Autoren Urlaub

Reihe: Was ist das eigentlich – Selbstlektorat? Kann man das essen? Teil 2 – Nutze die Fähigkeiten deiner Testleser bestmöglich

Deine Testleser haben Stärken und Schwächen. Wie jeder andere Mensch auch.

Hast du ihnen bisher dein Manuskript in die Hand gedrückt und viel Spaß damit gewünscht? Hast du zusätzlich tausend Fragen versendet? Eine Ankreuzliste mitgegeben?

Wie auch immer. Ich zeige dir heute, wie ich gelernt habe, das bestmögliche aus ihnen herauszuholen und für mich zu nutzen.

Ich habe all das versucht und mit schlotternden Knien die Antwort erwartet. Dann wunderte ich mich, warum sie so kurz ausfielen oder weshalb sie gar nicht das enthielten, was mir wichtig war. Außerdem habe ich mich gefragt, warum alle Testleser*innen mir teilweise völlig unterschiedliche Meinungen mitteilen.

Ich habe mir die Haare gerauft und bin in ungeformter Kritik ertrunken. Glückwunsch, Siiri.

Mach es besser!

Das ist meine Erklärung zu dem Dilemma: Jeder liest anders. Unterschiedliche Testleser haben unterschiedliche Fähigkeiten. Diese können angeboren oder erarbeitet sein, zumeist werden sie von den Leser*innen gerne genutzt. Finde diese Fähigkeiten!

Mein Mann (IT-Administrator) hat mir eines Tages einen Tipp gegeben, den ich niemals vergessen werde: Teile und herrsche.

Okay.

Ich sah ihn naserümpfend an. Seine IT-Augen glänzten und er erzählte. Es dauerte einen Moment, bis ich die Idee greifen und sie auf das Selbstlektorat und meine Testleser*innen anwenden konnte.

Es ist so simpel!

Ich stelle dir im Folgenden vor, wie du dieses Prinzip auf deine Testleser UND das Lektorat anwendest. Du bringst damit Struktur, Übersicht und Professionalität in deine Arbeit.

Reden wir zuerst über die Testleser:

Gib deinen Testlesern einen kurzen Ausschnitt, nicht den gelungensten. Ich weiß, du willst Eindruck schinden, gut dastehen und so. Aber seien wir doch mal ehrlich.

Was bringt es dir, deinen besten Text abzugeben und dafür ein paar lasche Korrekturvorschläge zu bekommen?

Du wirst nicht auf deine tatsächlichen Schwächen hingewiesen. Du wirst nicht so sehr daran wachsen, wie es möglich gewesen wäre. Also gib deinen Testlesern einen mittelguten Text.

„Was? Wieso jetzt mittelgut? Ich will doch viel Feedback! Ich gebe ihnen einen Rohtext.“ So könnte dein Einwand lauten.

Nimm einen Text, den du bereits bearbeitet hast. Du willst doch keinen Schund abgeben!? Damit könntest du deine Leser*innen vergraulen.

Nimm deine Testleser ernst!

Deine Testleser sind wertvolle Perlen, die ihre Zeit damit verbringen, dir Feedback zu geben. Sie möchten, dass du dich entwickelst, an ihrer Kritik wächst. Deshalb investieren sie ihre Zeit, ihre Geduld und ihre Fähigkeiten.

Nimm einen Text, bei dem du Potential siehst. Sei mutig!

Nimm die goldene Mitte.

Reden wir über die Stärken und Schwächen deiner Testleser*innen. Wir erinnern uns: Sie lesen unterschiedlich.

Was macht dein*e Testleser*in mit deinem Textschnipsel vom Anfang selbstständig? Ohne Liste, ohne Anleitung, ohne alles. Oder er*sie macht alles, nur nicht das, was du wolltest?! Was ist es?

Wirst du um mehr Beschreibung gebeten? = visuelle*r Leser*in

Findet er*sie Plotfehler-/löcher? Bemängelt er*sie dein*e Charaktere? = logisch veranlagt

Werden deine Formulierungen umgestellt/kritisiert? = sprachlich begabt

Hier kommen die ersten beiden Phasen des Lektorats ins Spiel.

Du hast einen Roman/Text verfasst. Im ersten Durchgang sind da womöglich ein Haufen Plotlöcher, Charakterfehler, nicht spannende Spannungsbögen und vor allem eine furchtbare Sprache (wenn du alles in einem Rutsch runter schreibst, wie ich). Wenn nicht, besteht diese Möglichkeit trotzdem. Willkommen in der Realität.

Natürlich setzt du dich fleißig daran, alles aufzufüllen, zu glätten, umzuschreiben und schön zu machen. Sehr gut!

Mach das so lange, bis du denkst, du kannst nichts mehr finden. Beachte jedoch, dass du dich damit beim ersten Buch auch gut und gerne mal ein paar Jahre im Kreis drehen kannst. Das kann daran liegen, dass du die Formulierungen stets verbessern und vor allem perfektionieren willst.

Das ist die falsche Herangehensweise!

Denke nicht, dass du alle Fehler ausmerzen musst, um deinen Text abgeben zu können. Wenn du das Groblektorat abgeschlossen hast und alle Unstimmigkeiten beseitigt sind, ist es Zeit für ein Feedback.

Tipp am Rande: Manchmal stecke ich als Autorin in einem Loch. Ich schwimme gegen einen endlosen Strom an, der mich stets zurück an die Klippen spült. Auch hier könnte ein Feedback hilfreich sein. Es gibt aber auch andere Gründe.

Manchmal habe ich den Überblick verloren, eine Schreibblockade oder brauche schlicht Entspannung. Manchmal langt es aber auch, einem lieben Menschen ein Kapitel zu geben, um mal wieder zu hören, dass ich das gut mache.

So nutzt du die Fähigkeiten deiner Testleser*innen, die visuell lesen und/oder logisch denken. Sie helfen dir, den Roman in eine Form zu bringen.

Visuell Lesende und logisch Denkende sind perfekt für das Groblektorat geeignet. Sie spüren all das auf, was zuerst in einem Manuskript verbessert werden muss.

Durch eine Aufteilung des Lektorats verhinderst du ständiges neu schreiben gepaart mit zeitraubenden Neuformulierungen.

Gemeinsam mit deinen Testleser*innen kannst du folgende Liste abarbeiten. Haltet euch dabei NICHT mit Formulierungen auf! Es kann sein, dass du deine wunderschönen Formulierungen killen musst. Ja. Kill your Darlings! *aaargh* Moment … Ich spüre den Schmerz …

Weiter im Text

Das könnte deine private To-Do-Liste des Groblektorats sein

– die Figuren sind dreidimensional, überzeugend und glaubhaft

– Leser können sich mit der Hauptfigur identifizieren/können eine Verbindung zu ihm*ihr aufbauen

– die Figuren entwickeln sich

– Spannungsbögen genutzt und ausgebaut

– Genre gewissenhaft gewählt und ersichtlich (kein Genre-Matsch!)

– roter Faden ersichtlich

– Handlung glaubwürdig

– Szenen bauen sinnvoll aufeinander auf

– Perspektive bestmöglich gewählt und korrekt umgesetzt

Dann hast du ein gutes Groblektorat hinter dich gebracht und kannst getrost zum Feinlektorat übergehen.

Wenn du dich während dem Schreiben stets allem widmest, wirst du nie vom Fleck kommen. Du handelst dir mehr Blockaden ein, deine Schreibpausen werden größer und deine Lust auf dein Manuskript wird stets kleiner.

Achte auf die Phasen des Lektorats! Diese bauen strukturell sinnvoll aufeinander auf. Damit machst du nicht zu viel und nicht zu wenig.

Nutze für das „optimale“ Lektorat die Stärken deiner Testleser und drücke ihnen nichts auf, was sie nicht können. Sie werden sich bei dir wohl fühlen, wenn du ihre natürlichen Möglichkeiten schätzt. Lass sie ihre Fähigkeiten ausleben. Und vergiss nie, dich dafür zu bedanken. Zum Beispiel mit einem Blumenstrauß. Oder einer Schachtel Pralinen.

Oder mit etwas völlig Klischeefreiem. 😉

Am 24.09.2018 geht es auf meiner Webseite – https://siirisaunders.wordpress.com/ – mit der Reihe „Selbstlektorat“ weiter. Ich erkläre euch die einzelnen Phasen des Lektorats.

Zusammenfassung

  • Teile und herrsche! Sortiere deine Arbeit in Phasen. Du verhinderst das Drehen im Kreis, arbeitest produktiver und erzeugst höhere Qualität.
  • Nutze das Potential deiner Testleser. Unterteile sie in drei Kategorien: visuell, logisch, sprachlich und gehe mit „Visuell/Logisch“ an das Groblektorat und mit „Sprachlich“ an das Feinlektorat und Korrektorat.

 

Ich danke dir für den Aufruf. <3

*Autorin des Beitrag ist Siiri Saunders

P.S. Kennst du noch andere Stärken, die uns helfen, unsere Testleser „einzusortieren“? Schreib sie gerne in die Kommentare.

 

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Reihe: Was ist das eigentlich – Selbstlektorat? Kann man das essen? Teil 1 – Testleser finden und behalten

Nein, ist die erste klare Antwort. Leider nicht.

Willkommen zu meiner Reihe „Selbstlektorat“. Man kann es nicht essen, dafür aber wunderbar erklären. Ob es mir geglückt ist oder nicht, darfst du gerne in die Kommentare schreiben. Dies ist der erste von zwei Teilen, die auf der Webseite des Nornennetzes erscheinen.

Testleser – Groblektorat, Feinlektorat, Korrektur, Tipps und Tricks – darum geht´s in dieser Blog-Reihe und wie du es schaffen kannst, die verschiedenen Phasen eines Lektorats umzusetzen. Egal, ob du Selfpublisher bist oder dich für Agenturen und Verlage bewerben möchtest. Ein Lektorat ist für jeden Text unerlässlich! Denn …

Du kannst es nicht alleine schaffen. Wenn du dein Manuskript mehrfach durchgearbeitet hast, wirst du Testleser brauchen. Gute Testleser.

Wie findet man gute Testleser? Wenn du deinen ersten Roman geschrieben hast, vielleicht sogar den ersten Text, wirst du dich nicht zu einer Testleserunde auf einer öffentlichen Leseplattform anmelden. Völlig verständlich und mein klarer Ratschlag!

Das geht schief.

Du hast Familie und Freunde. Beschränken wir uns auf diese. Menschen, die dich und deine Weltsicht kennen, sie womöglich mögen und dir erste gute Ratschläge geben können.

Innerhalb deiner Familie und deines Freundeskreises kannst du lernen, kritikfähiger zu werden, von dir abweichende Meinungen zu akzeptieren oder auch, wie du einen Ratschlag galant ausschlagen kannst. Übrigens, das musst du nicht einmal. Bedanke dich und setze die Ideen um, die dein Manuskript stärken.

Falls jemand daneben gegriffen hat, der Tipp dein Manuskript also verschlechtern würde – poltere nicht drauflos. Gib dir Zeit, darüber nachzudenken.

Wie ist deine Beziehung zu der Person? Angespannt? Kritisch?

Das wird dich wehrhafter machen.

*Übertreibung* Glaubst du der Person jedes Wort? Dann musst du überdenken, ob der Rat deiner Geschichte hilft oder ob du Streit vermeiden möchtest.

Was deiner Geschichte hilft und was nicht, erfährst du im Teil „Selbstlektorat“, die am 24.09.2018 auf meiner Homepage erscheint.

Manche Autor*innen werden dir von Freunden und Familie abraten und dich an Plattformen, entfernte Bekannte oder gar ein Lektorat empfehlen.

