100 Jahre Bauhausfrauen (Diandra Linnemann)

Im Jahr 1919 wurde in Weimar die Kunstschule Bauhaus gegründet. Sie war so bedeutend, dass sie sogar ungebildeten Kunstnulpen wie mir ein Begriff ist. Einige der bedeutendsten Künstler der Moderne lernten und lehrten hier, unter anderem Paul Klee und Wassily Kandinsky. Wenn man sich allerdings nicht ausgedehnt mit der Materie beschäftigt, könnte man eine Kleinigkeit komplett übersehen: Die Bauhaus-Frauen.

Davon gab es nämlich eine ganze Menge. Ihr wollt Namen? Könnt ihr haben: Benita Koch-Otte. Annie Albers. Lou Scheper-Berkenkamp.

Kennt ihr alle nicht? Muss euch nicht peinlich sein. Denn obwohl etwa ein Drittel der Studierenden am Bauhaus Frauen waren, wirkte es manchmal fast so, als seien die Künstlerinnen der Kunstschule peinlich.

Natürlich waren es andere Zeiten. Die Emanzipationsbewegung war noch frisch und ungebändigt. Die Idee, dass Frauen eigene Karrieren haben konnten und sollten, kam vielen Leuten absurd vor. Und dennoch – das Bauhaus hatte sich auf die Fahne geschrieben, Kunstbildende unabhängig von Alter, Klasse oder Geschlecht zu fördern und auszubilden.

Soweit die Theorie.

In der Praxis stand den angehenden Künstlerinnen, die sich um einen Ausbildungsplatz am Bauhaus bewarben, kaum eine Möglichkeit außer dem Textilhandwerk offen. Sie wurden zu Weberinnen ausgebildet. Nur wenigen gelang es, sich in anderen Bereichen durchzusetzen. Fotografie, Architektur oder Metallhandwerk galten als „Männerdomänen“. Frauen, die diese Kurse besuchten, wurde zu verstehen gegeben, dass sie nicht erwünscht waren.

Einigen gelang es nichtsdestotrotz, sich auf ihrem Gebiet durchzusetzen. Gunta Stölzl wurde die erste Meisterin am Bauhaus. Mariannne Brandt übernahm zeitweise die Leitung der Metallwerkstatt. Andere hingegen, zum Beispiel Alma Siedhoff-Buscher oder Gertrud Arndt, resignierten und führten ihre künstlerischen Aktivitäten gar nicht oder nur als Hobby fort.

Inzwischen beschäftigen Spezialisten sich mit den Bauhaus-Frauen, es gibt Romane und Filme über sie. Viele von ihnen erhalten jetzt erst die Anerkennung, die ihre Kunst verdient. Aber in anderen Bereichen kämpfen wir Künstlerinnen heute noch die gleichen Kämpfe wie die Bauhausfrauen damals: Gegen Seilschaften, gegen Vorurteile und gegen überkommene Traditionen. Bleibt nur zu hoffen, dass wir damit zukünftigen Künstlerinnengenerationen den Weg ebnen können – in bester Bauhausfrauentradition.

Mercy Thompson: Eine Kickass-Heldin, die nicht sexy sein muss – außer auf dem Cover (Felicity Green)

Mercy Thompson, die Heldin der gleichnamigen, mittlerweile 10-bändigen Urban-Fantasy-Reihe von Patricia Briggs ist ohne Frage taff. Sie scheut keinen Kampf, zu dem sie von den vielen anderen mythischen Kreaturen, die ihre Welt beherrschen, herausgefordert wird.

„Das Böse triumphiert allein dadurch, dass gute Menschen nichts unternehmen.“

Schon auf den ersten Seiten von Band 1, Moon Called, setzt sie sich erfolgreich gegen drei Männer zur Wehr, die sie in ihrem Heim überfallen – und dass, obwohl „ziemlich schnell klar wurde, dass diese Männer sich länger Gewalt befasst hatten als“[1] Mercy. Mercy praktiziert Shi Sei Kai Kan Karate. Regelmäßig gerät sie in Kämpfe und Schlägereien, die in Stichen, Narben und gebrochenen Knochen resultieren und die sie einmal sogar mehrere Wochen an einen Rollstuhl fesseln. Mercy selber wird vergewaltigt und auch andere Protagonisten und -innen erfahren regelmäßig körperliche und sexuelle Gewalt. Mercy fackelt nicht lange, wenn sie jemanden umbringen muss, um sich oder andere zu schützen.[2]

Der erste Band Moon Called: sexy Pota? (Cover: Ace Books / Hurog Inc.)

Es ist jedoch keineswegs so, dass sie Gewalt genießt, sondern vielmehr ihr persönlicher Ehrenkodex sie dazu zwingt, sie anzuwenden: Mercy kann sich einfach nicht raushalten und sieht es als ihre Aufgabe an, mit allen Mitteln gegen das Böse zu kämpfen[3]. Die Wölfe – und insbesondere ihr Alpha-Partner Adam – sind äußerst gefährlich, aggressiv und gewalttätig – es wird häufiger klargemacht, dass Wölfe unter Umständen Menschen essen. Noch schlimmer sind die Feen und Vampire, die oftmals ein ganz anderes (oder gar kein) Moralverständnis haben. Die Klappentexte der deutschen Übersetzungen, die bei Heyne erschienen sind, machen klar: „Mercys Welt ist dunkel und gefährlich“[4].

 

Kojote-Walkerin zwischen Welten

Mercy ist selbst inmitten paranormalen Kreaturen eine Außenseiterin, auch wenn sie später die Gefährten von Adam Hauptmann, dem charismatischen Alpha des Columbia-Basin-Rudels wird, denn sie kann sich in eine Kojotin verwandeln. Sie ist jedoch keine Gestaltwandlerin im Sinne der Wölfe, sondern bezeichnet sich zu Beginn der Serie als „Walkerin“, nach dem „Skinwalker“-Mythos in der Folklore der nordamerikanischen Ureinwohner. In der Tat hat Mercy ihre Kräfte von ihrem indianischen Vater geerbt – doch der kurz nach ihrer Geburt verstorbene „Joe Old Coyote“ stellt sich im Laufe der Serie als mehr als ein gewöhnlicher Barefoot-Indianer heraus.

