Autoren Urlaub

Warum Urlaub auch für Autoren wichtig ist

Urlaub. Hier lässt man im Idealfall die Seele baumeln, entspannt sich einmal richtig. Ob das nun in weiter Ferne oder im heimischen Garten oder Balkon stattfindet, ist eigentlich egal. Wichtig ist nur, dass man die Gedanken schweifen lässt, sich vom Alltag mit all seinen Problemen und Nichtigkeiten löst und ganz einfach abschaltet. Urlaub ist für jeden wichtig. Warum er auch für uns Autoren sehr wertvoll sein kann, darüber möchte ich heute schreiben.

(Grafik: Elenor Avelle)

Die Frage nach der Motivation

Im Urlaub hat man endlich Zeit. Zeit, sich mit all den Dingen zu befassen, die liegengeblieben sind, die man neben Haushalt, Arbeit und Kindern nicht geschafft hat. Die Liste ist gigantisch und um sie abzuarbeiten müsste die freie Zeit eigentlich doppelt so lang sein, wie angedacht. Eigentlich ist die Motivation da, der Druck etwas zu schaffen wegen der Liste sowieso. Aber irgendwie fehlt es doch an etwas. Woran? An der Motivation.
Leider taucht im Urlaub meiner Erfahrung nach häufig das Phänomen auf, dass ich mir Unmengen von Dingen vornehme, darunter auch viele kreative Sachen, und am Ende nur einen Bruchteil davon überhaupt angehe. Den Rest der Zeit liege ich faul auf der Couch oder fahre zum Strand. Die Motivation hat mich in solchen Momenten einfach im Stich gelassen und das, obwohl ich voller guter Absichten gestartet bin. Woran liegt das?

Zu viel ist zu viel

Nachdem ich einige freie Zeit auf genau diese Weise verbracht hatte und mich zunehmend darüber geärgert habe, dass ich im Urlaub einfach nichts schaffe, habe ich mir Gedanken darüber gemacht, woran das liegen könnte. Relativ schnell bin ich zu dem Schluss gekommen, dass ich mir einfach zu viel vornehme. Nämlich so viel, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll und es deshalb lieber gleich lasse. Gerade für kreative Tätigkeiten brauche ich im Urlaub Raum – um mich darauf einlassen zu können, weil ich ja gerade nicht im Arbeitsmodus bin und Punkt für Punkt meine To-Do-Liste abarbeite. Das ist zwar effektiv und ich arbeite damit in der nicht freien Zeit auch sehr gut, aber irgendwann braucht man davon eine Pause. Weil ich mich innerlich weigere in meiner freien Zeit in diesen Modus zu verfallen, schiebe ich die Arbeit daher von mir weg. Es ist also ein anderes Arbeiten als sonst. Ein Arbeiten, bei dem ich mir mehr Raum gebe und im Zweifelsfall auch einfach weniger schaffe, dafür aber kreativer bin und weniger fest definierten Strukturen folge.

Inspiration

Genau diese Art zu arbeiten ist es dann auch, die mir die beste Inspiration bringt. Meine Gedanken auf die Reise zu schicken und eben nicht das nächste Kapitel, die optimale Charakterentwicklung oder die Deadline vom Verlag im Nacken zu haben, bringt neue Ideen und spannende zukünftige Projekte zu mir. Jetzt stellt sich bestimmt der ein oder andere die Frage: Wieso arbeitest du nicht immer so wie im Urlaub? Das kann ich ganz einfach damit beantworten, dass diese Art des Arbeitens zwar funktioniert, aber nur für eine Weile. Ich brauche die Mischung aus Druck, strukturiertem und geplantem Arbeiten und der Freiheit, meine Gedanken schweifen zu lassen. Beides bringt mich voran und wenn dann noch eine aufregende neue Umgebung dazukommt, kann ich fast sicher sein, dass mir die nächste neue Geschichte schon bald auf der Schulter sitzt.

**Autorin des Beitrags ist Anna Weydt

Sommerferien und #mamaschreibt: 10 Tipps zu Produktivität und Time-Management (Felicity Green)

Bekanntlich fällt man ja als Autor entweder in die Kategorie der „Plotter“ oder „Pantser“ . Entweder man plottet seine Geschichte und hat eine detaillierte Outline und Szenenbeschreibungen, an die man sich bei Schreiben hält. Oder man lässt sich völlig von Inspiration treiben und schreibt quasi spontan und aus dem Bauch heraus (nach dem Englischen „fly by the seat of one’s pants“).

Als schreibende Mama gestaltet man seinen Alltag wahrscheinlich nach dem gleichen Prinzip. Enweder man hat einen Plan, eine Routine, an die man sich hält, damit der prekäre organisatorische Balanceakt, Haushalt, Job, Kinder, Ehe, Schreiben und Freizeit alles gleichzeitig zu schmeißen, auch gelingt, oder man lässt alles entspannt auf sich zukommen und hofft, dass sich dann doch irgendwie alles zum Guten entwickelt, frei nach dem Motto: „Wenn das Kind Hunger hat, wird es sich schon melden.“

Egal, wie man es anpackt, ob Plotter oder Pantser, im Schreiben und im Leben kommt es meist sowieso ganz anders als man sich gedacht hat.

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Und das ist auch gut so.

Aber egal, wie pantsig man unterweg ist, die Sommerferien werfen einen dann doch irgendwie aus der Bahn, stimmt‘s? Die Kinder sind den ganzen Tag zu Hause und wollen dauernd etwas von einem. Meistens Eis. Oder ein Pflaster. Und bei 30 Grad das Klo zu schrubben hat man ja auch keine Lust. Abend findet man sich dann eher mit einem Glas Wein in der Hand auf der Terrasse wieder, statt mit der Tastatur unter den Fingern im Büro. Bevor man sich versieht sind sechs Wochen vorbei und man hat außer Postkarten im Urlaub kein Wort geschrieben. Das Manuskript liegt irgendwo in einer Scrivener-Datei brach und im Herbst braucht man dann ewig, bis man sich wieder reinfindet.

Ich** persönlich bin ja der totale Plotter, weil es mir wenigstens erstmal das Gefühl gibt, alles unter Kontrolle zu haben. Ein ganzes Buch zu schreiben – oder ein ganzes Kind zu erziehen – ist nicht mehr so überwältigend, wenn man einen Plan hat und jeden Tag kleine Teilziele erreichen kann. Das klappt bei Büchern ziemlich gut. Wie das mit dem Kind aussieht, kann ich noch nicht berichten, denn ich habe noch keins fertig.

Deswegen ist es vielleicht eine gute Idee, gerade für die Sommerferien ein wenig zu plotten. Wenigstens was das Time-Management für die Schreiberei angeht. Die Kinder könnt ihr dann ja machen lassen, was sie wollen, und euch dann im Herbst wieder in die Erziehung reinfinden.

