Inspirierende Frauen in der Literatur (Patrizia K. Werner)

Inspirierende Schriftstellerinnen gibt es in jeder Generation. Sie hier alle zu beschreiben vermag ich** nicht, ohne diesen Artikel ins beinahe Unendliche zu sprengen. Umso schwerer viel mir die Auswahl, da jede dieser starken Frauen ihren eigenen interessanten wie auch sehr lehrreichen Werdegang erzählen kann.
In der Hoffnung, dass jeder von euch in der folgenden Auflistung mindestens eine Autorin findet, deren zuweilen beschwerlichen Wege sie dennoch (oder gerade deswegen) an ihre Ziele brachten, stelle ich euch nun 8 Schriftstellerinnen vor und was ihre Karrieren beflügelte.

Frauen, die schreiben – sie inspirieren uns immer wieder (Foto: Patrizia K. Werner)

Agatha Christie
„The secret of getting ahead is getting started.“

Als Apothekenhelferin im Kriegslazarett des ersten Weltkriegs und auf späteren Reisen, wie auch Exkursionen mit ihrem zweiten Ehemann, sammelte Agatha Christie (1890) eine unvorstellbare Menge an Eindrücken, die sie später in ihren Büchern einarbeitete. So verwundert es auch nicht, dass ihre erste Kriminalgeschichte, die 1921 herauskam, einen Giftmord behandelte, wobei ihr Wissen aus der Medizin ihr half. Mit „The Murder of Roger Ackroyd“ wurde sie zur berühmtesten Krimiautorin ihrer Zeit. Insgesamt verfasste sie in ihrer gesamten Schriftstellerlaufbahn 66 Romane, zahlreiche Kurzgeschichten sowie einige Bühnenstücke. Das charmanteste an Agatha Christie war, dass sie von sich selbst behauptete keine Schriftstellerin zu sein. Sie sei lediglich bemüht eine gute Ehefrau zu sein, die in ihrer Freizeit gerne schreibt.

Cornelia Funke
„Manche Bücher müssen gekostet werden, manche verschlingt man, nur einige wenige kaut man und verdaut sie ganz.“

Cornelia Funkes (1958) Karriere als Kinder- und Jugendbuchautorin begann 1993 mit ihrem Roman „Die wilden Hühner“. Doch ihren internationalen Durchbruch erlangte sie im Jahre 2000 mit dem Buch „Herr der Diebe“. Dieser wurde zwei Jahre darauf auf den dringlichen Wunsch eines zweisprachig aufgewachsenen Mädchens namens „Clara“, die diese Geschichte mit ihren Schulfreundinnen in England teilen wollte, ins Englische übersetzt. Übersetzungen in 22 weiteren Sprachen und Erstplatzierungen auf Bestsellerlisten folgten. Es waren Cornelia Funkes Entschlossenheit und diese gewisse Portion von Glück, die ihr den Weg als deutsche Schriftstellerin zu internationalem Ruhm verhalfen.

Emily Brontë
„I wish I were a girl again, half-savage and hardy, and free.”

Mit “Sturmhöhe” eroberte Emily Brontë (1818) im Jahre 1847 die damalige Welt. Als arme Pfarrerstochter las sie jedes Buch und jede Zeitschrift, die sie kriegen konnte und begann bereits früh mit ihren Geschwistern Charlotte und Anne eigene Geschichten zu schreiben. Doch erst mit ihrem eigenen Roman versetzte sie die Welt in Erstaunen. Bis heute ist es das einzige eigene Buch, dass sie schrieb, da sie auf der Höhe ihrer Karriere mit dreißig Jahren verstarb. Noch heute ist Emily Brontë ein Paradebeispiel dafür, dass man auch mit den geringsten Mitteln seine Träume erreichen kann. Denn zu Anfang ihrer Schreibkarriere skizzierte sie mit ihren Geschwistern ihre gemeinsamen Geschichten auf allem, worauf sich schreiben ließ und das in winzig kleiner Handschrift, da Papier in der rauen Menge, die sie benötigten, für ihre Familie unerschwinglich war.

Jane Austen
“I declare after all there is no enjoyment like reading! How much sooner one tires of any thing than of a book! – When I have a house of my own, I shall be miserable if I have not an excellent library.”

Jane Austen (1775) wuchs in einer Zeit auf, in der die Stellung als Frau in Frage gestellt wurde. Zwar führten Auswirkungen der französischen Revolution zu emanzipiertem Denken, doch bot es kaum Vorteile für die junge Jane Austen, die wie jede Frau in ihrer Stellung als Ehe- und Hausfrau unterrichtet wurde. Da sich ihre Familie zudem keine hohe Mitgift für ihre jüngste Tochter leisten konnten, blieb sie zudem unverheiratet. Von ihrer Gesellschaft in eine bestimmte Rolle gesteckt, zeigte sie jedoch früh eine außerordentliche Begabung für Beobachtungen. Diese gewonnen Erkenntnisse verarbeitete sie mithilfe ihres Schreibtalents in Geschichten wie „Stolz und Vorurteile“, womit sie der damaligen Gesellschaft mit Humor und Satire einen Spiegel vorhielt. Damit zeigte Jane Austen klar und deutlich, dass sie sich nicht einmal durch ihre vorgegebene gesellschaftliche Rolle von ihrem Drang zu schreiben abbringen ließ.

Joanne K. Rowling
“I’m a writer, and I will write what I want to write.”

Als Joanne K. Rowling (1965) begann die Bücher zu den Abenteuern von „Harry Potter“ zu schreiben, befand sie sich kurz vor dem Tiefpunkt ihres Lebens. Ihre Mutter verstarb mit 45 Jahren, drei Jahre darauf folgte die Trennung von ihrem damaligen Ehemann und auf einmal stand sie als junge, alleinerziehende Mutter ohne Einkommen dar. Sie war dermaßen verzweifelt, dass sie offen zugibt von Selbstmordgedanken heimgesucht worden zu sein. Doch ihre Idee von einer Geschichte, die die Welt im Sturm erobern sollte, gab ihr neue Kraft und so begann sie sie weiter zu entwickeln. Obwohl Rowling das Talent zum Schreiben schon früh mitbrachte und so bereits in ihrer Kindheit ihre Geschwister mit ihren Geschichten verzauberte, entschied sie sich dennoch Lehrerin zu werden. Dass ihr einst ihre Fantasie aus ihrer schlimmsten Phase verhelfen würde, hätte sie jedoch niemals für möglich gehalten. Umso deutlicher zeigt ihr Werdegang, dass man seine Träume niemals aufgeben sollte.

Autoren Urlaub

Joy Fielding
„Give a hundred writers the same idea and you’ll get a hundred different stories.“

Auch Joy Fielding (1945) schöpfte nach einigen Enttäuschungen neue Kraft und neuen Mut aus ihren Romanideen. Als es mit ihrer Karriere als Schauspielerin nicht klappen wollte und sich auch privater Frust einstellte, entschied die Absolventin in Englischer Literatur sich ihrem alten Hobby aus ihrer Kindheit zu widmen. Tatsächlich brachten ihre ersten Bücher nicht den erhofften Erfolg mit sich und sie arbeitete nebenbei als Werbedarstellerin. Trotzdem gab sie nicht auf und zeigte damit, dass sich Hartnäckigkeit, Geduld und Fleiß auszahlen und so gelang ihr 1991 der Durchbruch mit dem Thriller „Lauf, Jane, lauf!“. Es folgten zahlreiche weitere internationale Bestseller.

Mary Shelley
“Invention, it must be humbly admitted, does not consist in creating out of void, but out of chaos.”

Mary Shelley (1797) war eine emanzipierte Frau, die genau wie Jane Austen unter der gesellschaftlichen Rolle der Frau aufwuchs. Jedoch kritisierte sie diese Rolle nicht in ihren Büchern, sondern brach aus ihnen heraus. Sie verliebte sich in einen älteren, verheirateten Mann und zeugte uneheliche Kinder mit ihm, was zur damaligen Zeit den Ausschluss aus der Gesellschaft zur Folge hatte. Daraufhin reiste sie mit ihrer Familie durch ganz Europa und schrieb an ihren Romanen. Inspiriert hatte sie dazu ihr Ehemann, der selbst ein Dichter war. Mit „Frankenstein“ schrieb sie 1818 das meist adaptierteste Werk und eröffnete damit neue Wege für kommende Gruselgeschichten. Mary Shelley ist ein außerordentliches Vorbild für eine Autorin, die keine Grenzen kennt. Unerschütterlich hielt sie an ihren eigenen Wertvorstellungen fest und ging stolz ihren eigenen Weg. Dieser Mut zahlte sich mit Weltruhm aus.

Stephenie Meyer
“Sometimes ideas feel like they were already there, and that you’re just discovering them.“

Weltbekannt wurde Stephenie Meyer (1973) mit ihrer Buchserie „Twilight“, zu dem der erste Band 2005 erschien. Obwohl diese Fantasy-Reihe viel Anklang fand und wie schon die aus der Feder von Joanne K. Rowling veröffentlichte Buchserie „Harry Potter“ verfilmt wurde, erfährt die streng gläubige Mormonin sehr viel Kritik für ihr Werk. Nichtdestotrotz hielt sie das nicht davon ab, weitere Romane zu veröffentlichen und bewies damit, dass sie sich von den Kritikern nicht ihren Traum zu Schreiben und zu Schaffen nehmen lässt. Damit beweist sie welch dickes Fell man sich wachsen lassen kann und dass bloße Worte einen nicht aufhalten können.

Was ich beim Schreiben dieses Artikels gelernt habe, war, dass keiner Schriftstellerin der Erfolg einfach in den Schoss gefallen war. Nicht eine von ihnen hat mit bloßem Talent ihre Geschichten zum weltweiten Ruhm bringen können. Es gehört stets eine ungeheure Menge an Fleiß, Geduld und Hartnäckigkeit dazu. Selbst Mary Shelley, die mit ihrer ersten Geschichte „Frankenstein“ so bekannt wurde, dass sie sich hätte theoretisch zurücklehnen können, musste danach noch viel weitere Romane schreiben, da die Einnahmen von nur einem Roman nicht reichten. Schreiben ist ein Handwerk und genau wie jeder Tischler, muss auch jeder Schriftsteller, unentwegt weiter produzieren, wenn er davon leben will. Es gibt nur eine sehr geringe Anzahl von Schriftstellern, die sich wie Joanne K. Rowling nach ihrer ersten Buchserie ausruhen könnten. Aber man sollte hierbei auch bedenken, wie viele Steine Rowling in den Weg gelegt wurden, bevor sie dieses Ziel erreichte. Von Beginn ihrer Idee bis zur Veröffentlichung ihres ersten Bands vergingen 6 lange Jahre und unzählige Absagen von Verlegen, ehe einer von ihnen anbiss. Nicht aufzugeben, auch wenn es mal schwer wird, ist meiner Meinung nach am Schwersten. Doch diese Frauen in der Liste oben geben mir (und ich hoffe auch euch) Hoffnung, dass es sich auszahlt einfach weiterzumachen und keinen Weg unversucht zu lassen, bis man seinen eigenen gefunden hat.

**Autorin des Beitrags ist Patrizia K. Werner

Mach nicht Geschlechter, mach Charaktere! (Nora Bendzko)

[Neuauflage fürs Nornennetz]

(Grafik: Wikimedialimages von pixabay.com)

Ursprünglich ist dieser Artikel am 26.08.2016 auf dem ehemaligen Blog »schreibkasten« von Norne Holly Miles erschienen. Inzwischen ist sie über blog.frau-schreibseele.de aktiv. Bis auf ein paar kosmetische Änderungen, wie Rechtschreibfehler, Löschung von Wiederholungen und ähnlichem ist dieser Artikel genauso auf ihrem Blog veröffentlicht worden.

Gestatten, Nora Bendzko – ich habe die Ehre, heute für das Nornennetz zu philosophieren. Ich zähle zur fraulichen Seite des Universums, wie man an meinem Namen vielleicht erahnt. Da ich eine Autorin bin, die nie Abwechslung genug bekommen kann, habe ich nicht nur Protagonistinnen, sondern erzähle auch aus Männersicht. Ganz so, wie es viele andere Schreiberlinge tun.
Tatsächlich bin ich aber auch der Riege begegnet, für die der Sprung in den Kopf des „anderen“ Geschlechts ein großes Thema ist. Stichwort:

Gender-Marketing.