Keine Kriegerin auf dem Cover? (Cover: Ace Books / Hurog Inc.)

Ihr Aussehen beschreibt Mercy selber häufig als ganz passabel, aber nicht schön. Sie kommt vom Aussehen her eher nach ihrer kaukasischen Mutter, und die dunkle Haut und indianischen Züge verleihen ihr etwas Exotisches; die Kombination wirkt aber „etwas sonderbar“[5]. Sie macht sich für ihre Dates mit Adam schon mal zurecht, aber als Automechanikerin hat sie immer Schmiere unter den Fingernägeln und inmitten der vielen blutigen Abenteuer hat Mercy keine Zeit für Eitelkeiten. Übrigens kann man der realistischen und praktikablen, überhaupt nicht körperscheuen Frau diese Selbsteinschätzung durchaus abnehmen, statt ihre Äußerungen für falsche Bescheidenheit zu halten[6].

Muskulös und zäh – aber nicht sexy

Mercy wird auch selten als sexy im herkömmlichen Sinne dargestellt. Sie ist muskulös, durchtrainiert, und zäh, und in Band 2 lässt Mercys Mutter durchblicken, wie schade sie es findet, dass ihre Tochter keine Kurven hat. Dabei ist sie auch nicht zierlich: Die Hosen der Wehrwolf-Männer in ihrem Leben, die sie routinemäßig ausleiht, passen ihr oft nur knapp.

Oft wird sie als Gegenteil von Adams Exfrau beschrieben, die kurvig und weich und die perfekte Hausfrau ist. Für das Wehrwolf-Rudel, in dem Frauen ihren Männern unterwürfig sind (selbst dann, wenn ihre Wölfinnen dominanter sind als ihre Gefährten), spielt es eine Rolle. Mercy ist das Gegenteil einer unterwürfigen Frau. Kratzbürstig, taff, und auflehnerisch, hatte sie von Anfang an ein Problem, sich in das Wehrwolf-Rudel ein- und unterzuordnen, das sie als kleines Kind aufgenommen hatte, nachdem ihre Mutter mit dem Kojote-Welpen in der Krippe überfordert gewesen war – und auch von Adam und seinen dominanten Wölfen lässt sie sich selten etwas vorschreiben. Was konstant zu Spannungen führt, aber auch die Anziehungskraft zwischen Mercy und Adam ausmacht.

Sexy auf dem Cover

Interessanterweise wird Mercy auf den neueren Covern (US und Deutsch) als sehr sexy dargestellt und auch der deutsche Klappentext zu Tanz der Wölfe beschreibt Mercy als “ohne Zweifel die heißeste Automechanikerin in den ganzen Tri-Cities“[7] , wo sie vorher treffenderweise als „stolze Besitzerin“ ihrer Autowerkstatt dargestellt wurde[8].

T-Shirt mit Kaffeefleckt? Bitte nicht auf dem Cover (Cover: Ace Books / Hurog Inc.)

In den Büchern wird explizit erwähnt, wie sich Mercy kleidet. Auch wenn sie ab und zu vielleicht mal eine enge Jeans anhat, so trägt sie häufiger Mechaniker-Overalls und Jogginghosen, die sie sich irgendwo ausleihen muss, weil ihre eigene Kleidung nach der Verwandlung irgendwo liegengeblieben oder dreckig, zerrissen oder blutverschmiert ist. Die T-Shirts, die sie trägt, sind weit und aus dicker Baumwolle (keine dünnen, enganliegenden wie Jesse, Adams Teenage-Tochter), oftmals mit Werbeaufdrücken. Im ersten Buch läuft sie die meiste Zeit mit demselben T-Shirt mit einem großen Kaffeefleck herum.

Auf den Covern hingegen ist Mercy oft bauchfrei zu sehen und mit und ohne sexy Push-Up-BHs sind Rundungen zu sehen, die die echte Mercy aus den Büchern gar nicht hat.

Für die US-Cover stand dem Künstler Dan Dos Santos ein Model zur Verfügung, das er „perfekt für eine taffe, athletisch-gebaute Frau hielt“. Jaime war Barkeeperin in einer Kneipe, die er oft besuchte[9]. Wer dem Link zu dem Artikel folgt kann das Foto dieser Frau sehen, die meines Erachtens eher weiblich und sehr hübsch aussieht – und offensichtlich keine indianischen Vorfahren hat. Für Moon Called hat der Künstler das Gesicht noch entsprechend verändert, später aber nicht mehr.

Besonders viel Lob erhielt der Künstler für die Darstellung der Tattoos – die sich auch wandeln und die Geschichte reflektieren. Dan Dos Santos in einem Interview dazu: “I can’t recall any other previous covers that depicted a woman with quite that many tattoos, done in a modern rockabilly style.”[10]

Was ist das Problem mit den sexy Posen auf dem Cover?

Natürlich ist die Cover-Art extrem attraktiv und gut gelungen. Die Frau ist schön, die Tattoos ästhetisch und die kleinen Details, die auf Mercys Indianer-Identität hinweisen sehr ansprechend. Aber völlig … Un-Mercy-mäßig. Die Automechanikerin würde niemals die schicken Feder-Ohrringe tragen. Die Tattoos sollen die hübsche, sexy Frau taff aussehen lassen. In Wirklichkeit ist Mercy aber überhaupt nicht überall tätowiert – schon gar nicht hat sie einen „Tramp-Stamp“ über dem Po, wie auf dem US-Cover für Iron Kissed. Sie hat einen Pfotenabdruck auf dem Bauch – ein sehr persönliches Symbol für sie.