Persönlich habe ich – als Anfänger – gute Erfahrungen damit gemacht, Kritikluft innerhalb der Familie und Bekanntschaft zu schnuppern. Ich war unerfahren und brannte für meinen Protagonisten. Hätte mich jemand hart oder gar boshaft kritisiert, wäre ich stumm umgefallen.

Mein Text war mein Baby. Filín war perfekt und die Welt in meinem Kopf vollkommen. Genau – in meinem Kopf.

Das ist der Punkt, an dem Kritiker ansetzen könnten – und natürlich auch dürfen. Immer her mit euren Erfahrungen und Meinungen. Natürlich habe ich bemerkt, dass meine Familie und Bekannte behutsamer mit mir umgegangen sind.

Sie haben mir nicht nach dem Mund geredet oder rosa Herzchen in mein Manuskript gemalt. Die Kritik hätte dennoch ausgedehnter sein können. Also bat ich sie in einer weiteren Testleserunde um konstruktive, schonungslose und ehrliche Kritik.

Ich konfrontierte sie mit meinem Gedanken, dass ich das benötigte und nur das mich weiterbringen konnte. Auf manche Leser*innen musste ich einreden. Ich spürte ihre abwehrende Haltung, meinen Text genau unter die Lupe zu nehmen und mir alles zu sagen, was ihnen auffiel. Das Gespräch half.

Im Nachhinein weiß ich, dass ich ihnen den Maulkorb des Anstands abgenommen habe. Sie trauten sich mehr.

Niemand von ihnen war professioneller Schreiberling oder hatte ein abgeschlossenes Studium in Germanistik. Sie alle einte eines – sie liebten das Lesen. Sie wussten, was sie wollten. Und das sollten sie mir gefälligst schonungslos beibringen.

Die Kritiken konnte ich wunderbar nutzen. Ich habe geweint, geflucht, mich gewehrt, mit ihnen diskutiert und mich beruhigt. Alleine.

Alleine! Das ist der springende Punkt. Ich war bei alldem in meinem stillen Kämmerlein. Ich habe sie nicht mit meiner Meinung behelligt oder gar angefangen, mit den Testleser*innen zu diskutieren. Erlaubt waren Nachfragen meinerseits: Wie war das gemeint? Soll ich das so oder so versuchen? Ich stelle mir das so vor …

Aber erst, wenn ich mich beruhigt hatte!

Wenn du mit deinen Testlesern diskutierst, wirst du sie verprellen. Wenn du dich rechtfertigst, nach dem Motto: „Ja, aber das steht doch da“, wirkst du unprofessionell.

Mag sein, dass du etwas dahin geschrieben hast. Wenn deine Leser es nicht verstehen, bist du in der Pflicht, deine eigenen Worte kritisch unter die Lupe zu nehmen und ggf. zu verbessern.

Das tut weh, es ist furchtbar und dennoch wichtig. Viel wichtiger als dein Ego. Deshalb: Frage nicht in der heißen Phase nach, verhandle nicht. Nimm dir Zeit, die Kritik zu verdauen. Schau erneut darauf. Bitte jemanden um Unterstützung, wenn du unsicher bist. Aber diskutiere niemals mit deinen unbescholtenen Testlesern!

Du hast sie dafür engagiert, dich zu kritisieren.

Wenn deine Testleser über etwas stolpern, werden deine Leser es ebenfalls tun. Desto mehr sie stolpern, desto eher werden zahlende Leser*innen das Buch weglegen – und sei dir gewiss! Diese Leser*innen kaufen kein neues Buch von dir.

Aus diesem Grund respektiere die Meinung deiner Testleser. Werde kritikfähig und lerne aus deinen Fehlern.

Zusammenfassung

  • Für einen gelungenen Text braucht jeder einige Helfer. Ein Text profitiert von verschiedenen Sichtweisen.
  • Ich habe meine ersten Erfahrungen mit Familie und Freunden gemacht. Ich war nicht bereit, mich an ein (strenges) Lektorat oder Fremde zu wenden. Das ist für dich nur ein Gedankenanstoß.
  • Überdenke, wie du Kritik verarbeitest. Nimmst du sie persönlich? Hast du die kritisierende Person dabei im Hinterkopf? Hörst sie womöglich schimpfen? Das ist kein guter Punkt zur Zusammenarbeit.
  • Fordere schonungslose Kritik ein, sobald du dich dazu bereit fühlst! Das ist unerlässlich. Du wirst in diesem Job sehr oft mit Kritik konfrontiert.
  • Beruhige dich, bevor du über Kritik sprichst.
  • Diskutiere nicht mit deinen Testleser*innen und rechtfertige dich nicht! Freundliches Nachfragen wird sicher gerne gesehen.

Am 17.09.2018 geht es auf der Webseite des Nornennetzes mit den Stärken und Schwächen der Testleser weiter.

Ich danke dir für den Aufruf. <3

*Autorin des Beitrag ist Siiri Saunders

Autoren Urlaub

Worin unterscheiden sich Thriller, Krimi und Horror?

Obwohl sich keine klare Grenze ziehen lässt, so ist es dennoch unerlässlich für den Schriftsteller so genau wie möglich bestimmen zu können, in welcher Kategorie oder auch welchem Bücherregal er in der Buchhandlung sein Buch vorfinden will. Denn der Leser bleibt oftmals seinem Lieblingsgenre treu und sucht gezielt nach Büchern, die seinem Geschmack entsprechen. Das kann gerade für einen Selfpublisher zu einer Stolperfalle werden, denn sollte er sein Buch der falschen Kategorie zuordnen, kann dies beim Leser folglich zur Enttäuschung führen, da seine Erwartungen an das Genre nicht erfüllt wurden. Umso wichtiger, wenn man die weitmaschigen Grenzen zwischen den Genres kennt. Und so kommen wir zum heutigen Thema. Wodurch unterscheiden sich die Literaturen von Krimi, Thriller und Horror zueinander?

(Foto: Patrizia K. Werner)

Kriminalromane

In Kriminalromanen (auch Krimis genannt) liegt der Schwerpunkt ganz klar in der Aufklärung eines Verbrechens, bei dem die Hauptfiguren den Leser durch ein Rätsel mitziehen.

Während früher Privatdetektive wie Sherlock Holmes von Conan A. Doyle oder Hercule Poirot von Agatha Christie in der Welt der Kriminalromane regierten, finden die Morde in der modernen kriminalistischen Literatur jedoch nicht mehr nur in der gehobenen Gesellschaft statt, werden dann aus der alleinigen Sicht des Detektivs gelöst und die Motive lauten zum Schluss nicht mehr nur Habgier. Heute lernt der Leser auch die Sicht des Täters kennen, dessen Beweggründe oft kompliziert und tiefgreifend sein können. Zudem kann die Aufklärung auch durch Polizisten, Kriminaltechniker, Gerichtsmediziner oder sogar einer Privatperson stattfinden.

Anzumerken sei hier noch, dass ein kriminalistischer Inhalt auch nur Bestandteil einer Geschichte sein kann, ohne das Genre zu bestimmen. Das lässt sich oft in Thrillern finden.

Thriller

Der Kern ist hier den sog. thrill (z. Dt. Nervenkitzel) beim Leser auszulösen und diesen auch über die gesamte Länge des Romans zu halten, wobei ein Wechselspiel aus Bedrohung und Erleichterung stattfindet.

Die Grenze zu Kriminalromanen ist hier sehr dünn. Aber grob lässt sich sagen, dass hier noch kein Verbrechen stattgefunden haben muss, jedoch eines herannaht oder die Situation zumindest zu verschlimmern droht. Darüber hinaus steht in Kriminalromanen der Fall im Mittelpunkt, dessen Lösung den Höhepunkt bestimmt, während in Thrillern die Hauptfiguren den Schwerpunkt setzen, die sich oftmals gegen psychische oder auch körperlich zugefügte Gewalt verteidigen müssen, bis sie im Finale aus dem Kampf siegreich hervorgehen.

Hier lässt sich das Genre zudem nochmals in Psychothriller, bei dem ein von Gefühlen oder auch auf psychischer Ebene konfliktbeladenes Verhältnis zwischen den Figuren die Handlung bestimmt, und Politthriller unterscheiden, der kriminelle Handlungen, terroristische Attentate oder auch Verschwörungen behandelt.

Horror

Während in Thrillern und Kriminalromanen die Hauptfiguren irdischen Gegner begegnen, ist es in der Horrorliteratur genau umgekehrt. Hier werden die Protagonisten meist von übernatürlichen und unerklärbaren Phänomenen, wie rastlosen Gespenstern, blutrünstigen Vampiren oder auch gehirnaussaugenden Zombies, bedroht. Aber auch der Ort selbst kann zur Bedrohung werden, wie im Roman „Shining“ von Stephen King eindrucksvoll dargestellt wurde. Abhängig von der Bedrohung kann der Protagonist dabei dem Wahnsinn oder gar der Besessenheit unterliegen.

Beim Leser sollen sie Angst und Schrecken auslösen, aber auch Abscheu, wie sie meist durch Folter oder Perversion hervorgerufen wird.

Auch hier lässt sich oft keine klar definierte Grenze ziehen, da die Horrorliteratur auch nah verwandt zu Science-Fiction ist, wie Mary Shelleys „Frankenstein“ beweist. Hier spricht man dann auch von einem SciFi-Horror. Zudem lässt sich der Horror als Sammelbezeichung in Schauerromane (engl. Gothic Novel), wie in dem Roman „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ von Robert L. Stevensons, und Gespenstergeschichten, wie „Die Frau in Schwarz“ von Susan Hill, unterteilen. Auch ein Thriller kann in die Kategorie der Horrorliteratur fallen, wobei man dann von einem Horrorthriller spricht.

(Foto: Patrizia K. Werner)

Meine persönliche Meinung zu der kategorischen Eingrenzung lautet, dass alle drei Genres ihre Berechtigung haben unterteilt zu werden. Auch wenn die Grenzen sich oftmals überlappen, sind sie dennoch klar definiert und können dem Autor helfen seine eigenen Bücher richtig zuzuordnen, damit nicht die falsche Zielgruppe angesprochen wird, die dann das Buch enttäuscht zuklappt, weil es nicht ihren Erwartungen entspricht. Dennoch finde ich das es auch seinen Reiz hat Grenzen zu überschreiten. Und wo lassen sie sich so leicht überschreiten wie in einer fiktiven Geschichte. Für den Autor besteht also hier ein unbegrenztes Repertoire an Möglichkeiten den Leser zu überraschen und womöglich auch zu packen. Und genau die Schriftsteller, die diesen Schritt gewagt haben, waren zum Schluss auch diejenigen, die ein neues Genre gesetzt haben.

*Autorin des Beitrags ist Patrizia K. Werner

Stereotype des Bösen (Fotos: Pixabay)

Stereotype der Bösen

Ein Beitrag von Esther Wagner.

Ein brillianter Bösewicht kann eine Geschichte fast alleine tragen. Doch viele Storys geben sich mit stereotypen Gegenspielern zufrieden. Böse Herrscherinnen, gigantische Monster, brutale Schlächter: Es gibt zahlreiche Stereotype, die uns immer wieder begegnen. Weil sie funktionieren. Sie sind erprobt und gelernt.