Wie schreibe ich Mann und Frau in einem Männer- bzw. Frauenbuch und umgekehrt? Solche und ähnliche Fragen sind in der Literaturwelt nicht selten, insbesondere bei romantischen und erotischen Titeln. Erotik aus Frauensicht, aber vom Autor geschrieben? Gay Romance von der Autorin? Und vergessen wir nicht geschlechterexklusiven Kategorien wie den Begriff der „Frauenliteratur“.
Ist das schon für manche ein Streitfeld, so ist ein noch größeres: Wie mache ich Geschlecht?

Diesbezüglich hat sich mir eine Diskussion in einem Schreibforum eingeprägt. Dort wollte ein Autor erstmals ein Buch für Frauen schreiben und fragte, inwiefern sich Frauen- von Männersprache unterscheidet. Was zeigte, wie sehr Lesern und Autoren eine binäre Vorstellung der Geschlechter einprogrammiert ist. Nicht theoriebasierte Annahmen wie „Frauen reden mehr“ und „Männer sind einfacher gestrickt“ wurden schnell während der Diskussion in den Raum geworfen.
Entsprechend einfach scheint die Frage zu beantworten: Wie mache ich Geschlecht? Ganz klar, ich orientiere mich am klassischen Rollenbild … oder?
Meine Antwort dazu ist: Jein. So simpel ist das nicht.

Im Folgenden werde ich erläutern, warum diese Rollenbilder eine fiese Schreibfalle sein können, und inwiefern die Geschlechterfrage von dem ablenken kann, was zur Standardarbeit von Profiautoren gehören sollte: Charaktere schaffen!

Kurze Einführung: Zu Gender, Sex und Gender-Marketing

Ich werde mich in diesem Artikel, wann immer ich „Geschlecht“ schreibe, auf die literaturwissenschaftliche Bedeutung von „Gender“ nach Judith Butler beziehen. Diese teilt „Geschlecht“ wie folgt ein:

Gender = Geschlechtsidentität (mental & sozial)
Sex = angeborene Geschlechterorgane (körperlich)

Trotz einem großen Zuwachs an LGBTQ+-Literatur und dessen steigender Nachfrage herrscht in der deutschen Literaturlandschaft das Bild des „klassischen“ Frauenkörpers mit „klassischer“ Frauenidentität vor (auf Männer übertragbar). „Klassisch“ beziehe ich auf die mentalen und körperlichen Geschlechtszuschreibungen, wie sie im 18. Jahrhundert mit dem Vater-Mutter-Kind-Modell eingeführt wurden.
Zuschreibungen, die für das sogenannte Gender-Marketing von großer Relevanz sind. Denn dieses geht von eklatanten Bedürfnisunterschieden zwischen den Geschlechtern aus, wie sie von den Erwartungen der Gesellschaft geschaffen werden. Produkte dieses Marketings sehen wir täglich ums uns: Die Trennung von Jungen- und Mädchenspielzeug in Blau und Rosa, Bikini-Models in der Axe-Werbung, oder das neue Grillbuch für „echte Männer“. So viele dieser Produkte erfolgreich verkauft werden, so viele erhalten auch Kritik.

Zwei Beispiele aus dem künstlerischen Betrieb, die beide Extreme darstellen: Gender-Marketing, das funktioniert hat, und Gender-Marketing, das in die Hose ging.

Beispiel 1: Revolutionary Girl Utena

Revolutionary Girl Utena
(Quelle: Offizielles Preview-Bild von Hanabe-Entertainment)

Unschwer zu erraten, an wen sich dieses DVD-Cover richtet, oder? Die Akzente sind mit den pinken Farben, den schönen Mädchen, dem Ballkleid und dem Schloss eindeutig gesetzt. Wer sich mit Animés auskennt, wird die langgliedrigen Figuren dem „Shoujo“-Genre zuordnen können, den Animés für Mädchen und junge Frauen.
Gerne hätte ich ein Buch vorgestellt, aber „Revolutionary Girl Utena“ (jap. „Shoujo Kakumei Utena“) ist so ein exzeptionelles Beispiel, dass ich es einfach nicht vorenthalten kann. Tatsächlich handelt es sich um einen Animé für heranwachsende Frauen.
Mit den pinken Haaren der Protagonistin, den Rosen, gut aussehenden Prinzen und unzähligen Märchenmetaphern ist „Revolutionary Girl Utena“ fast beleidigend klischeebeladen. Und doch ist die Serie nicht als Trash-Titel berühmt geworden. Tatsächlich ist diese Märchenwelt, wie sie pinker und heiler nicht sein könnte, eine Fassade, unter der Themen wie Missbrauch, Inzest, Vergewaltigung, Homosexualität, patriarchalische Gewalt und Todessehnsucht brodeln. So subtil und surreal verarbeitet, dass jüngere Zuschauerinnen nicht davon geschockt werden, sondern sich nur an den mädchenhaften Elementen erfreuen. Und rückblickend, als Erwachsene, eine tiefe Botschaft für sich entdecken können. Die Serie zeigt insbesondere Empathie für japanische Frauen, die durch ihre Geschlechterrolle unterdrückt werden, und wie man aus dieser Rolle ausbrechen kann, ohne die eigene Weiblichkeit einzubüßen.
Regisseur Kunihiko Ikuhara – ja, ein Mann – hat sein Zielpublikum eindeutig verstanden. Entsprechend erfolgreich war „Revolutionary Girl Utena“.

Beispiel 2: Die inneren Werte von Tanjas BH

Die inneren Werte von Tanjas BH
(Quelle: Offizielle Facebook-Seite vom Oetinger Verlag)

Das Bild zeigt ein Werbeplakat des Jugendromans „Die inneren Werte von Tanjas BH“, das auch als Poster dem Buch beilag. Die Autorin Jutta Wilke veröffentlichte es unter dem Pseudonym „Alex Haas“ im renommierten Oetinger Verlag. Wie bei „Revolutionary Girl Utena“ wurden hier Teenager und junge Erwachsene als Zielgruppe angepeilt, diesmal Jungen.
Kaum wurde das Werbeplakat online und in Schulen ausgestellt, wurde Oetinger mit einem gewaltigen Shitstorm konfrontiert. Der Grund? Das Plakat wurde von Mädchen und Eltern als sexistisch empfunden. Die Kontraste auf dem Plakat sind eindeutig: Wo der Junge ein „Superhirn“ besitzt, hat das Mädchen einen „Hohlraum“, und so weiter.
Laut Oetinger hat man versucht, auf ironische Art eine „authentische“ Weltsicht des pubertären Hauptcharakters wiederzugeben, für den Mädchen noch eine fremde Welt sind. Nur wurde eine Sache nicht beachtet: Das Plakat ist nicht nur geschlechter-exkludierend, sondern auch geschlechter-bewertend. Eine solche Werbung ohne Kontext in einem geschlechterübergreifenden Raum aufzuhängen – der Schule – kann nur auf Empörung stoßen. Der Verlag verteidigte die Werbeaktion mit Argumenten wie „so denken junge Männer eben“. Darüber kann man streiten. Worüber man nicht streiten kann, ist die Tatsache, dass die Werbeaktion nach hinten losging.

Was bedeutet das für mich als Autor*in?

Wie man an diesen Beispielen sieht, kann Gender-Marketing sehr unterschiedlich ankommen. Nehmen wir an, du als Autor*in begibst dich auf dieses Gebiet. Ich denke, du wünschst dir, dass dein Buch gut ankommt und nicht wegen einer politischen Unkorrektheit verrissen wird, die du nicht angestrebt hast? In diesem Fall hätte ich ein paar Tipps für dich!

Bewerte das Geschlecht nicht über

Wenn wir Schreibende etwas Neues ausprobieren, tendieren wir in der Regel dazu, zu übertreiben. Ich erinnere mich an meine Babyschritte in Sachen Erotik – grauenvoll ist noch untertrieben! Entsprechend ist es nicht verwunderlich, dass wir blockiert sind, wenn wir zum ersten Mal in einer ungewohnten Geschlechterperspektive schreiben.
Das absolute No-Go: die reine Klischee-Reproduktion. Insbesondere, wenn es nicht nur einzige Figur, sondern die ganze Geschlechtergruppe im gesamten Buch betrifft. Wir würden ja auch nicht haarklein jedes Klischee in eine Liebesgeschichte, einen Krimi oder Science-Fiction packen. Sicher, es sind genug nostalgische Akzente für den Vielleser gesetzt, aber dann braucht der doch ein bisschen mehr, damit die Geschichte nicht platt auf ihn wirkt.
Und da mischen Charaktere besonders mit, fern vom reinen Klischee – Geschlecht eingeschlossen.
Einige werden sich hier denken: „Aber es ist doch witzig, wenn mit Klischees gespielt wird.“ Ja, und ob! Um mit Klischees spielen zu können, muss man aber enormes Wissen über sie verfügen, sowie die Fähigkeit, sie humorvoll gegeneinander auszuspielen. Humor kann auch nur durch Kontraste stattfinden. Wo Klischee normalisiert wird, um eine ganze Gruppe zu definieren, wird ein lustiger Aha-Effekt beim Publikum ausbleiben. Ist dieses gelangweilt oder empört, nützt es nichts zu wettern, dass der eigene Witz nicht verstanden wurde – dann war man vielleicht einfach nicht witzig.

Ein Geschlecht ist nicht alle Geschlechter

Möchte man jenseits des Klischees schlau werden, kommt man um eines nicht herum: Recherche. Was bedeutet, nicht nur eine/n einzige/n Repräsentant/in einer Geschlechtergruppe zu fragen und zu glauben, so ticken alle Geschlechtsgenoss*innen.
Ich erinnere mich an eine Diskussion in einem Schreibforum, wo eine erotische Szene besprochen wurde. Dort verwöhnte die Frau die Brustwarzen des Mannes, worauf einige Autorinnen meinten: „Das solltest du streichen, mein Mann sagt immer, Männer mögen das überhaupt nicht!“ Und gleichzeitig tat sich ein anderes Lager auf: „Was, Blödsinn, mein Mann liebt das!“
An solchen und anderen Erfahrungen sieht man, dass allein schon Details der Sexualität sehr individuell sind. Entsprechend individuell sollte die Geschlechterdarstellung deiner Charaktere im Gesamten ausfallen. So machst du sie wesentlich realistischer.

Show, don’t tell!

Die Binsenweisheit aller Autor*innen gilt auch für Geschlecht. Schon Judith Butler stellte in „Gender Trouble“ fest, dass Geschlecht vornehmlich performativ ist. Soll heißen: Wir zeigen unsere Geschlechteridentität mit unserem Verhalten. So kann ein Mann „weiblich“ die Hüften schwingen oder ein Tomboy „männlich“ auf uns wirken, obwohl biologisch als Frau geboren. Das lässt sich eins zu eins auf Geschichten übertragen.
Mehr als einmal sind mir im Lektorat Phrasen untergekommen wie: „Er war die Definition von Männlichkeit.“ Was ein erstaunlich nichtssagender Satz ist. Wie gesagt, ist Geschlecht individuell, entsprechend auch die Vorstellung von Geschlechteridealen. Für den einen mag die „Definition von Männlichkeit“ ein braungebrannter, leidenschaftlicher Bodybuilder sein, für jemand anderen ein distanzierter Gothic mit langen Haaren und feinem Gesicht. Manche machen gar ihr Ideal nur an inneren Werten fest und finden keine Antwort auf die Frage, was äußerlich ihr Typ sei.
Also: definiere! Aus den individuellen Augen deiner Protagonist*innen, nicht mit der allgemeingültigen Stimme der Erzählinstanz. Und noch viel wichtiger als das Aussehen: Wie zeigt sich das Geschlecht deiner Charaktere in ihrem Verhalten? Damit meine ich nicht, dass gewisse Handlungen von der Erzählerstimme als „weiblich“ oder „männlich“ bewertet werden sollen. Schreib wertfrei. Dein Publikum kann das Verhalten deiner Charaktere sehr gut mit eigenen Vorstellungen abgleichen.

Gender-Marketing heißt nicht „Kampf der Geschlechter“

Das betrifft nicht nur die Binarität von Männern und Frauen, sondern auch Binaritäten wie Queer und Hetero, Gay versus Frauen, et cetera. Öfter kommen mir als Lektorin Texte unter, in denen verschiedene Geschlechter auftreten und sich ein Geschlecht als das „stärkere“ auftut (was längst nicht immer Männer sind), während andere Geschlechtertypen dem untergeordnet und denunziert werden. Es gibt auch Bücher, die explizit vom „Kampf der Geschlechter“ leben, wie humoristische Belletristik, in deren Zentrum die Gegensätze von Männern und Frauen stehen. Problematisch ist hier nicht, dass Differenz und Klischee Lacher hervorrufen, sondern wenn zwischen den Zeilen pauschalisierende Bewertungen stattfinden. Ein Beispiel dafür wäre frauenexkludierende Gay Romance, die Frauen nur als „die Anderen“ und Antagonistinnen auftreten lässt, aber nicht als „normale“ Charaktere.
Hier ist das Stichwort: Respekt. Für alle Seiten.
Das bedeutet nicht, dass alle Charaktere in einem Buch absolut korrekt geschrieben sein müssen. Im Gegenteil, ein sexistisches Aas kann ganz schön Wind in einen Plot bringen. Es sollte nur berücksichtigt werden, dass von Erzählerstimme oder Botschaft eine bestimmte Geschlechtergruppe nicht pauschal niedergemacht wird. Zumal diese Geschlechtergruppe Teil der eigenen Leserschaft sein kann.