Der erste Band in der deutschen Übersetzung: noch ohne Frauenfigur auf dem Titelbild (Cover: Heyne)

Interessant ist auch die Entwicklung der deutschen Cover: Ruf des Mondes (1; erstmals erschienen 2007)[11], Bann des Blutes (2), Spur der Nacht (3), Zeit der Jäger (4), Zeichen des Silbers (5) haben alle mystische Cover mit einem hohen, kunstvoll geschmiedeten Eisentor (angelehnt an den Hintergrund des US-Covers von Moon Called mit dem Dos Santos Design) und unheimlichen Augen darauf. Diese Motive waren damals in Deutschland in, auch wenn man noch nicht wirklich komfortabel mit dem Genre war, das von „Shifter Romance“ abwich – verkauft man es als Mystery, Horror, Fantasy? Die ersten Otherworld-Romane von Kelley Armstrong weisen ähnliche Cover auf. In Zeichen des Silbers kommt das Gesicht einer Frau dazu. Siegel der Nacht (6) und Tanz der Wölfe (7) lehnen stark an den neueren US-Covern an. Bei Gefährtin der Dunkelheit (8), Spur des Feuers (9) und Stille der Nacht (10) wurde das Original-Cover übernommen.

2012 erregte Autor Jim C. Hines damit Aufsehen, dass er sexy Posen von Frauen auf Science-Fiction- und Fantasy-Covern nachstellte, um den Sexismus und auch die Absurdität dieser Posen zu illustrieren. Obwohl auch Männer oft auf Coverbildern objektiviert werden, geschieht das bei Frauen anders. In deren Posen werden Macht und Handlungspotenzial nicht für Sexualität geopfert[12]. Hines ist der Meinung, dass diese Cover Männer statt Frauen ansprechen. Ich finde, das Problem ist ein anderes. Diese Cover sind sehr wohl dazu designed, Frauen anzusprechen. Und „nackte Frauen“ sind auch nicht das Problem.

Man siehe dazu den Artikel zum Cover-Reveal von Night Broken[13]: Ein Bild, in dem Mercy fast ganz nackt aus dem Fluss auftaucht, wurde unter anderem deshalb abgelehnt, weil es zu viel nackte Haut zeigt. Dabei wäre dieses Bild viel mehr am wahren „sexy“ von Mercy Thompson dran. Wie ein Kommentator zum Artikel schreibt: „Sie ist keine Exhibitionistin, aber sie fühlt sich in ihrem Körper trotzdem sehr wohl. Für ihre Gestaltwandlerei muss sie nackt sein, und das ziemlich oft.“[14]

Cover sollen verkaufen – der perfide Teufelskreis der Marketing-Psychologie

Cover-Künstler und Autoren sind sich häufig uneins darüber, wie das Cover aussehen soll. Für die Autorin ist die Nähe zur Geschichte wichtig. Die Frau auf dem Cover soll so aussehen wie die Protagonistin. Symbole sollen den Inhalt widerspiegeln. Viele Leser stimmen dem zu.

Sex Sells -auch bei Büchern (Cover: Heyne)

Der Job eines Cover-Designers ist es aber, dafür zu sorgen, dass das Cover das Buch verkauft. Ein ästhetisch ansprechendes Bild ist wichtig, aber es spielen noch mehr Dinge eine Rolle. Was die Leserinnen erwarten, wenn sie nach einem Buch im Genre Urban Fantasy suchen, zum Beispiel. Die Leserinnen entscheiden innerhalb vom Bruchteil einer Sekunde, ob sie den Klappentext lesen und dann das Buch kaufen. Im Falle der Mercy-Thompson-Reihe muss das Cover sofort signalisieren: Die Protagonistin ist eine taffe, unabhängige, unkonventionelle junge Frau, die du, liebe Leserin, auch gerne sein würdest.

Und so eine Frau ist in unseren Köpfen wohl sexy. Sie trägt Leder und Push-Up-BHs und hat bunte, großflächige Rockabilly-Tattoos. Das ist nicht Dan Dos Santos‘ Schuld oder die Schuld des Verlags, der solche Cover in Auftrag gegeben hat. Die haben nur cleverer Weise den potenziellen Kundinnen das gegeben, was sie sehen wollen, um die Bücher zu verkaufen. Sie machen sich das zu Nutze, was den jungen Frauen, die Mercy-Thompson-Romane lesen in unserer Kultur indoktriniert wurde, wie eine taffe, unabhängige, unkonventionelle junge Frau auszusehen hat. Das ist verständlich, aber schade.

Mercy Thompson fordert uns Image von „sexy“ heraus

Denn Patricia Briggs hat eine Heldin geschaffen, die genau dieses Image herausfordert. Es ist interessant zu lesen, dass Mercy auf Blogs immer wieder als sexy beschrieben wird und dass die Cover gefeiert werden. Mercy wird als sexy wahrgenommen, obwohl sie explizit als das Gegenteil von der Frau beschrieben wird, die wir auf dem Cover sehen. Es ist, als ob wir in unseren Köpfen kein anderes Bild haben, dass Mercys sexy repräsentieren könnte, was dem perfiden Teufelskreis der Marketing-Psychologie zu verschulden ist.

Wirklich sexy? Aber erst im Text (Cover: Heyne)

Dass Mercy als sexy wahrgenommen wird, liegt daran, dass Mercy tatsächlich sexy ist. Aber gerade ihr nicht-konventionelles Aussehen und ihr körperliches Selbstbewusstsein ohne jegliche Eitelkeit machen sie „sexy“, wenn man das so sagen will. In den Büchern spielt das fast keine Rolle. Ein einziges Mal nutzt Mercy die Tatsache aus, dass ein Mann sie attraktiv findet – obwohl auch hier wichtig ist, dass der auch eher gewöhnlichere Mann sich keine Hoffnungen machen würde, wenn sie eine Schönheit wäre – und die Sache geht sehr böse aus. Mercy setzt ihren Körper sehr wohl ein – aber auf andere Art und Weise – auf eine sehr gewalttätige Art und Weise – die wir in unserer Kultur als maskulin empfinden. Vielleicht braucht es für den Verkauf der Bücher eine körperlich „sexy“, eine „weibliche“ Seite, um sie als Heldin attraktiv zu machen. Ich glaube, die Leserinnen, die wie ich die Serie gespannt verfolgen, brauchen das nicht.