Schreiben in den Sommerferien – geht das mit Kindern überhaupt (Foto: Eva-Maria Obermann)

Hier sind ein 10 Tipps für maximale Schreibproduktivität und gutes Time-Management von mir und anderen schreibenden Mama-Nornen:
  1. Früh aufstehen

    Versucht es wenigstens drei Tage die Woche. Ich weiß, lässt so das Ferienfeeling gar nicht aufkommen, aber glaubt mir, das ist sehr produktiv gleich morgens, bevor die Kinder aufgestanden sind, wenn es noch kühl ist zu schreiben. Selbst wenn es nur eine halbe Stunde ist. Ihr bleibt damit sozusagen im „Schreibmodus“ und am Ende der Ferien kommt bestimmt eine ansehnliche Wortzahl dabei raus! (Tipp von mir, Felicity)

  2. Nachts schreiben

    Ihr seid aber die totalen Nachteulen? Dann macht es doch umgekehrt, so wie Janna Ruth: „Ich arbeite hauptsächlich nachts, wenn die Kinder im Bett sind. Manchmal ist das effizient, manchmal weniger, irgendwie klappt es aber.“

  3. Hilfe annehmen

    Ein Tipp von mir selber, den ich mir aber auch immer vorhalten muss. Viele müssen sich vielleicht auf Großeltern verlassen, wie u.a. Janna Ruth, Sienna Morean und Rabea Blue. Macht euch kein schlechtes Gewissen, die großzügigen Angebote voll auszunutzen, freut euch für die Kinder, die bestimmt gerne bei Oma und Opa sind, lasst mal Fünfe gerade sein, wenn es um die laxeren Erziehungsmaßnahmen der Großeltern geht … und schreibt einfach.

  4. Prioritäten setzen

    Wenn ihr es hinbekommt, Betreuung für die Kids zu organisieren, nutzt die Zeit nur zum Schreiben und versucht nicht, vorher noch schnell die To-Do-Liste abzuarbeiten. Im Sommer verbringt man die meiste Zeit doch eh im Garten, da kann man den Fernseher vielleicht auch mal ein bisschen Staub ansammeln lassen. (Tipp von mir, Felicity)

  5. Spontan sein und jeden Moment nutzen

    Diesen Tipp gaben fast alle Nornen, als ich sie fragte, wie sie Mamasein und Schreiben (und alles andere) unter einen Hut bekommen. „Mit Familie muss man flexibel sein“, sagt Elenor Avelle. Sienna Morean empfielt „immer dann zu schreiben, wenn das Kind gerade mit sich selbst beschäftigt ist oder es schläft“. Sie wird mit ihrem dreijährigen Sohn öfter bei den Eltern zu Besuch sein. „1-2 Stunden nehme ich mir dann die Zeit zum Schreiben, während mein Sohn fröhlich mit Oma und Opa im Garten spielt oder die Welt erkundet.“

  6. Tagsüber das Schreiben „vergessen“ und die Kinder voll beschäftigen

    Rabea Blue, die gerade zum dritten Mal Mutter geworden ist, meint: „Ansonsten werde ich versuchen viel spazieren zu gehen oder die Kids anderweitig auszupowern, sodass sie abends früh schlafen gehen (also so um 20h) und ich dann wie gewohnt schreiben kann.“

  1. Ideen notieren oder diktieren

    Rabea hat noch einen tollen Tipp, den ich nur unterschreiben kann: „Teilweise mache ich mir Notizen, teilweise nehme ich Sprachnachrichten auf“. Wenn man sich nicht wirklich konzentrieren kann, während die Kids um einen herum sind, um „richtig zu schreiben“ ist das eine gute Idee, um Inspiration wenigstens festzuhalten.

  2. Tagebuch führen oder Free Writing

    Und wer auch einfach mal nur Urlaub machen und sich gar nicht mit einem Schreibprojekt beschäftigen will, der kann es Anne Colwey nachtun: Führt einfach Tagebuch. Hin und wieder Gedanken darin festhalten, vielleicht mal 10 Minuten zum „Free Writing“ nutzen und alles niederschreiben, was euch in den Kopf kommt, kann erstens therapeutisch sein, zweitens schreibt ihr dann wenigstens etwas und drittens kommt da vielleicht sogar die eine oder andere Idee für das nächste Schreibprojekt zustande.

  3. Computer- und Fernsehzeiten für ältere Kinder genau planen und dann ausnutzen

    Wer etwas ältere Kinder hat, wie Moechtegernautorin, der kann natürlich auch wie sie „die Computer- und Fernsehzeiten der Kinder ausnutzen.“ Sie meint: „Sobald ich Musik auf den Ohren habe, kann ich auch wunderbar abschalten und mich konzentrieren.“

  4. Auf individuelle Stärken und Erfahrungen bauen

    Moechtegernautorin findet ohnehin, Mama sein bedeut, „Zeit effizient nutzen zu müssen“. „Dennoch war das mit dem Schreiben immer ein großer Kampf, denn im bisherigen „Familienkonzept“ war ich in Ermangelung an Unterstützung die alleinige Geldverdienerin, wollte natürlich auch für meine Kinder da sein und hatte im Grunde die ganze Verantwortung; für Kinder, Mann, Haustiere, Geld und Haushalt. Ich musste mir meine Zeit also immer schon gut einteilen. So organisierte und erkämpfte ich mir seit der Schwangerschaft mit Sohnemann mal mehr mal weniger Schreibzeit.“ Auch Elenor Avelle hat nicht viel Zeit zum schreiben und keine Familie für die Betreuung ihrer beiden Söhne im Schulalter in der Nähe. „Mein Zeitslot, um zu arbeiten ist dementsprechend klein. Aber ich mache das Beste daraus.“ Vielleicht müssen andere schreibende Mamas um Schreibzeit nicht ganz so sehr kämpfen, aber alle haben sicher ähnliche Erfahrungen, auf die sie in den Sommerferien zurückgreifen können. Also, Mamas, keine Panik schieben, sich auf Erfahrungen berufen und einen machbaren Plan für die Sommerferien erstellen, der zu den jeweiligen Umständen passt. Es lohnt sich vielleicht, sich vorher ein bisschen Zeit zu nehmen, und sich das richtig bewusst zu machen. „Für Effektivität kann ich nur empfehlen, dass jeder seine individuellen Stärken herausfindet und damit arbeitet.“ (Tipp von Elenor Avelle)

**Autorin des Beitrags ist Felicity Green

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Unsere erste Nornenanthologie kommt (Eva-Maria Obermann)

Den Juni widmeten wir den Anthologien und dabei darf diese Ankündigung nicht fehlen: Es wird noch dieses Jahr die erste Nornenanthologie geben. Wir arbeiten bereits seit 2017 daran, die Geschichten zu schreiben, zu lektorieren, zu überarbeiten und nun auch daran, sie zu setzten. Alles aus Nornenhand.