Stereotype sind nicht unbedingt etwas Schlechtes. Menschen mögen Bekanntes in unendlicher Variation. Deshalb können die Stereotype des Bösen als Basis für spannende, vielschichtige Gegenspieler dienen. Als Autorin kann ich Elemente verschiedener Typen neu kombinieren und Klischees brechen. Und manchmal ist das Geheimnis einfach, einem Bösewicht eine glaubhafte Backstory zu geben. Denn oft ist nicht der stereotype Aufbau der Figur das Problem, sondern ihre Eindimensionalität. Es reicht heute eben nicht (mehr), wenn ein Antagonist einfach nur böse ist. Graustufen sind das neue Schwarz. Eine böse Königin darf eine liebevolle Mutter sein, ein grausamer Kriegsherr unter seiner makellosen Uniform ein posttraumatisches Stresssyndrom verbergen.

Wer Stereotype gekonnt einsetzt, kann daraus spannende, vielschichtige Figuren modellieren.

Hier kommt eine Auswahl an Stereotypen, die sich besonders gerne in den fantastischen Genres herumtreiben.

Machtstreber*innen

Sie sind hungrig nach Macht – und nutzen sie gnadenlos aus.

Der Tyrann
Er kann als König eines mittelalterlichen Reiches auftreten, als Imperator der Galaxis oder als Präsident einer dystopischen Gesellschaft, doch seine grundlegenden Merkmale sind immer gleich: große Macht und Grausamkeit, die sich gegen seine eigenen Untertanen richtet.

Die böse Königin
Sie ist die weibliche Version des Tyrannen, aber sie sieht dabei besser aus. Sie ist schön und sie trägt die besten Outfits. Düster-pompöse Roben, Lederkorsetts und schwarze Rabenfedern machen die böse Königin zum Traum aller Cosplayer.

Der böse Zauberer/ Die böse Hexe
Sie streben nach Macht und setzen dafür skrupellos ihre magischen Kräfte ein. Oft sind sie auf der Suche nach einem Artefakt, das ihre Macht noch vergrößert. Sie verfügen entweder über eine Armee von Sklaven, die sie kontrollieren, oder sie sind Einzelgänger, die alleine oder maximal mit einem Lehrling, im gruseligen Kämmerlein ihre magischen Fäden ziehen.

Der Milliardär, der nach der Weltherrschaft strebt
Er hat alles, aber er will noch viel mehr. Um die Weltherrschaft an sich zu reißen, ist ihm jedes Mittel recht. Das Fatale: Er kann sich so ziemlich jedes Mittel leisten.

Der Pate
Er ist ein König der Unterwelt und kann in vielen Bereichen mit dem Tyrannen mithalten. Er hat Macht, Geld und eine Privatarmee und herrscht mit Terror.

Der Thronräuber
Er strebt nach dem Thron und geht dafür über Leichen – selbst wenn dafür ein Brudermord notwendig ist. Der Thronräuber ist oft ein jüngerer Bruder oder ein naher Verwandter des Kronprinzen – oder der Kronprinz selbst, der nicht mehr länger darauf warten will, dass sein königlicher Vater auf natürlichem Wege den Thron räumt.

Monster und Kreaturen

Wenig Hirn, große Zerstörungskraft

Das Kaijū
Ein gigantisches Monster, das Städte vernichtet und Tausende tötet. Das Wort „Kaijū“ stammt aus dem Japanischen und bedeutet so viel wie „seltsame Bestie“. Godzilla ist ein echtes japanisches Kaiju, aber auch Drachen fallen in diese Kategorie.

Die Monsterarmee
Ihre schiere Masse macht diese Kreaturen so gefährlich. Sie kämpfen hirnlos und brutal, ihr einziges Ziel ist es, zu töten – aus reiner Mordlust, Hunger auf Hirn oder weil sie halt einfach böse sind. Die Monsterarmee kann aus Orks, Dämonen, Aliens oder Zombies bestehen und entweder aus eigenem Antrieb oder auf Befehl eines Machtstreber-Stereotypen handeln.

Frankensteins Monster
Ein Monster wider Willen, geschaffen von einem verrückten Wissenschaftler, einem bösen Zauberer oder von Aliens, die eine Invasion vorbereiten. Es ist das Ergebnis unethischer Experimente und oftmals schlummert noch Menschlichkeit in ihm.

Dämon mit Seele
Ein verflucht gutaussehender Vertreter der dämonischen Völker – gerne Vampir oder Werwolf. Seine Aufgabe ist es, zum Love Interest der unschuldigen, bzw. Dämonen jagenden Protagonistin zu werden und im Laufe der Geschichte seine Menschlichkeit wiederzufinden – natürlich mit maximaler Tragik!

Die Sirene
Ein wunderschönes weibliches Wesen, das Männer verführt und ins Verderben lockt. Oft ist ihre Schönheit nur Fassade und darunter verbirgt sich eine hässliche Dämonin oder ein schleimiges Alien auf der Suche nach einem Paarungspartner.

Die bucklige Verwandschaft

Familie ist etwas Wunderbares

Die böse Stiefmutter
Sie ist der Albtraum jedes Stiefkindes und macht ihm das Leben zur Hölle. Sie behandelt es mit maximaler Verachtung und Grausamkeit, während sie um ihre leiblichen Kinder herumhelikoptert.

Der Familientyrann
Der Tyrann im Kleinformat. Er ist der alleinige Bestimmer aller Familienangelegenheiten, gerne mit einem Hang zu körperlicher Gewalt. Oft  ist er jähzornig, zumindest aber zeigt er keine Empathie für seine Frau und seine Kinder. Die Familienehre ist ihm wichtig, die körperliche und geistige Gesundheit seiner „Lieben“ weniger.

Das Gruselkind
Auf den ersten Blick ist es ein herzallerliebstes Kind, gerne ein Mädchen in einem weißen Kleid, doch in ihm steckt das Böse. Es hat besondere Fähigkeiten, ist von Dämonen besessen oder auf grausame Art zum Geist geworden.

Mordsgesindel

Sie beherrschen die Kunst des Tötens und kennen keine Gnade

Der Auftragskiller
Er tötet für Geld und ist ein Meister seiner Profession. Er arbeitet alleine und im Verborgenen und ist oft intelligent. Manchmal hat er einen Ehrenkodex, aber Skrupel kennt er nicht; die sind reumütigen Auftragskiller-Protagonisten vorbehalten.

Der Meister der Kampfkunst
Er ist ein Meister im Schwertkampf, Kung Fu oder einer anderen Kampfkunst und bislang unbesiegt. Das will er auch unter allen Umständen bleiben. Er kämpft bis zum Tod.

Der sadistische Serienmörder
Er tötet aus Sadismus und Mordlust. Seine Grausamkeit macht ihn zum perfekten Hassobjekt. Der Sadist kann sowohl als einsamer Serienkiller auftreten, als auch als besonders brutaler Soldat. Schlachtet bevorzugt Protagonisten-Familien ab.

Die Söldnertruppe
Auch sie töten für Geld, aber gemeinsam. Oft hat jeder von ihnen eine besondere Fähigkeit. Die Söldnertruppe wird gerne eingesetzt, um den oder die Helden auf den Endkampf mit dem echten Bossgegner vorzubereiten. Tiefgang findet man in der Söldnertruppe selten. Ein eng verwandtes Stereotyp ist die Eliteeinheit, mit dem Unterschied, dass sie einer regulären Armee angehört.

Das verheerende Heer
Eine feindliche Armee, die mordend, plündernd und brandschatzend durch die Lande zieht und noch nie von der Genfer Konvention gehört hat.

Der Kriegsherr
Egal, ob er ein antikes Heer, eine moderne Armee oder eine Raumflotte befehligt: Er hat eine Mission und die führt er unter allen Umständen aus, auch wenn er dabei das halbe Universum vernichtet. Er ist charismatisch und respekteinflößend, ein geborener Anführer. Er erwartet absoluten Gehorsam von seinen Untergebenen und kennt keine Gnade mit jenen, die ihm im Weg stehen. Oft trägt er eine besonders coole Uniform.

Wer solche Freunde hat…

…hat viel Konfliktpotenzial

Der falsche Freund
Er gewinnt das Vertrauen der Heldin, um sie im richtigen Moment zu vernichten – oder auf die dunkle Seite zu ziehen. Eine Variante davon ist der Maulwurf, der besonders bei Helden-Ensembles gerne zum verdeckten Einsatz kommt.

Der Ex-Freund
Er war mal der beste Freund des Protagonisten, doch jetzt ist er sein Erzfeind. Oft steckt eine Frau dahinter, aber auch ein Job, den beide haben wollten oder Differenzen in der Kampfkunst-Ausbildung können zum Bruch geführt haben. Gutes Drama-Material!

Pädagogisch wertlos

Der böse Mentor
Er ist besonders perfide, denn er nutzt die jugendliche Naivität unserer Heldin aus, um sie zu korrumpieren. Gerade beim Erlernen einer Kampfkunst oder der Magie ist Vorsicht geboten! Um die Situation noch brisanter zu machen, ist der Mentor (oder die Mentorin, auch wenn mir da gerade keine einfällt) oft Eltern-Ersatz für die Heldin (Waisenkind-Helden-Trope!). Der finale Kampf verspricht Drama und Spannung!

Der brutale Ausbilder
Wenn Rekruten in einer Geschichte auftauchen, ist der sadistische Drill Sergeant oft nicht weit. Er will das Frischfleisch brechen sehen – physisch und psychisch.

Die fiese Lehrerin
Ob sie nur charakterlich verdorben ist, im Dienste des Bösen steht oder von einem Dämon besessen ist, stellt sich oft erst zum Showdown heraus. Aber sie macht unserer Heldin das Schulleben zur Hölle.

Genie und Wahnsinn

Der irre Wissenschaftler
Genie und Wahnsinn liegen bekanntlich dicht beieinander. Der irre Wissenschaftler setzt sein Wissen nicht zum Wohle der Menschheit ein, sondern zu ihrer Vernichtung. Er ist entweder ein Einzelkämpfer, der aus Forscher-Ehrgeiz davon besessen ist, etwas Gigantisches zu erschaffen („Der Nobelpreis gehört uns, mein Schatz!“) oder er forscht im Dienste eines Herrn – siehe Tyrann oder Weltherrschafts-Milliardär. Oftmals überblickt er die furchtbaren Konsequenzen seiner Forschung nicht. Er lebt in seiner eigenen Welt.

Der Psychopath
Er ist hochintelligent und misanthropisch. Er spielt ein Spiel, in dem die ganze Welt sein Spielfeld ist und die Menschen seine Spielfiguren. Oft hat er sadistische Züge und er empfindet maximales Vergnügen dabei, Kontrolle auszuüben. Er strebt nicht nach einer Machtposition, sondern freut sich daran, im Verborgenen die Fäden zu ziehen und über Leben und Tod zu richten.

Fanatiker und Extremisten

Die folgenden Stereotype sind weitgehend selbsterklärend. Sie alle sind fanatische Anhänger einer Ideologie oder Religion. In ihrem Sinne töten, unterdrücken, verraten und manipulieren sie. Sie sind der Stoff, aus dem die Dystopien sind.

  • Die Faschisten
  • Die Terroristen
  • Die religiösen Eiferer

Allmächtiger!

Der Teufel
Satan, Beelzebub, der Gehörnte. Seit Jahrtausenden ein verlässlicher Bösewicht erster Klasse. Er kann als Verführer auftreten, als Versicherungsvertreter, als gruseliger Höllenherrscher oder als kleines Mädchen mit süßen blonden Locken. Man muss zu ihm nicht viel erklären, denn jeder kennt ihn. Super praktisch!

Das Böse(TM)
Eine (all)mächtige, gottgleiche Macht, so unvorstellbar mächtig und böse, dass sie gar keinen Grund zum Bösesein braucht. Sie will einfach alles vernichten. Weil halt. Kann natürlich trotzdem besiegt werden.