[1] Patricia Briggs, Moon Called, Ace Books, 2006. Meine Übersetzung.
[2] Patricia Briggs, Moon Called, Ace Books, 2006. “This one needs to die,” I said, because I’d recognized his scent. He was the one who had slapped Jesse’s face.“
[3] Patricia Briggs, Frost Burned, Ace Books, 2010. “But Adam, good and evil are real—you know that better than anyone. I have to do the right thing. If not, then I am no better than that—” I jerked my chin toward Frost’s body. “‘All that is required for evil to prevail is for good men to do nothing.’” Der letzte Satz ist ein Zitat von Edmund Burke: „Das Böse triumphiert allein dadurch, dass gute Menschen nichts unternehmen.“
[4] Klappentext Zeit der Jäger, Heyne Verlag, 2010 – andere weisen ähnliche Formulierungen auf.
[5] Patricia Briggs, Iron Kissed, Ace Books, 2008. „I have my mother’s features, which look a little wrong in the brown and darker brown color scheme of my father”.
[6] Patricia Briggs, Iron Kissed, Ace Books, 2008: “… there was nothing wrong with my body. Karate and mechanicking kept me in good shape. My face wasn’t pretty, but my hair was thick and brushed my shoulders.”
[7] Patricia Briggs, Tanz der Wölfe, Heyne Verlag, 2015
[8] Patricia Briggs, Bann des Blutes, Heyne Verlag, 2008 – und andere Klappentexte
[9] https://www.tor.com/2010/07/27/embodying-mercy-thompson-in-person-and-in-paint/
[10] https://www.tor.com/2010/07/27/embodying-mercy-thompson-in-person-and-in-paint/
[11] Alle deutschen Titel sind erschienen beim Heyne Verlag, siehe https://www.randomhouse.de/Taschenbuch/Ruf-des-Mondes/Patricia-Briggs/Heyne/e250735.rhd
[12] http://www.jimchines.com/2013/01/cover-art-wheres-the-problem/
[13] https://www.tor.com/2013/09/17/cover-reveal-for-patricia-briggs-night-broken/
[14] ibid, “She’s not an exhibitionist, but at the same time, she’s pretty comfortable with her body. Her shifting requires her to be nude, and it’s something she has to do often. So what she’s doing, is something I could see her doing.”

Unser Märzentag (Barbara Fischer Reitzer)

#metoo-Debatte, Gender-Gap beim Lohn und die immer gleiche Debatte um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Nichts Neues am Geschlechterhimmel? Nein, es bleibt ein stetes Ringen um Frauenrechten. Und das schon sehr lange.

Von den einen mehr, den anderen weniger beachtet, feiern Frauen am 8.März zum 107.mal den Internationalen Frauentag. Anlass genug, seiner Geschichte und ihrer Akteurinnen zu gedenken.

Ein Blick zurück

Unter dem Aufruf Unser Märzentag begehen im Jahr 1911 Frauen erstmals den Internationalen Frauentag. Damals noch am 19.3. Die Initiative geht von der SPD und den freien Gewerkschaften aus und ist ein Höhepunkt im Kampf  der Frauen um gleiche Rechte, gleichen Lohn und vor allem für das Wahlrecht.

„Dieser Internationale Frauentag ist die wuchtigste Kundgebung für das Frauenwahlrecht gewesen, welche die Geschichte der Bewegung für die Emanzipation des weiblichen Geschlechts bis heute verzeichnen kann.“  Clara Zetkin, Frauenrechtlerin, 1911  (Quelle)

Undatierte Kohlezeichnung von Clara Zetkin | (c) dpa Bilderdienste

Im Zuge der um sich greifenden Industrialisierung seit Mitte des 19. Jahrhunderts entsteht eine Arbeiterinnenbewegung, die bessere Arbeits- und Lebensbedingungen und gleichen Lohn sowie politische Teilhabe für Frauen fordert. Vor allem in Amerika streiken Anfang des 20. Jahrhunderts die Textilarbeiterinnen. Tausende von ihnen werden verhaftet. Doch ihre Botschaft wird weltweit gehört.

Frauen, weltweit

Es gibt also schon eine weltweite Frauenbewegung, als der II. Sozialistische Frauenkongress in Kopenhagen im Jahr 1910 auf Initiative der deutschen Sozialistin Clara Zetkin (1857-1933) die Einführung eines jährlichen Internationalen Frauentages beschließt.

„Keine Sonderrechte, sondern Menschenrechte“ – fordert Clara Zetkin auf dem Kongress. Ein Jahr später, es ist der 19. März 1911, gehen mehr als eine Million Frauen zum Frauentag auf die Straße, in Deutschland, Österreich, Dänemark, der Schweiz und der USA. Die erste globale Massenbewegung von Frauen. Ihre zentralen Forderungen: das Wahl- und Stimmrecht, die Einführung des Acht-Stunden-Arbeitstages, ausreichender Mutter- und Kinderschutz, die Festsetzung von Mindestlöhnen und gleicher Lohn bei gleicher Arbeitsleistung sowie legaler Schwangerschaftsabbruch. Außer in Finnland dürfen zu diesem Zeitpunkt in keinem europäischen Land Frauen wählen. Deutschland wird Frauen dieses Recht erst im Jahr 1918 zugestehen. Und, um die zeitlichen Dimensionen des Kampfes um ein Recht zu verdeutlichen, das uns heute selbstverständlich erscheint: in der Schweiz dürfen Frauen erst seit 1971 und in Liechtenstein sogar erst seit 1984 wählen.

Die Bewegung greift um sich

Trotz seiner Wurzeln in der internationalen Arbeiterinnenbewegung, kann Clara Zetkin mit Fug und Recht als „Begründerin“ des Internationalen Frauentages gefeiert werden. Sie ist es, die den ersten Frauentag am 19. März 1911 initiiert. Bereits ein Jahr später schließen sich Frauen in Frankreich, Schweden und den Niederlanden der Idee an und gehen auf die Straße. 1913 Frauen in Russland.

Frauen setzen sich 1919 für ihr Recht, zu wählen, ein

Das Jahr 1917 ist ein Schicksalsjahr in Russland. Es ist der 8. März 1917, als Frauen anlässlich des Internationalen Frauentages in St. Petersburg demonstrieren. In den Textilfabriken der Stadt treten Arbeiterinnen in den Streik und fordern andere Betriebe auf, sich anzuschließen. Am Ende streiken 90.000 Menschen. Dieser Streik greift auf andere Bereiche über und mündet schließlich in einem Aufstand: die Februar-Revolution beginnt (nach russischem Kalender war es Ende Februar) in deren Folge der Zar abdankt und sich die UdSSR gründet.