Eine gemeinsame Anthologie stand schnell auf unserer Agenda. Die ersten Punkte, die wir klären mussten, waren, wer die Herausgeberschaft übernimmt und welches übergeordnete Thema unsere Geschichten tragen sollen. Viele eifrige Nornen waren von Anfang an dabei, aber natürlich gab es immer mal wieder kleine Wechsel, Zugänge wie Austretende, Geschichten, die aus Zeitgründen auf spätere Projekte verschoben werden mussten und solche, die innerhalb von wenigen Wochen fix und fertig vorlagen. Im letzten Moment wurde ein Beitrag zurückgezogen, musste am Titel nochmal gefeilt werden. Jeden Schritt haben wir gemeinsam entschieden, die Herausgeberinnen waren vor allem diejenigen, die auf Termine geachtet und das Organisatorische bewältigt haben.

 

Was ich** euch schon verraten kann

Am einfachsten haben wir uns auf ein Thema geeinigt: die Nornen. Sie tauchen in alle unseren Geschichten auf, mal als heimliche Fädenzieher am Rande, mal als Protagnisten, als Heldinnen, verlorene Seelen oder teuflische Manipulatoren. Urd, Skuld und Verdandi in all ihren Möglichkeiten. Die ganze Bandbreite haben wir abgedeckt. Auch unsere Genres laufen einmal quer durch alles, was Fantastik zu bieten hat. Dystopische Zukunftsvisionen, historische Romantasy, urban mit phantastischer Gegenwelt und die ein oder andere Überraschung. Natürlich, wo kämen wir ohne hin.

Herausgegeben wird unsere erste Nornenanthologie von Katherina Uschachov und Eva-Maria Obermann. Insgesamt wird es um die zehn Geschichten geben. Der letzte Abgabetermin steht kurz bevor, das Cover wird bereits ausgearbeitet, höchste Zeit, euch Bescheid zu geben. Sie kommt, steht quasi schon in den Startlöchern und in den nächsten Wochen werden sich die Infos häufen. Titel, Cover, wer alles mitgeschrieben hat. Lasst uns schon mal einen Platz auf eurer Wunschliste frei.

**Autorin des Beitrags ist Eva-Maria Obermann

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Ein Plädoyer für Kurzgeschichten

Kurzgeschichten: Das ist das, was niemand liest. Diese Aussage ist mir schon häufig begegnet, sie lauert sozusagen an jeder Ecke. Kurzgeschichten mussten wir in der Schule oder Uni analysieren – aber niemals von unbekannten Autoren. Sie werden in Anthologien gesammelt, die niemand kauft – schon gar nicht, wenn kein großer Name auf dem Cover zu finden ist. Und wenn wir mal ehrlich sind: Wer von uns liest eigentlich Kurzgeschichten?

 (Grafik: Elenor Avelle)

 

Die Geschichte hinter der Kurzgeschichte

Aber woher kommen diese komprimierten Geschichten eigentlich? Ursprünglich lassen sich die Kurzgeschichte und das Zeitschriftenwesen im 19. Jahrhundert gut miteinander verbinden. Die Kurzgeschichte war zunächst vor allem ein amerikanisches Phänomen, denn Zeitschriften, in denen die kurzen Geschichten häufig veröffentlicht wurden, boten vor allem amerikanischen Autoren einen besseren Absatzmarkt. Im deutschsprachigen Raum etablierte sich die Kurzgeschichte um 1900 und hatte einen schwierigeren Start. Das lag vor allem daran, dass andere Kurzformen schon Fuß auf dem Markt gefasst hatten. Darunter fiel zum Beispiel die Novelle. Der Versuch einen literarischen Neubeginn nach 1945 im sogenannten Kahlschlag zu machen, bot der Kurzgeschichte in Deutschland dann eine einmalige Chance sich gegen die anderen Kurzformen durchzusetzen. Rund um die Gruppe 47 entstanden schließlich kurze Texte in sachlicher Sprache, die sich bewusst von der bisherigen Literatur absetzen wollten.

Warum Kurzgeschichten auch heute noch gelesen werden sollten

Danach verlor die Kurzgeschichte zu Gunsten anderer Gattungen, beispielsweise des Romans, an Bedeutung. Dennoch ist sie eine wunderbare Möglichkeit, die gerade in Zeiten von Wattpad und Co. wieder an Aufmerksamkeit gewinnt. Meiner Meinung nach hat sie gerade im Vergleich zum Roman auch einen entscheidenden Vorteil: Sie spart Zeit. Das mag vielleicht ein wenig zu pragmatisch klingen, dennoch ist es in einer Welt, in der Zeit zum Lesen immer weniger wird, ein Plus, das nicht einfach vom Tisch gewischt werden kann. Kurzgeschichten bedienen den kleinen Lesehunger, den Wunsch danach, kurz in eine andere Welt abzutauchen. Das nimmt den Romanen natürlich nicht ihre Daseinsberechtigung, dennoch sollte den Kurzgeschichten deshalb mehr als nur ein kurzer Blick geschenkt werden.

Die Form macht die Musik

Kurzgeschichten haftet dabei leider meiner Erfahrung nach nicht nur die Tatsache an, dass sie kaum gelesen werden, nein, sie gelten auch als altmodisch. Das mag vielleicht daran liegen, dass viele Anthologien in gedruckter Form nie an die breite Leserschaft herangetragen werden (können), vielleicht aber auch daran, dass der Wert der Kurzgeschichte verloren gegangen ist. Insgesamt scheint die Form der Kurzgeschichte inzwischen leider nicht mehr ansatzweise so viel Aufmerksamkeit zu bekommen, wie sie verdient hätte. Denn: Eine kurze Geschichte zu schreiben ist häufig so viel schwieriger, als einen Roman zu verfassen. Die Kürze diktiert den Spannungsbogen, die Entwicklung, die Auflösung. Hat der Autor / die Autorin bei einem Roman mehrere hundert Seiten, um den Leser zu fesseln, muss er / sie das bei einer Kurzgeschichte innerhalb weniger Seiten schaffen. Trotzdem schaffen es Kurzgeschichten gerade durch ihre Kürze zum Nachdenken anzuregen – weil sie bewusst Spielraum offenlassen, der mit der Phantasie des Lesers gefüllt werden kann. Dies findet sich aus meiner Sicht in guten Romanen zwar auch, aber seltener. Daher mein Plädoyer an euch Leseratten und Bücherwürmer: Anthologien sind nicht nur eine zusammengewürfelte Ansammlung unbekannter Autoren, Anthologien sind Sprungbretter in viele Welten und viele Abenteuer. Gebt ihnen eine Chance!