Welche weiteren Stereotype des Bösen kennt ihr?
Und welcher Bösewicht-Typ ist der/die Antagonist*in eurer Geschichte?

 

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Das Gute an Bösewichten

Wenn man über Gewalt in der Phantastik spricht, ist es schwer, ein Thema auszulassen: Die Bösewichte. Denn wer wird mehr mit Gewalt assoziiert als der tyrannische König, der machtgierige Zauberer oder der habsüchtige Halunke? Aber sind sie wirklich immer gewalttätig und so böse, wie es scheint?

Was ist ein Antagonist bzw. ein Bösewicht?

Erst einmal nicht zwangsläufig dasselbe. Während ein Bösewicht jemand ist, der Böses tut, ist der Antagonist der Gegenspieler des Protagonisten, also die Person, die dem Hauptcharakter bei der Erfüllung seiner wie auch immer gearteten Aufgabe im Weg steht. Diese Stellung in der Handlung sagt prinzipiell noch nichts über die moralische Gesinnung der jeweiligen Figur aus, obwohl die meisten Fälle sich durchaus so gestalten, dass der Protagonist das Gute verkörpert und der Antagonist das Böse. Passende Beispiele dafür finden sich in klassischen Grimm-Märchen und sogar deren Disney-Adaptionen. Häufig werden in den Märchen unschuldige Mädchen Opfer der Intrigen von Bösewichten mit niederen Beweggründen, und aufgrund des simplen Aufbaus der Geschichten und des Mangels an Persönlichkeit seitens der Charaktere ist es schier unmöglich, für die Antagonisten Partei zu ergreifen. In diesen Fällen ist der Antagonist mit dem Bösewicht identisch. Würde man aber ein solches Märchen aus der Sicht des Bösewichtes erzählen, würde dieser damit zum Protagonisten und der eigentliche Held zum Antagonisten.

In diesem Artikel wollen wir* uns in erster Linie mit dem Bösewicht an sich beschäftigen, wie auch mit der Frage, was denn eigentlich einen »guten Bösewicht« ausmacht – das heißt, welche Eigenschaften er (oder sie; das Geschlecht spielt hierbei keine Rolle) möglichst haben sollte, um dem Publikum im Gedächtnis zu bleiben.

Böse einmal umgekehrt?

Da wir gerade von Märchen gesprochen haben, werfen wir doch einmal einen Blick auf »Dornröschen«: Im Mittelpunkt stehen das oben beschriebene unschuldige Mädchen, seine königlichen Eltern sowie eine Fee, die nicht zur Geburtstagsfeier der Prinzessin eingeladen wird und darüber so zornig ist, dass sie einen Fluch ausspricht. In Folge dessen unternehmen die Eltern alles in ihrer Macht Stehende, um ihre Tochter zu schützen, denn jene ist das eigentliche Zielobjekt des Fluches, wenn auch nicht sie es war, die die Fee verärgert hat. Somit wird die Rollenverteilung offensichtlich: Eine Fee, die ihren irrationalen Zorn an einem unschuldigen Kind auslässt, kann nichts anderes als böse sein, und die meisten sind sich einig, dass ein vergleichsweise mildes Vergehen wie die versäumte Einladung zu einer Feier kaum einen derartigen Gegenschlag rechtfertigt.

Dennoch ist es ein Grund – vielleicht kein guter, aber der Konsument der Geschichte kann nachvollziehen, warum die Fee verstimmt ist. Warum sie ihre Wut nicht an dem Königspaar auslässt, das sie nicht eingeladen hat, sondern an deren unschuldiger Tochter? Darüber verrät die Urversion des Märchens nichts; es könnte natürlich reine Boshaftigkeit sein, aber die Antwort könnte auch tief in der Vergangenheit des Charakters verborgen liegen. Genau diese gilt es zu erforschen, um die Fee zu einem »guten Bösewicht« zu machen.

(Foto: Stefanie S. / instagram.com/andudraws)

Wie ist der Bösewicht zu dem geworden, was er heute ist? Das ist vermutlich die interessanteste aller Fragen, und eine von Disney produzierte Neuinterpretation von »Dornröschen« geht ihr auf den Grund: In »Maleficent« (2014) wird plötzlich die Fee zur Protagonistin des altbekannten Märchens, der König zum Antagonisten, und die Prinzessin zum Spielball der Intrigen zweier ehemaliger Freunde, die aufgrund eines Ereignisses in ihrer gemeinsamen Vergangenheit bitter verfeindet sind. Auch in dieser Version der Geschichte wird die Fee nicht zur Geburtstagsfeier eingeladen, auch hier bestraft sie den König, indem sie seine Tochter verflucht, und auch hier hätten die beiden ihren Konflikt besser untereinander ausgetragen, als eine Unschuldige hineinzuziehen. Doch durch die Offenbarung von Maleficents Hintergrundgeschichte, ihres tragischen Schicksals wie auch der Rolle, die der König dabei gespielt hat, erscheint sie plötzlich sehr viel sympathischer. Ihre Charakterentwicklung im Laufe der Handlung bringt sie schließlich zu der Erkenntnis, dass ihr Fluch die Falsche getroffen hat, und sie versucht ihn von dem Mädchen zu nehmen, für das sie inzwischen mütterliche Gefühle entwickelt hat.

Ganz anders sieht es mit dem König aus, der für das, was er Maleficent angetan hat, weder Einsicht noch Reue zeigt, sondern sich immer mehr in seinem Vorhaben verbeißt, sie zu töten. Dabei kam auch er nicht als schlechter Mensch zur Welt; seine ehemalige Freundschaft mit Maleficent wie auch seine unermüdlichen Versuche, sein Kind vor ihrem Fluch zu beschützen, appellieren an seine gute Seite, die leider schon in jungen Jahren verunreinigt wurde durch seinen Wunsch, König zu werden. Und kann man es einem Vater wirklich verübeln, mit allen Mitteln zu kämpfen, um seine Familie vor Unheil zu bewahren – unabhängig davon, dass er selbst dieses Unheil heraufbeschworen hat? Wohl kaum.

Glaubwürdig böse – wie das?

Wer ist nun der Bösewicht in »Maleficent«, die Fee oder der König? Im Grunde beide, und genau das macht ihren Streit so interessant. Ein gut geschriebener Konflikt ist stets einer, in dem ein Außenstehender beide Seiten nachvollziehen kann. Aus diesem Grund reicht es nicht, den Bösewicht einfach nur böse sein zu lassen, damit die Geschichte eine Handlung hat. Er braucht Motive, und davon gibt es genügend, wie zum Beispiel:

  • reine Machtgier, die beispielsweise aus einem Minderwertigkeitskomplex heraus entsteht;
  • der Wunsch nach Vergeltung eines bislang ungesühnten Verbrechens;
  • grundsätzlich gute Absichten, die lediglich mit unmoralischen oder radikalen Mitteln durchgesetzt werden sollen.

Die Grundbausteine, aus denen sich die Motivation eines überzeugenden Bösewichtes zusammensetzen können, sind zahlreich und vielfältig. Aus der Sicht des Widersachers ist der Held der Widersacher, und das gilt es glaubhaft zu vermitteln, indem auch dem Bösewicht plausible Gründe für sein Handeln gegeben werden.

Ein weiterer Aspekt, der einen guten Bösewicht ausmacht, ist entsprechendes Charisma. Niemand nimmt einen tumben Tölpel als ernsthafte Bedrohung wahr – was allerdings, wie oben angedeutet, irgendwann einmal dazu führen kann, dass eben jener Tölpel zu einem Bösewicht wird (siehe das Beispiel des Königs in Maleficent).

Einprägsame Bösewichte haben zwei Sachen gemeinsam: Neben einer guten Hintergrundgeschichte, schaffen sie es, andere um den Finger zu wickeln und für ihre Zwecke einzusetzen, sodass erst im Nachhinein klar wird, dass hier eine Manipulation stattgefunden hat.

Diese Herangehensweise wurde schon in der Edda in der Figur des Loki verwendet, der mit seiner Ambiguität für einiges an Chaos in den neun Welten sorgt, aber dadurch auch Wendungen herbeiführt, die so nicht geplant waren (z.B. Baldurs Tod, der diesem letztendlich ermöglichte, als letzter Gott nach Ragnarök auf die Erde zurückzukehren). Dieses Motiv wird auch von in Goethes »Faust« aufgegriffen, wo die Figur Mephistopheles nicht nur an die Loki-Darstellung angelehnt ist, sondern sich selbst auch als »Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft« (Version: Reclam, 1971) bezeichnet.

Ein Bösewicht kann nichts Gutes schaffen?

Doch! Gerade die Wege dieser Bösewichte sind am faszinierendsten zu verfolgen. Jemandem, der einer Gemeinschaft Zusammenhalt bringt und für Sicherheit sorgt, traut man schließlich nicht zu, im Hinterzimmer Menschen zu foltern und Verbrechen zu begehen. Und gerade das macht sie so gefährlich, die Bösewichte, die man nicht auf den ersten Blick erkennt; die wir ja leider auch im echten Leben haben. Ein passendes Beispiel hierfür ist die Figur Oswald Cobblepot, der »Pinguin«, aus der Batman-TV-Serie »Gotham«. Auch wenn der Zuschauer von Anfang an weiß, wie manipulativ und hinterhältig er ist, gelingt es ihm im Verlauf der Serie, den Posten des Bürgermeisters zu erlangen, weil er den Leuten genau das erzählt, was sie hören wollen. Der Slogan »Make Gotham Save Again«, die verwendete Rhetorik und vor allem auch das Aussehen des Charakters sind dabei eine direkte Anspielung auf die zum Zeitpunkt des Drehs und der Erstausstrahlung noch unentschiedene US-Präsidentschaftswahl. Die düstere Vorhersehung, die eigentlich als Satire geplant war, bleibt.

Aus der Literatur und den Nachrichten kennen wir viele Bösewichte, über deren Taten wir nur den Kopf schütteln können, weil sie sich schlicht und einfach mit keinem anderen Wort beschreiben lassen als »böse«. Bei anderen »Bösewichten« sind die Beweggründe offensichtlich »gut«, wie bei radikalen Umweltaktivisten. Sie wollen die Natur und unseren Lebensraum schützen, greifen hierzu allerdings zu Methoden, die wir alle im Normalfall als »böse« einordnen würden – genau das macht es schwierig für uns einzuordnen, ob nun jemand ein böser Antagonist, böser Protagonist oder einfach nur ein Bösewicht ist.

Und die Moral von der Geschicht‘

Gut und Böse wie im Märchen klar voneinander zu trennen, ist unmöglich. Jeder von uns trägt positive und negative Eigenschaften in sich: Mal sind wir eifersüchtig, streiten mit unseren Geschwistern oder wollen einfach nur unsere Meinung durchsetzen. Aber werden wir dadurch auch böse oder gar gewalttätig? Manchmal, doch ganz sicher nicht jedes Mal. Und deswegen ist es unsere Pflicht, als Leser und Autoren, wie auch als Menschen, die Beweggründe eines Bösewichtes zu hinterfragen un22d vielleicht sogar zu verstehen, statt sein »Bösesein« einfach als gegeben hinzunehmen. Denn wer weiß – vielleicht verbirgt sich dahinter ja die nächste spannende Geschichte…

*Artikel geschrieben von Grumpy Moon, Anne Zandt und Laura Kier

Autoren Urlaub

Kampfszenen mit Wumms

Sie griff nach ihrem Schwert. Er griff nach seinem Schwert. Er schlug nach ihrem Schwert. Sie parierte mit ihrem Schwert. Er sprang nach vorn. Sie duckte sich und holte aus. Ihr Schwert traf sein Schwert. Es war sehr aufregend.