Nicht an Schemata festhalten – Geschlecht ist veränderlich!

So, wie sich die Ideale der jeweiligen Geschlechterkörper durch die Jahrhunderte immer gewandelt haben, haben sich auch die Vorstellungen davon geändert, wie Mann und Frau sich zu verhalten haben – und tun es immer noch!
Früher waren Drachenkämpferinnen holde Maiden, die Babydrachen mit ihrer Lieblichkeit bezähmten. Heute köpft die erwachsene Alice den Drachen im Wunderland. Einst becircten sanftmütige Gentlemen mit adeligem Gemüt die Damenwelt. Nun sind die Bad Boys, bösen Rocker und Männer mit gebrochenen Herzen auf dem Vormarsch. Im 21. Jahrhundert gibt es von den traditionellsten bis zu den liberalsten Darstellungen hin alles an Extremen und Zwischenstationen. Entsprechend ist Gender-Marketing schwerer denn je, kritisierter als je zuvor.
Wirst du also mit beleidigten Leser*innen konfrontiert, haue ihre Kritik nicht mit dem Hammer nieder – rede mit ihnen! Denn sie sind deine beste Informationsquelle. Wenn du verschiedene Geschlechter und insbesondere Gender-Marketing machen willst, musst du wie bei allem anderen auf dem Buchmarkt immer up to date sein. Und manchmal musst du auch ins kalte Wasser springen und dich fragen: Was könnte morgen sein?
Vielleicht verlässt die Erotik ihre Schmuddelkiste und wird zur etablierten Literatur? Vielleicht wird Queer Romance das große neue Ding? Vielleicht haben alle die Schnauze voll von Dreiecksbeziehungen und warten auf den ersten großen Bestseller, in dem die Protagonistin sich für beide Männer entscheidet?

Probiere es aus!

Was immer du an neuer Perspektive oder Zielpublikum ausprobierst: Am Ende gibt es nur Try and Error mit deinen Charakteren. Lass dich gar nicht erst zu dem Gedanken verleiten, nicht eine „andere“ Darstellung auszuprobieren, weil sie nicht vorgekauten Geschlechterbildern entspricht. Lieber Kritik für interessante Charaktere als für uninteressante Geschlechterplakate bekommen – und daran wachsen!

SP oder Kleinverlag? (Diandra Linnemann)

Verstreute Überlegungen einer Autorin, die beides ausprobiert hat

Als Autorin hatte man es viele Jahre lang sehr, sehr schwer. Während es nämlich in Deutschland unzählige begeisterte und größtenteils auch talentierte Autoren und Autorinnen gibt, ist die Zahl der Programmplätze in den Verlagshäusern begrenzt. Wenn man sich die Angaben bekannter Verlage anschaut, landen auf deren Tischen pro Jahr mehrere tausend Manuskripte. Ein Beispiel: Der Oetinger Verlag veröffentlicht eigenen Angaben zufolge jährlich ungefähr 300 Kinderbücher, erhält allerdings im gleichen Zeitraum etwa 3.000 eingesandte Manuskripte. Und das sind, wenn ich richtig gelesen habe, schon recht gute Zahlen für Autoren.

Um als Autor veröffentlicht zu werden, brauchte man also bis vor wenigen Jahren sehr viel Talent, Durchhaltevermögen und vor allem: Glück. Man musste den richtigen Verlagsmenschen im richtigen Moment erwischen, um das eigene Manuskript wenigstens in die engere Auswahl für eine Veröffentlichung zu bringen.

Und plötzlich war Selfpublishing da.

Gut, genaugenommen hatte es das schon vorher gegeben: Niemand hätte einen Autor im zwanzigsten Jahrhundert daran hindern, einige hundert Bücher auf eigene Kosten drucken zu lassen und unter die Leute zu bringen. Aber diese Art von Kapital und Connections haben die wenigsten unter uns … ganz zu schweigen vom Lagerplatz für all die Bücher. Also war da zuerst das E-Book. Und dann das Self-Publishing. Plötzlich konnte jeder mit ein wenig Computererfahrung sein Buch ganz einfach der Öffentlichkeit präsentieren. Der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte.

Na gut, nicht ganz. Konnte man am Anfang noch mit selbstgemaltem Cover sein Manuskript irgendwie den Leuten schmackhaft machen, wuchsen auch beim digitalen Selfpublishing die Hürden innerhalb kurzer Zeit – nicht in den Himmel, aber schon wenigstens auf Brusthöhe. Wer heute ein E-Book herunterlädt, erwartet ein professionelles Produkt. Die Leserin interessiert sich nicht dafür, ob ein Verlag dahintersteckt oder ob die Autorin alles selbstgemacht hat. Rechtschreibung, Stil, Cover, Leseerlebnis – alles soll möglichst hochwertig sein. Und da man als Autorin nicht notwendigerweise talentiert ist für Design, Buchsatz und Marketing, muss man wieder einige Dinge auslagern. Das kostet. Und man ist selbst dafür verantwortlich, dass alles rechtzeitig und gut erledigt wird. Die im Eigenverlag veröffentlichende Autorin ist nicht die Künstlerin im stillen Kämmerlein mit Internetzugang, sondern betreibt ein Business. Dafür hat nicht jeder die Nerven.

Was ist denn jetzt besser?

Weiter auf Glück beim Verlag zu hoffen – sich zunächst auf Kleinverlage zu konzentrieren? Oder doch lieber alles selbst machen, inklusive sämtlicher Risiken? Ich habe beides ausprobiert und möchte an dieser Stelle meine Erfahrungen teilen.

Seit 2013 verlege ich meine Magie hinter den sieben Bergen-Reihe. Ihr habt noch nie davon gehört? Dann teile ich damit das Los der meisten Autoren und verschwinde irgendwo in der breiten Masse. Ich mache alles selbst und verpflichte höchstens mal Freunde und Bekannte zum Testlesen. Ja, auch die Cover. Und grafisches Talent habe ich nicht gerade, ist mir selbst klar.

Cover Allerseelenkinder, © Diandra Linnemann, 2013

Als ich anfing, war das noch nicht so wild, und später wollte ich, dass die neun Cover der Reihe einheitlich bleiben. Anfang November erscheint der letzte Band, und danach werde ich mich wahrscheinlich von der Covergestaltung bis auf Weiteres verabschieden. Parallel dazu erscheint die Reihe, sobald sie komplett ist, auch in drei Sammelbänden. Für die habe ich mir die Unterstützung einer befreundeten Coverdesignerin gesichert. Man sieht den Unterschied, nicht wahr?

Cover „Magie hinter den sieben Bergen: Winter“, © Giusy Ame / Magicalcover.de, 2018

Außerdem konnte ich, nach einigen Kurzgeschichten, im Jahr 2017 endlich einen kompletten Roman in einem noch sehr frischen Kleinverlag veröffentlichen. Der Chaospony Verlag, gerade eben erst gegründet, verliebte sich in meine erste Fassung von Andrea die Lüsterne und die lustigen Tentakel des Todes und zog das Abenteuer mit mir gemeinsam durch. Einschließlich professionell gestaltetem Cover, Lektorat, Korrektorat, Werbemaßnahmen, Messepräsenz etc.

Gut, und was war denn jetzt besser?

Um ehrlich zu sein … ich kann das gar nicht so genau sagen. Ich liebe die Arbeit mit dem Verlag. Lauter professionelle, begabte Leute, die – gerade, weil es ein Kleinverlag ist – mit Herzblut bei der Sache sind und ständig mit verrückten Ideen und Plänen um die Ecke kommen. Meine Lektorin war unglaublich engagiert und hat mich etliche Male zum Schimpfen und Fluchen gebracht – ehe ich ihre Anregungen umgesetzt hatte, denn sie sie hatte Recht.

Ich konnte während des kompletten Prozesses Ideen einbringen und erhielt Rückmeldung, und auch der Kontakt zu den anderen Autoren – da wir ja noch eine überschaubare Gruppe sind – ist nach wie vor vorhanden und gut. Die Chefin hat sogar als Goodie zu meinem Buch kleine Tentakel zum Anheften genäht, sind die nicht herzallerliebst?

Tentakel an der Tasche, © Diandra Linnemann, 2018

Allerdings muss man sich, wenn man bei einem Kleinverlag veröffentlicht, auch darüber im Klaren sein, dass es kein gigantisches Marketingbudget gibt, und Bestseller sind eher unwahrscheinlich. Viele Ideen scheitern aus Geld- und Zeitmangel, und es ist definitiv von Vorteil, wenn man selbst aktiv wirbt und sich um Dinge wie Lesungen etc. bemüht. (Ich vermute, das wäre für Anfängerautoren auch bei etablierten Verlagen nicht groß anders.)

Bei meinen Kurzgeschichten hatte ich über die Jahre auch die eine oder andere negative Erfahrung mit Kleinverlagen. In einem Fall erfuhr ich erst durch eine andere betroffene Autorin, dass eine Geschichte, die ich eingereicht und für die ich nie Rückmeldung erhalten hatte, tatsächlich in einer Anthologie veröffentlicht worden war. Ohne Vertrag, ohne Benachrichtigung, ohne irgendwas. Inzwischen hatte ich genau diese Geschichte als unveröffentlicht woanders angeboten und sie war auch genommen worden – glücklicherweise hatte dieser zweite Kleinverlag keine Probleme damit, so dass mir eine Menge Scherereien erspart blieben. Auf meine Rückfrage per E-Mail an den ersten Verlag, wie so etwas passieren konnte, erhielt ich nur eine patzige Antwort: Wenn man seine Geschichte einsende, erteile man automatisch die Einwilligung zur Veröffentlichung. Wahrscheinlich hätte ich dagegen vorgehen können, aber: Verschüttete Milch und so. Ich habe es als Erfahrung abgehakt und werde mit diesem Verlag einfach nicht mehr zusammenarbeiten. Professionalität ist eben nicht automatisch vorhanden, nur weil jemand gerne Bücher machen möchte. Das gilt für Verleger genauso wie für Autoren.

Apropos Professionalität

– in einem Kleinverlag hat man natürlich nur begrenztes Mitspracherecht bei der Auswahl von Lektorin, Korrektorin oder Coverdesignerin. Man muss darauf vertrauen, dass der Verlag trotz begrenztem Budget mit professionellen Leuten zusammenarbeitet. Bislang war meine Erfahrung dabei allerdings durchaus positiv.

Im Selfpublishing reizt mich vor allem die Möglichkeit, sehr spontan zu sein und alles allein entscheiden zu können. Wenn ich Lust habe, drei Bücher in einem Jahr zu veröffentlichen, hindert niemand mich daran – kein Verlagsprogramm mit begrenzten Plätzen, kein Stau bei der Lektorin, nicht einmal der gesunde Menschenverstand. Ich bestimmt die Titel selbst, suche die Cover aus und kann sämtliche Termine so legen, wie ich will.

Andererseits hält mich auch niemand davon ab, etwas Dummes zu tun.

Vor einigen Jahren hatte ich im November plötzlich eine Idee für eine Fantasygeschichte, die perfekt in die Weihnachtszeit passte. Ich schrieb sie wie im Fieber, polierte ein wenig und veröffentlichte sie nur wenige Wochen später. Und genau so sieht sie auch aus. Seit einer Ewigkeit dümpelt die Überarbeitung und Professionalisierung von Lilienschwester auf meiner To-do-Liste herum, denn die Geschichte ist nach wie vor gut … nur die Ausführung war stümperhaft. Wenigstens kann ich im Selfpublishing jederzeit hingehen und Verbesserungen vornehmen, wenn mir etwas auffällt. Der Schaden, den eine vorschnelle Veröffentlichung für meinen Ruf anrichtet, den kriege ich so leicht auch nicht wieder weg.