Um dauerhaft an dieses Ereignis und die Wirkung von Einigkeit und Solidarität zu erinnern,  legt eine große sozialistische Frauenkonferenz im Jahr 1921 den 8. März als Datum für den internationalen Frauentag fest.

Unter der Naziherrschaft wird der Frauentag verboten.

festes Datum

Nach 1949 ist im sozialistischen Teil Deutschlands die Gleichstellung von Männern und Frauen mit der Staatsgründung verfassungsmäßig verankert. Der 8. März ist zwar kein offizieller Feiertag und frei, wie in anderen sozialistischen Staaten, aber er ist ein fest verankertes Datum in jeder Frauenbrigade.

In der BRD kämpfen 1948/49 vier Frauen im männerdominierten  parlamentarischen Rat (Dr. Elisabeth Selbert, Frieda Nadig, Helene Weber und Helene Wessel) um den Artikel 3, Abs. 2:  „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ Und doch dürfen Frauen bis ins Jahr 1977 ohne Zustimmung des Mannes nicht arbeiten und dem Mann obliegt auch die Verfügungsgewalt über das gemeinsame Geld. Der 8. März spielt in der BRD erst nach der 68er Revolution wieder eine Rolle.

Auch heute machen Frauen auf der ganzen Welt am 8. März mit Veranstaltungen, Feiern und Demonstrationen auf noch immer nicht verwirklichte Frauenrechte aufmerksam. #metoo-Debatte, Gender-Gap beim Lohn und die immer gleiche Debatte um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zeigen. Nichts Neues am Genderhimmel? Doch, aber es bleibt viel zu tun.

*Autorin des Artikels ist Barbara Fischer Reitzer

Von düsteren Visionen, Umweltschutz und starken Frauen

Ein Plädoyer für Margaret Atwood und ihre Dystopien

„Alle Schriftsteller sind Optimisten, ganz egal, wie pessimistisch ihre Bücher sind. Warum würde man etwas schreiben, wenn man nicht annimmt, dass jemand es lesen wird.“

(Margaret Atwood)

Margaret Atwood (Foto by Larry D. Moore, CC BY-SA 4.0)

Wäre Margaret Atwood dem Berufseignungstest ihrer Highschool gefolgt, wäre sie Bibliothekarin oder Automechanikerin geworden. Stattdessen studierte sie englische Sprache und Literatur, obwohl sie das Schreiben eigentlich mit dem Alter von sieben Jahren an den Nagel hängen wollte, nachdem ihr Erstlingsroman von einer mit einem Floß gestrandeten Ameise im Mittelteil versandete. „Romanschriftsteller kennen das“, sagte sie in ihrer Rede bei der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels. „Der Anfang lässt sich vielversprechend an. Der Mittelteil dann: frustrierend, vielleicht sogar langweilig. Und erst recht, wenn es sich bei der Heldin um ein Insekt handelt.“

Die Begeisterung für Insekten erbte Margaret Atwood zweifellos von ihrem Vater, einem Entomologen, den sie schon als Kind regelmäßig in die kanadischen Wälder begleitete – ohne fließendes Wasser und Elektrizität. Trotzdem hat sich Atwood nie als rückwärtsgewandt, reaktionär oder technikfeindlich verstanden, sehr wohl aber als enthusiastische Umweltschützerin.

Lange trug Atwood sich mit dem Gedanken, Botanikerin zu werden, doch statt fluoreszierende Kartoffeln zu klonen, wandte sie sich der Literatur zu. Über 60 Bücher hat sie in ihrem Leben veröffentlicht, darunter Romane, Gedichte, Kurzgeschichten-Sammlungen, Kinderbücher und sogar eine Comicserie über einen Superhelden namens Angel Catbird. Einige Themen ziehen sich allerdings durch viele ihrer Werke, darunter auch die Umwelt, Klimawandel und Tierschutz. In „Oryx und Crake“ und „Das Jahr der Flut“ zerstört eine menschengemachte Seuche zur Genmanipulation die Zivilisation. In „Der Report der Magd“ ist die Bevölkerung durch Giftgase, verseuchtes Wasser und Atomschläge größtenteils unfruchtbar. Selbst in dem illustrierten Kinderbuch „For the birds“ beschäftigt sich Atwood auf kindgerechte Weise mit Artenschutz und Luftverschmutzung.

„Die Welt ist süchtig nach Öl – wie nach Drogen“, sagt sie kopfschüttelnd in einem Interview mit „Der Zeit“. „Wenn der Ölhahn morgen abgedreht würde, bräche das größte soziale Chaos aus.“ In einem umfassenden Essay beschreibt sie ihre Vision von einer Welt ohne Rohöl. Tröstlich einerseits – eine Rückkehr zu regionalem Anbau, Eisenbahn, Fahrrädern und Biogärten, ganz wie die „Gottesgärtner“ in ihrem Roman „Das Jahr der Flut“. Andererseits aber auch bedrohlich, Gedanken an Aufstände, Plünderungen, Totalitarismus und Zusammenbruch. „Wenn wir nicht bald auf Bild eins hinwirken“, warnt Atwood in ihrem Beitrag, „bleibt uns nur eine Version von Bild zwei. Horten Sie Hundefutter – kann sein, dass Sie es brauchen.“

Margaret Atwoods dystopische Romane sind also keine wirre Fiktion, sondern bergen einen wahren Kern, der in den letzten Jahren unangenehm deutlich hervorgetreten ist. “Make Margaret Atwood fiction again” – dieser Spruch prangte am Tag nach Donalds Trumps Amtsantritt als US-Präsident auf dem Schild einer Aktivistin beim Women’s March in Washington. Er drückte die Sorgen einer ganzen Generation von jungen Frauen aus, die die feministischen Errungenschaften der letzten Dekaden schmelzen sahen.