Und, habe ich eure Aufmerksamkeit genug strapaziert? Dann sind wir schon mitten im Thema. Jede Autorin hat ihre Stärken und Schwächen – einige beschreiben zuviel, andere leiden unter hölzernen Dialogen. Bei Kampfszenen allerdings schlagen alle, die ich kenne, die Haare über dem Kopf zusammen. Denn: Beim Kampf muss es schnell gehen. Viele Dinge passieren auf einmal. Und die meisten von uns sind mit Kämpfen und physischer Action generell eher weniger vertraut. (Das gilt besonders für Autorinnen, alles theorieverliebte Schöngeister.)

Trotzdem kann es in einer Geschichte nicht nur um tiefschürfende Gedanken, Licht und Liebe gehen. Ab und zu braucht man etwas Action – genau wie im richtigen Leben. Der Trick besteht darin, diese Action gleichzeitig für das innere Auge gut sichtbar und für den Lesefluss ausreichend schnell zu gestalten. Mitten in einem Kampf auf Leben und Tod mit dem radioaktiven Rochen von Rhodos will niemand drei Seiten Beschreibung der lebendigen Schuttberge im Tal der Finsternis lesen. Andererseits ist es vielleicht gut, zu wissen, dass es diese lebendigen Schuttberge GIBT, wenn plötzlich einer dieser Schelme nach unserer Protagonistin greift und ihrem Gegner damit zum entscheidenden Vorteil verhilft – oder vielleicht doch nicht?

Zugegeben, ich tue mich auch schwer mit schnellen Szenen. Im Verlauf einiger Bücher, in denen es gelegentlich heftig zur Sache geht, habe ich mir allerdings eine Handvoll Tricks zugelegt, die mir bei solchen Szenen helfen.

Zuerst das Wichtigste: Actionfiguren – lacht nicht! Habt ihr schon einmal vor einer Szene mit vielen wild ineinander verkeilten Charakteren gesessen? Ich habe ja so schon selten Ahnung, wer gerade was mit wem treibt. Und um nicht vollständig den Überblick zu verlieren, stelle ich die entscheidenden Szenen mit kleinen Figuren (können auch Minisalamis sein) nach. So weiß ich immer, wer gerade womit beschäftigt ist. Das ist natürlich für Kampfszenen am praktischsten, aber mit Hilfe einer Landkarte lassen sich so auch wilde Verfolgungsjagden oder Versteckspiele nachstellen. Nie wieder verlorengegangene Charaktere im Labyrinth des Wahnsinns (es sei denn, ihr wollt es so).

Na, wer erkennt den Film? (Foto (c) Diandra Linnemann)

Zweitens: Lernt kämpfen. Oder guckt wenigstens viel und oft zu, wenn sich andere Leute auf die Ömme hauen, die es wirklich können. Also keine bombastischen Wrestling-Matches, sondern eher Re-Enactment-Kämpfe oder Kampfsportmeisterschaften. Man vertut sich nämlich oft dabei, wie lange etwas dauert oder wie viel Platz man für eine Aktion hat. Muss natürlich nicht extra gesagt werden, aber wenn ihr schon in der Nähe von Profis sind und die gerade friedlich aussehen, löchert sie mit so vielen Fragen, wie geht. Aus Büchern kann man auch eine Menge lernen, aber ich finde, dass gerade bei so schwierig zu beschreibenden Dingen der Anschauungsunterricht nicht zu kurz kommen sollte – vor allem wegen der Geräusche! Vor einigen Jahren habe ich einen von der lokalen Polizei angebotenen Selbstbehauptungskurs besucht, den schlachte ich heute noch aus. (Und ich weiß jetzt, dass ich keine Hemmungen habe, fremden Leuten ins Gesicht zu schlagen. Niemand ist perfekt.)

Drittens: Gute Vorbereitung ist alles. Niemand taucht gerne mit einem Messer in der Tasche bei einer Schießerei auf, oder? So ähnlich verhält es sich auch mit literarischer Action: Jede Beschreibung, die ihr vorab unterbringt, könnt ihr in den schnellen Szenen als bekannt voraussetzen. Lasst eure Charaktere also ruhig an bekannten Schauplätzen aufeinander eindreschen, davon profitieren alle Beteiligten.

Und zu guter Letzt: Wenn ihr nicht gerade einen megabrutalen Slasher schreibt, ist weniger wahrscheinlich mehr. Persönlich finde ich es höchstens langweilig, wenn beispielsweise in Thrillern momentan immer schneller immer mehr Blut auf noch brutalere Weise fließen muss. Das ist nämlich keine große Kunst. Die Kunst besteht darin, Action und Gewalt so darzustellen, dass sie dem Leser unter die Haut geht – er soll verstehen, warum Gewalt stattfindet, und mit den Figuren mitleiden (sogar mit den Bösen).

Habt ihr Beispiele für besonders gelungene Actionszenen (selbst geschriebene oder gelesene) parat?

Autorin des Textes ist Diandra Linnemann

Autoren Urlaub

Lohnen sich Comic Conventions auch für Autor*innen?

Die Autorin, die mit ihrem Namen nicht nur das Alphabet umschließt, beendet nun auch den Comic-Monat, den sie eingeleitet hat – und zu dem sie noch wesentlich mehr hätte schreiben können, wenn sie nicht gerade Märchensommer gehabt hätte.

Doch heute geht es nicht um Comics an sich, sondern um deren Zelebrierung auf Conventions. Ich selbst bin bisher auf vier Conventions gewesen: Der ChiSaiiCon in Hamburg, der German Comic Con Berlin, der Connichi in Kassel und kurz mal gucken auf der Manga-Comic-Con während der LBM.
Conventions sind faszinierend. Man trifft Leute, die die gleichen Interessen teilen und zum Teil mit sehr aufwändig selbst geschneiderten Kostümen unterwegs sind. Unterschiedliche Künstler*innen präsentieren ihre Werke und Händler preisen Merchandise zu allen erdenklichen Reihen an.

Doch neben den gezeichneten Geschichten finden auch immer mehr Bücher ihren Weg auf diese Conventions.

Auf meiner ersten Convention habe ich mich noch nicht selbst als Autorin bezeichnet, eher als Hobbyschreiberling, dort habe ich eher die anderen bewundert. Mit einem Autoren, der gerade sein Debüt auf der Convention vorstellte, habe ich mich dann über seinen Weg unterhalten. Der Workshop “Krimispiel im Irrenhaus” war da allerdings wesentlich interessanter. In einer Mischung aus Rollenspiel und Detektivgeschichte schlüpften wir in die verschiedenen Rollen, um ein Problem zu lösen.
Als Autorin eine gute Möglichkeit Reaktionen von anderen zu sammeln, wie Charaktere mit bestimmten Macken umgesetzt werden können.

Auf GCC und der Connichi sah ich mich dann eher als Bloggerin, während die Autorin neue Eindrücke sammelte, sich aber im Hintergrund hielt. Zum ersten Mal sah ich bewusst die Stände in der Artist-Alley. Während meine Begleiterinnen die Zeichnungen betrachteten, hielt ich nach Büchern oder Manga Ausschau. Die Zusammenarbeit mit der Märchenspinnerei und die diversen Webcomics, denen ich folge, hatte mir zu dem Zeitpunkt gezeigt, dass es wichtig ist, diese Leute zu unterstützen.

Die Autorin nahm auf der Connichi dennoch an einem Schreib-Workshop von Yamato Ôkami teil. Viel zu viele Leute hatten die gleiche Idee, sodass es eher ein Ping-Pong zwischen einzelnen Leuten war – inklusive mir – als eine tatsächliche Behandlung des Themas. Es war dennoch interessant, sich mit anderen Autor*innen auszutauschen. Denn wenn es etwas gibt, dass in der Comic Szene weit verbreitet ist, dann sind es Autor*innen, die entweder an ihren eigenen Werken schreiben oder sich mit Fanfictions* vergnügen.

Auf der MCC fühlte ich mich dank des Nornennetzes zwar mehr als Autorin, dennoch führten meine Gespräche eher zu einer Kooperation als Bloggerin. Was aber auch überhaupt nicht schlimm ist, denn gemeinsame Aktionen sind in beiden Bereichen sinnvoll. Und dafür bieten sich Conventions definitiv an. Wer seinen Horizont erweitern will, oder jemanden für Grafiken in seinem nächsten Werk sucht, ist hier definitiv an der richtigen Stelle um entsprechende Kontakte zu knüpfen.

Kurz gesagt: Für mich sind Conventions eine offenere Plattform um gleichgesinnte Nerds kennenzulernen, wenn man sich darüber hinaus noch zu Autorenthemen informieren oder austauschen kann, umso besser.

Lohnt es sich also als Autor*in sich auf Comic Conventions einzulassen?

Um neben meiner eigenen Meinung auch andere zu Wort kommen zu lassen, habe ich den Nornen Jule M. Reichert und Diandra Linnemann, der Märchenspinnerin Christina Löw, sowie der deutschen Mangaka Genji Otori und dem Künstlerpaar Blätterklingen & Mohnfuchs Fragen zu ihren Convention Erfahrungen gestellt.

#1: Mit welchen Erwartungen gehst du als (schreibender) Gast auf eine Convention?

Diandra: Ich gehe generell selten auf Conventions, weil ich große Menschenmengen nicht besonders mag. Wenn ich hingehe, will ich mich allerdings in erster Linie amüsieren und viele bunte Dinge sehen. Da ist es auch egal, ob ich schreibender oder „nur“ konsumierender Gast bin. (Wobei ich den Verdacht habe, dass schreibende Menschen generell anders ticken, aber das wäre dann ja auch nicht nur auf Conventions beschränkt.)

Jule: Eigentlich ganz einfach: Leute treffen, die man noch nie persönlich gesehen hat, und Verlage und Künstler begutachten, die vielleicht irgendwann einmal interessant sein könnten. Außerdem gibt es immer unheimlich viel inspirierendes zu sehen.Bilder von den soeben genannten Künstler, Buchcover und ich halte auch immer sehr gerne nach Verkleidungen/Cosplayern ausschau

Christina: Ich muss gerade echt überlegen, ob ich schon mal einfach als Besucherin auf einer Con war, ich glaube nicht. (Bevor ich selbst Ausstellerin war, habe ich meist irgendwo am Stand ausgeholfen.)

Genji: Mein letzter Besuch als Gast auf einer Convention ist schon sehr lange her und damals lag der Schwerpunkt auf Cosplay. Darum beschreibe ich einfach mal, wie ich meine Pausen verbringe und worauf ich achte.

Wenn ich zwischendurch meinen Stand in den Händen meines Helfers gebe, schaue ich mir sehr gerne die Künstlerstände an. Vor allem halte ich Ausschau nach Indie-Comics/Manga, da ich sehr gerne lese, was in der deutschen Kreativszene passiert. Verlage und Kleinverlage sind auch eine Anlaufstelle für mich, da man sich dank Mappensichtungen Feedback oder neuen Input holen kann. Viele meiner Entwicklungen habe ich erfahrenen Redakteuren oder anderen Zeichnern/Autoren zu verdanken.
Am meisten jedoch erhoffe ich mir, Freunde zu treffen, abends gemeinsam essen zu gehen und mich mit den anderen über die Erlebnisse auf der Con auszutauschen.