Und was mache ich mit zukünftigen Büchern? Tja, gute Frage … eine weitere Zusammenarbeit mit dem Chaospony kann ich mir gut vorstellen, falls sie weitere Bücher von mir haben wollen. Auch andere Klein- (und hoffentlich irgendwann Groß-) Verlage sind Möglichkeiten. Aber das Selfpublishing stärkt mir den Rücken – wenn mir die Konditionen nicht zusagen oder niemand mein Manuskript will, obwohl ich davon überzeugt bin, kann niemand mich davon abhalten, die Zügel wieder selbst in die Hand zu nehmen.

**Autorin des Beitrags ist Diandra Linnemann

Vom Buch zur Buchverfilmung (Felicity Green)

Wer hat es noch nicht erlebt?

Man ist ganz in ein Buch versunken und die Handlung läuft im Kopf ab wie ein Film. Man kann sich alles so richtig bildlich vorstellen, hat eine komplette 3-D-Version der Protagonistin erfunden, fantasiert Orte und Geschehnisse bis ins kleinste Detail herbei. Man hat schwarze Tinte auf Papier (oder e-ink auf dem Bildschirm), Buchstaben, Wörter, Sätze … Kraft seiner Gedanken in Bilder umgewandelt. Kopfkino, eben.

Da liegt doch nichts näher, dass man das Buch tatsächlich zu einem Film adaptiert. Es wäre doch ein Traum, das Ganze gemütlich in einem Kinosessel fläzend auf der riesigen Leinwand zu sehen, während man leckeres Popcorn in sich hineinschaufelt, oder?

Vom Kopfkino-Traum zur bitteren Enttäuschung

Welches Buch eignet sich überhaupt zum Film? (Photo by Chris Bair on Unsplash)

Tja, für die meisten Kopfkino-ler wird der Traum aber oft zum Alptraum. Das liegt nicht allein daran, dass der Regisseur leider nicht in unseren Kopf gucken konnte, um die Geschichte genauso bildlich umzusetzen wie wir uns das vorgestellt haben. Selbst wenn wir selber die Regie bei der Verfilmung geführt hätten, wären wir an der perfekten Umsetzung wahrscheinlich größtenteils gescheitert (ja, auch wenn wir ein so großes Budget wie Peter Jackson gehabt hätten).

Es liegt unter anderem daran, dass Buch und Film unterschiedliche Medien sind, die mit anderen dramaturgischen Voraussetzungen arbeiten. Im Film ist das Tempo ganz anders (das Buch können wir so lange lesen wie wir wollen und entsprechend lang dauert auch unser Kopfkino-Film) und im Buch gibt es ganz andere Möglichkeiten, das innere Leben der Figuren darzustellen als im Film.

Das sind nur ein paar Beispiele. Zusammengefasst kann man sagen, dass der Film eine Art Übersetzung des Buches in ein anderes Medium ist und das gelingt mal mehr, mal weniger gut, selbst wenn das Buch perfekt dafür erscheint. Ich** kann zum Beispiel daran erinnern, dass ich beim Lesen von Sakrileg – Der DaVinci Code von Dan Brown gedacht habe: „Ein literarisches Meisterwerk ist das nicht, aber, Mann, wäre das ein guter Film. Die Cliffhanger. Die Action, diese Quest-Erzählung. Und dazu noch Mythologie! Ich will das sehen.“

Als der Film endlich ins Kino kam, bin ich nach 10 Minuten entrüstet aufgestanden und bin gegangen. Der Ton, die Atmosphäre, die Darsteller, das Tempo … nichts hat für mich gepasst. Den Rest des Films habe ich bis heute noch nicht gesehen.

Ein Film ist ein Gemeinschaftsprojekt

Folgendes sollte man sich ins Bewusstsein rufen, wenn man Bücher mit Filmen vergleicht: Das Buch ist eine Eigenleistung des Autors. Klar, es gibt den Verlag, Lektoren, Beta-Leser und andere Leute, die zu dem Werk etwas zu sagen haben und die Entstehung beeinflussen. Aber im Großen und Ganzen ist es meist die kreative Schöpfung einer Person. Der Film aber ist eine Gemeinschaftsleistung. Viele, viele Menschen arbeiten daran. Natürlich wird dabei die Vision des Regisseurs umgesetzt – und der hat oft auch am Ende das letzte Sagen.

Doch das muss nicht heißen, dass das Endresultat komplett dieser Vision entspricht. Nicht umsonst gibt es den Director’s Cut. Der unterscheidet sich von der kommerziellen Version des Filmes dadurch, dass darin auch Szenen enthalten sind, gegen die sich der Geldgeber (Filmstudio, Produktionsfirma) entschieden hat, um dem Geschmack der Kinogänger (oder erst mal dem Testpublikum) gerecht zu werden. Der Regisseur ist im Grunde genommen so etwas wie der künstlerische Leiter eines riesigen kreativen Teams.

Ausnahmen bestätigen natürlich wie immer die Regel. Richard Kelly, zum Beispiel, lag sein Donnie Darko-Script so sehr am Herzen, dass er sich auf keine Kompromisse einlassen wollte. Der bis dato unbekannte Kelly shoppte so lange bei Produzenten herum, bis ihm zugesagt wurde, selber Regie führen zu können. Schließlich setze er den Film mit einem sehr geringen Budget um, wobei er selber lediglich eine Gage von 9000 USD erhielt. Beinahe fand sich kein Verleih für den Film. (Quelle: IMDB)

Was muss eigentlich passieren, damit aus einem Buch eine Buchverfilmung wird? Und wer ist daran alles beteiligt?

Kein Alleingang: Ein Film ist ein Gemeinschaftsprojekt (Photo by lan deng on Unsplash)

Produzent und Filmstudio: Wenn am Anfang eines Buches ein kreativer Einfall steht, dann steht am Anfang der Buchverfilmung neben der Umsetzungsvision noch eins: Geld! Klar, denn ein Film ist nun einmal unheimlich teuer. Es muss erst einmal jemanden geben, der sich um die Investition kümmert. Besonders in Europa sind sogenannte Koproduktionen weit verbreitet, d.h. mehrere Filmproduktionsgesellschaften arbeiten zusammen. Der Produzent mit der größten Mehrheit darf natürlich dann am meisten entscheiden!

Traditionellerweise ist der Weg für Verlagsautoren wie folgt: Dein Literaturagent versucht das Buch bei einem Verlag unter Dach und Fach zu bringen, aber er kümmert sich auch noch um etwas anderes: Er fragt bei einer Agentur, die sich auf Film- und Fernsehrechte spezialisiert an, ob Interesse besteht. Genauso gut kann es sein, dass der Verlag versucht, die Filmrechte für ein Buch zu verkaufen. In jedem Fall ist dabei meist eine Rechteagentur involviert, die den richtigen Produzenten für den Filmstoff sucht. Gewünscht sind natürlich auch gute Verbindungen zu einem bestimmten Filmstudio oder Sender. Schließlich kauft der Produzent erst einmal eine Option auf das Buch. Damit kann er sich die Film-Verwertungsrechte für einen bestimmten Zeitraum sichern.

Für Selfpublisher ist das alles nicht ganz so einfach. Aber auch da gibt es Möglichkeiten. Der englischsprachige Verband ALLI (Alliance of Independent Authors) hat ein Buch für Indie-Autoren herausgegeben, die ihre Buchrechte verkaufen möchten. Dann gibt es noch PubMatch – eine Art Partnerbörse für internationale Rechte, auf der sich angeblich auch Filmproduzenten tummeln.

Wenn ein Produzent gefunden wurde, dann kümmert der sich erst einmal um die Finanzierung und  Organisatorisches. Ein Regisseur und alle weiteren Beteiligten müssen gefunden werden. Zum Beispiel:

Drehbuchautor:

Wird ein Buch adaptiert, ist der Drehbuchautor meist nicht der Buchautor! Ein Script ist schließlich etwas Anderes als ein Roman. Da setzen Produktionsfirmen auf erfahrene Profis. Manchmal dürfen die Romanautoren mitsprechen oder gar mitwerkeln, was aber noch zu mehr Unzufriedenheit führen kann. Wie im Fall von Roald Dahl, der am Drehbuch von Charlie und die Schokoladenfabrik mitwirkte, aber trotzdem nicht glücklich mit dem Film war. Ganz selten darf der Autor das Drehbuch schreiben, wie im Falle von Gillian Flynn (Gone Girl).

Locationscouts:

Die Drehorte werden von Locationscouts gefunden. Selbst wenn der Regisseur dann am Ende noch Entscheidungsgewalt hat – die Scouts treffen eine Vorauswahl. Ein gutes Beispiel dafür, wie beim Film mehrere Visionen zusammentreffen. Eine andere ist:

Casting:

Oft hat unsere Enttäuschung über eine Buchverfilmung damit zu tun, dass die Protagonistin oder der Protagonist mal so gar nicht unserer Vorstellung entsprechen. Beim Lesen des Buches haben wir mitgelitten, uns mitgefreut. Wir sahen die Figur von außen und von innen. Wir haben uns in sie hineinversetzt, ja, wir waren die Person! Kein Wunder, dass die Castingdirektoren meist nicht die Schauspieler finden, die wir uns vorgestellt haben. Oft ist sogar der Autor der Filmvorlage enttäuscht. Auf Pinterest kann man nachschauen, wie sich Lieblingsautoren ihre Protagonisten vorstellen, wie hier Sarah J. Maas, und manche pinnen dabei auch ihr „Dream-Cast“. Stephenie Meyers hatte sich laut IMDB konkret gewünscht, dass Henry Cavell die Rolle von Edward in Twilight übernimmt, und Emily Browning Bella spielt.

Nach jahrelangem Warten und Bangen endlich grünes Licht für den Film

Vor allem eines ist nöitg: viel Geduld (Photo by Charles Deluvio 🇵🇭🇨🇦 on Unsplash)

Und das sind alles lediglich Aspekte der Vorproduktion. Wenn all das unter Dach und Fach ist, alle Verträge ausgearbeitet sind und die Finanzierung steht, dann wird grünes Licht für die Dreharbeiten gegeben. Bis dahin hängt die tatsächliche Umsetzung noch in der Schwebe, weshalb gut 3 bis 5 Jahre vergehen können, bis eine Buchadaption umgesetzt wird – und weshalb man sich als Autor nicht zu früh freuen soll, nur weil ein Produzent eine Option erwirbt.

Während der Dreharbeiten gibt es natürlich noch viele weitere Visionen, die in die Umsetzung hineinspielen, angefangen von den Szenebildern bis zu den Kostümen. Einen entscheidenden Einfluss hat auch noch der Schnitt in der Postproduktion.

Ich bewundere Autoren, die es schaffen, sich an einer Adaption ihres Romans zu beteiligen und dann ein Film entsteht, der ihrer Vision und damit ihrem Buch sehr nahe kommt. Das ist doch ein Traum aller Autoren, oder nicht? Wenn ich die Chance bekäme, würde ich nicht zögern. (Liebe Filmproduzenten, ihr könnt mich unter felicitygreenauthor@hotmail.com erreichen).

Noch mehr bewundere ich die Autoren, die völlig zufrieden damit sind, wenn ihr „Buchstoff“ in einen etwas anderen „Filmstoff“ übersetzt wird. Ich bin ein großer Fan der Sookie Stackhouse-Reihe von Charlaine Harris. Ich schaue auch gerne die Serie True Blood, die auf der Buchreihe beruht. Buch und Serie unterscheiden sich sehr, haben fast schon eine unterschiedliche Tonalität, aber beide sind auf ihre eigene Weise sehr gut. Charlaine Harris findet das anscheinend auch 🙂 „Ja, ich bin sehr glücklich mit Alan Balls Inszenierung von True Blood.“

 

**Autorin des Beitrags ist Felicity Green

Autoren Urlaub

Reihe: Was ist das eigentlich – Selbstlektorat? Kann man das essen? Teil 2 – Nutze die Fähigkeiten deiner Testleser bestmöglich

Deine Testleser haben Stärken und Schwächen. Wie jeder andere Mensch auch.

Hast du ihnen bisher dein Manuskript in die Hand gedrückt und viel Spaß damit gewünscht? Hast du zusätzlich tausend Fragen versendet? Eine Ankreuzliste mitgegeben?

Wie auch immer. Ich zeige dir heute, wie ich gelernt habe, das bestmögliche aus ihnen herauszuholen und für mich zu nutzen.

Ich habe all das versucht und mit schlotternden Knien die Antwort erwartet. Dann wunderte ich mich, warum sie so kurz ausfielen oder weshalb sie gar nicht das enthielten, was mir wichtig war. Außerdem habe ich mich gefragt, warum alle Testleser*innen mir teilweise völlig unterschiedliche Meinungen mitteilen.