**Autorin des Beitrags ist Anna Weydt

Herausgeber einer Anthologie – Was tun die eigentlich? (Janna Ruth)

Anlässlich unseres Anthologiemonats möchte ich** euch heute hinter die Kulissen der Anthologie nehmen und zeigen, welche Aufgaben und Herausforderungen einen Herausgeber erwarten. Ich habe letztes Jahr die Märchenspinnerei-Anthologie Es war einmal … ganz anders herausgebracht und damit einiges gelernt. Spoiler: Es ist verdammt viel Arbeit!

Die Anthologie der Märchenspinnerei – mit herausgegeben von Janna Ruth

Ein kleiner Disclaimer vorab: Ich rede hier von meinen Erfahrungen beim Herausgeben einer Selfpublishing-Anthologie. Ein vom Verlag bestimmter Herausgeber, sollte dieser nicht gleichzeitig der Verleger sein, hat womöglich nicht ganz so viele Aufgaben.

Der rote Faden

Als erstes muss man sich darüber Gedanken machen, was für eine Anthologie man zusammenstellen möchte. Dabei reicht das Genre allein nicht aus. Nichts ist frustrierender als eine vollkommen zusammenhanglose Ansammlung von Kurzgeschichten. Man braucht einen roten Faden. Das kann ein übergeordnetes Thema sein, eine bestimmte Art zu erzählen oder auch ein wiederkehrendes Symbol.

Dieser rote Faden wird besonders wichtig, wenn es an die Auswahl der Geschichten geht. Oft ist es nicht allein die Qualität der Geschichte, die zählt, sondern, ob sich mit den ausgewählten Geschichten ein rundes Gesamtpaket erstellen lässt. Besonders knifflig wird es, wenn man zwei ähnliche, gute Geschichten hat und sich für eine entscheiden muss.

Anders sieht es aus, wenn Autoren speziell für eine Anthologie angefragt wurden. Als Herausgeber muss man Vertrauen in die Autoren haben, dass diese eine hochwertige Geschichte abliefern und vorab ein wenig koordinieren, dass nicht zu viele gleiche Geschichten entstehen. Auf der anderen Seite muss man am Ende entscheiden, wie man die Geschichten sortiert, damit trotz größerer Bandbreite ein gemeinsames Thema deutlich wird.

Am Anfang steht die Ausschreibung

Für eine Anthologie braucht man Geschichten und die schreiben sich gewöhnlich nicht über Nacht. Es sollte also ausreichend Zeit zwischen der Ausschreibung, dem Ausschreibungsende und der geplanten Veröffentlichung liegen. In erster Linie muss der Text die technischen Details kommunizieren: Deadline, Textumfang, Format, Vergütung, Kontaktadresse zum Einsenden der Texte. Der weitaus schwierigere Teil ist die Themenvorgabe.

Ähnlich wie bei Klappentexten muss man die Autoren interessieren. Wichtig ist hier, dass klar kommuniziert wird, was man sich wünscht. Nichts ist schlimmer, als im Nachhinein ein Dutzend Fragen beantworten zu müssen, ob das und das auch geht. Oder noch schlimmer nach Ausschreibungsende zu erfahren, dass Autoren nichts eingereicht haben, weil sie das Thema falsch verstanden haben. Gerade, wenn man einen sehr gut ausgearbeiteten Rahmen vorgibt, muss man darauf achten, dass der Entfaltungsspielraum aus dem Text hervorgeht. Gerade, wenn man im Teaser Beispiele nennt und die Atmosphäre des Buches aufbaut, nehmen viele Autoren an, dass genau diese Beispiele gesucht werden und KEINE anderen. Eine klare Kommunikation ist hier also vom Vorteil.

Ebenfalls eine Anthologie, in der Nornen vertreten sind: Fiction x Science

Germany’s next top story

Sobald der Einsendeschluss vorbei ist, geht es an die Auswahl der Texte. Hat man vorab Autoren speziell angefragt, ist dieser Teil einfach: Man arbeitet mit dem, was man hat. Für alle anderen Herausgeber kommt nun je nach Menge ein ganzer Batzen Arbeit auf einen zu. Da muss jeder Herausgeber seine eigenen Methoden finden. Es gibt welche, die schnell jede Geschichte anlesen und quasi sofort aussortieren, was den grundsätzlichen Qualitätsmerkmalen nicht entspricht. Die meisten arbeiten danach mit einem Ampelmodell und teilen die Geschichten ein in „auf jeden Fall drin“, „vielleicht“ und „auf keinen Fall“, in der Hoffnung, dass nicht zu viele grün sind und auch nicht zu wenige grün und gelb.

Schwierig wird es dann, wenn man sich entscheiden muss. Wie viele Geschichten nimmt man rein? Welche Geschichten, die grün sind, müssen draußen bleiben. Welche gelben Geschichten schaffen es hinein? Müssen vielleicht doch ein paar rote Geschichten rein? Die Auswahl ist auf jeden Fall nie leicht.

Das fertige Buch

Sind alle Geschichten eingetroffen, wird es Zeit daraus ein Buch zu machen. Durch die vorherige Auswahl fällt das Lektorat meist sehr spärlich aus. Für die Herausgeber, die stattdessen ihre Autoren zusammengestellt haben, heißt es nun aber für ein vernünftiges Lektorat und Korrektorat zu sorgen. Während das läuft kann man sich um die anderen Aspekte des Projektes kümmern: Woher kommt das Cover? Wie wird das Innere gestaltet? In welcher Form werden die Autoren innerhalb der Anthologie vorgestellt? Wenn die Geschichten alle fertig sind, steht der Buchsatz an.

Manche dieser Aufgaben kann man outsourcen, viele Herausgeber übernehmen aber auch Aufgaben höchstpersönlich.

Auch Gruselmeer ist eine Anthologie

Schließlich steht aber die größte Hürde von allen an: Das Marketing! Anthologien sind leider immer noch die Stiefkinder der Buchbranche und werden oft verschrien als ein Format, das eher den Autoren fördert, als Leser anspricht. Als Herausgeber bin ich auch verantwortlich dafür, die Anthologie zu vermarkten. Das heißt oft diverse Ankündigungslevel, eine Vorstellung der Autoren und Geschichten und generell Präsenz auf den eigenen Seiten und offline auf Messen und im Buchhandel. Es lohnt sich hier die Autoren einzubinden, denn schließlich haben ein Dutzend Menschen mehr Reichweite als ein einzelner.

Das Licht am Ende des Tunnels

Als Herausgeberin der Märchenspinnerei-Anthologie lagen viele Aufgaben in meinen Händen. Was noch dazu kam, war, dass den Einsendeschluss nur 50% der Autoren eingehalten haben. Das führte natürlich zu Stress hinten raus, als die Anthologie in den Druck musste, man aber über Nacht noch ein Lektorat anstand, damit auch die letzte Geschichte ins Buch kam.