Blätterklingen: Erwartungen sind immer so ein Ding. Ich freue mich über jedes angenehme Gespräch und jedes verkaufte Buch, aber ich erwarte eigentlich gar nichts. Ich stelle meine (oder eher unsere) Bücher immer zusammen mit meiner Frau aus und sehe das eher als Ergänzung der Marke „Mohnfuchs“. Wie du schon richtig formulierst: ich bin Gast.

#2: Hast du als Besucher mal an Schreib- oder ähnlichen Workshops auf Conventions teilgenommen? Wenn ja, wie hat dir das gefallen?

Diandra: Bisher noch nicht – wenn es einen interessanten Workshop gäbe, könnte ich es mir aber vorstellen.

Jule: Hast du als Besucher mal an Schreib- oder ähnlichen Workshops auf Conventions teilgenommen? Wenn ja, wie hat dir das gefallen?
Da ich beruflich unter Anderem ja auch “für das Web” schreibe, ja, da gab es Workshops. Allerdings alle beruflich bedingt und nicht wirklich auf mein Möchtegernautorendasein bezogen 😉 Und Schreiben ist auch nicht immer gleich Schreiben, wie Autor weiß.
Alles andere fiel bisher leider unter den Tisch, da ich solche Veranstaltungen vornehmlich mit meinen Kindern besuche. Da hat man keine Zeit für Fortbildungen.

Christina: Durch #1 habe ich das tatsächlich noch nie gemacht, ich finde die Idee aber super und würde so was als Besucherin auf jeden Fall mal testen.

Genji: In den letzten Jahren bin ich leider immer als Aussteller zu Conventions gefahren und vor dieser Zeit immer als Cosplayer. Von daher hab ich zu meiner Schande noch keinen Schreibworkshop mitgemacht. Stattdessen treffe ich mich regelmäßig mit anderen Mangaka und Autoren, wo wir über mehrere Tage an diversen Projekten gemeinsam arbeiten und uns gegenseitig Feedback geben.

Blätterklingen: Ja, auf dem Comic Salon Erlangen und beim Tübinger Bücherfest habe ich mal bei Workshops mitgemacht. Gefallen haben sie mir schon, aber ob sie mich wirklich weitergebracht haben? Eher nicht. Es ist sicherlich ein erheiterndes Tagesprogramm. Man bekommt einen seichten Überblick, trifft nette Leute, aber das war es dann auch. Man lernt meiner Meinung nach nur in direkter Beschäftigung mit anderen Autoren/Künstler. Ich bin Mitglied einer Künstlergruppe und moderiere eine Autorengruppe in Tübingen und ich denke durch die konkrete Beschäftigung mit dem Schaffen anderer und ihrer Reaktion auf das Schaffen von dir als Autor oder Künstler kann man etwas lernen. Ich persönlich habe so sehr viel mehr gelernt als ich jemals für möglich gehalten habe, selbst schlechte Texte können einem helfen besser zu werden und Fehler zu vermeiden.

#3: Mit welchen Erwartungen gehst du als Aussteller?

Diandra: Als Aussteller habe ich immer nur assistiert, meine Beobachtung war, dass die befreundeten Aussteller ihre Kosten wieder reinholen möchten, befreundete „Konkurrenten“ treffen (i.e. andere Verleger/Gestalter/…), und in der Masse der Aussteller auffallen – das ist wohl das Schwierigste.

Jule: Das kommt auf den Rahmen des Ausstellers an ;D
In jedem Fall muss man sich mit dem Aussteller identifizieren können, dann klappt das auch irgendwie. Man kann in dem Rahmen seine eigenen Werke bewerben und auch darüber sicherlich gut Leute kennenlernen. Auf Neudeutsch nennt sich das ja “Netzwerken”.

Christina: Da ich erst kürzlich auf meiner 2. Con als Ausstellerin war, sind meine Erwartungen noch nicht sonderlich hoch … Ich hoffe eher, dass jemand mein Buch und die anderern der Märchenspinnerei gut findet, welche davon kauft und positiv weitererzählt dass es mich/uns gibt.

Genji: Für mich haben Conventions 3 Aspekte: zum einen der menschliche Aspekt. Neue Leute kennen lernen und Kontakte knüpfen. Natürlich schließt das mögliche Leser mit ein, aber auch Kontakte zu Verlagen, anderen Kreativen oder Bloggern/Podcastern. Und zum anderen der Geschäftsaspekt: kann ich genug verkaufen, damit ich mit einem Plus nach Hause gehe und wie ist der Marketing-Effekt für mein Produkt? Und schließlich der schönste Aspekt für mich: die vielen Freunde, die ich über die knapp 3 Jahre kennengelernt habe und die mir sehr ans Herz gewachsen sind.

Die Gewichtung der drei Punkte ist je nach Conventions sehr unterschiedlich. Zum Beispiel ist eine Comic Con Germany für mich weniger verkaufsstark wie eine Leipziger Buchmesse. Dafür ist der zwischenmenschliche Aspekt wesentlich größer. Auch kleinere Conventions wie die Animuc haben einen wesentlich stärkeren Fokus aufs Netzwerken. Hier versuche ich unter anderem Workshops zu geben, Vorträge zu halten und mit anderen Kreativen in Kontakt zu kommen. Große Messen wie die Leipziger Buchmesse oder Dokomi haben eine starke Gewichtung auf den Geschäftsaspekt. Ich versuche gerne Termine mit Verlagen zu machen (für Mappensichtungen oder Pitchs) und einen guten Gewinn nach Hause zu nehmen, den ich dann für neue Produkte oder Neuauflagen investieren kann.

Mohnfuchs: Ich gehe in der Regel mit sehr wenig Erwartung auf eine Messe. Zu Beginn war der Grund dafür, dass ich keine Ausstellererfahrung hatte und alles auf mich zukommen lassen wollte. Inzwischen bin ich durch die Erfahrung aber auch geerdet. Ich weiß (noch mehr), was die Leute bei mir mögen, was sie überrascht und was sie irritiert. Was ich aber immer „erwarte“: interessante Gespräche und viel zu lachen und freuen 🙂

#4: Wie würdest du das Interesse an deinen Werken im Vergleich Buchmesse zu Convention beschreiben?

Diandra: Schwierig zu sagen … Buchmessen sind ja auch etwas für den kulturell interessierten Nicht-Leser (subjektiv vermutet), während sich auf Conventions die „Hardcore-Fans“ herumzutreiben scheinen. Die sind dann auch interaktiver, nach meiner begrenzten Erfahrung, und eher bereit, Geld für neue Bücher auszugeben. (Alternativ sind Tentakel auf einer Convention einfach beliebter als in Kulturkreisen. )

Jule: Ich denke, es gibt für beides Vor- und Nachteile.
Conventions könnten gerade für Autoren in einem kleinen Verlag oder Selfpublisher eigentlich geeigneter sein, da diese kleiner und damit auch themenfokussierter sind. Dafür gibt es da noch viele andere Angebote neben Büchern, dass diese sogar wieder etwas herausstechen können, weil die Masse an anderem Lesestoff darum herum fehlt.
Andererseits haben eben auch nicht alle Menschen, die zu einer Convention gehen, interesse an Büchern. Will man also nur Buchmenschen begegnen, gewinnen die Buchmessen, die ja auch durchaus themenfokussiert sein könnten.

Christina: Da ich mit meinem Werk noch auf keiner klassischen Buchmesse war, keine Ahnung. (Ich bin gespannt, wie das bei BuCon und BuchBerlin dieses Jahr wird.)

Genji: Das kann man gar nicht so pauschal sagen. Ich selbst bin bisher nur auf der Leipziger Buchmesse gewesen, die für mich die verkaufsstärkste Messe vom ganzen Jahr ist. Sehr viel Einfluss darauf hat vor allem, dass sie an 4 Tagen stattfindet. Die meisten Conventions gehen zwei bis maximal drei Tage.

Dennoch würde ich sagen, dass vor allem die Buchmesse DIE Messe ist für eine Neuveröffentlichung, da hier Besucher gezielt nach neuem Lesefutter suchen, darüber berichten und reviewen. Einzige Conventions, die an ein ähnliches Interesse an meinen Veröffentlichungen stoßen, sind für mich Dokomi und Aninite (Österreich). Vor allem in Österreich habe ich ein sehr treues und engagiertes Publikum gefunden, was ich so nur auf der Buchmesse erlebt habe.

Nichtsdestotrotz haben Conventions auch einen hohen Stellenwert, da man hier genug Zeit hat, sich mit Leuten zu unterhalten. Auch wenn es quantitativ weniger Interessenten sind, sind die Begegnungen umso persönlicher.

Blätterklingen: Das ist schwierig zu beantworten, weil die Leipziger Büchermesse eigentlich unvergleichlich gut lief. Die Leute suchen nach neuen, unbekannten, aufregenden und waren bei der Buchmesse unheimlich aufgeschlossen. Gleichzeitig waren aber viele irritiert, das Nexus und Traumafabel illustrierte Erzählungen mit Comic-passagen und keine reinen Comis waren. Wer erwartet auf einer Buchmesse auch schon Bücher mit Fließtext *lach* Auf den kleinen und größeren Conventions auf denen wir waren, war das Interesse aber nicht merklich geringer. Sie waren nur kleiner als die LBM.

#5: Ist das Convention Publikum offener oder geschlossener für deine Werke als Buchmesse-Besucher?

Diandra: Wie gesagt, wenigstens bei Tentakeln war bis jetzt das Convention-Publikum offener. Irgendwie fürchte ich, die sind anschließend enttäuscht, wenn sich niemand auszieht. Aber es gibt ja Stofftentakel zum Trost. Bei meinen anderen Büchern habe ich es noch nicht probiert, den Erfahrungsbericht reiche ich ggf. im November nach.

Jule: Siehe oben 😉

Christina: Durch #4 kann ich das leider noch nicht beantworten. Frag mich im Oktober/November noch mal.

Genji: Schwierig zu sagen. Das hängt auch wieder von vielen Faktoren ab. Wie groß ist die Convention, welche anderen größeren Events sind in zeitlicher Nähe und wie ist sie aufgebaut? Liegt der Schwerpunkt der Con auf Merch? Liegt er auf Zeichner und das Thema Comics/Manga/Bücher? All die Faktoren ziehen bestimmte Arten von Besucher an. Welche, die einen großen Bogen um die Artist Alley machen. Oder welche, die gezielt nur wegen der Autoren und Zeichnern kommen und neugierig nach neuen Veröffentlichungen Ausschau halten.  Was man auch nicht unterschätzen darf, ist, zum wievielten Mal findet die Convention statt? Langjährig stattfindende Cons haben einen gewissen „Ruf“, den man für sich nutzen kann (bspw. die Dokomi, die sich die japanische Komiket zum Vorbild nimmt und somit einen großen Schwerpunkt auf die Artist Alley hat), während bei „frischen“ Cons alles Mögliche passieren kann.

Blätterklingen: Ich denke das Publikum vermischt sich sehr stark. Viele Gesichter, die wir auf der LBM gesehen haben, sind uns auch auf Cons wieder begegnet. Daher empfinde ich die Trennung jetzt eher als künstlich. Da wäre es leichter zwischen verschiedenen Cons zu unterscheiden – In Künstlergruppen auf Facebook wird regelmäßig diskutiert welcher Stilbereich bei welcher Con besser ankommt, Manga hier, Comic dort und Illustrationen in ungewöhnlichen Stil vielleicht wo ganz anderes.

#6: Sonst noch irgendwelche Anmerkungen zum Thema?