Ich habe mir die Haare gerauft und bin in ungeformter Kritik ertrunken. Glückwunsch, Siiri.

Mach es besser!

Das ist meine Erklärung zu dem Dilemma: Jeder liest anders. Unterschiedliche Testleser haben unterschiedliche Fähigkeiten. Diese können angeboren oder erarbeitet sein, zumeist werden sie von den Leser*innen gerne genutzt. Finde diese Fähigkeiten!

Mein Mann (IT-Administrator) hat mir eines Tages einen Tipp gegeben, den ich niemals vergessen werde: Teile und herrsche.

Okay.

Ich sah ihn naserümpfend an. Seine IT-Augen glänzten und er erzählte. Es dauerte einen Moment, bis ich die Idee greifen und sie auf das Selbstlektorat und meine Testleser*innen anwenden konnte.

Es ist so simpel!

Ich stelle dir im Folgenden vor, wie du dieses Prinzip auf deine Testleser UND das Lektorat anwendest. Du bringst damit Struktur, Übersicht und Professionalität in deine Arbeit.

Reden wir zuerst über die Testleser:

Gib deinen Testlesern einen kurzen Ausschnitt, nicht den gelungensten. Ich weiß, du willst Eindruck schinden, gut dastehen und so. Aber seien wir doch mal ehrlich.

Was bringt es dir, deinen besten Text abzugeben und dafür ein paar lasche Korrekturvorschläge zu bekommen?

Du wirst nicht auf deine tatsächlichen Schwächen hingewiesen. Du wirst nicht so sehr daran wachsen, wie es möglich gewesen wäre. Also gib deinen Testlesern einen mittelguten Text.

„Was? Wieso jetzt mittelgut? Ich will doch viel Feedback! Ich gebe ihnen einen Rohtext.“ So könnte dein Einwand lauten.

Nimm einen Text, den du bereits bearbeitet hast. Du willst doch keinen Schund abgeben!? Damit könntest du deine Leser*innen vergraulen.

Nimm deine Testleser ernst!

Deine Testleser sind wertvolle Perlen, die ihre Zeit damit verbringen, dir Feedback zu geben. Sie möchten, dass du dich entwickelst, an ihrer Kritik wächst. Deshalb investieren sie ihre Zeit, ihre Geduld und ihre Fähigkeiten.

Nimm einen Text, bei dem du Potential siehst. Sei mutig!

Nimm die goldene Mitte.

Reden wir über die Stärken und Schwächen deiner Testleser*innen. Wir erinnern uns: Sie lesen unterschiedlich.

Was macht dein*e Testleser*in mit deinem Textschnipsel vom Anfang selbstständig? Ohne Liste, ohne Anleitung, ohne alles. Oder er*sie macht alles, nur nicht das, was du wolltest?! Was ist es?

Wirst du um mehr Beschreibung gebeten? = visuelle*r Leser*in

Findet er*sie Plotfehler-/löcher? Bemängelt er*sie dein*e Charaktere? = logisch veranlagt

Werden deine Formulierungen umgestellt/kritisiert? = sprachlich begabt

Hier kommen die ersten beiden Phasen des Lektorats ins Spiel.

Du hast einen Roman/Text verfasst. Im ersten Durchgang sind da womöglich ein Haufen Plotlöcher, Charakterfehler, nicht spannende Spannungsbögen und vor allem eine furchtbare Sprache (wenn du alles in einem Rutsch runter schreibst, wie ich). Wenn nicht, besteht diese Möglichkeit trotzdem. Willkommen in der Realität.

Natürlich setzt du dich fleißig daran, alles aufzufüllen, zu glätten, umzuschreiben und schön zu machen. Sehr gut!

Mach das so lange, bis du denkst, du kannst nichts mehr finden. Beachte jedoch, dass du dich damit beim ersten Buch auch gut und gerne mal ein paar Jahre im Kreis drehen kannst. Das kann daran liegen, dass du die Formulierungen stets verbessern und vor allem perfektionieren willst.

Das ist die falsche Herangehensweise!

Denke nicht, dass du alle Fehler ausmerzen musst, um deinen Text abgeben zu können. Wenn du das Groblektorat abgeschlossen hast und alle Unstimmigkeiten beseitigt sind, ist es Zeit für ein Feedback.

Tipp am Rande: Manchmal stecke ich als Autorin in einem Loch. Ich schwimme gegen einen endlosen Strom an, der mich stets zurück an die Klippen spült. Auch hier könnte ein Feedback hilfreich sein. Es gibt aber auch andere Gründe.

Manchmal habe ich den Überblick verloren, eine Schreibblockade oder brauche schlicht Entspannung. Manchmal langt es aber auch, einem lieben Menschen ein Kapitel zu geben, um mal wieder zu hören, dass ich das gut mache.

So nutzt du die Fähigkeiten deiner Testleser*innen, die visuell lesen und/oder logisch denken. Sie helfen dir, den Roman in eine Form zu bringen.

Visuell Lesende und logisch Denkende sind perfekt für das Groblektorat geeignet. Sie spüren all das auf, was zuerst in einem Manuskript verbessert werden muss.

Durch eine Aufteilung des Lektorats verhinderst du ständiges neu schreiben gepaart mit zeitraubenden Neuformulierungen.

Gemeinsam mit deinen Testleser*innen kannst du folgende Liste abarbeiten. Haltet euch dabei NICHT mit Formulierungen auf! Es kann sein, dass du deine wunderschönen Formulierungen killen musst. Ja. Kill your Darlings! *aaargh* Moment … Ich spüre den Schmerz …

Weiter im Text

Das könnte deine private To-Do-Liste des Groblektorats sein

– die Figuren sind dreidimensional, überzeugend und glaubhaft

– Leser können sich mit der Hauptfigur identifizieren/können eine Verbindung zu ihm*ihr aufbauen

– die Figuren entwickeln sich

– Spannungsbögen genutzt und ausgebaut

– Genre gewissenhaft gewählt und ersichtlich (kein Genre-Matsch!)

– roter Faden ersichtlich

– Handlung glaubwürdig

– Szenen bauen sinnvoll aufeinander auf

– Perspektive bestmöglich gewählt und korrekt umgesetzt

Dann hast du ein gutes Groblektorat hinter dich gebracht und kannst getrost zum Feinlektorat übergehen.

Wenn du dich während dem Schreiben stets allem widmest, wirst du nie vom Fleck kommen. Du handelst dir mehr Blockaden ein, deine Schreibpausen werden größer und deine Lust auf dein Manuskript wird stets kleiner.

Achte auf die Phasen des Lektorats! Diese bauen strukturell sinnvoll aufeinander auf. Damit machst du nicht zu viel und nicht zu wenig.

Nutze für das „optimale“ Lektorat die Stärken deiner Testleser und drücke ihnen nichts auf, was sie nicht können. Sie werden sich bei dir wohl fühlen, wenn du ihre natürlichen Möglichkeiten schätzt. Lass sie ihre Fähigkeiten ausleben. Und vergiss nie, dich dafür zu bedanken. Zum Beispiel mit einem Blumenstrauß. Oder einer Schachtel Pralinen.

Oder mit etwas völlig Klischeefreiem. 😉

Am 24.09.2018 geht es auf meiner Webseite – https://siirisaunders.wordpress.com/ – mit der Reihe „Selbstlektorat“ weiter. Ich erkläre euch die einzelnen Phasen des Lektorats.

Zusammenfassung

  • Teile und herrsche! Sortiere deine Arbeit in Phasen. Du verhinderst das Drehen im Kreis, arbeitest produktiver und erzeugst höhere Qualität.
  • Nutze das Potential deiner Testleser. Unterteile sie in drei Kategorien: visuell, logisch, sprachlich und gehe mit „Visuell/Logisch“ an das Groblektorat und mit „Sprachlich“ an das Feinlektorat und Korrektorat.

 

Ich danke dir für den Aufruf. <3

*Autorin des Beitrag ist Siiri Saunders

P.S. Kennst du noch andere Stärken, die uns helfen, unsere Testleser „einzusortieren“? Schreib sie gerne in die Kommentare.

 

Autoren Urlaub

Reihe: Was ist das eigentlich – Selbstlektorat? Kann man das essen? Teil 1 – Testleser finden und behalten

Nein, ist die erste klare Antwort. Leider nicht.

Willkommen zu meiner Reihe „Selbstlektorat“. Man kann es nicht essen, dafür aber wunderbar erklären. Ob es mir geglückt ist oder nicht, darfst du gerne in die Kommentare schreiben. Dies ist der erste von zwei Teilen, die auf der Webseite des Nornennetzes erscheinen.

Testleser – Groblektorat, Feinlektorat, Korrektur, Tipps und Tricks – darum geht´s in dieser Blog-Reihe und wie du es schaffen kannst, die verschiedenen Phasen eines Lektorats umzusetzen. Egal, ob du Selfpublisher bist oder dich für Agenturen und Verlage bewerben möchtest. Ein Lektorat ist für jeden Text unerlässlich! Denn …

Du kannst es nicht alleine schaffen. Wenn du dein Manuskript mehrfach durchgearbeitet hast, wirst du Testleser brauchen. Gute Testleser.

Wie findet man gute Testleser? Wenn du deinen ersten Roman geschrieben hast, vielleicht sogar den ersten Text, wirst du dich nicht zu einer Testleserunde auf einer öffentlichen Leseplattform anmelden. Völlig verständlich und mein klarer Ratschlag!

Das geht schief.

Du hast Familie und Freunde. Beschränken wir uns auf diese. Menschen, die dich und deine Weltsicht kennen, sie womöglich mögen und dir erste gute Ratschläge geben können.

Innerhalb deiner Familie und deines Freundeskreises kannst du lernen, kritikfähiger zu werden, von dir abweichende Meinungen zu akzeptieren oder auch, wie du einen Ratschlag galant ausschlagen kannst. Übrigens, das musst du nicht einmal. Bedanke dich und setze die Ideen um, die dein Manuskript stärken.

Falls jemand daneben gegriffen hat, der Tipp dein Manuskript also verschlechtern würde – poltere nicht drauflos. Gib dir Zeit, darüber nachzudenken.

Wie ist deine Beziehung zu der Person? Angespannt? Kritisch?

Das wird dich wehrhafter machen.

*Übertreibung* Glaubst du der Person jedes Wort? Dann musst du überdenken, ob der Rat deiner Geschichte hilft oder ob du Streit vermeiden möchtest.

Was deiner Geschichte hilft und was nicht, erfährst du im Teil „Selbstlektorat“, die am 24.09.2018 auf meiner Homepage erscheint.

Manche Autor*innen werden dir von Freunden und Familie abraten und dich an Plattformen, entfernte Bekannte oder gar ein Lektorat empfehlen.

Persönlich habe ich – als Anfänger – gute Erfahrungen damit gemacht, Kritikluft innerhalb der Familie und Bekanntschaft zu schnuppern. Ich war unerfahren und brannte für meinen Protagonisten. Hätte mich jemand hart oder gar boshaft kritisiert, wäre ich stumm umgefallen.

Mein Text war mein Baby. Filín war perfekt und die Welt in meinem Kopf vollkommen. Genau – in meinem Kopf.

Das ist der Punkt, an dem Kritiker ansetzen könnten – und natürlich auch dürfen. Immer her mit euren Erfahrungen und Meinungen. Natürlich habe ich bemerkt, dass meine Familie und Bekannte behutsamer mit mir umgegangen sind.

Sie haben mir nicht nach dem Mund geredet oder rosa Herzchen in mein Manuskript gemalt. Die Kritik hätte dennoch ausgedehnter sein können. Also bat ich sie in einer weiteren Testleserunde um konstruktive, schonungslose und ehrliche Kritik.

Ich konfrontierte sie mit meinem Gedanken, dass ich das benötigte und nur das mich weiterbringen konnte. Auf manche Leser*innen musste ich einreden. Ich spürte ihre abwehrende Haltung, meinen Text genau unter die Lupe zu nehmen und mir alles zu sagen, was ihnen auffiel. Das Gespräch half.

Im Nachhinein weiß ich, dass ich ihnen den Maulkorb des Anstands abgenommen habe. Sie trauten sich mehr.

Niemand von ihnen war professioneller Schreiberling oder hatte ein abgeschlossenes Studium in Germanistik. Sie alle einte eines – sie liebten das Lesen. Sie wussten, was sie wollten. Und das sollten sie mir gefälligst schonungslos beibringen.

Die Kritiken konnte ich wunderbar nutzen. Ich habe geweint, geflucht, mich gewehrt, mit ihnen diskutiert und mich beruhigt. Alleine.

