagegen entschied, über eine schwarze Prota zu schreiben. Natürlich sollte es Raum für Own Voices geben. Der Diskurs ist auch nicht neu, sondern hat die Frauenbewegung immer wieder polarisiert und gespalten. Trotzdem hat es mich traurig gemacht. Hätte nicht diese Autorin durchaus die Sensibilität für ihr Projekt gehabt? Zumal schwarze Frauen unterschiedliche Erfahrungen machen und in alternativen Welten allemal. Wir wünschen uns alle Diversität und das bedeutet eben auch einfach eine größere Anzahl ganz unterschiedlicher Figuren. Nur dann kann Vielfalt auch innerhalb der jeweiligen Gruppe sichtbar werden.
Dürfen bei mir also weiterhin nur die Nebenfiguren meine Fantasy-Welten ein bisschen bunter machen?

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Diandra
Gast

Irgendwo las ich vor kurzem, viele Fantasy-Völker seien nur eine Ansammlung von Stereotypen, und bei näherem Nachdenken muss ich dem Recht geben. Wie man das repariert, wüsste ich spontan auch nicht. Vielleicht, indem man etwas Neues schreibt. (Abgang Richtung Schreibtisch.)

Fia
Gast

Danke für den Artikel!
Nur der letzte Absatz ist schon ein bisschen aus dem Zusammenhang gerissen. Sie hat sich dagegen entschieden, eine schwarze Protagonistin zu haben, weil bei ihr Rassismus, Integration und die schwarze Community in einer Stadt in den USA zugleich eine sehr starke Rolle gespielt hatte. Problem-Romane sollten sicherlich eher von den Own-Voices kommen, aber nicht jede Figur, die nicht weiß und cis ist, nagt so stark an zentralen Problemen. Und dass man auch als weiße Person eine solche schwarze Frau schreiben „darf“, auch als Hauptfigur, hat niemand bestritten.