Diandra: Leider habe ich insgesamt noch nicht so viel Erfahrungen mit Messen oder Conventions; wenn ich nach Berichten von extrovertierteren Freundinnen gehe, scheint bei Conventions eher das Erlebnis zu zählen – Leute treffen, Dinge erleben, Spaß haben. Also all die Dinge, die mir sowieso nicht liegen. ^^

Jule: Ja ;P Ich schöpfe nur aus beruflicher Nicht-Autoren-Erfahrung und einigermaßen logischem Denken, was das Thema angeht. Gemacht habe ich so etwas wirklich noch nicht – in Ermangelung von etwas, das ich bei so etwas anbieten könnte und Zeit.

Christina: Was ich auf den Cons bisher immer super fand, war neben dem Austausch mit den Besucher*innen vor allem auch der Austausch mit anderen Autor*innen vor Ort – und Aussteller*innen anderer Art. Schon bei der zweiten Con, auf der man sich wiedersieht, ist es ein schönes, fast schon familiäres Gefühl mit den bekannten Gesichtern – und mit den neuen geht das auch ab Tag 2 los.

Genji: Lohnen sich Comic Conventions für Autor*innen? Definitiv ja! Ob nun als Besucher oder gar Aussteller. Denn nirgends sonst trifft man sich, um dem gemeinsamen Interesse von Mangas und Comics zu frönen. Allein deswegen ist die Atmosphäre immer sehr locker und entspannt. Man kann sehr leicht neue Kontakte knüpfen und Erfahrungen austauschen. Wenn man als Autor unterwegs ist und einen Zeichner sucht, ist das auch der beste Ort, um sich umzuschauen und eventuell sogar einen Projektpartner zu finden. Selbst wenn die Convention zu keinem eindeutigen Ergebnis geführt hat, baut man sich so langsam ein Netzwerk auf und sammelt wichtige Erfahrungen in der Szene: Was ist angesagt? Wie ist die Arbeitsweise von anderen Kreativen? Wie reagieren Leute auf die eigenen Werke? Was denken sie darüber? Wie kann ich mein Produkt am besten bewerben?

Wenn man sich vor allem Zeit nehmen möchte, um mit Leuten zu reden, empfehle ich immer, an den besucherschwächsten Tagen zu kommen. Es ist weniger Gedränge und für die Aussteller auch weniger stressig wie beispielsweise ein Samstag.

Zu guter Letzt noch der Hinweis, dass Conventions von der Qualität sehr unterschiedlich sein können. Von daher sollte man als kompletter Neuling auf jeden Fall vorab nach Erfahrungsberichten suchen oder andere Aussteller/Besucher befragen.

Blätterklingen: Wenn ihr selbst ausstellen wollt: egal wie klein euer Stand ist, nehmt euch immer einen Standhelfer mit. Niemand schafft es 10 – 14 Stunden am Stück ohne Probleme am Stand zu verweilen. Und nehmt genug Süßigkeiten mit! Zucker ist euer Freund und natürlich Koffein in allen Farben des Regenbogens.

Mit diesen Gedanken, wer weiß, vielleicht gibt es irgendwann auch einen Nornennetz-Stand auf einer Comic Con, mit unseren Künstlerinnen und Büchern.

* Interessante Beiträge zum Thema vom Schreibmeer:

**Autorin des Beitrags ist Anne Zandt

Autoren Urlaub

Nicht nur Nomen est Omen – was Namen und Kleidung über Charaktere aussagen

Ich habe einen oft wiederkehrenden schrecklichen Traum. In einem dunklen Raum sitzen lauter Autorinnen, die sich über ihre Romane unterhalten. Eine Stimme fragt: “Wie würdet ihr den Protagonisten in einem Liebesroman nennen?”
Ich beginne, Fragen zu stellen: “Wo spielt die Geschichte? Und in welchem Jahrhundert? Sind seine Eltern religiös? Hat seine Mutter einen Lieblingsschauspieler?”
Aber niemand hört mich, denn da sind andere Stimmen, die mich übertönen: “Nenn ihn Bradley!”
“Ich finde Jonas gut!”
“Wie wäre es mit Aciathrion?”
Wenn ich aufwache, bin ich schweißgebadet.

Zugegeben, ich bin vorgeschädigt. Während meines Studiums, noch ehe das Bachelor-Desaster über die deutschen Universitäten hereinbrach, hatte ich die Chance, quasi nebenbei einige Kurse in Soziologie zu belegen. Für eine richtige Karriere war mir das Fachgebiet zu unsicher – ich bin stattdessen diplomierte Übersetzerin geworden – aber einen Eimer voll mit nützlichem Wissen habe ich aus den Kursen dann doch mitgenommen. (Unter anderem die Erkenntnis, dass es bei Powerpoint-Präsentationen so etwas wie “zu viele Special Effects” gibt.)
Das Wichtigste für mein Leben als Autorin ist jedoch die Erkenntnis, dass Menschen ein Produkt ihrer Umgebung sind, und das sieht und hört man ihnen auch an. Kleidung beispielsweise ist nicht nur etwas, das einen warm hält, sondern ein Statement – sogar wenn das Statement lautet: “Mir ist egal, wie es aussieht, Hauptsache es hält warm.”


[Statement: „Hauptsache bunt“.]

In älteren Comics wurde Kleidung oft vereinfacht dargestellt, da es an den technischen Möglichkeiten fehlte, groß ins Detail zu gehen. Menschen im Hintergrund waren eher farb- und freudlos, wichtige Personen in bunten Farben dargestellt – und Superhelden trugen Capes, um die Bilder dynamischer wirken zu lassen. Oft bleibt die Kleidung eines Charakters über lange Zeit gleich oder ändert sich nur minimal, denkt etwa an Donald Duck! Auf diese Weise kann man sich in Comics und Graphic Novels leicht zurechtfinden und die verschiedenen Charaktere schnell erkennen und zuordnen.
In der realen Welt funktioniert das ganz ähnlich. Den Markenklamottenzwang unter Jugendlichen haben klügere Leute als ich schon mit mehr Worten geschunden, doch auch im Büro oder Samstags in der Innenstadt spielt Kleidung eine Rolle. Mit Kleidung drücken Leute aus, wie sie gesehen werden wollen und was sie für angemessen halten. Wie lang oder kurz ist ein Rock? Wieviel Haut zeigt man? Ist Mustermix okay oder nicht? Und diese Entscheidungen, auch wenn man da morgens nicht viel Zeit drauf verschwendet, entstehen nicht im Vakuum oder finden zufällig statt. Wir sind nämlich durch unsere Umgebung geprägt. In vielen Familien gehört der Satz: “Willst du wirklich so rumlaufen?” zum festen Elternrepertoire. Und ob wir später den Vorstellungen unserer Eltern folgen oder rebellieren und uns neu erfinden wollen – so oder so beeinflussen sie unseren Stil und unser Aussehen. Aber es geht nicht nur um Stil, sondern auch um Kleinigkeiten wie das eigene Budget oder die ethischen Anforderungen, die man an seine Kleidung stellt: Eine Frau im Chanel-Kostüm mit teurer Handtasche wird ganz anders wahrgenommen als ein Sektenanhänger im gelben Betttuch mit Flipflops an den Füßen und Blumen im Bart. Wir sehen, wie Leute herumlaufen, und treffen direkt Annahmen über sie. Kopftuch – Muslima. Mönchskutte – katholisch. Socken in Sandalen – eher gemütlich als modebewusst. Und so weiter.
Mit Namen, um auf meinen Albtraum einzugehen, sieht es ganz ähnlich aus – nur dass wir uns den meistens nicht selbst aussuchen. Versucht es einmal selbst: Macht die Augen zu (nachdem ihr diesen Absatz zu Ende gelesen habt natürlich) und stellt euch einen Hans vor. Wie sieht der aus? Wo kommt er her? Genau. Und jetzt macht das gleiche mit einem Gerome. Oder mit einem Alistair. Einer Kunigunde, einer Helga und einer Jamila.


[Wir hätten den Kater vielleicht nicht Greebo nennen sollen.]

Habt ihr es gesehen? Dann könnt ihr die Augen wieder aufmachen. Und jetzt überlegen wir gemeinsam, was wir mit einem Namen über unsere Charaktere aussagen. Natürlich ist Mark oder Bryce ein cool klingender Name, aber wenn die Geschichte zufällig in Unterföhren spielt, brauche ich als Autorin schon eine wirklich gute Ausrede dafür, dass ausgerechnet dort ein Bryce herumrennt. Als nächstes: Was für Anekdoten erlebt er wohl wegen seines Namens? Wurde er gemobbt? Hat er sich einen Spitznamen zugelegt? In einem meiner Lieblingsbücher, “Die Frau des Zeitreisenden” von Audrey Niffenegger, planen die Protagonisten seitenweise den Namen eines ungeborenen Kindes – der Name soll gut klingen, einzigartig sein und eine positive Bedeutung haben. Soviel Energie wird in den meisten Familien von den Eltern in einen Namen gesteckt. Katholische Eltern nennen eine Tochter eher Maria oder richten sich nach dem jeweiligen Namenstag. Die berüchtigte “Dinkelmuttermafia” (Disclaimer: Ich habe nichts gegen Dinkel) läuft auf dem Spielplatz eher Kindern mit Namen wie Mariella-Friederike oder Yves-Alexander hinterher. Und bei Chantal denken die meisten von uns hoffentlich an die Assibratzen aus “Fack ju Göthe”.
Genug der klugen Worte. Natürlich haben Autorinnen große künstlerische Freiheit, aber gerade im Fantasybereich gilt meiner Meinung nach, dass die Dinge, die aus der realen Welt stammen (könnten), besonders glaubwürdig sein müssen, damit die Leser uns den ganzen fantastischen Rest abkaufen. Das gilt nicht nur, aber auch für Namen unserer Charaktere – und natürlich für Kleidung, obwohl man sie im Roman, anders als im Comic, nicht konstant vor Augen hat.

Diandra Linnemann verbringt mehr Zeit, als vernünftig ist, damit, die strengen Kleidungsregeln im Büro nur so gerade eben einzuhalten. Sie kleidet sich weder alters- noch standesgemäß und hat ein ausgeprägtes Farbkoordinationsproblem.

**Autorin des Beitrags ist Diandra Linnemann

Autoren Urlaub

Warum Urlaub auch für Autoren wichtig ist

Urlaub. Hier lässt man im Idealfall die Seele baumeln, entspannt sich einmal richtig. Ob das nun in weiter Ferne oder im heimischen Garten oder Balkon stattfindet, ist eigentlich egal. Wichtig ist nur, dass man die Gedanken schweifen lässt, sich vom Alltag mit all seinen Problemen und Nichtigkeiten löst und ganz einfach abschaltet. Urlaub ist für jeden wichtig. Warum er auch für uns Autoren sehr wertvoll sein kann, darüber möchte ich heute schreiben.

(Grafik: Elenor Avelle)

Die Frage nach der Motivation

Im Urlaub hat man endlich Zeit. Zeit, sich mit all den Dingen zu befassen, die liegengeblieben sind, die man neben Haushalt, Arbeit und Kindern nicht geschafft hat. Die Liste ist gigantisch und um sie abzuarbeiten müsste die freie Zeit eigentlich doppelt so lang sein, wie angedacht. Eigentlich ist die Motivation da, der Druck etwas zu schaffen wegen der Liste sowieso. Aber irgendwie fehlt es doch an etwas. Woran? An der Motivation.
Leider taucht im Urlaub meiner Erfahrung nach häufig das Phänomen auf, dass ich mir Unmengen von Dingen vornehme, darunter auch viele kreative Sachen, und am Ende nur einen Bruchteil davon überhaupt angehe. Den Rest der Zeit liege ich faul auf der Couch oder fahre zum Strand. Die Motivation hat mich in solchen Momenten einfach im Stich gelassen und das, obwohl ich voller guter Absichten gestartet bin. Woran liegt das?