Schließlich ist es aber so weit, das Buch geht in den Druck und man erhält die ersten Belegexemplare. Ein wunderschönes Gefühl, für das man sich ruhig auch mal auf die Schulter klopfen darf. Eine Anthologie ist für den Herausgeber viel Arbeit, aber am Ende das eigene Werk in Händen zu halten entschädigt.

** Autorin des Beitrags ist Janna Ruth

Vorurteile gegenüber Autoren

Ein paar Jährchen ist es schon her, aber vergessen werde ich** es nie, dieses Picknick im Freien, bei dem meine Freunde und ich ein Spiel spielten, dessen Name mir nicht mehr einfallen will; es ging darum, sich gegenseitig einzuschätzen, und als ich an der Reihe war, stand die Frage im Raum, wie gerne (auf einer Skala von 1 bis 10) ich wohl Zeit in einer Bibliothek verbringen würde. Mein damals noch neuester Bekannter, der so gut wie nichts über mich wusste, außer dass ich gerne Bücher schreibe, meinte sofort, das wäre der ideale Ort für mich, weil ich doch so gerne lese. »Luna hasst Lesen«, kam es darauf wie aus der Pistole geschossen von meiner damaligen besten Freundin, und plötzlich beherrschte eine peinliche – wenn auch etwas amüsante – Stille die Runde.

Muss ich Lesen lieben, um Schreiben zu können? (Foto: Eva-Maria Obermann)

Dass ich Lesen hasse, halte ich für ein böses Gerücht, aber zumindest zur damaligen Zeit steckte durchaus ein Funken Wahrheit in der Aussage meiner Freundin, die mich besser kannte als jeder andere, und ich kann sehr gut nachvollziehen, wie sie darauf gekommen ist: Es stimmt, dass ich mich während meiner Studienzeit für das Lesen nicht besonders begeistern konnte, was in erster Linie an den vielen langen, oft unverständlichen und meistens langweiligen wissenschaftlichen Texten lag, die ich damals für die Uni lesen musste. Wenn man etwas lesen muss, dann macht es gleich viel weniger Spaß, erst recht, wenn es sich um ein Thema handelt, mit dem man sich unter anderen Umständen nie freiwillig beschäftigt hätte. Und wenn ich es dann nach ein paar mühsamen Stunden endlich durch hatte, stand mir der Sinn eher nach Entspannung in Form eines Videospiels oder eines gemütlichen Abends vor dem Fernseher, als nach noch mehr Lektüre.

Hier bin ich also, die Schreiberin, die angeblich nicht gerne liest.

Die Wahrheit sieht ganz anders aus: Mich in einem Buch richtig zu verlieren, so dass ich es gar nicht mehr aus der Hand legen möchte, eins mit der Handlung zu werden und die Charaktere derart ins Herz zu schließen, dass ich mir noch über die letzte Seite hinaus Gedanken um ihr Schicksal mache – das ist eines der schönsten Gefühle, die ich kenne. Zugegeben, es passiert mir nicht oft, da ich nun einmal sehr wählerisch bin und meine Freizeit gerade während des Studiums aus den oben genannten Gründen lieber anders verbracht habe, aber hin und wieder hatte ich doch das Glück, solche Bücher in der Hand zu halten. Trotzdem hält sich das hartnäckige Gerücht, ich würde das Lesen hassen, und das konnte genau genommen nur aufgrund eines anderen Gerüchtes entstehen:

Dass jeder, der gerne schreibt, auch eine richtige Leseratte sein muss.

Egal, ob eigene Freunde, Freunde von Freunden, nächste Familie oder entfernte Internet-Bekanntschaften: Erzähle ihnen, dass du Autorin bist, und so mancher möchte sofort mit dir über jedes Buch reden, das er je gelesen hat, ungeachtet des Genres und ohne dich zu fragen, ob du überhaupt gerne liest, denn das »weiß« er allein aufgrund der Tatsache, dass du schreibst. Aus diesem Grund hat mir eine Verwandte auch einmal zum Geburtstag ein willkürliches Buch geschenkt, einen historischen Roman von über tausend Seiten, der noch dazu der zweite Teil einer Reihe war, deren ersten Teil ich damals schon nicht kannte und bis heute nicht gelesen habe, denn ich mag historische Romane nicht einmal. Etwas, das meine Verwandte sicherlich gewusst hätte, wenn sie mich einfach nur gefragt hätte, statt davon auszugehen, dass ich mich als Autorin für jedes Buch der Welt interessiere.

Ich habe durch das Lesen von Büchern schon sehr viel an Wissen und Erfahrung gewonnen, neue Sichtweisen kennen gelernt, Ideen und Inspirationen gesammelt, und auch die eine oder andere stilistische Todsünde entdeckt, die ich in meinen eigenen Büchern seither unbedingt meide. Trotzdem identifiziere ich mich in erster Linie nicht als Leserin, denn es gibt noch etwas anderes, das ich lieber tue als Lesen, und das ist Schreiben. Das wiederum heißt allerdings nicht, dass ich Lesen hasse, eine simple Tatsache, die so mancher einfach nicht verstehen will.

Auch das Schreiben bringt mir nicht immer nur Spaß –

eine weitere Lektion, die ich vor allem in der Uni gelernt habe, denn wissenschaftliche Hausarbeiten sind nun einmal nicht dasselbe wie Romane. Und hier kommt ein weiteres Vorurteil ins Spiel, mit dem ich mich schon herumschlage, seit ich erstmals angefangen habe, mir über meine berufliche Zukunft Gedanken zu machen: dass Schreiben gleich Schreiben sei. »Warum wirst du nicht Journalistin?«, lautet eine häufige Frage von Menschen, denen ich erzähle, dass Romanautorin nun mal kein gewöhnlicher Bürojob ist und die meisten nebenbei noch etwas anderes machen müssen, um ein geregeltes Einkommen zu haben. »Du schreibst doch so gerne!«, heißt es weiter.

Wir lieben das Schreiben – aber immer? (Grafik: Elenor Avelle)

Der grundlegende Gedanke hierbei ist natürlich nicht falsch, denn zum Schreiben eines Romans gehört mehr als nur eine rege Fantasie; man sollte, wenn möglich, etwas von der Sprache verstehen, in der man sich ausdrückt, sowohl in stilistischer als auch grammatikalischer und orthografischer Hinsicht. Dies gilt für journalistische und wissenschaftliche Artikel ebenso wie für Texte über frei erfundene Sachverhalte. Aber genau hier wird es kritisch: Ich bleibe beim Schreiben nun einmal gerne in meiner eigenen Welt, erfinde lieber Figuren und Handlungen und bestimme selbst darüber, wie sich die Dinge fügen, als darüber zu berichten, wie dies in der wirklichen Welt geschieht. Das heißt natürlich nicht, dass ich nicht theoretisch eine gute Journalistin sein könnte, wenn ich wollte – ich will nur nicht, und es erstaunt mich jedes Mal, wenn das als Widerspruch zum Rest meiner Person betrachtet wird. Man geht schließlich auch nicht zu einem Punk-Rocker und bittet ihn, etwas Frommes in der Kirche zu spielen, nur weil beides mit Musik zu tun hat.