Nun ist während Trumps erstem Amtsjahr keine Realität eingetreten, die mit dem totalitären, puristischen Gilead-Regime aus „Der Report der Magd“ vergleichbar wäre, doch die Entwicklungen sind dennoch bedenklich. In ihrer Rede bei der Verleihung des Friedenspreises nennt Atwood eine ganze Reihe von Problemen, die aktuell „Zeiten von Bedrohung und Wut“ verursachen: Klimakatastrophen, Nahrungsmittelknappheit, Kriege, Flucht, wirtschaftliches Ungleichgewicht, Technisierung oder Medien-Manipulation. Alles Themen, die sie auch in ihren Dystopien aufgreift und in ihren Extremen zeigt. „Niemand kennt die Zukunft“, sagt Atwood, „aber von mir wird das oft erwartet. Man kann nur begründete Vermutungen anstellen.“

Wie treffend diese Vermutungen teilweise sein könnten, zeigen einige Aspekte aus „Der Report der Magd“, der 1984 entstand, quasi im Schatten George Orwells. Christlich-fundamentalistische Fanatiker ermorden den Präsidenten und die Regierung, setzen die Verfassung außer Kraft, Zensieren die Medien und beschneiden die Rechte der Frau auf ein Minimum: Wer nicht zur Elite zählt, bekommt nur eine Aufgabe zugewiesen, nämlich Kinder zu gebären. Die Reaktionen der USA auf 9/11, der von Trump verhängte Einreisestopp gegen Muslime, die Debatte um Fake-News und Social Bots, aber auch der brutale Hass islamistischer Fundamentalisten passen erschreckend gut in diese Vision.

Im „Report der Magd“ begleitet der Leser die Ich-Erzählerin Desfred, eine junge Frau, die aus ihrem geregelten Leben gerissen, ihres Ehemannes und ihres Kindes beraubt und zum Eigentum eines militärischen Machthabers ernannt wird. Desfred ist keine strahlende Heldin, keine Kriegerin, keine Rebellenführerin. Sie hadert mit ihrer Rolle, mit dem Konflikt zwischen Ausbruch und Gehorsam, versucht ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen und gleichzeitig daran festzuhalten. Sie hofft, obwohl es keine Zukunft gibt, und bleibt impulsiv, wo Vernunft gefragt wäre. Margaret Atwood ernennt ihre Protagonistin nicht zu einer Heilsgestalt, sondern zeigt ihr Schicksal ungeschönt, kühl und mit einem klaren Blick für Details.

Auch „Das Jahr der Flut“ ist ein tolles Beispiel für interessante Frauenfiguren, die gerade wegen ihrer Schwächen, Fehler und Kanten Identifikationspotenzial entwickeln. Toby, eine ehemalige Studentin, entkommt ihrem brutalen Arbeitgeber und findet Schutz bei der Öko-Sekte der „Gottesgärtner“, ebenso wie die junge Ren, die aus einem Luxusleben gerissen und zusammen mit ihrer Mutter von einem skrupellosen Mega-Konzern gejagt wird. Auch hier sind die Protagonistinnen keine Helden, im Gegenteil, gerade Ren verhält sich oft kindisch, naiv und unvorsichtig und Tobys Pragmatismus lässt sie kühl und unnahbar wirken. Trotzdem hinterlassen diese Frauen Eindruck und entwickeln angesichts des völligen Zusammenbruchs der Zivilisation ungeahnte Kräfte.

Margaret Atwoods Dystopien sind also nicht nur reine Fiktion, sondern obendrein ein Spiegel relevanter gesellschaftlicher Themen. Sie beschäftigen sich mit Umweltschutz, politischen Veränderungen, Feminismus, Religiosität und Radikalisierung. Sie senden eine Botschaft, die in den letzten Jahren noch an Bedeutung gewonnen hat.

In ihrer Rede bei der Verleihung des Friedenspreises findet Margaret Atwood klare und inspirierende Worte für ihre Leserschaft und – vor allem – für junge Autorinnen und Autoren:

„Lassen Sie uns keine Türen schließen und Stimmen zum Schweigen bringen. Eines Tages werde ich einen Strand entlang spazieren oder einen Buchladen betreten, und ich werde eine Flaschenpost finden oder ein Buch, und ich werde es öffnen und werde die Botschaft lesen, von dir an mich – ja, von dir da draußen, einem jungen Schriftsteller, und vielleicht ist es sein erstes Buch. Und ich werde sagen: Ja. Ich kann dich hören. Ich kann deine Geschichte hören. Ich kann deine Stimme hören.“

Margaret Atwoods Homepage: www.margaretatwood.ca
Margaret Atwood auf Twitter: https://twitter.com/MargaretAtwood
Eine vollständige Liste ihrer Bibliographie: http://margaretatwood.ca/full-bibliography-2/

Ein Beitrag von Elea Brandt.

Foto by Larry D. Moore, CC BY-SA 4.0.

 

Inspirierende Frauen – Inspiration in Alltagsheldinnen finden (Michelle Janßen)

Inspiration ist ein wichtiger Part im Leben einer jeden Schriftstellerin*. Doch wo findet man Inspiration in der heutigen Welt? Wo bekommen wir diesen Kick, der uns weiter vorantreibt, wenn wir denken wir haben unser Limit erreicht?

In den letzten Wochen haben wir auf diesem Blog über Inspiration durch Frauen aus der Vergangenheit und aus der Literatur gesprochen. Heute beschäftigen wir uns mit der Gegenwart. Doch obwohl es viele bekannte Autorinnen gibt, die als Inspirationsquelle dienen können und es mehr starke Frauenfiguren denn je in den Medien gibt, soll es heute um etwas kleineres gehen. Etwas alltägliches.

Inspiration in den Frauen um uns herum. Denn auch, wenn wir alle gerne zu unseren Bücherheldinnen und Lieblingsautorinnen aufschauen, uns an ihnen messen und aus ihnen schöpfen, so sind es doch die Alltagsheldinnen die letztendlich am meisten Einfluss üben.

Sei es nun die eigene Mutter oder die Großmutter, deren Leben uns anhält politisch wach zu bleiben und zu schreiben oder das Kind, für das wir Kinderbücher erschaffen, so magisch wie die Kindheit selbst. Sei es die beste Freundin, die Arbeitskollegin oder – wie in unserem Fall – ein ganzes Netzwerk voller wunderbarer, fantastischer Frauen.