Zu viel ist zu viel

Nachdem ich einige freie Zeit auf genau diese Weise verbracht hatte und mich zunehmend darüber geärgert habe, dass ich im Urlaub einfach nichts schaffe, habe ich mir Gedanken darüber gemacht, woran das liegen könnte. Relativ schnell bin ich zu dem Schluss gekommen, dass ich mir einfach zu viel vornehme. Nämlich so viel, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll und es deshalb lieber gleich lasse. Gerade für kreative Tätigkeiten brauche ich im Urlaub Raum – um mich darauf einlassen zu können, weil ich ja gerade nicht im Arbeitsmodus bin und Punkt für Punkt meine To-Do-Liste abarbeite. Das ist zwar effektiv und ich arbeite damit in der nicht freien Zeit auch sehr gut, aber irgendwann braucht man davon eine Pause. Weil ich mich innerlich weigere in meiner freien Zeit in diesen Modus zu verfallen, schiebe ich die Arbeit daher von mir weg. Es ist also ein anderes Arbeiten als sonst. Ein Arbeiten, bei dem ich mir mehr Raum gebe und im Zweifelsfall auch einfach weniger schaffe, dafür aber kreativer bin und weniger fest definierten Strukturen folge.

Inspiration

Genau diese Art zu arbeiten ist es dann auch, die mir die beste Inspiration bringt. Meine Gedanken auf die Reise zu schicken und eben nicht das nächste Kapitel, die optimale Charakterentwicklung oder die Deadline vom Verlag im Nacken zu haben, bringt neue Ideen und spannende zukünftige Projekte zu mir. Jetzt stellt sich bestimmt der ein oder andere die Frage: Wieso arbeitest du nicht immer so wie im Urlaub? Das kann ich ganz einfach damit beantworten, dass diese Art des Arbeitens zwar funktioniert, aber nur für eine Weile. Ich brauche die Mischung aus Druck, strukturiertem und geplantem Arbeiten und der Freiheit, meine Gedanken schweifen zu lassen. Beides bringt mich voran und wenn dann noch eine aufregende neue Umgebung dazukommt, kann ich fast sicher sein, dass mir die nächste neue Geschichte schon bald auf der Schulter sitzt.

**Autorin des Beitrags ist Anna Weydt

Sommerferien und #mamaschreibt: 10 Tipps zu Produktivität und Time-Management (Felicity Green)

Bekanntlich fällt man ja als Autor entweder in die Kategorie der „Plotter“ oder „Pantser“ . Entweder man plottet seine Geschichte und hat eine detaillierte Outline und Szenenbeschreibungen, an die man sich bei Schreiben hält. Oder man lässt sich völlig von Inspiration treiben und schreibt quasi spontan und aus dem Bauch heraus (nach dem Englischen „fly by the seat of one’s pants“).

Als schreibende Mama gestaltet man seinen Alltag wahrscheinlich nach dem gleichen Prinzip. Enweder man hat einen Plan, eine Routine, an die man sich hält, damit der prekäre organisatorische Balanceakt, Haushalt, Job, Kinder, Ehe, Schreiben und Freizeit alles gleichzeitig zu schmeißen, auch gelingt, oder man lässt alles entspannt auf sich zukommen und hofft, dass sich dann doch irgendwie alles zum Guten entwickelt, frei nach dem Motto: „Wenn das Kind Hunger hat, wird es sich schon melden.“

Egal, wie man es anpackt, ob Plotter oder Pantser, im Schreiben und im Leben kommt es meist sowieso ganz anders als man sich gedacht hat.

Autoren Urlaub

Und das ist auch gut so.

Aber egal, wie pantsig man unterweg ist, die Sommerferien werfen einen dann doch irgendwie aus der Bahn, stimmt‘s? Die Kinder sind den ganzen Tag zu Hause und wollen dauernd etwas von einem. Meistens Eis. Oder ein Pflaster. Und bei 30 Grad das Klo zu schrubben hat man ja auch keine Lust. Abend findet man sich dann eher mit einem Glas Wein in der Hand auf der Terrasse wieder, statt mit der Tastatur unter den Fingern im Büro. Bevor man sich versieht sind sechs Wochen vorbei und man hat außer Postkarten im Urlaub kein Wort geschrieben. Das Manuskript liegt irgendwo in einer Scrivener-Datei brach und im Herbst braucht man dann ewig, bis man sich wieder reinfindet.

Ich** persönlich bin ja der totale Plotter, weil es mir wenigstens erstmal das Gefühl gibt, alles unter Kontrolle zu haben. Ein ganzes Buch zu schreiben – oder ein ganzes Kind zu erziehen – ist nicht mehr so überwältigend, wenn man einen Plan hat und jeden Tag kleine Teilziele erreichen kann. Das klappt bei Büchern ziemlich gut. Wie das mit dem Kind aussieht, kann ich noch nicht berichten, denn ich habe noch keins fertig.

Deswegen ist es vielleicht eine gute Idee, gerade für die Sommerferien ein wenig zu plotten. Wenigstens was das Time-Management für die Schreiberei angeht. Die Kinder könnt ihr dann ja machen lassen, was sie wollen, und euch dann im Herbst wieder in die Erziehung reinfinden.

Schreiben in den Sommerferien – geht das mit Kindern überhaupt (Foto: Eva-Maria Obermann)

Hier sind ein 10 Tipps für maximale Schreibproduktivität und gutes Time-Management von mir und anderen schreibenden Mama-Nornen:
  1. Früh aufstehen

    Versucht es wenigstens drei Tage die Woche. Ich weiß, lässt so das Ferienfeeling gar nicht aufkommen, aber glaubt mir, das ist sehr produktiv gleich morgens, bevor die Kinder aufgestanden sind, wenn es noch kühl ist zu schreiben. Selbst wenn es nur eine halbe Stunde ist. Ihr bleibt damit sozusagen im „Schreibmodus“ und am Ende der Ferien kommt bestimmt eine ansehnliche Wortzahl dabei raus! (Tipp von mir, Felicity)

  2. Nachts schreiben

    Ihr seid aber die totalen Nachteulen? Dann macht es doch umgekehrt, so wie Janna Ruth: „Ich arbeite hauptsächlich nachts, wenn die Kinder im Bett sind. Manchmal ist das effizient, manchmal weniger, irgendwie klappt es aber.“

  3. Hilfe annehmen

    Ein Tipp von mir selber, den ich mir aber auch immer vorhalten muss. Viele müssen sich vielleicht auf Großeltern verlassen, wie u.a. Janna Ruth, Sienna Morean und Rabea Blue. Macht euch kein schlechtes Gewissen, die großzügigen Angebote voll auszunutzen, freut euch für die Kinder, die bestimmt gerne bei Oma und Opa sind, lasst mal Fünfe gerade sein, wenn es um die laxeren Erziehungsmaßnahmen der Großeltern geht … und schreibt einfach.

  4. Prioritäten setzen

    Wenn ihr es hinbekommt, Betreuung für die Kids zu organisieren, nutzt die Zeit nur zum Schreiben und versucht nicht, vorher noch schnell die To-Do-Liste abzuarbeiten. Im Sommer verbringt man die meiste Zeit doch eh im Garten, da kann man den Fernseher vielleicht auch mal ein bisschen Staub ansammeln lassen. (Tipp von mir, Felicity)

  5. Spontan sein und jeden Moment nutzen

    Diesen Tipp gaben fast alle Nornen, als ich sie fragte, wie sie Mamasein und Schreiben (und alles andere) unter einen Hut bekommen. „Mit Familie muss man flexibel sein“, sagt Elenor Avelle. Sienna Morean empfielt „immer dann zu schreiben, wenn das Kind gerade mit sich selbst beschäftigt ist oder es schläft“. Sie wird mit ihrem dreijährigen Sohn öfter bei den Eltern zu Besuch sein. „1-2 Stunden nehme ich mir dann die Zeit zum Schreiben, während mein Sohn fröhlich mit Oma und Opa im Garten spielt oder die Welt erkundet.“

  6. Tagsüber das Schreiben „vergessen“ und die Kinder voll beschäftigen

    Rabea Blue, die gerade zum dritten Mal Mutter geworden ist, meint: „Ansonsten werde ich versuchen viel spazieren zu gehen oder die Kids anderweitig auszupowern, sodass sie abends früh schlafen gehen (also so um 20h) und ich dann wie gewohnt schreiben kann.“

  1. Ideen notieren oder diktieren

    Rabea hat noch einen tollen Tipp, den ich nur unterschreiben kann: „Teilweise mache ich mir Notizen, teilweise nehme ich Sprachnachrichten auf“. Wenn man sich nicht wirklich konzentrieren kann, während die Kids um einen herum sind, um „richtig zu schreiben“ ist das eine gute Idee, um Inspiration wenigstens festzuhalten.

  2. Tagebuch führen oder Free Writing

    Und wer auch einfach mal nur Urlaub machen und sich gar nicht mit einem Schreibprojekt beschäftigen will, der kann es Anne Colwey nachtun: Führt einfach Tagebuch. Hin und wieder Gedanken darin festhalten, vielleicht mal 10 Minuten zum „Free Writing“ nutzen und alles niederschreiben, was euch in den Kopf kommt, kann erstens therapeutisch sein, zweitens schreibt ihr dann wenigstens etwas und drittens kommt da vielleicht sogar die eine oder andere Idee für das nächste Schreibprojekt zustande.

  3. Computer- und Fernsehzeiten für ältere Kinder genau planen und dann ausnutzen

    Wer etwas ältere Kinder hat, wie Moechtegernautorin, der kann natürlich auch wie sie „die Computer- und Fernsehzeiten der Kinder ausnutzen.“ Sie meint: „Sobald ich Musik auf den Ohren habe, kann ich auch wunderbar abschalten und mich konzentrieren.“

  4. Auf individuelle Stärken und Erfahrungen bauen

    Moechtegernautorin findet ohnehin, Mama sein bedeut, „Zeit effizient nutzen zu müssen“. „Dennoch war das mit dem Schreiben immer ein großer Kampf, denn im bisherigen „Familienkonzept“ war ich in Ermangelung an Unterstützung die alleinige Geldverdienerin, wollte natürlich auch für meine Kinder da sein und hatte im Grunde die ganze Verantwortung; für Kinder, Mann, Haustiere, Geld und Haushalt. Ich musste mir meine Zeit also immer schon gut einteilen. So organisierte und erkämpfte ich mir seit der Schwangerschaft mit Sohnemann mal mehr mal weniger Schreibzeit.“ Auch Elenor Avelle hat nicht viel Zeit zum schreiben und keine Familie für die Betreuung ihrer beiden Söhne im Schulalter in der Nähe. „Mein Zeitslot, um zu arbeiten ist dementsprechend klein. Aber ich mache das Beste daraus.“ Vielleicht müssen andere schreibende Mamas um Schreibzeit nicht ganz so sehr kämpfen, aber alle haben sicher ähnliche Erfahrungen, auf die sie in den Sommerferien zurückgreifen können. Also, Mamas, keine Panik schieben, sich auf Erfahrungen berufen und einen machbaren Plan für die Sommerferien erstellen, der zu den jeweiligen Umständen passt. Es lohnt sich vielleicht, sich vorher ein bisschen Zeit zu nehmen, und sich das richtig bewusst zu machen. „Für Effektivität kann ich nur empfehlen, dass jeder seine individuellen Stärken herausfindet und damit arbeitet.“ (Tipp von Elenor Avelle)

**Autorin des Beitrags ist Felicity Green