Was ich mit all dieser besserwisserischen Fachsimpelei eigentlich sagen will, ist, dass Autoren unterm Strich auch nur ganz normale Menschen mit ganz normalen individuellen Vorlieben, Stärken und Schwächen sind. Das sieht man schon, wenn man sich das Angebot an Romanen ansieht: Es gibt unzählig viele Genres und keinen einzelnen Autor, der sie alle gleich gut beherrscht. Also bitte, liebe Nicht-Autoren, erschreckt nicht, wenn ein Schriftsteller euch das nächste Mal gesteht, dass er in den letzten zwei Wochen keine Bücher gelesen hat, keine Karriere als Journalist anstrebt, oder eine beliebige andere Erwartung nicht erfüllt. Denn das Einzige, was wohl die meisten von uns gemeinsam haben, ist, dass wir keine Vorurteile mögen.

** Autorin des Beitrags ist Grumpy Moon.

Lieben, weil man „muss“? Fantastische Eltern-Kind-Beziehungen (Diandra Linnemann)

Beim Nornennetz geht es gerade um die Liebe. Die romantische Liebe ist schon ausreichend abgehandelt, behaupte ich** mal (als Person mit nur einer einzigen, schwarzen, verkümmerten romantischen Ader im Leib, aus der es staubt). Aber wir wissen ja alle, dass das nicht die einzige Form von Liebe ist. Was ist etwa mit der Liebe zwischen Geschwistern, der Liebe zu einem Haustier oder einer besonderen Zimmerpflanze – oder eben, und darum soll es heute gehen – der Liebe zwischen Eltern und ihren Kindern?

Wie passen Eltern in Bücher? (Grafik: Elenor Avelle)

Spross und Stamm?

Das Spannende an der Eltern-Kind-Beziehung ist vor allem die Tatsache, dass man sich weder Eltern noch Kinder aussucht und ihren Entwicklungen, obwohl man sie natürlich auch beeinflusst, wenig entgegenzusetzen hat. Oft sind Enttäuschungen vorprogrammiert, genau wie Auseinandersetzungen, wenn die Kinder älter werden und eigene Vorstellungen und Ideen ausprobieren.  Nie tun die Kinder das, was man ihnen sagt, immer wissen sie alles besser. Und nie haben die Eltern Verständnis für ihre Kinder, diese lästigen alten Spießer. Trotzdem sind Eltern und Kinder im Notfall automatisch für einander da. Wie sieht das in der Welt der Phantastik aus?

Wo sind die Eltern?

Zunächst einmal: Eltern sind grandios unterrepräsentiert. Wenigstens in den Büchern, die mir spontan einfallen. Vor allem in fantastischen Geschichten sind sie oft merkwürdig abwesend. Entweder der Protagonist ist ein Waisenkind, wurde praktischerweise für die Ferien irgendwohin verschifft oder die Eltern werden einfach eben mal höchstens am Rand erwähnt, weil sie zum Beispiel als Pirat und Südseekönig unterwegs sind oder viel arbeiten. Wesentlich seltener kommen Eltern vor als: Ratgeber, Pflasteraufkleber, Retter, Kleidungskäufer, Beschützer oder Ernährer. Also all die Dinge, die Eltern idealerweise im Alltag erfüllen. Vor allem in Büchern für ein jüngeres Publikum fällt die Abwesenheit von Eltern natürlich auf, denn in Kinderbüchern ist die Protagonistin üblicherweise selbst etwa im Alter der Leser. Warum, könnte man sich dann fragen, unterscheiden sich Realität und Fiktion in diesem Punkt so stark voneinander?

Methode?

Ich habe keine Antworten, aber Theorien: Etwa, dass man mit Waisenkindern eher Mitgefühl entwickelt, und das ist ein gutes Mittel, um Sympathien zu wecken. Oder die Tatsache, dass Kinder Eltern oft als Spielverderber erleben, die zu allem „nein“ sagen und einem alles verbieten, was Spaß macht oder zu einem Abenteuer führen könnte. Und zu guter Letzt geht es natürlich in Kinderbüchern darum, wie Kinder selbst Abenteuer erleben, da wären bestimmende Eltern eher ein Hindernis als eine Hilfe.

Eltern – so wichtig und doch so selten in der Literatur (Foto: Diandra Linnemann)

Große Kinder haben auch Eltern

Aber jetzt gibt es natürlich nicht nur Kinderbücher, und auch erwachsene Protagonisten haben, rein theoretisch, Eltern. Oder wenigstens Erzeuger. Für Erwachsene spielen Eltern oft im Alltag keine so zentrale Rolle mehr, aber die meisten von uns haben wahrscheinlich durchaus regelmäßig Kontakt mit ihren Eltern, sofern diese nicht gestorben sind. Manche leben sogar in ihrer Nähe, man hilft einander regelmäßig im Alltag oder holt sich bei den Älteren Rat. Und umgekehrt gilt das natürlich auch – ich bin bestimmt nicht die einzige, die ihrem Vater WhatsApp und Facebook erklärt. Auch wenn die erweiterte Familie, gesellschaftlich betrachtet, an Bedeutung verloren hat, pflegen die meisten von uns doch gute Kontakte zu ihren Eltern. Aber wie spiegelt sich das in der fantastischen Literatur wieder?

Literarische Vergessenheit

Spontan fallen mir in erster Linie Geschichten ein, in denen die Beziehung zu den Eltern problematisch ist. Entweder es geht um die Erwartungen, die die Eltern an die Protagonistin haben, oder um langjährige Konflikte, die im Hintergrund schwelen. Manchmal sind die Eltern auch schon gebrechlicher und stellen eine zusätzliche Aufgabe dar, um die man sich zu kümmern hat, während die Welt brennt und Kätzchen gerettet werden müssen.

Eine Sonderstellung nehmen übrigens Geschichten ein, in denen Eltern sich später als der große Gegenspieler herausstellen. Das fängt mit Märchen an, wenn Hänsel und Gretel von ihren Eltern ausgesetzt werden, setzt sich in Star Wars oder dem zweiten Teil von Guardians of the Galaxy fort und bietet reichlich Platz für Situationen, in denen der Protagonist sich sozusagen die Seele aus dem Leib reißen muss, um aus dem Schatten der Eltern zu treten, sich gegen sie zu erheben und so die Welt zu retten. Happy Ends sind unter diesen Umständen für die betroffene Familie eher selten.