Woher, wenn nicht aus dem Umgang mit den Menschen um uns, schöpfen wir Inspiration? Woher, wenn nicht aus den Frauen, die unser Leben täglich bestimmen?

Ich** persönlich erhalte sehr viel meiner Inspiration aus meinem Freundeskreis. Ich habe das Glück, dass ich viele starke Frauen* mit wundervollen Persönlichkeiten kennen darf. Manche sind schon Mutter geworden, als ich noch nicht mal wusste, was ich studieren möchte. Andere sind so selbstbestimmt, dass manche Männer Angst vor ihnen haben und wieder andere schreiben selbst und lassen sich – wenn ich ganz viel Glück habe – auf gemeinsame Schreibstunden ein, in denen ich vor Inspiration nur so strotze.

Diese Frauen zu finden ist die Aufgabe, welche wir vom Nornennetzwerk euch heute geben. Sehr euch in eurem Leben um und wenn ihr sie seht, sagt danke. Denn was wären wir, ohne die Alltagsheldinnen unserer Inspiration.

**Autorin des Beitrags ist Michelle Janßen

Inspirierende Frauen – Heldinnen des Papiers (Jana Jeworreck)

Zuerst hatte ich** begonnen, eine Abhandlung über verschiedene Autorinnen zu schreiben, ihr Leben und ihre Werke zu beleuchten, als ich mich fragte, wie inspirierend all diese Fakten tatsächlich für mich waren. Ich kam zu dem Schluss – die Autoren selbst inspirierten mich eher weniger. Natürlich besaßen die Autorinnen, wie Emily und Charlotte Bronte oder Virginia Woolf  hochspannende Lebensgeschichten. Die Entstehung ihrer Werke erzählt viel über die Hindernisse, die sie sowohl als Mitglieder der schreibenden Zunft, als auch als Frauen hinzunehmen hatten. Natürlich war und ist das inspirierend.

Frauenfiguren?!

Doch mehr noch beeinflussten mich die Werke und ihre meist weiblichen Protagonisten! Mich nahm Elizabeth Bennett gefangen, Jane Eyre oder die schauerliche Liebesromanze von Cathy und Heathcliff. Ich hungerte immer nach Heldinnen. Danach, wie sie mit den Problemen umgingen, die ihnen in den Romanen widerfuhren. Wie es ihnen gelang, letztendlich doch mit Verstand ihrem Herzen und ihrer Intuition zu folgen und die Hindernisse zu überwinden.

Die Liste der Heldinnen ist endlos. Sie beginnt mit Scheherazade, die dem grausamen König in der Märchensammlung 1000 und einer Nacht trotzt, indem sie ihm spannende Geschichten erzählt, hechtet durch Epochen, Bücher und andere Werke und mündet bei einer Figur namens Orlando erfunden von Virginia Woolf, erschienen 1928, deren Einfluss auf meine künstlerische Arbeit durchaus am Nachhaltigsten ist.

Die Handlung des Romans erzählt die Geschichte des jungen Mannes Orlando, einem Adeligen, der im 17. Jahrhundert unter Elizabeth I geboren wurde und dann über viele Jahrhunderte bis in die Neuzeit lebt. Das allein erinnert schon ein wenig an Vampire, die nicht selten ewig leben.

Das Frappierende für mich jedoch war: ich verliebte mich in Orlando, den jungen Adeligen, der von seiner ersten großen Liebe verlassen wurde, der Schriftsteller werden wollte und doch nicht gerade mit Talent gesegnet war. Ich folgte ihm in den Orient, wo er Gesandter des Königs wurde und war sprachlos und unter Schock, als die Autorin beschloss, dass sich mitten in der Geschichte der Mann zur Frau wandelte. Die Figur hatte einfach das Geschlecht gewechselt. Aus Orlando meinem Schwarm, wurde Orlando … ja was?

Ich brauchte Wochen, um das Buch weiterzulesen, doch rückblickend hat es mir eine Vielzahl von Lektionen erteilt. Die Wichtigste war vielleicht, man liebt oder verliebt sich nicht notwendigerweise in ein Geschlecht, sondern in erster Linie in einen Menschen. Des Weiteren stellte sich die Frage, was macht eine Persönlichkeit überhaupt aus? Wer bin ich?

Bereits im Diplom beschäftigte ich mich eingehend mit dem Stoff, indem ich Buch und Film miteinander verglich. Der Einfluss dieses Werkes war so groß, dass ich daraus vor einigen Jahren ein Theaterstück machte. Es hat mich auf vielfache Weise entzündet, mehr als andere Werke.

Inspirierend ist für mich somit zunächst also der Inhalt und ganz besonders die Charaktere. Zumeist sind sie weiblich, aber manchmal auch nur eine Hälfte des Buches. Ihre Reise, ihre Handlungsweise, ihr Mut und ihre Einstellungen sind das Wichtige, das in meinem Kopf hängen bleibt, mein Leben beschwingt oder bekümmert, erweitert, bereichert und weiterbringt. Daher würde ich sagen, jede Figur ist eine Inspirierende, denn wenn man Glück hat, kann man immer etwas von ihr lernen.

**Autorin des Beitrags ist Jana Jeworreck 

Schreibende Frauen – Inspiration im Erfolg früherer Generation (Michelle Janßen)

Das Nornennetz ist, wie ihr wisst, ein Netzwerk von/für schreibende Fantasyautorinnen. Wir alle leben in einem Jahrhundert, in welchem man – trotz noch immer bestehender Probleme – als Frau schreiben und veröffentlichen darf was man möchte und das ist fantastisch! In diesem Beitrag soll es also nicht nur um inspirierende Frauen gehen, sondern spezifisch um jene Frauen, die es uns mit ihrem Erfolg möglich machten ebenfalls zu schreiben: Die Frauen der Romantik! Also eine der Nornen die Germanistik studiert ist dieser Artikel gleich doppelt bedeutend. Denn in kaum einem Kurs lernt man etwas über diese Frauen. Das selbe Spiel beginnt ja schon in der Schule. Dieser Artikel ist also für all jene Frauen, welche so inspirierend sind, dass es eine Schande ist, ihre Namen nicht neben den ‚großen Männern‘ dieses Landes zu sehen. Die Rede ist von Bettina von Arnim, Dorothea Schlegel, Sophie Mereau Brentano, Karoline von Günderrode, Luise Hensel, Henriette Herz und Carolin Schlegel. Heute werden nur drei dieser Frauen näher beleuchtet. Doch jede einzelne von ihnen ist einen Platz auf der Inspirations-Wand wert.