Alleine! Das ist der springende Punkt. Ich war bei alldem in meinem stillen Kämmerlein. Ich habe sie nicht mit meiner Meinung behelligt oder gar angefangen, mit den Testleser*innen zu diskutieren. Erlaubt waren Nachfragen meinerseits: Wie war das gemeint? Soll ich das so oder so versuchen? Ich stelle mir das so vor …

Aber erst, wenn ich mich beruhigt hatte!

Wenn du mit deinen Testlesern diskutierst, wirst du sie verprellen. Wenn du dich rechtfertigst, nach dem Motto: „Ja, aber das steht doch da“, wirkst du unprofessionell.

Mag sein, dass du etwas dahin geschrieben hast. Wenn deine Leser es nicht verstehen, bist du in der Pflicht, deine eigenen Worte kritisch unter die Lupe zu nehmen und ggf. zu verbessern.

Das tut weh, es ist furchtbar und dennoch wichtig. Viel wichtiger als dein Ego. Deshalb: Frage nicht in der heißen Phase nach, verhandle nicht. Nimm dir Zeit, die Kritik zu verdauen. Schau erneut darauf. Bitte jemanden um Unterstützung, wenn du unsicher bist. Aber diskutiere niemals mit deinen unbescholtenen Testlesern!

Du hast sie dafür engagiert, dich zu kritisieren.

Wenn deine Testleser über etwas stolpern, werden deine Leser es ebenfalls tun. Desto mehr sie stolpern, desto eher werden zahlende Leser*innen das Buch weglegen – und sei dir gewiss! Diese Leser*innen kaufen kein neues Buch von dir.

Aus diesem Grund respektiere die Meinung deiner Testleser. Werde kritikfähig und lerne aus deinen Fehlern.

Zusammenfassung

  • Für einen gelungenen Text braucht jeder einige Helfer. Ein Text profitiert von verschiedenen Sichtweisen.
  • Ich habe meine ersten Erfahrungen mit Familie und Freunden gemacht. Ich war nicht bereit, mich an ein (strenges) Lektorat oder Fremde zu wenden. Das ist für dich nur ein Gedankenanstoß.
  • Überdenke, wie du Kritik verarbeitest. Nimmst du sie persönlich? Hast du die kritisierende Person dabei im Hinterkopf? Hörst sie womöglich schimpfen? Das ist kein guter Punkt zur Zusammenarbeit.
  • Fordere schonungslose Kritik ein, sobald du dich dazu bereit fühlst! Das ist unerlässlich. Du wirst in diesem Job sehr oft mit Kritik konfrontiert.
  • Beruhige dich, bevor du über Kritik sprichst.
  • Diskutiere nicht mit deinen Testleser*innen und rechtfertige dich nicht! Freundliches Nachfragen wird sicher gerne gesehen.

Am 17.09.2018 geht es auf der Webseite des Nornennetzes mit den Stärken und Schwächen der Testleser weiter.

Ich danke dir für den Aufruf. <3

*Autorin des Beitrag ist Siiri Saunders

Autoren Urlaub

Worin unterscheiden sich Thriller, Krimi und Horror?

Obwohl sich keine klare Grenze ziehen lässt, so ist es dennoch unerlässlich für den Schriftsteller so genau wie möglich bestimmen zu können, in welcher Kategorie oder auch welchem Bücherregal er in der Buchhandlung sein Buch vorfinden will. Denn der Leser bleibt oftmals seinem Lieblingsgenre treu und sucht gezielt nach Büchern, die seinem Geschmack entsprechen. Das kann gerade für einen Selfpublisher zu einer Stolperfalle werden, denn sollte er sein Buch der falschen Kategorie zuordnen, kann dies beim Leser folglich zur Enttäuschung führen, da seine Erwartungen an das Genre nicht erfüllt wurden. Umso wichtiger, wenn man die weitmaschigen Grenzen zwischen den Genres kennt. Und so kommen wir zum heutigen Thema. Wodurch unterscheiden sich die Literaturen von Krimi, Thriller und Horror zueinander?

(Foto: Patrizia K. Werner)

Kriminalromane

In Kriminalromanen (auch Krimis genannt) liegt der Schwerpunkt ganz klar in der Aufklärung eines Verbrechens, bei dem die Hauptfiguren den Leser durch ein Rätsel mitziehen.

Während früher Privatdetektive wie Sherlock Holmes von Conan A. Doyle oder Hercule Poirot von Agatha Christie in der Welt der Kriminalromane regierten, finden die Morde in der modernen kriminalistischen Literatur jedoch nicht mehr nur in der gehobenen Gesellschaft statt, werden dann aus der alleinigen Sicht des Detektivs gelöst und die Motive lauten zum Schluss nicht mehr nur Habgier. Heute lernt der Leser auch die Sicht des Täters kennen, dessen Beweggründe oft kompliziert und tiefgreifend sein können. Zudem kann die Aufklärung auch durch Polizisten, Kriminaltechniker, Gerichtsmediziner oder sogar einer Privatperson stattfinden.

Anzumerken sei hier noch, dass ein kriminalistischer Inhalt auch nur Bestandteil einer Geschichte sein kann, ohne das Genre zu bestimmen. Das lässt sich oft in Thrillern finden.

Thriller

Der Kern ist hier den sog. thrill (z. Dt. Nervenkitzel) beim Leser auszulösen und diesen auch über die gesamte Länge des Romans zu halten, wobei ein Wechselspiel aus Bedrohung und Erleichterung stattfindet.

Die Grenze zu Kriminalromanen ist hier sehr dünn. Aber grob lässt sich sagen, dass hier noch kein Verbrechen stattgefunden haben muss, jedoch eines herannaht oder die Situation zumindest zu verschlimmern droht. Darüber hinaus steht in Kriminalromanen der Fall im Mittelpunkt, dessen Lösung den Höhepunkt bestimmt, während in Thrillern die Hauptfiguren den Schwerpunkt setzen, die sich oftmals gegen psychische oder auch körperlich zugefügte Gewalt verteidigen müssen, bis sie im Finale aus dem Kampf siegreich hervorgehen.

Hier lässt sich das Genre zudem nochmals in Psychothriller, bei dem ein von Gefühlen oder auch auf psychischer Ebene konfliktbeladenes Verhältnis zwischen den Figuren die Handlung bestimmt, und Politthriller unterscheiden, der kriminelle Handlungen, terroristische Attentate oder auch Verschwörungen behandelt.

Horror

Während in Thrillern und Kriminalromanen die Hauptfiguren irdischen Gegner begegnen, ist es in der Horrorliteratur genau umgekehrt. Hier werden die Protagonisten meist von übernatürlichen und unerklärbaren Phänomenen, wie rastlosen Gespenstern, blutrünstigen Vampiren oder auch gehirnaussaugenden Zombies, bedroht. Aber auch der Ort selbst kann zur Bedrohung werden, wie im Roman „Shining“ von Stephen King eindrucksvoll dargestellt wurde. Abhängig von der Bedrohung kann der Protagonist dabei dem Wahnsinn oder gar der Besessenheit unterliegen.

Beim Leser sollen sie Angst und Schrecken auslösen, aber auch Abscheu, wie sie meist durch Folter oder Perversion hervorgerufen wird.

Auch hier lässt sich oft keine klar definierte Grenze ziehen, da die Horrorliteratur auch nah verwandt zu Science-Fiction ist, wie Mary Shelleys „Frankenstein“ beweist. Hier spricht man dann auch von einem SciFi-Horror. Zudem lässt sich der Horror als Sammelbezeichung in Schauerromane (engl. Gothic Novel), wie in dem Roman „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ von Robert L. Stevensons, und Gespenstergeschichten, wie „Die Frau in Schwarz“ von Susan Hill, unterteilen. Auch ein Thriller kann in die Kategorie der Horrorliteratur fallen, wobei man dann von einem Horrorthriller spricht.

(Foto: Patrizia K. Werner)

Meine persönliche Meinung zu der kategorischen Eingrenzung lautet, dass alle drei Genres ihre Berechtigung haben unterteilt zu werden. Auch wenn die Grenzen sich oftmals überlappen, sind sie dennoch klar definiert und können dem Autor helfen seine eigenen Bücher richtig zuzuordnen, damit nicht die falsche Zielgruppe angesprochen wird, die dann das Buch enttäuscht zuklappt, weil es nicht ihren Erwartungen entspricht. Dennoch finde ich das es auch seinen Reiz hat Grenzen zu überschreiten. Und wo lassen sie sich so leicht überschreiten wie in einer fiktiven Geschichte. Für den Autor besteht also hier ein unbegrenztes Repertoire an Möglichkeiten den Leser zu überraschen und womöglich auch zu packen. Und genau die Schriftsteller, die diesen Schritt gewagt haben, waren zum Schluss auch diejenigen, die ein neues Genre gesetzt haben.

*Autorin des Beitrags ist Patrizia K. Werner

Stereotype des Bösen (Fotos: Pixabay)

Stereotype der Bösen

Ein Beitrag von Esther Wagner.

Ein brillianter Bösewicht kann eine Geschichte fast alleine tragen. Doch viele Storys geben sich mit stereotypen Gegenspielern zufrieden. Böse Herrscherinnen, gigantische Monster, brutale Schlächter: Es gibt zahlreiche Stereotype, die uns immer wieder begegnen. Weil sie funktionieren. Sie sind erprobt und gelernt.

Stereotype sind nicht unbedingt etwas Schlechtes. Menschen mögen Bekanntes in unendlicher Variation. Deshalb können die Stereotype des Bösen als Basis für spannende, vielschichtige Gegenspieler dienen. Als Autorin kann ich Elemente verschiedener Typen neu kombinieren und Klischees brechen. Und manchmal ist das Geheimnis einfach, einem Bösewicht eine glaubhafte Backstory zu geben. Denn oft ist nicht der stereotype Aufbau der Figur das Problem, sondern ihre Eindimensionalität. Es reicht heute eben nicht (mehr), wenn ein Antagonist einfach nur böse ist. Graustufen sind das neue Schwarz. Eine böse Königin darf eine liebevolle Mutter sein, ein grausamer Kriegsherr unter seiner makellosen Uniform ein posttraumatisches Stresssyndrom verbergen.

Wer Stereotype gekonnt einsetzt, kann daraus spannende, vielschichtige Figuren modellieren.

Hier kommt eine Auswahl an Stereotypen, die sich besonders gerne in den fantastischen Genres herumtreiben.

Machtstreber*innen

Sie sind hungrig nach Macht – und nutzen sie gnadenlos aus.

Der Tyrann
Er kann als König eines mittelalterlichen Reiches auftreten, als Imperator der Galaxis oder als Präsident einer dystopischen Gesellschaft, doch seine grundlegenden Merkmale sind immer gleich: große Macht und Grausamkeit, die sich gegen seine eigenen Untertanen richtet.

Die böse Königin
Sie ist die weibliche Version des Tyrannen, aber sie sieht dabei besser aus. Sie ist schön und sie trägt die besten Outfits. Düster-pompöse Roben, Lederkorsetts und schwarze Rabenfedern machen die böse Königin zum Traum aller Cosplayer.

Der böse Zauberer/ Die böse Hexe
Sie streben nach Macht und setzen dafür skrupellos ihre magischen Kräfte ein. Oft sind sie auf der Suche nach einem Artefakt, das ihre Macht noch vergrößert. Sie verfügen entweder über eine Armee von Sklaven, die sie kontrollieren, oder sie sind Einzelgänger, die alleine oder maximal mit einem Lehrling, im gruseligen Kämmerlein ihre magischen Fäden ziehen.

Der Milliardär, der nach der Weltherrschaft strebt
Er hat alles, aber er will noch viel mehr. Um die Weltherrschaft an sich zu reißen, ist ihm jedes Mittel recht. Das Fatale: Er kann sich so ziemlich jedes Mittel leisten.

Der Pate
Er ist ein König der Unterwelt und kann in vielen Bereichen mit dem Tyrannen mithalten. Er hat Macht, Geld und eine Privatarmee und herrscht mit Terror.

Der Thronräuber
Er strebt nach dem Thron und geht dafür über Leichen – selbst wenn dafür ein Brudermord notwendig ist. Der Thronräuber ist oft ein jüngerer Bruder oder ein naher Verwandter des Kronprinzen – oder der Kronprinz selbst, der nicht mehr länger darauf warten will, dass sein königlicher Vater auf natürlichem Wege den Thron räumt.

Monster und Kreaturen

Wenig Hirn, große Zerstörungskraft

Das Kaijū
Ein gigantisches Monster, das Städte vernichtet und Tausende tötet. Das Wort „Kaijū“ stammt aus dem Japanischen und bedeutet so viel wie „seltsame Bestie“. Godzilla ist ein echtes japanisches Kaiju, aber auch Drachen fallen in diese Kategorie.