Figuren mit Kindern?

Ebenfalls sehr selten, um es einmal von der anderen Seite zu beleuchten: Protagonisten mit eigenen Kindern. Und wenn sie Kinder haben, dann findet garantiert kein normaler Familienalltag mit schmutzigen Socken und hundert Variationen von „Du sollst dein Gemüse essen!“ statt, sondern die Kinder sind irgendwie schon vorhanden und stellen eine weitere Aufgabe dar, werden aber nicht als eigenständige Charaktere mit Plänen und Macken gezeigt. Sehr beliebt, gerade für Protagonistinnen, ist das Kind, das man kurz nach der Geburt schweren Herzens weggibt, um weiter die Welt retten zu können. Alle Vorteile der romantisierten Schwangerschaft mit einer Prise Tragik und keinerlei Langzeit-Verpflichtungen. Schließlich kann sie nicht gegen den finsteren Magier kämpfen, wenn sie gleichzeitig Windeln wechseln oder die Hausaufgaben ihres Sprösslings kontrollieren muss.

In Kinderbüchern treffen wir oft auf kleine Helden und Heldinnen ohne greifbare Eltern (Foto: Eva-Maria Obermann)

Möglichkeiten ausschöpfen!

Natürlich gibt es gerade im Bereich der phantastischen Literatur auch ganz andere Möglichkeiten, mit der Eltern-Kind-Beziehung umzugehen. Wie wäre es mit anderen Gesellschaftsformen? Vielleicht kennt der Protagonist seine Eltern gar nicht, weil alle Kinder vom Stamm, bei dem er lebt, gemeinsam aufgezogen werden? Oder die Erbfolge wird matrilinear festgelegt und Väter sind unwichtig, da man Vaterschaft nicht eindeutig nachweisen kann? Vielleicht spielt die Geschichte in einer futuristischen Gesellschaft, in der Schwangerschaft nur noch künstlich stattfindet und die Erbsubstanz sowieso optimiert wird, bis man keine genetische Herkunft mehr feststellen kann? Dann stellt sich natürlich die Frage, was stattdessen an die Stelle der Eltern-Kind-Beziehung tritt. Schließlich lebt niemand völlig isoliert. Die Beziehungen zu unserer Umwelt und unserer Familie prägen uns und beeinflussen auch, wie wir mit Konflikten umgehen. Also sind Eltern eigentlich die perfekte Zutat für ein rundes Abenteuer.

**Autorin des Textes ist Diandra Linnemann

Wann haben Autoren eigenentlich frei – Laura Kier

Frei? Was ist das? Kann man das … Die Frage, wann Autoren frei haben, ist überaus spannend. Ich** selbst bin nämlich seit längerem auf der Suche nach einer Antwort. »Frei haben« ist in meinen Augen auch eine Frage der Definition. Deshalb möchte ich mich einer möglichen Antwort aus zwei Richtungen nähern.

  1. Weg: Schreiben ist doch eh nur ein Hobby

Für Manche vielleicht. Für Außenstehende bestimmt. Für Autoren? Viele sehen das Schreiben von Romanen, Kurzgeschichten und anderen Texten zwar als einen angenehmen Aspekt der Freizeitgestaltung an, aber das heißt noch lange nicht, dass sie nur halbherzig schreiben würden. Ich kenne mehrere Autoren, die neben ihrem Brotjob ihre gesamte Freizeit nutzen, um Bücher zu veröffentlichen und ihren Weg zu finden. Ist das dann noch Freizeit? Je nachdem, wie man es sieht.

Schreiben mit Leidenschaft – wer braucht da Freizeit?

Texte schreiben macht Spaß, aber es ist auch harte Arbeit. Nicht immer wollen die Charaktere, wie wir wollen, ein Roman wird zum Teil mehrfach überarbeitet und dann gibt es auch noch unliebsame Dinge wie Schreibblockaden, Selbstzweifel und niederschmetternde Rezensionen. Hier ist der Pfad zwischen Freizeitaktivität und Arbeit sehr schmal. Aber ist alles, was Spaß macht auch gleichzusetzen mit Freizeit und »frei haben«?

  1. Weg: Freizeit beginnt da, wo etwas Spaß macht

Finde ich nicht. Nur weil mir mein Beruf Spaß macht, heißt es nicht, dass ich deshalb den ganzen Tag freie Zeit oder nichts zu tun hätte. Ganz im Gegenteil. Ich weiß meinen Tag sehr gut zu füllen (meine To-do-Liste wird niemals leer) und das heißt, ich muss ganz klare Prioritäten setzen. Texte wollen geschrieben und überarbeitet werden. Leser freuen sich über Rückmeldungen, die Social-Media-Kanäle sollen mit Inhalten bestückt werden und als Selfpublisher warten auf mich noch diverse andere Aufgaben, wie Bücher zur Veröffentlichung vorbereiten (Satz für Print-Exemplare, eBooks, Cover …), Informationen zu Distributoren vergleichen, rechtlich auf dem Laufenden bleiben und vieles, vieles mehr. Es ist harte Arbeit, aber es macht auch Spaß.

Ich bin jemand, der viel Abwechslung braucht und gerade deshalb liebe ich es, als Selfpublisher Bücher zu veröffentlichen. Es gibt so viele bunte Aufgaben und unterschiedlichste Fähigkeiten (Kreativität, technisches Wissen, biologisches Fachwissen …), die ich einsetzen kann. Dadurch habe ich noch einen weiteren Vorteil: Ich kann frei entscheiden, wann ich was mache und dadurch die jeweiligen Aufgaben an meine Tagesverfassung anpassen (für mich als chronisch Erkrankte die einzige Chance, auf eigenen Beinen zu stehen).

Kann Arbeit auch Freizeit sein? Für Autoren manchmal schon (Foto: Laura Kier)

Eine mögliche Antwort?

»Frei haben« wie ich es als Softwareentwicklerin nach der Arbeit oder im Urlaub kannte, habe ich als Autorin nie. Mein ganzes Leben dreht sich um Bücher. Entweder lese ich, denke über Ideen nach oder arbeite an deren Umsetzung. Bei einer Wanderung nehme ich neue Inspiration auf, im Café beobachte ich Menschen, um mehr über meine Charaktere zu lernen, und bei der Gartenarbeit kommen mir sowieso die besten Gedanken, um Plotprobleme zu lösen. In der Hinsicht habe ich nie »frei«. Aber ich kann unabhängig entscheiden, wann ich was tue und wie ich alles in meinen Tagesablauf integriere. Dazu kommt, dass ich meinen Arbeitsplatz selbst wählen kann. Einer meiner Lieblingsorte ist da definitiv unsere Terrasse.