Bettina von Arnim (1758-1859)

Bettina von Arnim stammte aus einer bedeutenden Familie und wurde so zu sagen in das Schreiben hineingeboren. Während ihrer Lebenszeit knüpfte sie Kontakte zu Beethoven (die Legende ihres enormen Einflusses auf ihn könnt ihr hier nachlesen), Ludwig Tieck, den Brüdern Grimm und Goethe sowie anderen SchriftstellerInnen. Nach dem Tod ihres Mannes hatte sie die Gelegenheit selbst zu wirken, engagierte sich öffentlich und schrieb mehrere wichtige politische Schriften im Zuge der Revolution 1848. Sie war eine der Schlüsselfiguren für die Bewegung der Frauen und Juden im 19. Jahrhundert. Es gibt eine Stiftung in ihrem Namen, sie war auf dem 5-DM-Schein und hat zwei Schulen nach sich benannt.

 

Bettina von Armin, Radierung von Ludwig Emil Grimm (Gemeinfrei, Quelle: Wikipedia)

Besonders bekannt sind ihre Briefwechsel mit zahlreichen großen Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts (wie etwa dem preußischen König Friedrich Wilhelm IV.), die sie bearbeitet herausgab. Ihre politische Präsenz wurde stärker und ihr Einfluss wuchs. Literarisch war sie sowohl in Lyrik als auch in Prosa tätig und setzte sich dafür ein mehr Frauen zu veröffentlichen. Als Inspirationsquelle dient vor allem ihr Mut, ihre politische Tätigkeit und die Tatsache, dass sie als eine der ersten zwischen all den Männer hervorstach und ohne männliches Pseudonym veröffentlichte.

Dorothea Schlegel (1764-1839)

Dorothea Schlegel war eine literarische Kampfmaschine der Romantik. Als Literaturkritikerin und Autorin legte sie sich mit Zeitgenossen an und verteidigte ihre Meinung vehement und ohne Abstriche. Sie orientierte sich an Goethe und Tieck, brachte den Roman Florentin heraus, übersetzte mehrere französische Arbeiten und übte Literaturkritik auf einem sehr hohen Niveau. Zusätzlich war sie Lyrikerin und (bis zu ihrem Übertritt zum Christentum) eine der bekanntesten jüdischen Frauen ihrer Zeit. Sie heiratete Friedrich Schlegel und zog mit ihm, seinem Bruder August Wilhelm und dessen Frau Caroline (ebenfalls auf der Liste oben) nach Jena, wo sie zusammen mit Novalis und Tieck das erste Zentrum der Romantik aufbaute und nährte.

Dorothea Schlegel, gemalt von Anton Graff (Gemeinfrei, Quelle: Wikipedia)

Ihre Arbeit geht leider häufig unter, ist es jedoch alle mal wert anerkannt zu werden.

Sophie Mereau Brentano (1770-1806)

Die letzte Frau diese Liste ist eine der beeindruckendsten Frauen des 18./19. Jahrhunderts. Sophie Mereau Brentano war unglücklich in ihrer ersten Ehe. Sie und ihr erster Mann waren das erste Paar, welches sich im Herzogtum Sachsen-Weimar scheiden lies. Sie baute sich und ihrer Tochter ein neues Leben auf, welches sie alleinig mit ihrer schriftstellerischen Tätigkeit finanzierte, bevor sie aufgrund einer Schwangerschaft Clemens Brentano heiratete.

Sophie Mereau (gemeinfrei, Quelle: wikipedia)

Vom Schreiben alleine zu leben war ein Zustand, den kaum ein Schriftsteller zu dieser Zeit erreichen konnte. Die Tatsache, dass eine Frau solche Beliebtheit beim Volk erfuhr war für ihre Zeitgenossen neu und bewundernswert. Friedrich Schiller erkannte 1794 ihr Talent und begann sie kurz darauf zu fördern. Ihre Schriften und Gedichte wurden in seiner Zeitschrift Die Horen abgedruckt und fanden ihre Wege in mehrere Musenalmanache. Die beiden hatten eine reichhaltige Freundschaft und tauschten/berieten sich Gegenseiten in Sachen Ästhetik, Genre und lyrischen Kategorien. Dabei vertraute sich Brentano ihrem Mentor voll an, was Probleme in ihrem privaten Leben betraf. Die beiden werden oft in Schrift und Wesen miteinander verglichen, was sowohl für Brentano, als auch für Schiller eine Ehre darstellt. Neben Essays, zwei Romanen, mehreren Erzählungen und Gedichten gab Brentano eigene Almanache und Zeitschriften heraus, in welchen sie weitere Schriftstellerinnen förderte. Sie übersetzte neben dem aus/in drei Sprachen. Wann immer man den Namen Brentano hört denkt man automatisch an ihren Mann, was einer wirklichen Änderung bedarf. Denn diese Frau steht definitiv nicht im Schatten ihres berühmten zweiten Ehemannes.

Sophie Brentano war deshalb letzte in dieser Liste, weil sie eine der erfolgreichsten Frauen der Geschichte (und Gegenwart) war und ist. Sie nutzte ihre Stellung um anderen zu helfen und genau darum geht es auch bei Netzwerken wie dem Nornennetz. Diese Frauen der Vergangenheit inspirieren uns und sie sollten auch dich, der du gerade diesen Artikel liest, inspirieren. Niemand kann sich einer Schriftstellerin in den Weg stellen. Weder ihre Zeit, noch Geld, noch ihr Mann, solange sie andere Frauen hat (und Männer welche den Kurs unterstützen) die ihre helfen diese Hindernisse zu überwinden.

Autorin: Michelle Janßen