Die Monsterarmee
Ihre schiere Masse macht diese Kreaturen so gefährlich. Sie kämpfen hirnlos und brutal, ihr einziges Ziel ist es, zu töten – aus reiner Mordlust, Hunger auf Hirn oder weil sie halt einfach böse sind. Die Monsterarmee kann aus Orks, Dämonen, Aliens oder Zombies bestehen und entweder aus eigenem Antrieb oder auf Befehl eines Machtstreber-Stereotypen handeln.

Frankensteins Monster
Ein Monster wider Willen, geschaffen von einem verrückten Wissenschaftler, einem bösen Zauberer oder von Aliens, die eine Invasion vorbereiten. Es ist das Ergebnis unethischer Experimente und oftmals schlummert noch Menschlichkeit in ihm.

Dämon mit Seele
Ein verflucht gutaussehender Vertreter der dämonischen Völker – gerne Vampir oder Werwolf. Seine Aufgabe ist es, zum Love Interest der unschuldigen, bzw. Dämonen jagenden Protagonistin zu werden und im Laufe der Geschichte seine Menschlichkeit wiederzufinden – natürlich mit maximaler Tragik!

Die Sirene
Ein wunderschönes weibliches Wesen, das Männer verführt und ins Verderben lockt. Oft ist ihre Schönheit nur Fassade und darunter verbirgt sich eine hässliche Dämonin oder ein schleimiges Alien auf der Suche nach einem Paarungspartner.

Die bucklige Verwandschaft

Familie ist etwas Wunderbares

Die böse Stiefmutter
Sie ist der Albtraum jedes Stiefkindes und macht ihm das Leben zur Hölle. Sie behandelt es mit maximaler Verachtung und Grausamkeit, während sie um ihre leiblichen Kinder herumhelikoptert.

Der Familientyrann
Der Tyrann im Kleinformat. Er ist der alleinige Bestimmer aller Familienangelegenheiten, gerne mit einem Hang zu körperlicher Gewalt. Oft  ist er jähzornig, zumindest aber zeigt er keine Empathie für seine Frau und seine Kinder. Die Familienehre ist ihm wichtig, die körperliche und geistige Gesundheit seiner „Lieben“ weniger.

Das Gruselkind
Auf den ersten Blick ist es ein herzallerliebstes Kind, gerne ein Mädchen in einem weißen Kleid, doch in ihm steckt das Böse. Es hat besondere Fähigkeiten, ist von Dämonen besessen oder auf grausame Art zum Geist geworden.

Mordsgesindel

Sie beherrschen die Kunst des Tötens und kennen keine Gnade

Der Auftragskiller
Er tötet für Geld und ist ein Meister seiner Profession. Er arbeitet alleine und im Verborgenen und ist oft intelligent. Manchmal hat er einen Ehrenkodex, aber Skrupel kennt er nicht; die sind reumütigen Auftragskiller-Protagonisten vorbehalten.

Der Meister der Kampfkunst
Er ist ein Meister im Schwertkampf, Kung Fu oder einer anderen Kampfkunst und bislang unbesiegt. Das will er auch unter allen Umständen bleiben. Er kämpft bis zum Tod.

Der sadistische Serienmörder
Er tötet aus Sadismus und Mordlust. Seine Grausamkeit macht ihn zum perfekten Hassobjekt. Der Sadist kann sowohl als einsamer Serienkiller auftreten, als auch als besonders brutaler Soldat. Schlachtet bevorzugt Protagonisten-Familien ab.

Die Söldnertruppe
Auch sie töten für Geld, aber gemeinsam. Oft hat jeder von ihnen eine besondere Fähigkeit. Die Söldnertruppe wird gerne eingesetzt, um den oder die Helden auf den Endkampf mit dem echten Bossgegner vorzubereiten. Tiefgang findet man in der Söldnertruppe selten. Ein eng verwandtes Stereotyp ist die Eliteeinheit, mit dem Unterschied, dass sie einer regulären Armee angehört.

Das verheerende Heer
Eine feindliche Armee, die mordend, plündernd und brandschatzend durch die Lande zieht und noch nie von der Genfer Konvention gehört hat.

Der Kriegsherr
Egal, ob er ein antikes Heer, eine moderne Armee oder eine Raumflotte befehligt: Er hat eine Mission und die führt er unter allen Umständen aus, auch wenn er dabei das halbe Universum vernichtet. Er ist charismatisch und respekteinflößend, ein geborener Anführer. Er erwartet absoluten Gehorsam von seinen Untergebenen und kennt keine Gnade mit jenen, die ihm im Weg stehen. Oft trägt er eine besonders coole Uniform.

Wer solche Freunde hat…

…hat viel Konfliktpotenzial

Der falsche Freund
Er gewinnt das Vertrauen der Heldin, um sie im richtigen Moment zu vernichten – oder auf die dunkle Seite zu ziehen. Eine Variante davon ist der Maulwurf, der besonders bei Helden-Ensembles gerne zum verdeckten Einsatz kommt.

Der Ex-Freund
Er war mal der beste Freund des Protagonisten, doch jetzt ist er sein Erzfeind. Oft steckt eine Frau dahinter, aber auch ein Job, den beide haben wollten oder Differenzen in der Kampfkunst-Ausbildung können zum Bruch geführt haben. Gutes Drama-Material!

Pädagogisch wertlos

Der böse Mentor
Er ist besonders perfide, denn er nutzt die jugendliche Naivität unserer Heldin aus, um sie zu korrumpieren. Gerade beim Erlernen einer Kampfkunst oder der Magie ist Vorsicht geboten! Um die Situation noch brisanter zu machen, ist der Mentor (oder die Mentorin, auch wenn mir da gerade keine einfällt) oft Eltern-Ersatz für die Heldin (Waisenkind-Helden-Trope!). Der finale Kampf verspricht Drama und Spannung!

Der brutale Ausbilder
Wenn Rekruten in einer Geschichte auftauchen, ist der sadistische Drill Sergeant oft nicht weit. Er will das Frischfleisch brechen sehen – physisch und psychisch.

Die fiese Lehrerin
Ob sie nur charakterlich verdorben ist, im Dienste des Bösen steht oder von einem Dämon besessen ist, stellt sich oft erst zum Showdown heraus. Aber sie macht unserer Heldin das Schulleben zur Hölle.

Genie und Wahnsinn

Der irre Wissenschaftler
Genie und Wahnsinn liegen bekanntlich dicht beieinander. Der irre Wissenschaftler setzt sein Wissen nicht zum Wohle der Menschheit ein, sondern zu ihrer Vernichtung. Er ist entweder ein Einzelkämpfer, der aus Forscher-Ehrgeiz davon besessen ist, etwas Gigantisches zu erschaffen („Der Nobelpreis gehört uns, mein Schatz!“) oder er forscht im Dienste eines Herrn – siehe Tyrann oder Weltherrschafts-Milliardär. Oftmals überblickt er die furchtbaren Konsequenzen seiner Forschung nicht. Er lebt in seiner eigenen Welt.

Der Psychopath
Er ist hochintelligent und misanthropisch. Er spielt ein Spiel, in dem die ganze Welt sein Spielfeld ist und die Menschen seine Spielfiguren. Oft hat er sadistische Züge und er empfindet maximales Vergnügen dabei, Kontrolle auszuüben. Er strebt nicht nach einer Machtposition, sondern freut sich daran, im Verborgenen die Fäden zu ziehen und über Leben und Tod zu richten.

Fanatiker und Extremisten

Die folgenden Stereotype sind weitgehend selbsterklärend. Sie alle sind fanatische Anhänger einer Ideologie oder Religion. In ihrem Sinne töten, unterdrücken, verraten und manipulieren sie. Sie sind der Stoff, aus dem die Dystopien sind.

  • Die Faschisten
  • Die Terroristen
  • Die religiösen Eiferer

Allmächtiger!

Der Teufel
Satan, Beelzebub, der Gehörnte. Seit Jahrtausenden ein verlässlicher Bösewicht erster Klasse. Er kann als Verführer auftreten, als Versicherungsvertreter, als gruseliger Höllenherrscher oder als kleines Mädchen mit süßen blonden Locken. Man muss zu ihm nicht viel erklären, denn jeder kennt ihn. Super praktisch!

Das Böse(TM)
Eine (all)mächtige, gottgleiche Macht, so unvorstellbar mächtig und böse, dass sie gar keinen Grund zum Bösesein braucht. Sie will einfach alles vernichten. Weil halt. Kann natürlich trotzdem besiegt werden.

Welche weiteren Stereotype des Bösen kennt ihr?
Und welcher Bösewicht-Typ ist der/die Antagonist*in eurer Geschichte?

 

Autoren Urlaub

Das Gute an Bösewichten

Wenn man über Gewalt in der Phantastik spricht, ist es schwer, ein Thema auszulassen: Die Bösewichte. Denn wer wird mehr mit Gewalt assoziiert als der tyrannische König, der machtgierige Zauberer oder der habsüchtige Halunke? Aber sind sie wirklich immer gewalttätig und so böse, wie es scheint?

Was ist ein Antagonist bzw. ein Bösewicht?

Erst einmal nicht zwangsläufig dasselbe. Während ein Bösewicht jemand ist, der Böses tut, ist der Antagonist der Gegenspieler des Protagonisten, also die Person, die dem Hauptcharakter bei der Erfüllung seiner wie auch immer gearteten Aufgabe im Weg steht. Diese Stellung in der Handlung sagt prinzipiell noch nichts über die moralische Gesinnung der jeweiligen Figur aus, obwohl die meisten Fälle sich durchaus so gestalten, dass der Protagonist das Gute verkörpert und der Antagonist das Böse. Passende Beispiele dafür finden sich in klassischen Grimm-Märchen und sogar deren Disney-Adaptionen. Häufig werden in den Märchen unschuldige Mädchen Opfer der Intrigen von Bösewichten mit niederen Beweggründen, und aufgrund des simplen Aufbaus der Geschichten und des Mangels an Persönlichkeit seitens der Charaktere ist es schier unmöglich, für die Antagonisten Partei zu ergreifen. In diesen Fällen ist der Antagonist mit dem Bösewicht identisch. Würde man aber ein solches Märchen aus der Sicht des Bösewichtes erzählen, würde dieser damit zum Protagonisten und der eigentliche Held zum Antagonisten.

In diesem Artikel wollen wir* uns in erster Linie mit dem Bösewicht an sich beschäftigen, wie auch mit der Frage, was denn eigentlich einen »guten Bösewicht« ausmacht – das heißt, welche Eigenschaften er (oder sie; das Geschlecht spielt hierbei keine Rolle) möglichst haben sollte, um dem Publikum im Gedächtnis zu bleiben.

Böse einmal umgekehrt?

Da wir gerade von Märchen gesprochen haben, werfen wir doch einmal einen Blick auf »Dornröschen«: Im Mittelpunkt stehen das oben beschriebene unschuldige Mädchen, seine königlichen Eltern sowie eine Fee, die nicht zur Geburtstagsfeier der Prinzessin eingeladen wird und darüber so zornig ist, dass sie einen Fluch ausspricht. In Folge dessen unternehmen die Eltern alles in ihrer Macht Stehende, um ihre Tochter zu schützen, denn jene ist das eigentliche Zielobjekt des Fluches, wenn auch nicht sie es war, die die Fee verärgert hat. Somit wird die Rollenverteilung offensichtlich: Eine Fee, die ihren irrationalen Zorn an einem unschuldigen Kind auslässt, kann nichts anderes als böse sein, und die meisten sind sich einig, dass ein vergleichsweise mildes Vergehen wie die versäumte Einladung zu einer Feier kaum einen derartigen Gegenschlag rechtfertigt.

Dennoch ist es ein Grund – vielleicht kein guter, aber der Konsument der Geschichte kann nachvollziehen, warum die Fee verstimmt ist. Warum sie ihre Wut nicht an dem Königspaar auslässt, das sie nicht eingeladen hat, sondern an deren unschuldiger Tochter? Darüber verrät die Urversion des Märchens nichts; es könnte natürlich reine Boshaftigkeit sein, aber die Antwort könnte auch tief in der Vergangenheit des Charakters verborgen liegen. Genau diese gilt es zu erforschen, um die Fee zu einem »guten Bösewicht« zu machen.