Diese Freiheiten sind mir wichtiger, als nach acht Stunden Arbeitszeit den Stift fallen zu lassen und nach Hause zu gehen.

**Autorin des Beitrags ist Laura Kier

Lyrik von Iris Welker-Sturm zu Sprache und Geschlecht (Barbara Fischer Reitzer)

Es war einmal das Jahr 2018, das höchste deutsche Zivilgericht und eine Klägerin… Marlies Krämer wollte auch auf Sparkassenformularen als die Person wahrgenommen werden, die sie ist: eine Frau. Im Bankensprech wären wir da bei der Formulierung „Kundin“, der feministischen Sprachkritik sei Dank. Es gibt offizielle Richtlinien für solch eine geschlechtergerechte Sprache. Die leider auf vielen Formularen und Vordrucken nie angekommen ist. Ein Zustand, der nun höchstrichterlich abgesegnet wurde.

Zum Vergleich: als der erste Mann im Jahr 2010 den Beruf einer Hebamme in Deutschland ergriff, war ihm nicht zuzumuten unter eben dieser Berufsbezeichnung zu firmieren. Nein, für einen einzigen Mann wurde gleich ein ganzer Berufsstand neu erfunden: Entbindungspfleger. Einen Hebammer, wenn wir einmal andersherum ableiten, gab es nie und wird es auch nie geben. Im Gegensatz zu Millionen Kunden, die keine sind. Ach, könnten wir die Sprache selber fragen…

Iris Welker-Sturm hat sich dran gemacht und ist mit der Sprache und den unglaublichen Urteilsbegründungen zum Thema „Das andere Geschlecht“ in Dialog getreten.

Ob die männliche Leserin
jetzt wohl befriedigt ist?
Geschützt vor Texten
die zu kompliziert für ihn?
In der Chefinnenetage
darf er weiter stöckeln
sprach- und geschlechtsblind
durch der Gänge
her und hin. 

Der furchtbare Bürokratie
zieht den so in der Länge.
Der arme Kämpferin
kann sich da nur
die Augen reiben.
Was 2000 Jahr lang
Unrecht war
soll endlich –
auch so bleiben.

Autorin des Beitrags ist Barbara Fischer Reitzer  / Autorin des Gedichtes ist Iris Welker-Sturm

Arbeiten mit Testlesern

Testleser … ein Begriff, der verschiedenste Reaktionen bei Autor/innen hervorruft. Die einen lieben diese Phase des Projektes, für die anderen ist es der reinste Horror – und gerade „Neuautor/innen“ stellen sich die Frage woher nehme ich Testleser, was machen die, und wie funktioniert das eigentlich.

Ich selbst habe das Glück, einen ganzen „Pool“ von Testleserinnen zu haben, die ich bitte, mein Manuskript zu lesen. Tatsächlich hätte ich auch gerne endlich einen, noch besser zwei männliche Testleser – wenn sich also jemand angesprochen fühlt … 🙂
Die Zusammensetzung dieser Truppe ist so bunt wie das Leben, und genau das macht sie für mich zu den besten der Welt. Einige schreiben selbst, andere sind „nur“ Leserinnen. Zwei sind wesentlich jünger als ich, jede von uns lebt in einem anderen (Bundes)Land. Für mich heißt das, ich habe ziemlich viele Aspekte abgedeckt, auf die ich selbst aufgrund meiner Lebenssituation gar nicht achte. Sie nehmen meine Dialektausdrücke raus, weisen mich darauf hin, dass heutzutage kein Mensch mehr SMS schreibt und dass es Smartphone heißt, nicht mehr Handy.

Im besten Fall schimpfen sie an den gleichen Stellen mit mir und sind an den Stellen glücklich, wo ich es wollte. Um das zu sehen ist es unheimlich wichtig, dass sie mir jeden Gedanken an den Text schreiben. Oft ergeben sich daraus Dialoge, die ich am liebsten im Anhang veröffentlichen würde.

Zwischenzeitlich gibt es unzählige Gruppen auf verschiedenen Plattformen, an die man sich wenden kann. Vertrauen gehört natürlich dazu, einer vollkommen fremden Person den eigenen Text anzuvertrauen. Bis jetzt hatte ich immer Glück und das schlimmste, was mir je passiert ist ,war, dass ich nur am Ende des Textes ein „tolle Geschichte“ stehen hatte und sonst nichts. Und darauf hatte ich auch noch zwei Monate gewartet. Aber man hat ja auch schon ganz andere Dinge gehört …

Mein System ist eigentlich recht einfach: Ich schicke das Word-Dokument raus und lasse darin rumschreiben. Stellen, von denen ich weiß, dass die nachgearbeitet werden müssen, markiere ich. Manchmal stelle ich auch Fragen, ob ein von mir beabsichtigter Aspekt genug rauskommt.

Wenn ich die Korrekturen zurück bekomme, lege ich Texte zusammen und die dann über mein Original. Klingt jetzt wahnsinnig kompliziert, ist es aber gar nicht. Somit habe ich alle Kommentare und Korrekturen in einem Dokument. Auch das handhabt wohl jede(r) anders und man muss für sich selbst rausfinden, was am besten funktioniert.

Ganz wichtig ist: Ein/e gute/r Testleser/in meckert. Sie/Er sagt dir, wo ein Übergang fehlt, wo sich der Zusammenhang nicht aus dem Text ergibt, wo du schlicht und ergreifend Mist gebaut hast. Sie merken, ob dein Prota gerade halbnackt durch den Schnee rennt, weil du vergessen hast, ihn nach der Dusche was anziehen zu lassen, oder dass in deinem Haus plötzlich ein Zimmer aufgetaucht ist, das es vorher noch gar nicht gab.

Ich gebe es ehrlich zu, manchmal rolle ich mit den Augen oder stehe vom PC auf und fluche erst mal. Weil mir die Anmerkung pingelig vorkommt, weil ich mich über den „Ton“ ärgere, … Wenn ich merke, dass es mich zu sehr trifft, schließe ich das Dokument, oder überspringe einfach, was mich gerade nervt. Oder ich erinnere mich daran, dass ich selbst auch nicht besser bin, wenn ich für jemanden Korrektur lese. Am nächsten Tag/eine Woche/einen Monat später sieht das alles anders aus und ich denke: Danke, dass du mich darauf hingewiesen hast.

Für mich ist diese Phase die wichtigste im ganzen Projekt, die aufregendste und anstrengendste. Danach – vorausgesetzt die Story ist als tauglich eingestuft – kann ich es immer kaum erwarten, endlich fertig zu sein und veröffentlichen zu können. Aber auch nach den Testlesern gibt es ja noch ein paar Hürden. Die bleiben jedoch einem weiteren Blogbeitrag vorbehalten. *zwinker*

Ein Beitrag von Irina Christmann.