(Foto: Stefanie S. / instagram.com/andudraws)

Wie ist der Bösewicht zu dem geworden, was er heute ist? Das ist vermutlich die interessanteste aller Fragen, und eine von Disney produzierte Neuinterpretation von »Dornröschen« geht ihr auf den Grund: In »Maleficent« (2014) wird plötzlich die Fee zur Protagonistin des altbekannten Märchens, der König zum Antagonisten, und die Prinzessin zum Spielball der Intrigen zweier ehemaliger Freunde, die aufgrund eines Ereignisses in ihrer gemeinsamen Vergangenheit bitter verfeindet sind. Auch in dieser Version der Geschichte wird die Fee nicht zur Geburtstagsfeier eingeladen, auch hier bestraft sie den König, indem sie seine Tochter verflucht, und auch hier hätten die beiden ihren Konflikt besser untereinander ausgetragen, als eine Unschuldige hineinzuziehen. Doch durch die Offenbarung von Maleficents Hintergrundgeschichte, ihres tragischen Schicksals wie auch der Rolle, die der König dabei gespielt hat, erscheint sie plötzlich sehr viel sympathischer. Ihre Charakterentwicklung im Laufe der Handlung bringt sie schließlich zu der Erkenntnis, dass ihr Fluch die Falsche getroffen hat, und sie versucht ihn von dem Mädchen zu nehmen, für das sie inzwischen mütterliche Gefühle entwickelt hat.

Ganz anders sieht es mit dem König aus, der für das, was er Maleficent angetan hat, weder Einsicht noch Reue zeigt, sondern sich immer mehr in seinem Vorhaben verbeißt, sie zu töten. Dabei kam auch er nicht als schlechter Mensch zur Welt; seine ehemalige Freundschaft mit Maleficent wie auch seine unermüdlichen Versuche, sein Kind vor ihrem Fluch zu beschützen, appellieren an seine gute Seite, die leider schon in jungen Jahren verunreinigt wurde durch seinen Wunsch, König zu werden. Und kann man es einem Vater wirklich verübeln, mit allen Mitteln zu kämpfen, um seine Familie vor Unheil zu bewahren – unabhängig davon, dass er selbst dieses Unheil heraufbeschworen hat? Wohl kaum.

Glaubwürdig böse – wie das?

Wer ist nun der Bösewicht in »Maleficent«, die Fee oder der König? Im Grunde beide, und genau das macht ihren Streit so interessant. Ein gut geschriebener Konflikt ist stets einer, in dem ein Außenstehender beide Seiten nachvollziehen kann. Aus diesem Grund reicht es nicht, den Bösewicht einfach nur böse sein zu lassen, damit die Geschichte eine Handlung hat. Er braucht Motive, und davon gibt es genügend, wie zum Beispiel:

  • reine Machtgier, die beispielsweise aus einem Minderwertigkeitskomplex heraus entsteht;
  • der Wunsch nach Vergeltung eines bislang ungesühnten Verbrechens;
  • grundsätzlich gute Absichten, die lediglich mit unmoralischen oder radikalen Mitteln durchgesetzt werden sollen.

Die Grundbausteine, aus denen sich die Motivation eines überzeugenden Bösewichtes zusammensetzen können, sind zahlreich und vielfältig. Aus der Sicht des Widersachers ist der Held der Widersacher, und das gilt es glaubhaft zu vermitteln, indem auch dem Bösewicht plausible Gründe für sein Handeln gegeben werden.

Ein weiterer Aspekt, der einen guten Bösewicht ausmacht, ist entsprechendes Charisma. Niemand nimmt einen tumben Tölpel als ernsthafte Bedrohung wahr – was allerdings, wie oben angedeutet, irgendwann einmal dazu führen kann, dass eben jener Tölpel zu einem Bösewicht wird (siehe das Beispiel des Königs in Maleficent).

Einprägsame Bösewichte haben zwei Sachen gemeinsam: Neben einer guten Hintergrundgeschichte, schaffen sie es, andere um den Finger zu wickeln und für ihre Zwecke einzusetzen, sodass erst im Nachhinein klar wird, dass hier eine Manipulation stattgefunden hat.

Diese Herangehensweise wurde schon in der Edda in der Figur des Loki verwendet, der mit seiner Ambiguität für einiges an Chaos in den neun Welten sorgt, aber dadurch auch Wendungen herbeiführt, die so nicht geplant waren (z.B. Baldurs Tod, der diesem letztendlich ermöglichte, als letzter Gott nach Ragnarök auf die Erde zurückzukehren). Dieses Motiv wird auch von in Goethes »Faust« aufgegriffen, wo die Figur Mephistopheles nicht nur an die Loki-Darstellung angelehnt ist, sondern sich selbst auch als »Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft« (Version: Reclam, 1971) bezeichnet.

Ein Bösewicht kann nichts Gutes schaffen?

Doch! Gerade die Wege dieser Bösewichte sind am faszinierendsten zu verfolgen. Jemandem, der einer Gemeinschaft Zusammenhalt bringt und für Sicherheit sorgt, traut man schließlich nicht zu, im Hinterzimmer Menschen zu foltern und Verbrechen zu begehen. Und gerade das macht sie so gefährlich, die Bösewichte, die man nicht auf den ersten Blick erkennt; die wir ja leider auch im echten Leben haben. Ein passendes Beispiel hierfür ist die Figur Oswald Cobblepot, der »Pinguin«, aus der Batman-TV-Serie »Gotham«. Auch wenn der Zuschauer von Anfang an weiß, wie manipulativ und hinterhältig er ist, gelingt es ihm im Verlauf der Serie, den Posten des Bürgermeisters zu erlangen, weil er den Leuten genau das erzählt, was sie hören wollen. Der Slogan »Make Gotham Save Again«, die verwendete Rhetorik und vor allem auch das Aussehen des Charakters sind dabei eine direkte Anspielung auf die zum Zeitpunkt des Drehs und der Erstausstrahlung noch unentschiedene US-Präsidentschaftswahl. Die düstere Vorhersehung, die eigentlich als Satire geplant war, bleibt.

Aus der Literatur und den Nachrichten kennen wir viele Bösewichte, über deren Taten wir nur den Kopf schütteln können, weil sie sich schlicht und einfach mit keinem anderen Wort beschreiben lassen als »böse«. Bei anderen »Bösewichten« sind die Beweggründe offensichtlich »gut«, wie bei radikalen Umweltaktivisten. Sie wollen die Natur und unseren Lebensraum schützen, greifen hierzu allerdings zu Methoden, die wir alle im Normalfall als »böse« einordnen würden – genau das macht es schwierig für uns einzuordnen, ob nun jemand ein böser Antagonist, böser Protagonist oder einfach nur ein Bösewicht ist.

Und die Moral von der Geschicht‘

Gut und Böse wie im Märchen klar voneinander zu trennen, ist unmöglich. Jeder von uns trägt positive und negative Eigenschaften in sich: Mal sind wir eifersüchtig, streiten mit unseren Geschwistern oder wollen einfach nur unsere Meinung durchsetzen. Aber werden wir dadurch auch böse oder gar gewalttätig? Manchmal, doch ganz sicher nicht jedes Mal. Und deswegen ist es unsere Pflicht, als Leser und Autoren, wie auch als Menschen, die Beweggründe eines Bösewichtes zu hinterfragen un22d vielleicht sogar zu verstehen, statt sein »Bösesein« einfach als gegeben hinzunehmen. Denn wer weiß – vielleicht verbirgt sich dahinter ja die nächste spannende Geschichte…

*Artikel geschrieben von Grumpy Moon, Anne Zandt und Laura Kier

Autoren Urlaub

Kampfszenen mit Wumms

Sie griff nach ihrem Schwert. Er griff nach seinem Schwert. Er schlug nach ihrem Schwert. Sie parierte mit ihrem Schwert. Er sprang nach vorn. Sie duckte sich und holte aus. Ihr Schwert traf sein Schwert. Es war sehr aufregend.

Und, habe ich eure Aufmerksamkeit genug strapaziert? Dann sind wir schon mitten im Thema. Jede Autorin hat ihre Stärken und Schwächen – einige beschreiben zuviel, andere leiden unter hölzernen Dialogen. Bei Kampfszenen allerdings schlagen alle, die ich kenne, die Haare über dem Kopf zusammen. Denn: Beim Kampf muss es schnell gehen. Viele Dinge passieren auf einmal. Und die meisten von uns sind mit Kämpfen und physischer Action generell eher weniger vertraut. (Das gilt besonders für Autorinnen, alles theorieverliebte Schöngeister.)

Trotzdem kann es in einer Geschichte nicht nur um tiefschürfende Gedanken, Licht und Liebe gehen. Ab und zu braucht man etwas Action – genau wie im richtigen Leben. Der Trick besteht darin, diese Action gleichzeitig für das innere Auge gut sichtbar und für den Lesefluss ausreichend schnell zu gestalten. Mitten in einem Kampf auf Leben und Tod mit dem radioaktiven Rochen von Rhodos will niemand drei Seiten Beschreibung der lebendigen Schuttberge im Tal der Finsternis lesen. Andererseits ist es vielleicht gut, zu wissen, dass es diese lebendigen Schuttberge GIBT, wenn plötzlich einer dieser Schelme nach unserer Protagonistin greift und ihrem Gegner damit zum entscheidenden Vorteil verhilft – oder vielleicht doch nicht?

Zugegeben, ich tue mich auch schwer mit schnellen Szenen. Im Verlauf einiger Bücher, in denen es gelegentlich heftig zur Sache geht, habe ich mir allerdings eine Handvoll Tricks zugelegt, die mir bei solchen Szenen helfen.

Zuerst das Wichtigste: Actionfiguren – lacht nicht! Habt ihr schon einmal vor einer Szene mit vielen wild ineinander verkeilten Charakteren gesessen? Ich habe ja so schon selten Ahnung, wer gerade was mit wem treibt. Und um nicht vollständig den Überblick zu verlieren, stelle ich die entscheidenden Szenen mit kleinen Figuren (können auch Minisalamis sein) nach. So weiß ich immer, wer gerade womit beschäftigt ist. Das ist natürlich für Kampfszenen am praktischsten, aber mit Hilfe einer Landkarte lassen sich so auch wilde Verfolgungsjagden oder Versteckspiele nachstellen. Nie wieder verlorengegangene Charaktere im Labyrinth des Wahnsinns (es sei denn, ihr wollt es so).

Na, wer erkennt den Film? (Foto (c) Diandra Linnemann)

Zweitens: Lernt kämpfen. Oder guckt wenigstens viel und oft zu, wenn sich andere Leute auf die Ömme hauen, die es wirklich können. Also keine bombastischen Wrestling-Matches, sondern eher Re-Enactment-Kämpfe oder Kampfsportmeisterschaften. Man vertut sich nämlich oft dabei, wie lange etwas dauert oder wie viel Platz man für eine Aktion hat. Muss natürlich nicht extra gesagt werden, aber wenn ihr schon in der Nähe von Profis sind und die gerade friedlich aussehen, löchert sie mit so vielen Fragen, wie geht. Aus Büchern kann man auch eine Menge lernen, aber ich finde, dass gerade bei so schwierig zu beschreibenden Dingen der Anschauungsunterricht nicht zu kurz kommen sollte – vor allem wegen der Geräusche! Vor einigen Jahren habe ich einen von der lokalen Polizei angebotenen Selbstbehauptungskurs besucht, den schlachte ich heute noch aus. (Und ich weiß jetzt, dass ich keine Hemmungen habe, fremden Leuten ins Gesicht zu schlagen. Niemand ist perfekt.)

Drittens: Gute Vorbereitung ist alles. Niemand taucht gerne mit einem Messer in der Tasche bei einer Schießerei auf, oder? So ähnlich verhält es sich auch mit literarischer Action: Jede Beschreibung, die ihr vorab unterbringt, könnt ihr in den schnellen Szenen als bekannt voraussetzen. Lasst eure Charaktere also ruhig an bekannten Schauplätzen aufeinander eindreschen, davon profitieren alle Beteiligten.

Und zu guter Letzt: Wenn ihr nicht gerade einen megabrutalen Slasher schreibt, ist weniger wahrscheinlich mehr. Persönlich finde ich es höchstens langweilig, wenn beispielsweise in Thrillern momentan immer schneller immer mehr Blut auf noch brutalere Weise fließen muss. Das ist nämlich keine große Kunst. Die Kunst besteht darin, Action und Gewalt so darzustellen, dass sie dem Leser unter die Haut geht – er soll verstehen, warum Gewalt stattfindet, und mit den Figuren mitleiden (sogar mit den Bösen).

Habt ihr Beispiele für besonders gelungene Actionszenen (selbst geschriebene oder gelesene) parat?

Autorin des Textes ist Diandra Linnemann